Justiz
Vorwurf des organisierten Verbrechens

Betrugsverdacht in Hollywood: Zuger Firmen spielen mit

Ein mutmasslicher Betrugsfall in Hollywood zieht seine Kreise bis in den Kanton Zug. (Bild: )

Zwei mutmassliche Betrüger sollen Investoren und ein Filmstudio um Hunderte Millionen Dollar gebracht haben. Laut Geschädigten floss das Geld auch über zwei Firmen in Zug. In den USA laufen mehrere Verfahren, die Schweizer Behörden wissen von nichts – obwohl der Verdacht der Geldwäscherei im Raum stehen könnte.

Die Blöcke liegen in der Landschaft, als hätte Gott Lego gespielt. Und es werden mehr. Auch an diesem eisigen Januarmorgen wird gebaut im Zuger Quartier, das es nur zu geben scheint, damit die Leute einen Ort zum Arbeiten haben. Das gilt für die Männer in der Kälte. Das gilt für die Empfangsdame in einem der Büroklötze, die hinter ihrem Bildschirm hervorlinst und fragt, ob man einen Termin habe.

Den hat man nicht. Trotzdem möchte man mit dem Chef der sechs Firmen sprechen, die am Briefkasten stehen. Hakim Abba*, 53 Jahre alt, amerikanischer Staatsangehöriger mit Niederlassungsbewilligung C und Wohnsitz im Kanton Zug, ist der einzige Verwaltungsrat der Gesellschaften, die meist Dienstleistungen in der Filmbranche bezwecken und deren Namen, immerhin in zwei Fällen, nicht nur in Schweizer Behördenregistern stehen.

Sondern in Akten des US District Courts für Zentralkalifornien.

Zuger soll in kriminelle Organisation verwickelt sein

Hakim Abba ist in eine Geschichte verwickelt, die die US-Justiz seit einem Jahr beschäftigt. Die Vorwürfe in mehreren Zivilprozessen reichen von Vertragsbruch über Verletzung von Markennamen bis zu Betrug und Verstössen gegen den Rico-Act – jenes Gesetz, das die Bildung von kriminellen Organisationen bestraft und dem sich US-Strafverfolger im Kampf gegen die Mafia bedienen. Abba soll zu einem solchen Netzwerk gehört haben, das von zwei Amerikanern gelenkt wurde und dessen Kerngeschäft lautete: Leute in der Filmindustrie um ihr Geld bringen.

Wenn Elijah Taylor* und Logan Wright* Eindruck schinden wollten, führten sie potenzielle Partner durch den Hangar. Der Hangar, das war eine 1'700 Quadratmeter grosse Flugzeughalle auf dem Areal eines Provinzflughafens in Südkalifornien. Dort hatte Elijah Taylor, ein grosser Mann mit viel Gesicht und wenig Hals, seine Privatjets eingestellt. Und dort sollten die Leute sehen, mit wem der Amerikaner um die 60 alles auf Du und Du stand. Etwa mit dem Nachbarn aus der Halle nebenan, den die ganze Welt kennt, weil er einer ihrer reichsten Bewohner ist: Elon Musk.

«Der Angeklagte (...) vermittelte den Eindruck, jeden in der Branche zu kennen und alles arrangieren zu können.»

Aus der Klage des Animationsstudios

Taylor habe den Geschäftsführer eines Animationsstudios mit dem Tesla-Milliardär bekannt gemacht – «on a first name basis», wie es später in einer Klage des Studios heissen wird. Oder Filmstar Kevin Costner, den Taylor und der Studio-CEO für ein Mittagessen besuchten. In Costners Haus. Per Helikopter. Laut der Klage hat Elijah Taylor den Eindruck vermittelt, «jeden in der Branche zu kennen und alles arrangieren zu können». Doch das konnte er offenbar vor allem für sich selbst.

Vertrauen erarbeitet, Vertrauen bekommen, Vertrauen missbraucht

Denn das Animationsstudio wirft Taylor und Wright vor, seine Investoren «mit einem komplexen System» um Hunderte Millionen Dollar betrogen zu haben. Und zwar so:

Zwischen 2013 und 2017 sucht Taylor, ein ehemaliger Schauspieler und inzwischen bekannt als Film-Financier, immer wieder Kontakt zum CEO des Animationsstudios mit Hauptsitz in Asien. Eine renommierte Talentagentur bürgt für Taylor, der sich laut der Klage in Kreisen bewegt, die «zu seinem Prestige und seiner Prominenz» beitragen. Tatsächlich existieren Bilder von Taylor, wie er an den Filmfestspielen in Cannes für die Kameras posiert – Arm in Arm mit einem Hollywood-Star.

