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Jolanda Spiess-Hegglin: «Wir haben unser Leben zurück»
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Erster Gast in den neuen Räumlichkeiten von zentralplus: Jolanda Spiess-Hegglin. (Bild: Loredana Bevilacqua )

Interview zwei Jahre nach dem Zuger Skandal Jolanda Spiess-Hegglin: «Wir haben unser Leben zurück»

5 min Lesezeit 7 Kommentare 07.04.2017, 04:53 Uhr

Nun muss sich «Weltwoche»-Vize-Chefredaktor Philipp Gut vor Gericht wegen der Berichterstattung über den Zuger Skandal verantworten. Jolanda Spiess-Hegglin hat ihn angezeigt, um ihre Ehre und ihren Ruf wiederherzustellen. Sie hat eine harte Zeit hinter sich – und eine neue Aufgabe gefunden.

Vor mehr als zwei Jahren erschütterten die Vorfälle zwischen der damaligen Zuger Grünen-Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann von der SVP bei der Landammannfeier die Öffentlichkeit. Damals soll es zwischen ihr und dem Kantonalpräsidenten der Zuger SVP zu einem sexuellen Kontakt gekommen sein, bei dem auch K.o.-Tropfen im Spiel gewesen sein sollen. Der Fall zog weite Kreise, ist noch nicht erledigt. In den Medien war der Skandal über Monate hinweg ein heisses Thema. Auch die «Weltwoche» mischte eifrig mit bei den immer spektakulären Enthüllungen. Enthüllungen, von denen einige nun vor Gericht gelandet sind, weil sich die Betroffenen rehabilitieren wollen. Wir haben in der Redaktion mit Jolanda Spiess-Hegglin gesprochen.

zentralplus: Frau Spiess-Hegglin, warum haben Sie den «Weltwoche»-Vize-Chefredaktor eingeklagt?

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Jolanda Spiess-Hegglin: Die Anzeige datiert schon vom Herbst 2015. Ich möchte einfach, dass meine Ehre und mein Ruf wiederhergestellt werden, die durch Lügen stigmatisiert worden sind. Meine Absicht ist, dass ein weiterer Schreibtischtäter zur Verantwortung gezogen wird.

zentralplus: Wie geht es Ihnen denn persönlich, rund zweieinhalb Jahre nach dem Vorfall bei der Landammannfeier, der sich zu einem veritablen Skandal ausgeweitet hat, wie ihn Zug noch nie erlebt hat?

Spiess-Hegglin: Es geht mir jetzt wieder gut. Ich bin froh, dass ich die Medienkampagne endlich hinter mir habe, dass die zweijährige Hexenjagd vorbei ist. Die hässliche Fratze des Sexismus, wie ich sie mir nicht im Traum vorgestellt hätte. Ich bin aber noch immer mit der Aufarbeitung mit einer Traumatherapeutin beschäftigt. Ich bringe wohl nicht alles wieder weg.

zentralplus: Verfolgen Sie denn jene Ereignisse vom 20. Dezember 2014 im «Schiff» noch häufig?

Spiess-Hegglin: Die Ereignisse begleiten mich stündlich im Alltag. Manchmal durch Erinnerungsfetzen, nicht zuletzt aber auch infolge der Aufarbeitung von Strafanzeigen, von denen ja noch einige laufen und einige noch bevorstehen. Ich habe grosse Mühe, mich längere Zeit am Stück auf etwas zu konzentrieren aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung. Andererseits hilft mir meine neue Tätigkeit bei «Netzcourage», die Sache weiter zu verarbeiten.

Selbstbewusst, mit neuer Aufgabe: Jolanda Spiess-Hegglin.

Selbstbewusst, mit neuer Aufgabe: Jolanda Spiess-Hegglin.

(Bild: Loredana Bevilacqua)

zentralplus: Was machen Sie denn genau bei «Netzcourage»?

Spiess-Hegglin: Das Portal netzcourage kümmert sich um Fälle von Personen, die im Internet durch Shitstorms und Hasstweets traumatisiert und gemobbt wurden. Wir betreuen seit letzten Oktober solche Fälle, inzwischen sind es schon gut 100 in der ganzen Schweiz, und wir bieten Hilfe an. Diese neue Aufgabe ist so eine Art Therapie für mich. Wichtig ist, dass wir dabei politisch völlig neutral sind. Gerade heute Morgen sicherte ich für einen Jungpolitiker der SVP strafrechtlich relevante Äusserungen und mache für ihn die Anzeige. Unterm Strich ist es ein total beklemmendes Gefühl, in solchen Konfliktsituationen ganz allein zu sein. Ich möchte nicht, dass andere Personen Ähnliches durchmachen wie ich damals.

