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«Jetzt leg mal den Apparat zur Seite»
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Zwei in ihrem Element. (Bild: jav)

Hans Eggermann und Jutta Vogel über ihre Arbeit «Jetzt leg mal den Apparat zur Seite»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 05.09.2014, 14:07 Uhr

Dreizehn Luzerner Fotografen stellen im September in der Kornschütte ihre Werke aus. zentral+ hat zwei der Fotografen getroffen – zu einem Gespräch über Ethik, die Digitalisierung und darüber, wann Fotografie eigentlich Kunst ist.

Jutta Vogel und Hans Eggermann stehen in der leeren Kornschütte. Gleich wird dieser Raum sich für die Vernissage füllen (siehe Slideshow). Die Stiftung Fotodok lässt dreizehn Luzerner Fotografen an der Fotowerkschau ausstellen. Vogel und Eggermann sind zwei von ihnen.

Die Arbeiten des 77-jährigen Hans Eggermann drehen sich bei dieser Ausstellung um das Licht selbst. Sie bewegen sich zu grossen Teilen im Bereich der Architektur-, Design- und Indrustriefotografie, wobei das Licht immer auch eine grosse Rolle als Werkzeug einnimmt. Das Spiel mit dem Licht ist Eggermanns Leidenschaft. Die freie Fotografin Jutta Vogel beschäftigt sich mit Gesellschaften nach einschneidenden Ereignissen. Ihr Fokus liegt auf den Menschen und dem Leben am Rande des Alltäglichen. An der Fotowerkschau stellt sie eine Serie zu Plätzen in Bosnien aus.

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Wir setzen uns ins nächstgelegene Café. Eggermann ist gerade von seinem Besuch bei seinem Lehrmeister und Freund Peter Ammon aus Südfrankreich zurück und schwärmt von der Landschaft. Die beiden sprechen über gemeinsame Bekannte, über die Ausstellung und ihre Arbeit.

zentral+: Werden Sie gerne fotografiert?

Eggermann: Das kann ich so nicht sagen. Es ist auf jeden Fall ungewöhnlich.
Vogel: Von mir gibt es kaum Fotos. Ich bin nicht zufällig hinter der Kamera anstatt vor ihr. Und wir sind ja auch aus der «Vor-Selfie»-Generation. Ausserdem haben im Alltag auch immer wir die Kamera in der Hand und nicht unsere Liebsten.
Eggermann: Meine Frau sagt mir öfters «So, jetzt leg mal den Apparat zur Seite.» Vor allem in den Ferien.
Vogel: Und das tust du dann?
Eggermann: Das tue ich dann auch. Aber ich muss noch immer daran arbeiten.
Vogel: Also bist du auch ein Jäger, immer auf der Pirsch nach einem guten Bild.
Eggermann: Ein Jäger des Lichts, ja. Wenn ich sehe, dass das Licht besondere Schatten zeichnet, muss ich es einfangen.

«Wir sind aus der Vor-Selfie-Generation.»
Jutta Vogel, Fotografin

zentral+: Wann ist Fotografie Kunst?

Eggermann: Selten.
Vogel: Fotografie ist Kunst, wenn sie als das wahrgenommen wird. Ein super Beispiel ist der Polizeifotograf Arnold Odermatt. Er hat einmal gesagt, wenn die Leute seine Fotografien als Kunst ansehen, dann seien sie halt Kunst.
Eggermann: Eine fantastische Geschichte. Der ist jetzt wirklich ein Künstler.

zentral+: Was bedeutet diese Werkschau in der Kornschütte für die Luzerner Fotografieszene?

Vogel: Diese Ausstellung ist eine wunderbare Sache. Wieder eine Möglichkeit, auszustellen und sich auszutauschen.
Eggermann: Als ich im Februar gesehen habe, dass es diese Ausstellung gibt, war ich gerade noch rechtzeitig. Das zeigt das Bedürfnis und die Nachfrage – vor allem auch, da die Fotografie in der Kunst in den letzten Jahren zugelegt hat.

«Eine Entwicklung kann kein Nachteil sein.»
Hans Eggermann, Fotograf

zentral+: Ist die Digitalisierung der Fotografie eigentlich Fluch oder Segen für Profis?

Eggermann: Sie ist zuallererst eine gewaltige Veränderung. Doch ich bin der Meinung, eine Entwicklung kann kein Nachteil sein. Man muss einfach die Vorteile rausziehen.

Zur Ausstellung

Die Fotodok organisiert die Fotowerkschau Luzern jährlich, um die Werke von Luzerner Fotografinnen und Fotografen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Künstler erhalten dabei die Gelegenheit, laufende oder gerade fertiggestellte Projekte auszustellen.