Taylor, so schreibt das Studio, habe das Leben eines A-Prominenten gelebt, einer «larger-than-life-persona». Mit diesem Glanz habe er den Studiochef überzeugt, Geld, Ressourcen und Kontakte zu Leuten zu haben, wie man sie braucht, um in Hollywood weiterzukommen.

Musk, Costner, Privatjet – nach vier Jahren glaubt auch der Studio-CEO, mit Taylor einen wertvollen Partner gefunden zu haben. Zusammen mit seinem Kompagnon Logan Wright fasst dieser den Auftrag, die Finanzierung für ein neues Studio in Malaysia zu organisieren. Und in diesem Moment setzen die beiden um, was von langer Hand geplant gewesen sein soll: Hinter dem Rücken der Verantwortlichen sollen sie Millionen-Darlehen aufgenommen und in die eigene Tasche gesteckt haben.

«Als die betrügerischen Aktivitäten der Angeklagten (…) ans Licht kamen, begann [das Studio] zu begreifen, dass es Opfer von Berufskriminellen geworden ist.»

Aus der Klage des Animationsstudios

Es war, als hätten die zwei neuen Köche tagsüber gekocht und nach Feierabend die Fritteuse verpfändet: Die mutmasslichen Betrüger hätten Unterschriften gefälscht, falsche Mail-Konten aufgesetzt und mehrere Firmen gegründet, die den Anschein erweckten, zum Studio zu gehören, in Wahrheit aber nichts damit zu tun hatten. Darunter die beiden Firmen in Zug, bei denen Logan Wright 2020 und 2021 im Verwaltungsrat sass.

Wie die Gerichtsunterlagen mehrerer Verfahren zeigen, sollen mindestens 8 Millionen Dollar über die Zuger Gesellschaften abgeflossen sein – ein Teil davon sei in den Kauf von Liegenschaften gegangen. Die neuste Klage ist erst wenige Wochen alt. Eine US-Filmfirma macht rund 6,5 Millionen Dollar Schaden gegen Taylor, Wright und den Zuger Hakim Abba geltend – unter anderem wegen offener Darlehen für einen Film, in dem Nicolas Cage mitspielen sollte.

Schweizer Strafverfolger sind aussen vor

«Als die betrügerischen Aktivitäten der Angeklagten (…) ans Licht kamen, begann [das Studio] zu begreifen, dass es Opfer von Berufskriminellen geworden ist», schreibt das Studio in der Klage. Gemäss dieser beträgt der Schaden, den neun Investoren erlitten haben, 234 Millionen Dollar. Selber sei es mit Rückforderungen von 75 Millionen Dollar konfrontiert. Mehrere Gläubiger haben auch gegen den Geschäftsführer des Studios geklagt – und unterstellen ihm in mindestens einem Fall, dass er mit Taylor und Wright gemeinsame Sache gemacht habe.

«Wir wissen nicht, wo sie sind. Es gibt Gerüchte, aber keine gesicherten Informationen.»

Melina Spadone, Anwältin

In den USA schrieb das renommierte Branchenblatt «Variety» über den Fall, auch «The Hollywood Reporter» berichtete. Als bisher einziges Schweizer Medium hat das Investigativportal «Gotham City» aus der Romandie den mutmasslichen Millionenbetrug aufgenommen, über den die Schweizer Behörden nicht im Bild zu sein scheinen. Obwohl der Vorwurf im Raum steht, Geld aus einem Betrug sei über Schweizer Firmen in Immobilien geflossen, haben weder die Zuger Staatsanwaltschaft noch die Bundesanwaltschaft eine Untersuchung (womöglich wegen Verdachts auf Geldwäscherei) eingeleitet. Derweil teilt das Bundesamt für Justiz auf Anfrage mit, es habe kein Rechtshilfeersuchen aus den USA erhalten.

Winteridylle im Ägerital. Doch immer wieder spielen Zuger Firmen eine Rolle in Fällen internationaler Wirtschaftskriminalität. (Bild: Andreas Busslinger) (Bild: )

Hakim Abba schweigt

Am Empfang im Büroklotz wartet man an diesem Januarmorgen vergebens. Hakim Abba ist nicht da, heisst es von hinter dem Bildschirm. Statt Informationen aus erster Hand gibt es nur eine Hotmail-Adresse, um seine Fragen dorthin zu schicken. Diese lauten unter anderem:

  • Welche Aufgaben hatten Ihre Firmen, die Gegenstand mehrerer Gerichtsprozesse sind?
  • Was sagen Sie zum Vorwurf, Geld in Liegenschaften investiert zu haben, das aus einem Betrug stamme?
  • In welchem Verhältnis stehen Sie zu Elijah Taylor und Logan Wright? Wissen Sie, wo sich die beiden derzeit aufhalten?

