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«Jetzt muss der Kanton zeigen: Wir machen es billiger»
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Minderjährige Asylsuchende beim Deutschbüffeln. (Bild: Andrea Zimmermann )

Fragezeichen um Asyl-Freiwillige in Luzern «Jetzt muss der Kanton zeigen: Wir machen es billiger»

4 min Lesezeit 3 Kommentare 10.01.2017, 13:16 Uhr

Der Kanton Luzern übernimmt das Asyl- und Flüchtlingswesen von der Caritas. Die Koordination der Freiwilligen gilt dabei als die grösste Hürde. Diese Aufgabe werde vom Kanton unterschätzt, sagt der frühere CVP-Regierungsrat Anton Schwingruber, befürchtet werden hohe Folgekosten. Nun wird die Politik tätig.

Seit Anfang Jahr verwaltet der Kanton Luzern das Asyl- und Flüchtlingswesen selber. Der Kanton übernimmt dies von der Caritas, die diese Aufgaben jahrelang führte. Die Übergabe lief nicht ganz reibungslos, speziell im Bereich der Freiwilligenkoordination gab es Schwierigkeiten. Seit Oktober führt der Kanton eine Koordinationsstelle für Freiwilligenarbeit, welche die Lage entschärfen soll.

Wie diese Koordinationsstelle genau funktioniert, will die SP nun per Anfrage an den Regierungsrat geklärt haben. Denn: «Der Kantonsrat ist bisher nur ungenügend darüber informiert worden, wie genau diese Stelle arbeitet», sagt SP-Kantonsrätin Marlene Odermatt.

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Doch warum kommt die Anfrage erst jetzt, drei Monate nach Anlauf der neuen Koordinationsstelle? Odermatt erklärt: «Die Fragen zur Freiwilligenkoordination im Asyl- und Flüchtlingsbereich sind Ende 2016 in der ganzen Spardebatte untergegangen.»

Der Kanton muss Freiwillige von sich überzeugen

Dass der Kantonsrat den Überblick über die Freiwilligenarbeit behält, sei wichtig. Odermatt ist überzeugt: «Die Freiwilligenkoordination ist im Asyl- und Flüchtlingswesen ein wichtiges Argument. Die Caritas hatte mit ihrem Netzwerk in der Gesellschaft einen grossen Multiplikatoren-Effekt. Die engagierten Personen müssen nun überzeugt werden, auch für den Kanton gratis zu arbeiten.»

Das sei nicht einfach, denn die Caritas könne als Non-Profit-Organisation mit kirchlichem Hintergrund auf ein breites Engagement zählen. Der Kanton müsse nun seinerseits Überzeugungsarbeit leisten.

Silvia Bolliger, Leiterin Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (links), und Anton Schwingruber, Präsident der Caritas Luzern.

Silvia Bolliger, Leiterin Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (links), und Anton Schwingruber, Präsident der Caritas Luzern.

(Bild: pze)

Momentan gibt es genügend Freiwillige

Derweil sieht man beim Kanton noch keinen Handlungsbedarf. Silvia Bolliger, Leiterin der Dienststelle für Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF), beschreibt die kantonale Situation bei der Freiwilligenarbeit als problemlos: «Die Dienststelle für Asyl- und Flüchtlingswesen ist bestrebt, eng mit den bestehenden Freiwilligenorganisationen und -gruppen in den Gemeinden zusammenzuarbeiten.»

Grundsätzlich sei in den Gemeinden ein grosses Engagement an Freiwilligenarbeit vorhanden, der Kanton müsse dieses Potenzial nun nutzen. Bolliger gibt sich zuversichtlich, dass die Freiwilligen sich auch weiterhin engagieren würden.

«Die Koordination von Freiwilligenarbeit wird beim Kanton unterschätzt.»

Anton Schwingruber, Präsident der Caritas Luzern

Der Verein «Migration – Kriens integriert» bestätigt Bolligers Sicht. Auf Anfrage wird uns mitgeteilt: «Seit 2015 hat das Engagement in der freiwilligen Betreuung zugenommen. Die Flüchtlingskrise hat grosse Solidarität ausgelöst.» Zwar würden die Asylsuchenden und Flüchtlinge nur einen Teil ihres Klientels in Begleitverhältnissen ausmachen, doch ganz allgemein wären Begleitungen durch Freiwillige von grossem Nutzen.

Der Verein bestätigt, eine konkrete Informierung des Kantons, wie genau die Koordinationsstelle arbeitet, habe noch nicht stattgefunden, eine Kontaktaufnahme sei aber in Planung. Man wolle vorerst abwarten und den Kanton in Ruhe arbeiten lassen.

