Jodeln, jauchzen, jubeln – wo die Touristen ausflippen
  • Regionales Leben
Angela Nucifera aus Australien und Moderatorin Silvia Fähnrich jodeln gemeinsam. (Bild: giw)

Ein feuchtfröhlicher Abend im Luzerner Stadtkeller Jodeln, jauchzen, jubeln – wo die Touristen ausflippen

6 min Lesezeit 27.08.2017, 16:01 Uhr

Zweimal täglich geht im Luzerner Stadtkeller die Post ab – weitgehend unbemerkt von den Einheimischen. Denn die vielleicht erfolgreichste und älteste Veranstaltungsreihe der Stadt ist auf Touristen ausgerichtet; mit Fondue zur Vorspeise, Fahnenschwingern und einem inszenierten Alpabzug.

Das winterliche Fondueplausch-Feeling im Innern hat so gar nichts mit der sommerlichen Realität draussen zu tun. Im Stadtkeller wird es auf den Bänken eng. Die Luft ist geschwängert vom Duft nach geschmolzenem Käse, rot-weiss gekachelte Tücher bedecken die Tische. Auf der Bühne läuft eine Diashow, auf der sich idyllische Schweizer Landschaften abwechseln.

Neben vielen weissen Gesichtern sind auch asiatische, lateinamerikanische oder nahöstliche Züge auszumachen. Dass das Publikum bunt gemischt und international sein würde, verrät bereits das englischsprachige Schild vor dem Eingang: «Swiss Folklore Show».

Die Stimmung bei den Gästen ist bereits vor der Vorstellung locker und gesellig. Gegen halb acht Uhr tut sich was auf der Bühne. Die Band betritt in traditioneller Kleide ihr gewohntes Reich. Als sie ganz unschweizerisch «My Bonnie is over the Ocean» anstimmt, ist das Publikum bereits richtig in Fahrt und singt fleissig mit. Bierkrüge und Fäuste werden in die Höhe gestemmt. Die Musiker wechseln zwischen den globalen Gassenhauern und einheimischer Folklore.

34’000 Gäste während sieben Monaten

Die Menükarte ist sprachlich auf die Touristen ausgerichtet: Swiss Cheese Fondue als Vorspeise, im Hauptgang klassisch ein Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti und zur Nachspeise gibt es ein «Swiss Chalet Dessert». Fehlen darf auch die passende Musik nicht. «Original Swiss Folk Music», «Yodeling», «Alphornblowing» und «Flagthrowing» stehen auf dem Programm.

Der Anlass hat Tradition. Bereits seit den 50er-Jahren lädt das Konzertlokal Touristen zur Schnellbleiche durch die helvetische Kultur. Zweimal täglich finden diese Shows über die Sommersaison hinweg statt. Beeindruckende 34’000 Gäste verteilen sich auf insgesamt 410 Vorstellungen im Jahr, erklärt Geschäftsführerin Andrea Gehrig. Die Anwesenden bezahlen für das Essen, die Show ist gratis.

Das internationale Publikum ist in Stimmung.

Das internationale Publikum ist in Stimmung.

(Bild: giw)

Seit 38 Jahren dabei

Punkt zwanzig Uhr tritt Silvia Fähnrich auf den Plan. Seit 1979 steht sie hier tagein und tagaus vor den Touristen. In eingespielter Manier begrüsst die Einheimische das aufgewärmte Publikum in allen möglichen Sprachen.

Während sie vorne die kommenden Highlights ankündet, eilt das Serviceteam durch die Menge. Mit ihren weissen Handschuhen fallen sie sofort ins Auge. «Ein glutenfreies Menü auf den Tisch dort!», raunt eine Mitarbeiterin im Hintergrund. Und daneben wird ein vegetarisches Curry verlangt. Es werden alle Wünsche erfüllt. Überall rund um die Bar stehen Zuschauer und fotografieren aus der guten Perspektive, doch das Servicepersonal lässt sich nicht stören und bewegt sich zielstrebig zwischen Küche und Saal.

Bereits hat eine Gruppe den Hauptgang verspeist, andere erhalten gerade erst ihren Salat. Obwohl der Stadtkeller mit rund 240 Personen nicht voll ist an diesem Abend, haben Geschäftsführerin Gehrig und ihr Team alle Hände voll zu tun. Wie um Himmels willen würde es zu und hergehen, wenn alle 350 Plätze besetzt wären?

Eindrücke aus der Folklore-Show im Stadtkeller

 

Das Publikum geht ab

Auf der Bühne geht es währenddessen Schlag auf Schlag. Es wird gejodelt, getanzt und gejauchzt. Zwischen den verschiedenen Disziplinen des alpinen Musizierens wird das erstaunlich teilnahmefreudige Publikum in die Show miteinbezogen. «Das ist sehr wichtig, damit die Leute auch wirklich mitgehen und die Stimmung gut ist», verrät uns Moderatorin Fähnrich.

