«Jugendliche fühlen sich in der Coronakrise vergessen»
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André Winter vor seiner früheren Wohnung in Emmen. (Bild: Archivbild: jav)

Luzerner Altersforscher André Winter «Jugendliche fühlen sich in der Coronakrise vergessen»

5 min Lesezeit 2 Kommentare 07.12.2020, 05:00 Uhr

«Das ist unser soziales Leben, das geopfert wird»: Die Jugend ist sauer. Während Ältere zu viert an den Beizentischen jassen können, ist die Disko zu, die private Party verboten. Der Luzerner Gerontologe André Winter sagt: Das hat nichts mit dem Alter, vielmehr mit Frustration zu tun.

«Hey Boomer, hast du die Jugend vergessen?» In der Luzerner Altstadt sticht beim Stadtbummel ein Aushang ins Auge – so gesehen im Schulhaus der Fachklasse Grafik an der Rössligasse:

Gesichtet: Im Gebäude der Fachklasse Grafik an der Luzerner Rösslimatt.

Die Jugendlichen sind sauer. Das jetzt gehe zu weit. «Deine Freiheiten und deine Kultur, die wird geschützt und subventioniert. Was ist mit uns? […] Verbiete uns nicht das Leben. […] Wir Jungen nehmen gerne Rücksicht. Aber übertreib es nicht. Wenn dein Theater, deine Oper und dein Restaurant offen ist, schliess nicht unsere Diskothek, unsere private Party und vertreib uns nicht an unseren Treffpunkten.» Sie werfen den Boomern Egoismus vor – und fordern einen fairen Generationenvertrag. Und das wiederum sorgt bei den Älteren für rote Köpfe. Auch in den sozialen Medien gibt das Schreiben zu reden. «Wenn Egoisten anderen Egoismus vorwerfen», jammert jemand in der Facebook-Gruppe «Sorgenbriefkasten der Stadt Luzern».

Es brodelt also. Ordentlich. Was ist da nur los? Wir haben den Luzerner André Winter befragt. Der 58-Jährige ist Gerontologe, befasst sich mit der Wissenschaft des Alterns und ist zudem Autor.

zentralplus: André Winter, scheint es nur so oder brodelt es derzeit wegen Corona zwischen den Generationen gewaltig?

André Winter: Ich würde das ganze vom Generationenthema entflechten. Für mich hat das vielmehr mit einer Frustrationstoleranz zu tun. Also wie fest man selber tolerant ist und mit Frustration umgehen kann. Das ist eine sehr individuelle und keine Generationenfrage. Ich kenne 80-Jährige, die überhaupt nicht mit Frust umgehen können, genauso wie auch 20-Jährige an dem scheitern können.

zentralplus: Aber sind es nicht die Jungen, die jetzt viel einstecken müssen? Das Auslandsemester: abgeblasen. Die Clubs: geschlossen. Das Daten: schwierig. Zudem verloren auch viele Jugendliche ihren Job während Corona (zentralplus berichtete).

Es ist total legitim, dass Jugendliche ihren Frust ausdrücken. Das tun sie etwas unreif – und das meine ich überhaupt nicht böse.

Winter: Das möchte ich gar nicht bestreiten: Jugendliche erleben grosse Verluste momentan. Das Jungsein ist verboten, der Jugend wird die Jugend weggenommen. Das sehe ich auch an meiner 20-jährigen Tochter. Es ist total legitim, dass Jugendliche mit diesem Schreiben ihren Frust ausdrücken. Das tun sie etwas unreif – und das meine ich überhaupt nicht böse.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Winter: Ich kenne viele ältere Menschen, die selbst, oder deren Eltern den Krieg miterlebt haben. Die Coronapandemie und all die Massnahmen – so einschneidend sie derzeit für die Jugend sein mögen – das alles ist in einem Jahr vorbei. Viele Menschen leiden momentan an der Situation, seien das Menschen aus der Gastroszene, die in ihrer Existenz bedroht oder Menschen aus der Pflege, die schuften, bis sie total am Anschlag sind.

zentralplus: Sie meinen also: Ein Jahr ohne Feiern, Festivalsommer und Auslandferien ist nichts im Gegensatz zu Existenzängsten oder einem erlebten Krieg?

Winter: In einigen Jahrzehnten werden wir auf die Coronakrise zurückschauen. Und Jugendliche von damals werden sagen: Ja, es war ein hartes, vielleicht extrem langweiliges Jahr. Dazu gibt es in Deutschland beispielsweise durchaus humorvolle Werbespots, die in der Zukunft spielen. Ältere Menschen blicken zurück, sie waren damals während der Coronapandemie junge. Und sie mussten einfach mal nichts tun. Zuhause auf der Coach faulenzen, einen Serienmarathon überstehen, Nächte durchgamen.

zentralplus: Auch Ältere dürften sich benachteiligt fühlen. Weil Ü65 permanent dazu aufgefordert wurde, zuhause zu bleiben …

Winter: Exakt. So viele jetzt auch leiden – so viele haben momentan auch das Recht, frustriert zu sein. Die Frage ist jetzt vielleicht eher: Sieht man nur den eigenen Frust oder auch den Frust der anderen?

zentralplus: Dennoch zeigen Umfragen des Instituts für Generationenforschung in Augsburg – sie befragten über 2’000 Menschen in der Schweiz, Deutschland und Österreich: Die Älteren nehmen die Vorschriften weniger ernst als die Jungen. Warum? Schliesslich ist das Virus für sie gefährlicher.