Schwierigkeiten bei der Übergabe

Erfahrung mit Freiwilligenkoordination hat auch Doris Nienhaus. Sie leitet den Bereich «Soziale Integration», zu dessen Aufgaben auch die Koordination von Freiwilligenarbeit gehörte. Sie sagt auf Anfrage: «Der Kanton startet jetzt neu und muss eine ganze Koordinationsstelle aufbauen. Dieser Aufbau braucht Zeit und kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden.»

Aber: Der Übergang habe Schwierigkeiten beinhaltet, gerade in der Freiwilligenarbeit. Die Caritas habe 2016 noch gewisse Aufträge an Freiwilligenorganisationen geleitet. Freiwillige, die sich gemeldet hatten, konnten nicht an den Kanton weitervermittelt werden, da über längere Zeit noch Ansprechpersonen fehlten, so Nienhaus. Dies habe zu Unmut seitens der Freiwilligen geführt. Seit der Schaffung der Koordinationsstelle im Oktober habe sich die Situation aber gebessert.  

«Durch den Kostendruck wird die Leistung im Asyl- und Flüchtlingswesen sinken.»

Marlene Odermatt, Kantonsrätin SP

Es könnten Folgekosten entstehen

Anton Schwingruber, Präsident der Caritas Luzern und ehemaliger CVP-Regierungsrat, sagt: «Der Aufwand für die Koordination von Freiwilligenarbeit wird beim Kanton unterschätzt.» Sollte dies passieren, könnten Mehrkosten entstehen. Thomas Thali, Geschäftsleiter der Caritas Luzern, erklärt: «Die Freiwilligen sind bei der sozialen und beruflichen Integration von Flüchtlingen ganz wichtig.» Schaffe der Kanton nicht, die Freiwilligenarbeit im selben Masse zu fördern, werde dies mittelfristig Kosten verursachen, so Thali. Denn: «Die Flüchtlinge sind dann beruflich weniger gut integriert und weiter auf Sozialhilfe angewiesen.»

«Bereits im ersten Jahr haben wir gezeigt, dass wir die Dienstleistungen effizienter und kostengünstiger erbringen können.»

Silvia Bolliger, Leiterin Dienststelle Asly- und Flüchtlingswesen

Und Geld ist es, was im Kanton Luzern wie so oft zentral ist. Odermatt sagt: «Durch den Kostendruck wird die Leistung im Asyl- und Flüchtlingswesen sinken.» Denn die Arbeit der Caritas hätte in der Bevölkerung viel Zuspruch gehabt. «Das heisst, jetzt muss der Kanton zeigen: Wir machen es billiger. Klappt das nicht wie gehofft über die Synergien, kann im Notfall am Leistungsauftrag geschraubt werden», so Odermatt. Dabei sei eben dies falsch. Odermatt teilt Thalis Einschätzung: «Was bei Investitionen im Integrationsbereich heute gespart wird, kommt morgen um ein x-Faches zurück.»

Gleiche Qualitätsstandards für Kanton und Caritas

Asyl-Chefin Bolliger hingegen spricht von einem positiven Verlauf: «Bereits im ersten Jahr haben wir gezeigt, dass wir die Dienstleistungen effizienter und kostengünstiger erbringen können.» Verglichen zu den Verträgen mit der Caritas – Stand Ende 2015 – seien im Jahr 2016 drei Millionen Franken eingespart worden, so Bolliger. Dabei seien sogar noch Mehrleistungen mit einem professionellen Deutschkursangebot für Asylsuchende angeboten worden.

Bolliger sagt, es mache keinen Unterschied, ob Kanton oder Caritas: Beide hätten sich an dieselben Qualitätsstandards zu halten. Sie führt aus: «Bei den Sozialhilfeleistungen gab es auch für die Caritas Luzern Richtlinien, die laufend angepasst und eingehalten werden mussten.»

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3 Kommentare
  1. Boris Kerzenmacher, 10.01.2017, 21:18 Uhr

    “Flüchtlinge”
    Das sind keine Flüchtlinge! Die waren vielleicht in der TR, in GR oder in I Flüchtlinge. Das war es dann aber.

  2. Tonino Bucherinsky, 10.01.2017, 16:22 Uhr

    «Die engagierten Personen müssen nun überzeugt werden, auch für den Kanton gratis zu arbeiten.» Gratis Freiwilligenarbeit leisten für den Kanton und gleichzeitig Steuern zahlen bei reduzierter Prämienverbilligung im Kanton Luzern, wer ist bereit dazu❓

    1. Pascal Zeder, 11.01.2017, 11:01 Uhr

      Das ist eine berechtigte Frage, auf die der Kanton nun Antwort geben muss.

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