In diesem ersten Jahr findet die Fotowerkschau Luzern in der Kornschütte Luzern statt. Die Ausstellung dauert vom 5. bis zum 20. September 2014.

Die Aussteller 2014 sind unter anderem Heidi Hostettler, Hans U. Alder, Jutta Vogel, Emanuel Ammon, Marco Sieber, Gabor Fekete und der Special Guest Hans Eggermann.


Vogel: Viele haben sich am Anfang schwergetan, auch ich. Doch alles verändert sich. Man darf nicht vergessen, dass wir nun täglich eine riesige Flut an Bildern haben. Und das fordert uns als Profis heraus. Wir müssen uns von dieser Beliebigkeit abheben. Dinge anders anschauen, reduzieren, fokussieren. Aber grundsätzlich ist das Gewerbe sicher härter geworden.
Eggermann: Nun. Ich bin es gewohnt zu kämpfen. Das musste ich immer. Aber darin bin ich glücklich geworden.

zentral+: In der Fotografie ist die Ethik ein ständiges Thema. Welche Bilder sind vertretbar und welche sollte man nicht veröffentlichen? Wo ist bei Ihnen Schluss?

Eggermann: Ein schwieriges Thema. Ein Reporter muss natürlich draufhalten. Er muss immer ganz vorne sein. Ich nicht. Das will ich auch gar nicht.
Vogel: Die Frage ist, wie man sich als Fotografin definiert. Der Umgang mit der Situation und den Menschen macht hierbei sehr viel aus. Und die Entscheidung, welche Bilder man schliesslich veröffentlicht. Hier muss man Grenzen beachten. Der italienische «Magnum»-Fotograf, welcher beispielsweise die Fotos des Flugzeugabsturzes in der Ukraine veröffentlicht hat. Das geht nicht.
Eggermann: Aber man kann es ihm auch nicht verübeln.
Vogel: Natürlich. Er wird vermutlich in der Situation in einem völligen Rauschzustand gewesen sein. Aber sobald er am Computer sitzt und wieder nüchtern ist, müsste er realisieren, dass das zuviel ist. Und auch die Agenturen und Redaktionen tragen dabei eine Verantwortung.

«Die Fotografie ist mein Zugang und mein Medium.»
Jutta Vogel, Fotografin

zentral+: Wie sind Sie zu ihrem Spezialgebiet in der Fotografie gekommen?

Eggermann: Einen Fokus setzt man irgendwann automatisch. Das passiert einfach. Ich habe 1954 als «Chemiefinger» angefangen, als ich beim Fotohaus Huber Fotografien entwickelte. Als ich dann meine Lehre bei Peter Ammon begann, setzte er mich auf meine Familie an – wir waren 11 Kinder zuhause. Auf die bin ich dann mit der Kamera los. Das waren meine ersten Sujets.
Vogel: Ich glaube, es entscheidet sich dadurch, welcher Typ man ist. Ich könnte nie Kriegsreporterin sein. Aber ich möchte wissen, was in einer Gesellschaft nach solch einschneidenden Ereignissen passiert. Dafür nutze ich die Fotografie. Zum Verständnis der Welt und des Lebens. Die Fotografie ist mein Zugang und mein Medium. Die Kamera ist dabei mein Notizbuch.
Eggermann: Meine Art der Fotografie ist da ganz anders. Ich liebe das Spiel mit einem Sujet. Wie kann ich mit Licht arbeiten – etwas in ein anderes Licht rücken.
Vogel: Es gibt nicht «die Fotografie». Daher wird auch jede Wand an der Werkschau anders aussehen.

zentral+: Zum Schluss des Interviews wünschen wir uns ein Porträt von Ihnen beiden – geschossen vom jeweils anderen.

Jutta Vogel (Bild: Hans Eggermann)

Jutta Vogel (Bild: Hans Eggermann)

Vogel: schaut in die Kamera Ich glaube ich mag es doch nicht so wirklich, fotografiert zu werden. lacht
Eggermann:
Ich könnte jetzt gleich eine ganze Serie mit dir machen.

Vogel: wirft einen Blick auf das Foto, welches Eggermann von ihr gemacht hat Ja, so sehe ich vermutlich aus. Sie lacht, nimmt ihre eigene Kamera in die Hand und beginnt ihrerseits Hans Eggermann zu fotografieren.

Hans Eggermann (Bild: Jutta Vogel)

Hans Eggermann (Bild: Jutta Vogel)

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1 Kommentare
  1. Paul Huber, 06.09.2014, 17:42 Uhr

    Schön, dass es die Vor-Selfie-Generation gibt.

    Nach Geri Müller und der Medienschlacht gegen ihn, hoffe ich auf, dass nun die Post-Selfie-Generation ihren Anfang nimmt.

    Danke für den guten Bericht!