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Jazz – in Luzern nur für alte Herren?
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Die Bourbon Street Jazz Band aus Luzern an einem Auftritt des Jazz-Clubs von 2012 im Casineum. (Bild: zvg)

Kein Nachwuchs und viel Kritik für den Jazz-Club Jazz – in Luzern nur für alte Herren?

9 min Lesezeit 19.02.2017, 17:48 Uhr

Der Jazz-Club Luzern veranstaltet seit 70 Jahren Konzerte im KKL und im Casino. Böse Zungen reden von «Altherrenjazz». Dessen Präsident beklagt sich, dass kaum Junge an die Konzerte kommen. Mit dieser Aussage sorgt Roman Schmidli für Kopfschütteln, vielmehr interessiere er sich nicht für das junge Jazzschaffen.

Es war der Abschluss des Festivals «Szenenwechsel» der Hochschule Luzern im KKL. Auf der Bühne die schuleigene Big Band zusammen mit dem dänischen Saxofonisten Lars Møller. Junge Jazzmusiker spielen Strawinsky.

Leider war das Publikum im Gegensatz zu den vielen Studenten auf der Bühne im gesetzten Alter. Die Begründung: «Das Interesse für Jazz setzt erst ab Mitte 30 ein.» Das sagte Roman Schmidli, Präsident des Jazz-Clubs Luzern, der das Konzert am 5. Februar im Luzerner Saal mitorganisierte. Und so stand es zwei Tage später in der «Luzerner Zeitung».

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Eine Aussage, die in ihrer Absolutheit überrascht und irritiert: Gibt es wirklich kein junges Jazzpublikum in Luzern? Wo doch eben erst das Jugendradio 3fach eine Jazzsendung lancierte? Wo doch die renommierte Jazzschule Jahr für Jahr frische Talente ausspuckt? Und wo ein Jazz Festival Willisau ein höchst innovatives Programm auf die Beine stellt?

Die Big Band der Hochschule Luzern an einem Auftritt 2016.

Die Big Band der Hochschule Luzern an einem Auftritt 2016.

(Bild: Hochschule Luzern)

Überaltert und altmödelisch

Schmidlis Aussage blieb nicht unkommentiert: Marc Unternährer, Jazzmusiker, der kein Blatt vor den Mund nimmt und selbst Konzerte organisiert, schrieb kurz darauf auf Facebook einen langen Post. Er stiess damit auf grosse Resonanz.

«Der Jazz-Club ist zu einem überalterten und altmödelischen Verein geworden.»

Marc Unternährer, Musiker

Er warf Roman Schmidli vor, das Interesse für lebendigen Jazz schon lange verloren zu haben: «Er ist seit 40 Jahren Präsident des Jazz-Clubs. In dieser Zeit entwickelte sich dieser von einem innovativen Veranstalter in der Stadt Luzern zu einem überalterten, altmödelischen, reaktionären, aber hochsubventionierten Verein.» Zudem vermisse man Schmidli an Jazzkonzerten im Neubad, Mullbau, Kleintheater, in der Jazzkantine oder in der Krienser Kulturbrauerei. Dort also, wo ein junges Publikum durchaus verkehrt.

Jazz-Club: Unterstützt von Stadt und Kanton

Der Jazz-Club Luzern, gegründet 1949, hat etwa 900 Mitglieder. Der Verein macht rund 500'000 Franken Umsatz pro Jahr und kommt laut Schmidli auf einen Eigenfinanzierungsgrad von etwa 80 Prozent. Der Verein bekommt 40'000 Franken jährlich von der Stadt, 10'000 vom Kanton sowie Unterstützung privater Sponsoren. Doch das wird immer schwieriger: Von ehemals mehreren Sponsoren ist noch eine Uhrenmarke übriggeblieben, «auch sie hört bald auf», sagt Schmidli.

Eine Frage, die man hört: Sind die doch recht hohen Subventionen gerechtfertigt, wenn der Jazz-Club die lokale Szene kaum berücksichtigt? Andererseits befürchten viele der Angefragten einen Verteilkampf der ohnehin knapper werdenden Kulturgelder: «Einander das Geld abzugrasen bringt nichts, dann sägt man am eigenen Ast», sagt Arno Troxler, Leiter des Jazz Festival Willisau, dazu. Vielmehr müsse man dafür sorgen, dass für gute Ideen und echte Bedürfnisse mehr Geld gesprochen wird.

