Jugend unter Druck – mit voller Leistung auf die Bühne
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Nicht nur spielerisch, auch sportlich zeigen die Darstellerinnen von actNow auf der Bühne volle Leistung. (Bild: Ingo Höhn)

Premiere des Luzerner Jugendtheaters actNow Jugend unter Druck – mit voller Leistung auf die Bühne

4 min Lesezeit 24.05.2018, 13:44 Uhr

Frühförderung, Erwartungen, Ziele – Kinder und Jugendliche sind täglich mit den Anforderungen der Leistungsgesellschaft an die «künftige Elite» konfrontiert. Das Luzerner Jugendtheater actNow zeigt in seinem neuen Stück «Leistung. Karriere. Scheisse.», wie sehr der Druck belastet. Und dass der Humor trotzdem nicht verloren geht.

Uniform rennen sie im Kreis. Die Zöpfe fliegen, ein schneller Beat, sie trainieren, optimieren sich. Die Jugend von heute zeigt sich gleich von Beginn an leistungsbereit.

Das selbst entwickelte Stück, welches Selina Beghetto und Christof Bühler mit den acht Jugendlichen vom Jugendtheater actNow auf die Bühne des Luzerner Theaterpavillons bringen, hinterfragt den Leistungsdruck, der auf den Jugendlichen lastet. Und sie tun das mit vollem Einsatz.

Trotz Wadenbeinbruch in letzter Minute steht auch Samuel Asal auf der Bühne. Kurzfristigste Uminszenierungen machen die Jugendlichen noch nervöser, als sie zur Premiere hin sowieso schon wären.

Wer und wo?

Aufführungen von «Leistung. Karriere. Scheisse.»: 24. Mai, 25. Mai, 26. Mai, 30. Mai, 1. Juni, 2. Juni 2018. Jeweils 20 Uhr im Theater Pavillon Luzern. Am 30. Juni wird das Stück auch in Bern aufgeführt.

Spiel: Samuel Asal, Sarah Bisang, Adriana Gisler, Joelle Iten, Sophie Karrer, Lea Martin Kohler, Ilaria Ravazzolo, Noelle Saladin
Leitung: Selina Beghetto, Christof Bühler
Musik: Lisa Brunner
Assistenz: Nicole Sauter
Licht: Markus Güdel
Technik: Lukas Schumacher
Gestaltung: Samuel Herzog

Früh fängt es an

Ameisen, die im Kreis rennen, sind das erste Bild, welches Lea Martin Kohler ausser Atem und in «Netz Natur»-Manier in unsere Köpfe setzt. Kollektives, unreflektiertes Nachahmen, der Spiegel wird uns vorgehalten.

In der Vorstellungsrunde wird klar: Die Individualität ist auf die Farbe der Turnschuhe beschränkt, auf Haarfarben, Brillen und auf die Bedeutung der Vornamen. Am Mikrofon, aufgereiht wie zur Fürbitte, zählen sie ihre grossen Träume auf. Die Zöpfe machen sie dabei noch jünger und die Wünsche «Tierärztin, Floristin oder Pilotin» verstärken das Bild.

Das Stück setzt sich mit den Mechanismen auseinander, die hinter den Begriffen «Leistung» und «Karriere» stecken. Wer erfolgreich sein will, muss Leistung erbringen. Ohne Druck keine Leistung? Immer wieder kommen die Jugendlichen am Mikrofon zu Wort, unterbrochen durch Sirenen. Es bleibt offen, wo Spiel und Realität verschwimmen.

Der Druck, die Karriere, beginnt mit der Geburt. Die ersten Erfolge, Gehen, Sprechen, genaustens aufgelistet und bald folgt die Frühförderung. Die musikalische wird sogleich in einer Vortragsübung mit Blockflöte präsentiert.

Ilaria Ravazzolo hat den Job.

Ilaria Ravazzolo hat den Job. Trotz kompliziertem Nachnamen.

(Bild: Ingo Höhn)

Vo nüd chund nüd

Die Inszenierung öffnet mit ihren chorischen Elementen, den sportlichen und musikalischen Choreografien – viele aktuelle und zeitlose Bilder. Die Verteilung der «Rollen» lässt die Jugendlichen zeigen, was sie können. Es wird gesteppt, geflötelt, seilgehüpft und Yoga gemacht bis zum Umfallen. Die «Curriculum Vitae» werden präsentiert und der Bewerberin die schrägsten Bewerbungsfragen um die Ohren gehauen. «Würden Sie lieber gegen eine Ente kämpfen, die so gross ist wie ein Pferd – oder gegen hundert Pferde, so gross wie Enten?» Abstruse Auswüchse der Leistungsgesellschaft.

Bis zur Erschöpfung und darüber hinaus wird Leistung erbracht. Bis man zu «Doping» greift und alles nur noch aus einem Vakuum heraus wahrnimmt. Leistung ist alles, die Konkurrenz überall. «Vo nüd chund nüd.»

Die Rosenvergabe des «Bachelors» wird nach einem ersten Laufsteg-Konkurrenzkampf mit einem «Haka» beantwortet. Ein Bild, welches man gerne auch mal bei der «erwachsenen» Version dieses Formats sehen würde. Eine Szene, die zeigt, wie Humor und Gesellschaftskritik in diesem Stück zusammenfinden.

Das Ensemble, inklusive verletztem Samuel Asal, im «Scheiss»-Chaos.

Das Ensemble, inklusive verletztem Samuel Asal, im «Scheiss»-Chaos.

(Bild: Ingo Höhn)

Mit 17 hat man noch Träume … 

Das Bühnenbild öffnet schon zu Beginn einen Spaltbreit die Tür zu einem weiteren Thema: Unzählige Papiertüten reihen sich auf. Doch der Hinweis auf die Konsumgesellschaft bleibt stumm. Das Thema wird nicht aufgegriffen, was dem Stück guttut. Die Verbindung kann das Publikum durchaus selbst herstellen.

Eine Lösung präsentiert «Leistung. Karriere. Scheisse.» nicht. Es sagt jedoch: «Wir sind jung und wir finden das scheisse. Wir leiden darunter und wir wünschen uns eine andere Welt.» Diese andere Welt scheint jedoch nicht denkbar. Auch wenn Noelle Saladin im Schlussmonolog aus der Rolle steigt und ihre Wünsche an die Welt, ihre Vorstellung einer besseren Welt, vorträgt.

Aber schlussendlich sei doch sowieso alles «fürn Arsch»: Steppen, Blockflöte. Und das Publikum schaut sich das auch noch an – was die Jungen da so machen, wirft Saladin den Zuschauern an den Kopf. Erschöpfung und Ernüchterung macht sich breit.

«Mit 17 hat man noch Träume» schallt aus den Lautsprechern. Das Putzlicht geht an – alles auf Anfang.

Noelle Saladin gibt sich zum Ende des Stücks der Erschöpfung hin.

Noelle Saladin gibt sich zum Ende des Stücks der Erschöpfung hin.

(Bild: Ingo Höhn)

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