John Stutzer, der Volkstribun aus Steinhausen
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«Unbeschwert glücklich»: In seinem Wohnzimmer in Steinhausen mag es John Stutzer harmonisch. Bei Gemeindeversammlungen mag er es gerne kontrovers. (Bild: woz)

Er sorgt an der Gemeindeversammlung für Pfeffer John Stutzer, der Volkstribun aus Steinhausen

5 min Lesezeit 03.01.2018, 10:10 Uhr

Viele Gemeindeversammlungen in Zug laufen eher langweilig ab. Der jeweilige Gemeinderat gibt meistens den Takt vor. Traktanden werden von den oft nur wenigen anwesenden Stimmberechtigten durchgewunken. Gäbe es da nicht solche mutigen Zeitgenossen wie den Steinhauser John Stutzer.

 

Gemeindepräsidentin Barbara Hofstetter war bei der letzten Gemeindeversammlung in Steinhausen sichtlich «not amused», als John Stutzer zum dritten Mal ans Mikrofon ging und seine Meinung vor den 227 Stimmberechtigten kundtat. «Kommst du noch mal, John», sagte sie leicht missbilligend.

Dabei hören die meisten dem 60-Jährigen sofort zu, wenn er am Rednerpult steht. Kein Wunder. Der pensionierte Steinhauser, der zuletzt eine Praxis für positive Psychologie führte, ist ein rhetorisches Naturtalent. Und nicht nur das. Er hat auch Spass am Auftritt.

«Ich bin gern auf einer Bühne und versuche, das Publikum zu packen», sagt er. «Ich melde mich aber nur, wenn ich das Gefühl habe, da ist etwas nicht ganz klar.»

«Und dann spielt da natürlich auch noch die Angst bei nicht wenigen mit, gegen den Willen der Dorfgemeinschaft zu stimmen.»

John Stutzer

So wie neulich eben bei der letzten Gemeindeversammlung, als die Exekutive dem Volk eine Strasse für 1,2 Millionen Franken schmackhaft machen wollte. Ein Traktandum, das kurioserweise niemanden so richtig zu überzeugen schien. Zumal auch der Bauherr die Strasse selbst gar nicht wollte. Ein klassischer Schildbürgerstreich, also im Prinzip.

Da streute Stutzer mit seinen kritisch-geisselnden Worten so richtig Salz in die Wunde. Und doch stimmte das Volk hinterher klar für die Strasse. Lohnt es sich denn da, sich so ins Zeug zu legen und sich öffentlich als Rebell ins Rampenlicht zu stellen?

Migros-Verkäufer hat ihn mal angepflaumt

Stutzer, der in Steinhausen an schöner Wohnlage in einer geräumigen Eigentumswohnung mit seiner Frau lebt, lächelt. «Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Wahrscheinlich sind die meisten Leute am Ende halt davon überzeugt, dass der Gemeinderat das wohl schon richtig geplant haben wird.» Andere seien wohl zu unflexibel und zu bequem, sich trotz bester Argumente umstimmen zu lassen. «Und dann spielt da natürlich auch noch die Angst bei nicht wenigen mit, gegen den Willen der Dorfgemeinschaft zu stimmen.»

Riskiert er aber bei solch rebellischen Auftritten dann nicht, hinterher vom Volk gesteinigt zu werden? Oder, in milderer Form – beim anschliessenden Apéro –, geschnitten zu werden und böse Blicke zu ernten?

«Ich will den Leuten einfach durch meine Voten die Chance geben, Entscheidungen nochmals zu überdenken.»

John Stutzer

«Normalerweise gehe ich nach solchen Gemeindeversammlungen meistens gleich nach Hause», räumt der Familienvater von mittlerweile zwei erwachsenen Kindern ein. Doch beim letzten Mal sei er geblieben und habe im Foyer von einigen Zuspruch erhalten. Nach dem Motto:«Das hast du gut gemacht.» Ein Migros-Verkäufer habe ihn aber schon einmal nach einer Gemeindeversammlung angepflaumt: «Was haben Sie da für einen Seich erzählt?»

«Ich will den Leuten einfach durch meine Voten die Chance geben, Entscheidungen nochmals zu überdenken. Da geht es ums Prinzip», sagt Stutzer. «Ausserdem kann ich überdurchschnittlich gut denken und formulieren. Und das, gepaart mit einem generellen Verantwortungsgefühl, verleiht mir Genugtuung, wenn ich mich vor den Spiegel stelle.» Nicht uneitel.