Unternährer schreibt: «Die Zeiten haben sich geändert. Seit Jahren widersteht Roman Schmidli jeder Anregung, zum Beispiel junge Leute in den Vorstand zu holen und so eine junge Jazzreihe aufzubauen.»

Frisches Blut tut not

Der Vorwurf steht im Raum: Der Jazz-Club beklagt sich, dass er kein junges Publikum findet – interessiert sich aber seinerseits kaum für das junge Jazzschaffen. Marc Unternährer erntete viel Zuspruch für sein Statement. Was sagt der 74-jährige Roman Schmidli, Präsident des Jazz-Clubs Luzern, zu den Vorwürfen? Veranstaltet er Altherren-Jazzkonzerte, wie man den Vorwurf hört?

Der Jazz-Club Luzern besteht seit bald 70 Jahren und zählt 900 Mitglieder. Er organisiert rund 20 Konzerte pro Jahr im Casino und im KKL Luzern. Roman Schmidli selbst amtet seit 42 Jahren im Vorstand, fast so lange als Präsident.

Schmidli gibt unumwunden zu: «Viele Mitglieder sind schon lange dabei, wir könnten schon frisches Blut ertragen, es ist eine Tatsache, dass wir viele Junge nicht mehr abholen können.» Der durchschnittliche Konzertbesucher liege mittlerweile zwischen 40 und 60 Jahren. Der Jazz-Club hat also eindeutig ein Nachwuchsproblem.

Hochblüte in den 50er-Jahren

Früher war das anders und das Publikum noch jünger: Im Jahr seiner Gründung hat der «initiative Club» für Glanzpunkte in der Luzerner Jazzszene gesorgt. In der Hochblüte des Jazz in den 50ern hatte er regen Zulauf. Etliche Stars – darunter Louis Armstrong und Ella Fitzgerald – kamen nach Luzern.

«Wir veranstalten heute weniger Traditionelles als früher, Dixieland nur noch als Matinée-Konzerte.»

Roman Schmidli, Präsident Jazz-Club

Mit dem Aufkommen von Rock und Pop, der Beatles- und Stones-Ära, wurde es für den Jazz schwieriger: «In den 60er-Jahren war der Jazz weg vom Fenster», wie Schmidli sagt. In den 70ern habe es der Jazz-Club geschafft, den Jazz zurück in die grossen Konzertsäle zu führen. Und es kam ein junges Publikum: Die Konzertbesucher waren damals laut Schmidli zwischen 25 und 30 Jahren alt.

Ein «gemässigt modernes» Programm

Man kennt es: Mitglieder und Publikum werden mit der Institution älter. Am Programm liegt’s nach Schmidlis Ansicht nicht: Der Jazz-Club veranstalte heute weniger Traditionelles als früher, Dixieland etwa nur noch als Matinée-Konzerte.

An den Abenden bietet man laut Schmidli ein «gemässigt modernes» Programm. Das heisst: nicht zu modern, möglichst wenig Elektronisches, möglichst unverstärkt. Sonst vertrage es sich schlecht mit der Akustik im Casino, so Schmidli.

David Grottschreiber (links) leitet das Lucerne Jazz Orchestra, Roman Schmidli ist Präsident des Jazz-Clubs.

David Grottschreiber (links) leitet das Lucerne Jazz Orchestra, Roman Schmidli ist Präsident des Jazz-Clubs.

(Bild: zvg)

Grosse Namen sind geblieben: Am 4. März spielt beispielsweise im KKL Abdullah Ibrahim. Jüngere Jazz-Vertreter hingegen gibt’s kaum, im aktuellen Programm findet man mit dem österreichischen David Helbock Trio gerade mal einen. Und: keine einzige Schweizer, geschweige denn Luzerner Truppe.

