«Je selbstverständlicher ich am Mischpult stehe, desto normaler wird dieses Bild für andere»
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Lena Brechbühl hat vor Jahren im Treibhaus die ersten Erfahrungen als Tontechnikerin gesammelt. Nun übernimmt sie ab Januar die technische Leitung. (Bild: ida)

24-Jährige wird neue Technik-Leiterin im Luzerner Treibhaus «Je selbstverständlicher ich am Mischpult stehe, desto normaler wird dieses Bild für andere»

4 min Lesezeit 8 Kommentare 21.12.2020, 05:00 Uhr

Nach Touren in Deutschland und Italien und einem Job in einem grossen Kulturzentrum zieht es Lena Brechbühl zurück ins Luzerner Treibhaus. Die 24-Jährige übernimmt ab Januar die technische Leitung.

Wir treffen Lena Brechbühl da, wo alles begann und seinen Lauf nahm: im Treibhaus, dem Jugendkulturhaus der Stadt. Hier kam Brechbühl mit der Tontechnik in Berührung, hier liess man sie machen, hier durfte sie erste Shows mischen und auch mal einen Fehler machen.

Es folgte ein Volontariat bei der Roten Fabrik in Zürich, Touren unter anderem mit Bands wie Faber und Odd Beholder durch Deutschland und Italien (zentralplus berichtete).

Doch das Treibhaus konnte Brechbühl nie richtig loslassen. Immer, wenn sie nach Luzern zurückkehrt, sei das ein Gefühl von Heimat. Ein Gefühl, das sie auch verspürt, wenn sie, wie jetzt bei einer Tasse Kaffee, im Treibhaus sitzt. Wenn die 24-Jährige über das Kulturlokal spricht, dann «ist das eine kleine Liebeserklärung».

Es gilt Chancen zu packen

Seit bald drei Jahren hier als Freelancerin tätig, gibt’s nun News an der Front: Ab Januar übernimmt sie die technische Leitung. Mit wenig Erfahrung durfte sie im Treibhaus ihre ersten Schritte machen – nun darf sie in ihrer neuen Funktion ihr Wissen und ihre Erfahrungen anderen weitergeben.

«Dass es nach wie vor so wenige Frauen an den Mischpulten gibt, das ist überhaupt nicht normal.»

«Natürlich habe ich noch vor fünf Jahren nicht damit gerechnet, dass ich einmal einen solchen Posten übernehmen werde», sagt Brechbühl. Sie möchte sich nicht zu sehr auf gesteckte Ziele versteifen, sondern auch Chancen packen, die sich ergeben.

Sexismus: Sie wurde harter im Nehmen

Dass sich Brechbühl in ihrer Arbeit in einer Männerdomäne bewegt, damit hat sie sich längst abgefunden. Wenn sie sich aber wieder vermehrt mit dem Thema auseinandersetzt, realisiert sie: «Dass es nach wie vor so wenige Frauen an den Mischpulten gibt, das ist überhaupt nicht normal. Es mag ein bisschen besser sein als noch vor fünf Jahren, aber es geht mir viel zu langsam.»

In den fünf Jahren, in denen Brechbühl am Mischpult steht, seien die sexistischen Sprüche nicht weniger geworden, die eigene Toleranzgrenze hingegen gestiegen. «Ich habe leider gelernt, wegzuhören. Zu Beginn habe ich bei jeder blöden Bemerkung aufgeschrien, ich war die unermüdliche Weltverbesserin. Mittlerweile schlucke ich viel mehr.»

Bis zu einem gewissen Grad sei es für sie eine Art Überlebensstrategie geworden, sagt die 24-Jährige. Sie spart Nerven und Energie, indem sie nur noch bei «gröberen Sachen» eingreife. «Und dann ist es eigentlich zu spät.»

Denn wenn sie sich wehre, dann tue sie das nicht nur für sich. Sondern auch für alle anderen, die womöglich in einer ähnlichen Situation diese Art von Belästigung oder Übergriff erfahren.

Eine noch bessere Durchmischung als Ziel

Lena Brechbühl hat sich für die nächsten Jahre ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Im gut durchmischten Treibhaus will sie im Technik-Pool – derzeit sind es zwei Frauen – zur Hälfte Frauen für die Technik gewinnen.

Die Luzernerin weiss, wie wichtig weibliche Vorbilder für andere junge Frauen sind und wie wichtig es ist, sich untereinander zu pushen und zu ermutigen. Für sie selbst war Flo Diemer, Tontechnikerin in der Schüür, ein solches Role Model. «Als ich sie am Mischpult sah, wollte ich in dem Moment selber nicht mehr auf der Bühne, sondern bei ihr am Mischpult stehen», sagt Brechbühl. Sie fühlte sich ermutigt, dass auch sie das kann, und durchlöcherte sie mit ihren Fragen. Ganz einen anderen Eindruck hatte Brechbühl, als Flo ihre Sachen zusammenpackte und wiederum ein Mann am Mischen war.

… und Vorbild für andere sein

Ein solches Vorbild will Brechbühl für andere Menschen sein. Ihnen ihr Wissen weitergeben, ihnen zeigen, dass auch sie in der Technik Fuss fassen können und dass es nichts mit dem Geschlecht zu tun hat, wenn man etwas nicht auf Anhieb kann oder einen Fehler macht.

Und was sie sich noch viel mehr wünscht: Dass es irgendeinmal völlig egal ist, wer da am Mischpult steht. Sei das eine Frau, inter, trans oder non-binäre Person. «Das Einzige was am Ende zählt, ist, dass der Job gut gemacht wird. Und je selbstverständlicher ich am Mischpult stehe, desto selbstverständlicher wird dieses Bild auch für alle anderen rundherum.»