Winter: Ich persönlich teile den Eindruck nicht, dass ältere Menschen fahrlässiger wären, was beispielsweise die Maskenpflicht anbelangt. Ich glaube, dass das Alter bei einem Maskengegner keine Rolle spielt. Das hat viel mehr mit der Grundhaltung zu tun als mit dem Alter, ob man sich an die Massnahmen hält oder nicht.

Jugendliche fühlen sich nicht gehört, nicht verstanden – sie fühlen sich vergessen.

zentralplus: Was ist das Hauptproblem der Jugend, die ihrem Ärger mit dem Schreiben Luft machte?

Winter: Sie fühlen sich nicht gehört, nicht verstanden – sie fühlen sich vergessen. Wenn die Empathie verloren geht, beginnt der Frust. Wenn ich jetzt sehr provokativ wäre, könnte ich sagen, dass man den Brief als sehr konservativ auffassen könnte. Die Schreibenden pochen auf ihr Recht und sehen nur, was sie bekommen beziehungsweise was alles nicht – und was die anderen bekommen. Das Schreiben widerspiegelt letztlich auch, wie psychisch widerstandsfähig man persönlich ist. Der Frust sammelt sich, die Aggression muss raus – und Sündenböcke werden gesucht. Und das sind jetzt eben die Boomer.

Haben wir Eltern den Jugendlichen zu viel ermöglicht und damit zu wenig ermöglicht, frustrationstolerant zu werden?

zentralplus: Sie selbst haben Jahrgang 1962 – und gehören somit per Definition zu den Babyboomern in der Schweiz (Jahrgänge 1946 bis 1964). Fühlen Sie sich vom Schreiben angesprochen?

Winter: Wenn ich ehrlich bin, nein. Ich fühle mich weder gemeint noch angegriffen. Ich habe mich noch nie jemanden mit den Worten vorgestellt: «Guten Tag, mein Name ist André, ich bin ein Boomer». Selbstkritisch oder nachdenklich werde ich an einem anderen Punkt: Haben wir Eltern den Jugendlichen zu viel ermöglicht und damit zu wenig ermöglicht, frustrationstolerant zu werden? Dann können wir ihnen jetzt keinen Vorwurf daraus machen, wenn sie es nicht sind.

zentralplus: Was hilft jetzt?

Winter: Für mich klingt das Schreiben «Hey Boomer, hast du die Jugend vergessen?» nach einem Hilferuf. Was jetzt wichtig wäre, wäre ein Gespräch zwischen Jugendlichen und diesen Boomern. Jugendliche wollen gehört werden, ins Gespräch mit anderen kommen – und nicht einfach von ihnen bestimmt werden. Hilfreich ist sicherlich auch, sich nicht darauf zu fokussieren, was jetzt während Corona alles nicht geht – sondern kreative Möglichkeiten zu finden, wie man auch in schwierigen Zeiten Dinge tun kann, die einem Freude bereiten.

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2 Kommentare
  1. Markus, 07.12.2020, 12:41 Uhr

    Danke für diesen Beitrag. Das geht in den anderen Medien komplett unter.

    1. Lion, 07.12.2020, 13:39 Uhr

      Ich bin 70 Jahre alt und noch recht aktiv. Allerdings verzichte ich seit März an Sitzungen, Versammlungen zu gehen. Restaurantbesuche kommen für meine Ehegattin und mich nicht in Frage. Den Kaffee oder Tee trinken wir lieber zu Hause. Unsere Kinder treffen wir auf Distanz an und nur für kurze Zeit. Allerdings gehen wir zwei Mal am Tag laufen und zwar dorthin, wo wir möglichst wenige Leute antreffen oder wir gehen zu unserem Garten. Die Ansteckungsgefahr in den Diskos ist sehr hoch. Kommt noch hinzu, dass ihr Familienangehörige, Arbeitskollegen oder andere Kollegen anstecken könnt. Denkt daran, die Spitäler sind jetzt schon voll.Das Pflegepersonal ist am Limit, die Pflegekosten ebenfalls. Jeden, das ihr ansteckt fehlt dann am Arbeitsplatz. Das verursacht weitere Kosten. Das Leben besteht nicht nur aus Vergnügen, sondern auch aus Pflichten. Ich weiss was es heisst, als Jugentlicher auf etwas verzichten zu müssen. Ich habe es selber erlebt, in einer anderen Form. Denkt an die alten Leute, die in den Altersheimen angesteckt werden und zwar von Leuten, die von draussen kommen und zwar von Familienangehörigen oder vom Pflegepersonal selber.

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