«Ich werde täglich im Internet beschimpft.»

zentralplus: Wie ist es Ihnen denn in den vergangenen zwei Jahren in der Öffentlichkeit ergangen? Sind Sie oft angefeindet worden?

Spiess-Hegglin: Ich werde täglich im Internet beschimpft. Im Netz bestehen offensichtlich keine Hemmschwellen mehr. In der Zuger Öffentlichkeit dagegen hat man mich auf der Strasse eigentlich in Ruhe gelassen. Nur einmal, kurioserweise im Skiurlaub im Wallis, hat  mich ein älterer Zuger öffentlich angefeindet. Ich habe mir in der Öffentlichkeit so eine Art gläsernen Blick zugelegt. Das heisst, ich kann durch die Leute hindurchschauen und sie ganz gut einfach ignorieren.

zentralplus: Wie hat Ihre Familie denn die ganze Sache durchgestanden?

Spiess-Hegglin: Dass mein Mann stets eisern zu mir gehalten hat, ist nicht selbstverständlich. Ich kann mir vorstellen, dass manch einer es wohl nicht ausgehalten hätte, wenn die eigene Frau von unbekannten Männern als Schlampe beschimpft wird. Er sah damals, in welcher Verfassung ich war, als ich in jener Nacht nach Hause kam. Darum haben wir gemeinsam entschieden, trotz massivem Druck von Medien und Politik nicht zu schweigen. 

zentralplus: Und wie ist es Ihren Kindern ergangen?

Spiess-Hegglin: Was unsere drei Kinder angeht, wurden sie in der Schule sehr gut betreut, dafür muss ich mich bei den Lehrpersonen wirklich bedanken. Überhaupt werden wir im Quartier getragen, was für uns enorm wichtig ist. Und ja, es ist nun halt so, dass gerade unser ältester Sohn genau weiss, dass er die Gratiszeitungen im Bus nicht zu lesen braucht, auch wenn Mami mit Bild vorne drauf ist. Dies findet er, glaube ich, sogar recht cool.

zentralplus: Apropos Medien. Sie sind in den vergangenen zwei Jahren aufgrund der Landammannfeier zum Medienstar in Anführungszeichen geworden. Haben Sie diese Rolle nicht auch gerne gespielt, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen?

«Unser ältester Sohn weiss genau, dass er die Gratiszeitungen im Bus nicht zu lesen braucht, auch wenn Mami mit Bild vorne drauf ist.»

Spiess-Hegglin: Was würden Sie machen, wenn die Boulevard- und Lokalpresse stets wieder neue Gerüchte zu Tatsachen macht, ständig anonyme Quellen zitiert, ja sogar Zitate erfindet? Es war mir ein Bedürfnis, dies jeweils zu korrigieren. Was mir zu oft wiederum im Mund umgedreht wurde und als Folgegeschichte verkauft wurde. Ich wurde durch eine Indiskretion in die Medienarena gezerrt, mit einer hochintimen Geschichte. Dies wünscht sich niemand, und es hätte niemals passieren dürfen. Es war im Übrigen auch kein Sex-Skandal, weil das Geschehene schlicht nichts damit zu tun hat. Es war und ist ein Polit-, Justiz- und vor allem ein Medienskandal. Ich war darum schon des Öfteren Gast in Medienethik-Kursen an Hochschulen und Universitäten, wo wir meinen «Fall» aufarbeiten.

zentralplus: Wollen Sie denn irgendwann wieder zurück in die Zuger Politik?

Spiess-Hegglin: Nie und nimmer. Das Geschäft hier in Zug ist mir echt zu verlogen. Geholfen wird einem nur dann, wenn man selbst davon profitieren kann. Auch innerhalb der Grünen Partei, übrigens. Sexismus und Hass bekämpfe ich effizienter als Netzaktivistin.

zentralplus: Haben Sie sich während der vergangenen zwei Jahre irgendwann einmal gewünscht, Sie könnten das Rad der Zeit vor den 20. Dezember 2014 zurückdrehen?

Spiess-Hegglin: Selbstverständlich. Aber ich habe jetzt zwei Jahre durchgestanden und bin froh, dass ich nun nur noch machen kann, was ich will. Netzpolitik, das ist meine Art von Politik. Da bin ich direkter an den Menschen dran und kann ihnen viel besser helfen. Ich kann auch wieder mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, anstatt mich für die Interessen einer Partei einspannen zu lassen. Jetzt, nach über zwei Jahren, haben wir unser Leben zurück.