Die E-Mail bleibt gleich unbeantwortet wie mehrere Briefe an Abbas Unternehmen. An einer vermeintlich aktuellen Wohnadresse verrät die Nachmieterin durch die Gegensprechanlage, Abba wohne hier nicht mehr. Und an einer zweiten Adresse im Kanton Zug, die in Vergangenheit zum 53-Jährigen führte, steht man vor einer Baustelle. Die Parzelle am Hang gehört Abba seit 2017, die Baubewilligung für ein Einfamilienhaus samt Einstellhalle stammt vom Frühling 2021, im Bewilligungsprozess liess sich der 53-Jährige von einem lokalen Amtsträger vertreten.

Von Taylor und Wright fehlt jede Spur

Auch Taylor und Wright ziehen es vor, nicht auf E-Mail-Anfragen von zentralplus zu reagieren. Doch dem Anschein nach schweigen sie nicht nur, sie sind untergetaucht: «Wir wissen nicht, wo sie sind. Es gibt Gerüchte, aber keine gesicherten Informationen», sagt Melina Spadone, Anwältin in Los Angeles und New York, die das Animationsstudio im Rechtsstreit mit den mutmasslichen Betrügern vertritt.

Ihr zufolge, und das zeigen auch die Gerichtsdokumente, sind Taylor und Wright schon nicht vor Gericht erschienen, als dieses den Männern per einstweiliger Verfügung untersagte, den Namen des Filmstudios weiter zu verwenden. Für Spadone ein Teilsieg: «Wir haben die Verfügung, das ist wichtig. Aber meine Mandanten wollen Gerechtigkeit. Für sich und für die anderen Opfer.»

Auch die Geschädigten in den anderen Verfahren rätseln, wo vor allem Elijah Taylor steckt. Ebenso unklar ist, ob ihm die Strafverfolgungsbehörden auf den Fersen sind. Gemäss der US-Gerichtsdatenbank läuft aktuell kein Verfahren unter Beteiligung der Strafverfolger. Ob die Gerüchte stimmen, wonach das FBI ermittelt, lässt sich nicht verifizieren – eine Anfrage an die FBI-Medienstelle blieb bislang unbeantwortet.

Bereits 2020 gab es ein Verfahren

Sicher aber ist: Elijah Taylor ist der Justiz bekannt. Einen Monat bevor dem Animationsstudio der mutmassliche Betrug aufgefallen war, schloss die US-Börsenaufsicht SEC einen Vergleich mit Taylor – und liess eine Anklage wegen Betrugs fallen. Die Aufsichtsbehörde hatte Taylor vorgeworfen, mehrere Millionen Dollar für sich verwendet zu haben statt das Geld in Filmprojekte zu investieren, wie er das seinen Investoren versichert hatte.

Ohne die Vorwürfe anzuerkennen oder abzustreiten, erklärte sich der Amerikaner zur Zahlung von rund 10 Millionen Dollar bereit: Eine Geldstrafe, Zinsen und eine Rückzahlung von fast 9 Millionen Dollar. Laut der Klage gab Taylor alleine 1,8 Millionen Dollar für seine Kreditkartenabrechnung aus. 1,5 Millionen Dollar soll Taylor einer Universität gespendet haben. Und für eine Million Dollar habe er mehrere Autos gekauft. Marke: Tesla – Elon Musks Firma.

* Namen geändert

Verwendete Quellen
  • Gerichtsunterlagen des US-District Courts für Zentralkalifornien, online einsehbar
  • Augenschein am Domizil der Zuger Firmen, der ehemaligen Wohnadresse von Hakim Abba und auf der Baustelle im Kanton Zug
  • Angaben aus dem Zuger Handelsregister
  • Website des Hangar-Betreibers
  • «Worlds Billionaires List» von «Forbes»
  • Artikel in «Variety», «The Hollywood Reporter» und «Gotham City»
  • Schriftliche Anfragen an die Zuger Staatsanwaltschaft, die Bundesanwaltschaft und das Bundesamt für Justiz
  • Mehrfache schriftliche Anfragen an Hakim Abba, Elijah Taylor und Logan Wright
  • Angaben des Zuger Grundbuchamts
  • Schriftliche Anfrage und Telefonat mit Melina Spadone
  • Telefonat und schriftliche Anfrage an die FBI-Medienstelle
  • Medienmitteilung und Klage der US-Börsenaufsicht SEC
  • Entscheid des US-District Courts für Zentralkalifornien

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