Nach einem andächtigen Alphornquartett versuchen sich die ausländischen Gäste selbst am Instrument. Jede Einlage wird vom Saal mit Applaus und Zuspruch quittiert. Zu Recht, offensichtlich haben die meisten Gäste ein Talent für das Blasinstrument. Nur der musizierende Luzerner, der sich am Alphorn versucht, scheitert kläglich. Besonders imponieren die Kleinsten, die auf Anhieb den Saal mit den tiefen Tönen erfüllen: «Die Kinder haben keine Hemmungen und spielen gleich drauf los», erklärt uns Silvia Fähnrich nach der Show.

Immer wieder schreiten die Musiker und Animatoren geübt durch die Reihen und nehmen sitzende Gäste freundlich, aber bestimmt, an der Hand nach vorne und bitten sie zum Tanz. Eifrig mit dabei ist etwa Henry Tran aus dem US-Bundesstaat, der mit der Jodlerin tanzt. Nach ihrer kurzen Einlage umarmen sie sich, Tran strahlt. Er ist mit seiner Familie hier und macht eine intensive Tour durch Europa. Wie die meisten Touristen bleibt er nur zwei Tage, vorher war er bereits in Italien, Frankreich und England. «Die Show und Luzern sind einfach toll.»

Trinken auf ex

Es herrscht bei den Luzernern das Vorurteil, dass die Folkloreabende lediglich grosse Reisegruppen aus Asien anziehen. Tatsächlich steht jedoch Tran für den typischen Gast im Stadtkeller: Über 40 Prozent der Zuschauer kommen aus Kanada oder den Vereinigten Staaten, danach folgen Europäer und Australier mit 17 respektive zwölf Prozent. Chinesen, Inder und die übrigen asiatischen Länder decken gemeinsam lediglich einen Viertel des Marktes ab.

«Die Amerikaner und Australier sind von Natur aus offene Menschen», erklärt sich Silvia Fähnrich die ausgelassene Stimmung. Für sie und ihr Team sei es deshalb sehr befriedigend, auf der Bühne zu stehen. Auch die junge Australierin Angela Nucifera ist ganz begeistert – mit Freunden war sie vor ein paar Tagen bereits in Basel. Nun besucht sie mit ihrer Familie Luzern auf ihrer Europatour. In akzentreichem Englisch schwärmt sie von der Stadt.

Gerne meldet Nucifera sich freiwillig für einen Jodelversuch auf der Bühne. Ohne Mühe legt sie einen sauberen Jauchzer hin, sie könnte problemlos als Innerschweizer Schlagertalent durchgehen. Zur Belohnung gibt es für sie und die anderen Freiwilligen ein Braui-Bier – auf ex. Als sie erfährt, dass ein Foto von ihr für den Artikel verwendet wird, sagt sie lachend: «Ich werde berühmt.»

Henry Tran aus Ashburn, Virgina (USA) bedankt sich für den Tanz auf der Bühne.

Henry Tran aus Ashburn, Virgina (USA) bedankt sich für den Tanz auf der Bühne.

(Bild: giw)

Ein abruptes Ende

Es folgt eine Fahnenschwingete und eine Art Alpabzug durch das Luzerner Traditionslokal. Die Stimmung nähert sich ihrem Höhepunkt, als schliesslich eine Kuh durch den Stadtkeller getrieben wird. Unzählige Smartphones und Kameras werden gezückt, um den Moment festzuhalten. Der Kalifornier Gerritt Smith streckt gar seine kleine Tochter Sunny dem verkleideten Mitarbeiter entgegen.

Eben noch tanzte die Menge überschwänglich, wenige Augenblicke später räumen die Servicemitarbeiter die leeren Tische ab und nur noch ein paar vereinzelte Gäste horchen dem Spiel der Volksmusiker. Kaum zwei Stunden dauerte das intensive Spektakel. «Viele hier kommen als Gruppenreisende und haben einen durchgeplanten Tag. Wenn die Reiseleiter aufbrechen, folgen die meisten, weil sie sonst den Weg ins Hotel selbst organisieren müssten», weiss Andrea Gehrig.

Im Gegensatz zum Personal schreiten die ortsansässigen Beobachter etwas ungläubig aus der Show. Das urbane Publikum mag nach der klischierten Vorstellung ein süffisantes Lächeln auf den Lippen haben. Doch es bleibt die Tatsache: Der Stadtkeller hat eine äusserst erfolgreiche Veranstaltungsreihe geschaffen, die in der Stadt wohl ihresgleichen sucht.

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