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7 Kommentare
  1. Berta Meier, 12.04.2017, 17:17 Uhr

    Zitat Tagi vom 12.04.2015
    In der Affäre um ein angebliches Sexualdelikt an der Zuger Landammannfeier in der Nacht auf den 21. Dezember hat SVP-Kantonsrat Markus Hürlimann seine grüne Ratskollegin Jolanda Spiess-Hegglin angezeigt. Dies bestätigt ein Sprecher der Zuger Strafverfolgungsbehörden der «NZZ am Sonntag». Hürlimann habe Spiess-Hegglin wegen übler Nachrede und Verleumdung angezeigt. «Wir haben eine Untersuchung eröffnet», fügt der Sprecher an.
    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Huerlimann-zeigt-SpiessHegglin-an/story/15951722

  2. Berta Meier, 12.04.2017, 17:16 Uhr

    @Christian Hug; besten Dank für Ihre dürftige Stellungnahme. Ich habe die Hauptmessages des Artikels schon verstanden, es geht ja im Wesentlichen darum den ach so phösen Herr Gut medial vorzuverurteilen. Da wird noch dreist schwadroniert die WW habe bei Enthüllungen mitgemischt, was für welche wird natürlich nicht erörtert. Das ist Ätschi – Bätschi – Journalismus in rein Kultur und hat mit kompetenter Berichterstattung nix zu tun. Apropos Spargel; mit einem selbstgemachten Söseli und Rohschinken kann ich nur empfehlen. Es gibt ja auch noch die vegetarische Version mit Melonen. Das Ganze soll insbesondere nach Alkoholkonsum eine reinigende Wirkung haben. Nüt für unguet und allenfalls en Guete 🙂

  3. Berta Meier, 12.04.2017, 06:38 Uhr

    „Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Mitmenschen, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“

    @zentralplus
    Bei solchen unsachlichen sowie auch insbesondere einseitigen Berichterstattung bedarf es dringlich einer Korrektur. Das Strafverfahren gegen Markus Hürlimann ist rechtskräftig eingestellt und somit strafrechtlich abgeschlossen. Das der Fall „weitere Kreise ziehe und noch nicht erledigt sei“ ist eine wahrheitswidrige Behauptung. Selbst bei einer einmaligen Einnahme von Ko-Tropfen lässt sich die Substanz im Haar nachweisen. Das Resultat der diesbezüglichen Analyse war negativ. Das „Ko-Tropfen im Spiel gewesen sein sollen“ ist eine absurde Mutmassung sowie auch strafrechtlich relevante Falschbehauptung. Mit dieser Argumentation wird impliziert und suggeriert, dass es an der besagten Feier eine Vergewaltigung gab.

    Fazit: der Bericht ist reisserisch und irreführend, sowie auch enthält er ehrverletzende und rufschädigende Äusserungen gegen den zu Unrecht beschuldigten.

    1. Christian Hug, 12.04.2017, 11:00 Uhr

      Guten Tag anonymer User
      Spargeln scheinen derzeit nicht nur in den Läden Hochsaison zu haben… Der Hinweis, dass der Fall noch nicht erledigt sei, bezieht sich nicht auf ein einzelnes Verfahren, sondern nimmt konkreten Bezug auf das Verfahren gegen «Weltwoche»-Vize-Chefredaktor Philipp Gut. In der Causa Spiess-Hegglin vs. Markus Hürlimann sind darüber hinaus noch zivilrechtliche Verfahren offen. Betreffend Ko-Tropfen hat zentralplus wiederholt über die Möglichkeiten eines Nachweises berichtet.

    2. Antonia Gastaldo, 17.05.2017, 20:42 Uhr

      Auch da: Christian Hug als redaktor argumentiert völlig falsch: In der causa hürlimann gegen spiess ist weiterhin ein strafrechtliches verfahren NICHT abgeschlossen. Markus hürlimann hat jolanda spiess ebenso der ehrverletzug (üble naxchde ud verleumdung) angeklagt. Noch liegt das verfahren seit bald 1 1/2 jahren unbehandelt bei der zuger staatsanwaltschaft! Auch wenn die 700’000 franken forderung nur dazu diente, die verjährung zu unterbrechen, dauerhaft über spess-erfolge zu berichten, ist redaktioneller unfug. sie hat bei mehreren anzeigen den kürzeren gezoegen (wirde natürlich nie veröffentlicht!). Niederlagen werden auch da folgen, die gerechtigkeit wird siegen!

    3. Maja Nukic, 24.05.2017, 10:54 Uhr

      Ich stimme zu

    4. Christian Hug, 24.05.2017, 11:30 Uhr

      @ Antonia Gaslaldo: Nicht ich bin der Redaktor. Noch ein wenig Aufklärung: Wenn eine Schadenersatzforderung gestellt wurde, handelt es sich um Zivilrecht, nicht um Strafrecht.