Einige hundert Stimmen erhalten

Weil Stutzer ein politisches Talent ist, hat er sich auch schon zweimal als parteiloser Gemeinderat aufstellen lassen. Einmal irgendwann in den 90er-Jahren. Und zuletzt 2014. «Da habe ich auch noch als Gemeindepräsident kandidiert», rekapituliert Stutzer, der seit 1964 in Steinhausen wohnt und lebt. Beide Male habe er einige hundert Stimmen erhalten. 

Nicht schlecht. Und doch schade. Aber vielleicht mögen Leute eben keine Motzer. «Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht so viel am Dorfleben in Steinhausen teilnehme», analysiert Stutzer. Das Leben in Steinhausen sei sehr anonym. Er kenne zwar seine Nachbarn, und man pflege ein freundliches Verhältnis zueinander. «Aber mehr als alle zehn Jahre kommt es nicht vor, dass wir uns gegenseitig auf einen Kaffee einladen.»

Doch zurück zur Dorfpolitik. Und zu seiner Rolle als Volkstribun. Sind solche Gemeindeversammlungen nicht sowieso nur eine Augenwischerei beziehungsweise eine Art Show in Sachen direkter Demokratie?

«Schon allein der Glaube daran, mit der eigenen Stimme etwas verändern zu können, macht einen glücklicher.»

John Stutzer

Schliesslich besuchen in den allermeisten Fällen ja weniger als 5 Prozent der Dorfbevölkerung solche Veranstaltungen – was sicher alles andere als repräsentativ ist. In Steinhausen versammelten sich mit 228 Stimmberechtigten zwar optisch zuletzt viele im neuen Gemeindesaal. Faktisch waren es aber gerade mal nur gut zwei Prozent der Bevölkerung.

John Stutzer auf dem Balkon seiner Wohnung. «Meine Frau mag es gar nicht, wenn andere Leute auf mir herumhacken.»

John Stutzer auf dem Balkon seiner Wohnung. «Meine Frau mag es gar nicht, wenn andere Leute auf mir herumhacken.»

(Bild: woz)

Hinzu kommt, dass in Steinhausen pro Jahr nur zwei, in grösseren Gemeinden höchstens drei Gemeindeversammlungen stattfinden. Abgesehen von einigen wenigen Urnengängen regiert also der Gemeinderat, sprich: die Exekutive, mit fester Hand das Dorf den Rest des Jahres. Majestix auf seinem Schild im gallischen Dorf lässt grüssen.

Stutzer räumt diese Defizite in Sachen direkter Demokratie ein. Und doch ist er überzeugt, dass die Gemeindeversammlungen in der Schweiz das beste unter allen schlechten Systemen seien. «Schon allein der Glaube daran, mit der eigenen Stimme etwas verändern zu können, macht einen glücklicher», ist er überzeugt. Sagt’s und deutet mit dem Finger auf den Schriftzug an der Wand im Wohnzimmer, den ihm seine Tochter zum Geburtstag geschenkt hat. Darauf steht geschrieben: «Unbeschwert glücklich.»

Mehr Leute sollten zu den Gemeindeversammlungen kommen

Zudem ist der Steinhauser überzeugt: Allein die Tatsache, dass sich die Gemeindeexekutive vor einer Gemeindeversammlung so vorbereite, dass ihr möglichst wenig Widerspruch aus dem Volk drohe, sei schon eine Art demokratischer Vorgang. «Wenn es dann wirklich um etwas ganz Grundlegendes geht, kann das Volk ja tatsächlich regulierend eingreifend.» Man habe einfach die Möglichkeit mitzumachen.

Und doch sind die meisten Gemeindeversammlungen öde. Langweilig. Berechenbar. Pures Ritual. Sollten sich also einfach mehr zu Wort melden – so wie er?

«Die meisten haben sicherlich einfach Angst, sich zu Wort zu melden», findet Stutzer. Andererseits sollten seiner Meinung nach wirklich nur die etwas sagen, die wirklich etwas sagen wollten. «Viel wichtiger wäre es, wenn mehr Leute zu den Gemeindeversammlungen erscheinen würden.» Ziel wären, aus seiner Sicht, aber schon mehr lebhafte Diskussionen. Zum Wohl der Demokratie.

Mit anderen zu diskutieren – damit hat John Stutzer keine Probleme. Aber was sagt eigentlich seine Frau Monika dazu, wenn er sich mit dem Gemeinderat bei Gemeindeversammlungen anlegt und mehrmals ans Pult stürmt? «Sie ist nie dabei. Aber sie mag es gar nicht, wenn andere Leute auf mir herumhacken.»

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