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Jelineks «Eurydike» bleibt blau und verschwommen
  • Kultur
Lukas Darnstädt als Eurydike. (Bild: Ingo Höhn)

«Schatten (Eurydike sagt)» im Luzerner Theater Jelineks «Eurydike» bleibt blau und verschwommen

4 min Lesezeit 20.04.2018, 18:13 Uhr

In der Box des Luzerner Theaters wird «Schatten» von Elfriede Jelinek gespielt. Ein Stück übers Verschwinden, übers Verkleiden, übers Nicht-mehr-da-sein und Nicht-mehr-da-sein-wollen. Leider veschwinden jedoch auch die Eindrücke vom Stück schnell wieder.

Die Geschichte einer grenzüberschreitenden Liebe. Die Grenzen? Leben und Tod.

Orpheus und Eurydike, der Mythos über einen Sänger und seine Muse. Ein Mythos, der besagt, dass Orpheus seiner geliebten Eurydike wegen in die Unterwelt abstieg, um dort Hades zu überzeugen, ihm Eurydike zurückzugeben, sie wieder zum Leben zu erwecken, sie von den Schatten zurückzuholen. Elfriede Jelineks «Schatten (Eurydike sagt)» ist eine Neuinterpretation des griechischen Mythos, welches in der Box des Luzerner Theaters Premiere feierte.

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Eine Abrechnung mit der männlichen Perspektive

Es ist ein Stück übers Verschwinden, über Wut und wiedergewonnene Kontrolle, totale Kontrolle über sich, die einem nur der eigene Tod gewährt, wenn man alleine ist, als Schatten in der Unterwelt. Das Stück ist auch eine Abrechnung mit der bekannten männlichen Perspektive, jener von Orpheus.

Der Mythos besagt, dass Orpheus beim Abstieg in die Unterwelt sang, um Eurydike wiederzugewinnen. Und weil sein Gesang so göttlich war, der Klang seiner Lieder so wunderschön durch die Hallen der Unterwelt schallte, liess Hades Eurydike frei. Unter einer Bedingung: Wenn Orpheus aus der Unterwelt geht, darf er auf keinen Fall zurückblicken. Tut er es, würde sie für immer bleiben müssen. Orpheus geht und geht und er blickt zurück. Eine Natter beisst in Eurydikes Ferse. Sie stirbt erneut und verbleibt als Schatten in der Unterwelt.

Elfriede Jelineks Interpretation dieses Mythos führt zu einem Stück übers Verschwinden, übers Verkleiden, übers Nicht-mehr-da-sein und Nicht-mehr-da-sein-wollen. Übers Entgleiten des Ichs aus dem eigenen Körper, übers Eintauchen in fremde Stoffe, Kleider, die einen umhüllen, um zu tarnen, zu verbergen, zu schützen.

Verena Lercher und Lukas Darnstädt.

Verena Lercher und Lukas Darnstädt.

(Bild: Ingo Höhn)

Jelinek zu Hause, Sophia Bodamer in Papier

Die Literaturnobelpreisträgerin selbst meidet den öffentlichen Auftritt. Sie sagt, sie sitze den ganzen Tag zu Hause, schaue fern und lese Trivialliteratur. Doch es scheint, dass ihre Stimme umso lauter wird, je mehr Jelinek zu verschwinden versucht. Eine Stimme, die in ihr Schreiben fliesst, sich zu obskuren Theaterstücken zusammenfügt, reissende Gedankenströme abbildet, Ideen, Bilder und dazwischen verwoben, wie ein Schatten, tanzt die Handlung einer griechischen Sage.

Das Team

Inszenierung: Sophia Bodamer
Bühne und Kostüm: Prisca Baumann
Dramaturgie: Hannes Oppermann

Besetzung

Lukas Darnstädt
Verena Lercher
Lika Nüssli (Live-Zeichnungen)
David Jegerlehner (Live-Musik)

Inszeniert von Sophia Bodamer ist das Stück ebenfalls ein Schattenspiel. Papierwände, geometrisch gefächert über der Bühne verteilt, werden von mattblauem Licht beleuchtet. Schauspieler erscheinen, schreien und verschwinden zwischen den Papierwänden, tauchen wieder auf. Erst sind nur ihre Silhouetten im Dämmerlicht zu sehen, dann wieder schichten sich Schattenwürfe an allen Wänden der Bühne auf. Dazwischen die Figur der Eurydike, gespielt nicht von einer, nein von zwei Personen.

Stimmen, die sich gegenseitig ergänzen und aufstacheln. Eine Figur in zwei geteilt, die verdoppelt wurde, anstatt wie das Motiv des Stückes vermuten lassen würde, zu verschwinden. Obwohl genau diese Aufspaltung das Ich zum Verschwinden bringt. Jelineks Eurydike vermisst ihre Kleider stärker als ihren Mann. Ja, eigentlich will sie Schatten sein, jetzt, wo alle Zwänge aufgelöst wurden. Jetzt, wo sie die Deutungshoheit über jeden ihrer Gedanken hat, weil sie alleine ist und nicht mehr zu gehorchen hat. Doch er kommt. Sie hört ihn singen.

Destruktive Bilder, dichter Text – wenig bleibt

Während Eurydike in Jelineks Text als eine Person geschildert wird, die einen Modefimmel hat, die sich in Kleider legt, um sich selbst zu verbergen, bemalt Lika Nüsslin, eine Luzerner Illustratorin, das Bühnenbild mit dickem, schwarzem Pinselstrich. Das Stück kooperiert mit dem Fumetto-Comic-Festival. Lika Nüsslin unterstreicht die destruktive Stimmung des Stücks, indem sie unmittelbar malend auf diese reagiert. Bilder entstehen, Berge, die abwärts zu fliessen scheinen, aufgereihte Menschenbüsten, die im Bauch eines Monsters stehen, welches über ihnen thront, als wäre es der Tod. Eine kauernde Frau, die unter sich greift und mit der gezeichneten Hand ihr Fussgelenk umfasst.

Stimmungsvoll inszeniert und mit einzelnen, überzeugenden Textpassagen, bleiben die Dialoge zwischen den beiden Verkörperungen Eurydikes doch verschwommen. Der dichte Text Jelineks mag zwar für einen Leser interessant sein, einem Zuhörer fällt es jedoch schwer, diesem unaufhörlich zu folgen.

Die Absenz eindeutiger Handlungen sowie die abstrakte Ebene der Geschichte ist zum Teil interessant, jedoch bleibt der Text auf der Bühne zu sehr eine Masse, als dass ihm bleibende Eindrücke entnommen werden könnten. 

 

Das Stück wird noch bis zum 17.05.2018 in der Box neben dem Luzerner Theater gespielt.

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