Besucher ab dem Studentenalter

Dass es anders geht, zeigt etwa David Grottschreiber, Gründer und Leiter des Lucerne Jazz Orchestra (LJO). Seit seiner Gründung vor zehn Jahren bringt es Werke von jungen Komponisten im In- und Ausland auf die Bühne. Grottschreiber sagt: «Natürlich machen wir eher Spartenmusik, aber an unsere Konzerte kommen Leute ab dem Studentenalter.» Dass man sich erst ab Mitte 30 für Jazz interessiere, stimme so nicht. Es gebe neben der «alten Garde» des Jazz, die um Leute wie den Gitarristen Christy Doran gewachsen sei, durchaus eine vitale, junge Jazz-Generation.

«Natürlich bucht der Jazz-Club grosse Namen, aber es ist nicht das, was Junge interessiert.»

David Grottschreiber, Leiter Lucerne Jazz Orchestra

Wieso findet der Jazz-Club denn kein junges Publikum? Das hängt für Grottschreiber viel eher mit dessen Programm zusammen und damit, wie das Ganze aufgezogen ist. Dazu kämen die eher teuren Preise im KKL. «Natürlich bucht der Jazz-Club grosse Namen, aber es ist nicht das, was Junge interessiert. Da treten eher gestandene Musiker auf, nicht die Big Hypes aus der Szene, und das Verständnis von Jazz ist ein sehr konservatives», so Grottschreiber.

Keine Zusammenarbeit möglich

Das LJO habe schon eine längerfristige Zusammenarbeit mit dem Jazz-Club gesucht – ohne Erfolg. «Sie haben ihre Stammkundschaft und trauen sich wenig. Wenn jemand etwas Neues ausprobieren will, stösst man beim Jazz-Club auf wenig Interesse», so Grottschreiber.

Das Lucerne Jazz Orchestra mit Leiter David Grottschreiber (links) macht es vor: Junge interessieren sich für Jazz.

Das Lucerne Jazz Orchestra mit Leiter David Grottschreiber (links) macht es vor: Junge interessieren sich für Jazz.

(Bild: zvg)

Er wünscht sich generell mehr Kollaborationen – wieso also nicht zwischen dem Jazz-Club und Orten wie dem Mullbau oder der Kulturbrauerei? «Ich fänd’s cool, wenn sich die örtlichen Veranstalter unter die Arme greifen. Der Jazz hat ein Nischendasein, da schadet es nicht, wenn man sich unterstützt.» Was ja bereits oft geschehe – doch der Jazz-Club bleibe da aussen vor.

Grottschreiber sagt: «Klar geht das Jazz-Club-Publikum nicht an Free-Jazz- oder Elektro-Jazz-Konzerte, aber es sollte eine gewisse Offenheit herrschen.»

Junge gehen sehr wohl an Jazzkonzerte

Auch Hämi Hämmerli, Leiter des Instituts Jazz und Volksmusik der Hochschule Luzern – Musik, ist entschieden der Meinung, dass die «gewagte Aussage» von Roman Schmidli nicht stimmt. «Wir haben genügend Nachwuchs, das fängt teils schon mit 15 oder 16 Jahren an», sagt Hämmerli. Die Jazzschule läuft: Derzeit studieren rund 120 Personen im Bachelor- und Masterstudiengang am Institut Jazz der Musikhochschule und rund 40 in Vorbereitungskursen.

«Es sind verschiedene Szenen, es ist berechtigt, dass die nebeneinander existieren.»

Hämi Hämmerli, Leiter Institut Jazz

Und diese jungen Jazzinteressierten besuchen sehr wohl Jazz-Konzerte, nur halt oft nicht jene des Jazz-Clubs. Viel eher sind sie in der Jazzkantine, im Mullbau oder in der Gewerbehalle anzutreffen. Dort, wo wiederum die Leute des Jazz-Clubs nicht verkehren, das sei ihnen wohl «zu funky», so Hämmerli.

Hämi Hämmerli, Leiter des Instituts Jazz und Volksmusik der Hochschule Luzern – Musik (links); Arno Troxler, Leiter des Jazz Festival Willisau.

Hämi Hämmerli, Leiter des Instituts Jazz und Volksmusik der Hochschule Luzern – Musik (links); Arno Troxler, Leiter des Jazz Festival Willisau.