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8 Kommentare
  1. Andy Bürkler, 21.12.2020, 12:06 Uhr

    Ich bin ja normalerweise eher konservativ, aber ich verstehe nicht ganz, was «der Kampf» dieser Frau ist.
    Im Kulturbetrieb als Frau ein Mischpult bedienen? Echt jetzt? Gab es das nicht schon vor Jahrzehnten?

    > » Dass es irgendeinmal völlig egal ist, wer da am Mischpult steht.»
    Ist das nicht schon lange völlig egal im Jugend-Kulturbetrieb?
    Das ist zwar altersbedingt nicht mehr meine Welt, aber ich glaube dieser «Kampf» auf diesem Terrain ist kein grosses Thema.

    1. Cyrill Studer Korevaar, 21.12.2020, 13:30 Uhr

      Offensichtlich scheint das Geschlecht für einen Teil der Klientel nicht egal zu sein, Herr Bürkler. Sonst stünde im Text wohl kaum:

      In den fünf Jahren, in denen Brechbühl am Mischpult steht, seien die sexistischen Sprüche nicht weniger geworden, die eigene Toleranzgrenze hingegen gestiegen. «Ich habe leider gelernt, wegzuhören. Zu Beginn habe ich bei jeder blöden Bemerkung aufgeschrien, ich war die unermüdliche Weltverbesserin. Mittlerweile schlucke ich viel mehr.»
      Bis zu einem gewissen Grad sei es für sie eine Art Überlebensstrategie geworden, sagt die 24-Jährige. Sie spart Nerven und Energie, indem sie nur noch bei «gröberen Sachen» eingreife. «Und dann ist es eigentlich zu spät.»
      Denn wenn sie sich wehre, dann tue sie das nicht nur für sich. Sondern auch für alle anderen, die womöglich in einer ähnlichen Situation diese Art von Belästigung oder Übergriff erfahren.

      Absolut bitter und eine Schande, dass sowas heute noch passiert. In dem Sinne: herzlichen Dank für Lena Brechbühls Engagement auch in dieser Sache.

    2. Andy Bürkler, 21.12.2020, 13:50 Uhr

      @Cyrill Studer Korevaar: «Offensichtlich scheint das Geschlecht für einen Teil der Klientel nicht egal zu sein».
      Fragt sich halt, welcher «Teil der Klientel» das ist.
      Scheint mir ein eher neueres Phänomen zu sein. Damals, in Sedel, Boa, Schüür und Uferlos kann ich mich nicht an solche Probleme nicht erinnern.

  2. Doris Klitt, 21.12.2020, 07:07 Uhr

    Das Konzerthaus Südpol hat seit Jahren exorbitante Fluktuationszahlen. Sucht verzweifelt nach einer (organischen) Identität. Warten wir mal ab, wie lange Fr. Brechbühl an Bord ist; ich persönlich gebe ihr keine 24 Monate. Genderdebatten hin- oder her. Letztlich zählt die Leistung. Dieses Prinzip steht leider auf Kriegsfuss mit den Grundsätzen der Genderokratie resp. Quotokratie resp. Ideolokratie! Gerade die Kulturbetriebe leisten hier als Ideologieproduzenten eine fatale Arbeit. Offenbar hängt das auch mit den Lebensentwürfen der Generation Z zusammen. Verbindlichkeiten sind nur schwer zu ertragen, längerfristige Lebensentwürfe haben bloss angsterfüllten Charakter, Identität und Orientierung (im sozialpsychologischen Sinn) sind nicht mehr relevant, das Individuum ist atomisiert, verliert jegliche determinierende Verbindung zur Gesellschaft. Heute hier, morgen dort. Maximal entfremdet und bloss noch ein sinnentleertes Versatzstück einer Kulturleistung, die an sinnbefreiter Verwirrtheit nicht mehr zu überbieten ist.

    1. Cyrill Studer Korevaar, 21.12.2020, 08:28 Uhr

      Konzerthaus Südpol?

    2. Mykill, 21.12.2020, 08:31 Uhr

      Sie sind bestimmt eine Person die sich selbst gern reden hört. Ihre von Frust geprägte Ausdrucksform und die übertriebene Art wie sie Schlagwörter verwenden, erinnert mich an Wutbürger und ihre !!!!! in jedem Satz. Was sie damit jedoch klar ausdrücken wollen bleibt mir unklar.

      Mfg

    3. Dinah, 21.12.2020, 12:58 Uhr

      @Doris Klitt ok Boomer
      Text gelesen? Wenn ja, auch verstanden?
      Lena kehrt zu ihren Anfängen zurück. Sie ist eine tolle Frau, eine super Technikerin und vor allem absolut zuverlässig.
      Was dieser Beitrag von Ihnen jetzt soll, entzieht sich meiner Kenntnis.
      Und bitte, das Treibhaus und der Südpol sind zwei verschiedene Dinge.
      Noch einen kleinen Tipp am Rande. Wenn Sie wollen, dass Sie ernst genommen werden, hören Sie auf inflationär mit Satzzeichen um sich zu schlagen. Dies ist der Generation Z überlassen 🙂

    4. Afish, 22.12.2020, 17:28 Uhr

      Danke Dinah für deine Worte. Wollte eigentlich auch antworten, dies erübrigt sich nach deinem Beitrag aber, weil dem nichts hinzuzufügen ist 😉

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