Junge Kulturschaffende weichen dem Unangenehmen nicht aus
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Die Performance von Dustin Kenel ist ein Kampf gegen das patriarchale System. (Bild: Ralph Kuehne)

Tankstelle Bühne im Südpol Junge Kulturschaffende weichen dem Unangenehmen nicht aus

3 min Lesezeit 05.09.2020, 14:35 Uhr

In zwei sehr unterschiedlichen Performances zeigten junge Kulturschaffende am Freitagabend im Südpol, welches Potenzial im Nachwuchs steckt. In einem Punkt waren sich die Projekte sehr ähnlich: Sie rückten Dinge in den Fokus, denen wir oft lieber aus dem Weg gehen.

Wie eine kleine Community versammeln sich die Besucher der Tankstelle Bühne im Bistro des Südpols in Luzern. Eigentlich hätte die Premiere im Mai aufgeführt werden sollen, erklärt Janine Bürkli, Leiterin des Projekts. Die Freude, dass die Aufführungen trotz Verzögerungen und Ungewissheit doch noch stattfinden können, ist gross.

Die Tankstelle Bühne unterstützt seit 2013 junge Kunstschaffende aus dem Bereich Performance, Tanz und Theater. Jedes Jahr werden drei Projekte ausgewählt, deren Produktion mit einem Beitrag von 4000 Franken ermöglicht und gefördert wird. Zusätzlich erhalten die Künstlerinnen auch Unterstützung in Form von Workshops und einem Mentoring.

Die dabei verwirklichten Projekte in Form von 20-minütigen Kurzstücken entstehen in Zusammenarbeit mit dem Südpol Luzern, dem Kleintheater und neu auch dem Chäslager Stans. Die Kulturhäuser Südpol Luzern und Chäslager Stans bieten den Künstlern schliesslich eine Bühne, damit ihre Projekte dem Publikum gezeigt werden können.

Einstieg mit feministischem Kampf

Dustin Kenel, TANZflug und Brigade Brut sind die drei Gewinner der Tankstelle Bühne 2020. In Dustin Kenels Performance «Choose your Weapon» kämpfen Mira Studer, Sophie Germanier, Yadin Bernauer und Dustin Kenel mit unterschiedlichen Waffen gegen das patriarchale System. Mit ihren Körpern und ihrer Stimme versuchen sie, die Wand ungleicher Machtverhältnisse zu brechen.

Wrestling-Performance abgesagt

Wegen Corona konnte die Brigade Brut, bestehend aus Paul Buckermann, Katrin Kunz, Anna Matter, Michel Rebosura, Markus Unternährer und Shannon Zwicker, ihr Theaterprojekt nicht aufführen. Ihre Wrestling-Performance musste aufgrund der Corona-Massnahmen abgesagt werden.

Diese Wand, symbolisiert durch eine lachsfarbige, leicht transparente Latexhülle, lässt als elastisches Band die für Gleichberechtigung Kämpfenden abprallen. Die Performance ergreift die Zuschauerinnen mit ihrer Ästhetik. Das Quartett auf der Bühne bringt mit Bewegung und wenigen Worten Kritik an herrschenden Gesellschaftsstrukturen zum Ausdruck.

Normen des Bewegungsraums

Mit «Bewegungslos bewegt» thematisieren Lea Vejnovic und Andrea C. Frei von TANZflug gesellschaftliche Normen der menschlichen Beweglichkeit. Sie setzen sich mit der Frage auseinander, welche Bewegungswelt sich für Menschen mit Beeinträchtigung öffnet. Ist Bewegung nur das, was wir offensichtlich als solche wahrnehmen?

In der Mitte des Raumes steht Lea Vejnovic im Rollstuhl. Raphael Zürcher tritt mit der Kamera an sie heran und ihr Körper wird an eine Leinwand projiziert. Lea Vejnovics Bewegungsfreiraum ist – aus der Perspektive eines Menschen ohne Beeinträchtigung – stark eingeschränkt. Sie erzählt von den Bewegungsräumen, die sich ihr trotzdem öffnen.

«Wenn du mir die Hand positionierst, kann ich damit Lebensbühnen entwerfen», sagt Lea Vejnovic, deren Worte von Andrea C. Frei nachgesprochen werden. Mit einer besonderen Form von Tanz zeigt das Kollektiv, dass das Konzept, welches wir von Bewegung haben, erweitert werden muss.

Bedrücktes und erschwerendes Gefühl

Die beiden aufgeführten Projekte unterscheiden sich in der Thematik und der Art und Weise, wie sie diese den Zuschauern überbringen, stark voneinander. Sie sind sich jedoch in der Hinsicht ähnlich, dass sie Themen ansprechen, denen wir oft auszuweichen versuchen.

Es ist deshalb ein bedrücktes und erschwerendes Gefühl, das die Gäste beim Verlassen der grossen Halle verfolgt. Gleichzeitig schwingt ein grosses Stück Hoffnung mit, denn mit ihren Performances haben die Künstlerinnen neue Perspektiven eröffnet und Vorstellungen erstrebenswerter gesellschaftlicher Ziele entwickeln lassen.

Hinweis: Weitere Aufführungen der Projekte finden am 5. September 2020 im Südpol und am 11. September 2020 im Chäslager Stans statt. Der Auftritt im Südpol ist bereits ausverkauft.

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