(Bild: zvg)

Hämmerli hat Respekt für die jahrzehntelange Arbeit von Roman Schmidli und seinen Jazz-Club: «Er ist als Veranstalter ein Enthusiast und 40 Jahre sind eine unglaublich lange Zeit. Ich habe in jungen Jahren etliche Konzerte des Jazz-Clubs besucht», erinnert sich Hämmerli. «Ich hoffe, dass Roman Schmidli irgendwann eine nicht minder enthusiastische Nachfolge findet und dass die Reihe nicht zusammenbricht.»

Hämi Hämmerli fände es begrüssenswert, würden Jazz-Club und Szene näher zusammenrücken, glaubt aber nicht mehr daran, dass sich da etwas bewegt. «Es sind so verschiedene Szenen, und es ist auch berechtigt, dass die nebeneinander existieren.» Da sei es wohl eher ein Problem mit dem sehr weit gefassten Begriff «Jazz», der heutzutage alles abdecke, was mit improvisierter Musik zu tun habe: vom klassischen Bebop bis Elektro oder sogar Singer/Songwriter.

Nicht jammern, etwas unternehmen

Schliesslich haben wir bei Arno Troxler nachgefragt, gefragter Jazzschlagzeuger und seit 2010 Leiter des international renommierten Jazz Festival Willisau. Er versucht mit einem breiten Programm und speziell den günstigen Late-Spot-Konzerten, die auf ein Club-orientiertes Publikum zugeschnitten sind, ein junges Publikum nach Willisau zu locken. Die «Einstiegsdroge» gelingt – auch wenn er sagt: «Wir haben nicht massenhaft 25-Jährige an unseren Konzerten.»

«Man darf nicht jammern, dass zu wenig Junge kommen, sondern muss etwas unternehmen.»

Arno Troxler, Leiter Jazz Festival Willisau

Man müsse sich halt bewusst sein, was man veranstalte und was man damit für Leute anspreche. Auf den Jazz-Club bezogen heisst das für Troxler: «Man sollte sich nicht darüber beklagen, dass zu wenig Junge kommen, sondern müsste etwas unternehmen.» Das fange mit Studentenrabatt an, hänge auch von den beteiligten Personen ab sowie vom Veranstaltungs-Ort. Und: «Die Identifikation mit den Konzerten steigt, wenn man lokale Jazzmusiker einbindet», sagt Arno Troxler. Mit Jammern allein jedoch mache man es sich zu einfach.

Junger Schweizer Jazz in Willisau 2016: das Trio Heinz Herbert bei einem Auftritt.

Junger Schweizer Jazz in Willisau 2016: das Trio Heinz Herbert bei einem Auftritt.

(Bild: Jazz Festival Willisau/Marcel Meier)

Noch läuft es gut

Trotz ausbleibenden jungen Besuchern muss man sich um den Jazz-Club vorerst keine Sorgen machen; die Konzerte sind sehr gut besucht. «Es läuft so gut wie noch nie», sagt Schmidli. 100 Besucher im Casino seien da schon im unteren Bereich. Dann doch ein Aber: Der Bau des KKL hat dem Jazz-Club ab 1998 zusätzlichen Schub verliehen, von diesem Bonus hat der Jazz-Club viele Jahre profitiert – aber das ist heute vorbei.

Es werde immer schwieriger, 1000 bis 1500 Leute ins KKL zu locken, das Risiko sei zu hoch, «da müssen wir aufpassen». In den besten Zeiten hat der Jazz-Club zwölf Konzerte pro Jahr im KKL organisiert, heuer sind’s noch die Hälfte. Lieber ein volles Casino also als ein mässig besuchtes KKL, lautet die Losung.

«Wir sind offen für frischen Wind und haben Freude, wenn Jüngere anklopfen.»

Roman Schmidli

Wieso verjüngt der Jazz-Club nicht seinen Vorstand und sucht die Zusammenarbeit mit der Szene? Im Moment sitzen im Vorstand neben Schmidli vier weitere Personen – alle zwischen 50 und 70 Jahren alt: Vizepräsident Jürg Werthmüller (selbst Musiker und Musiklehrer), Monika Schmidli (Sekretariat), Ursula Altmann (Kasse) und Jürg Voney (Beirat).

«Wir sind auf jeden Fall offen für frischen Wind und haben Freude, wenn Jüngere anklopfen», sagt Schmidli. Aber es sei ein Problem, das viele Vereine plagt: «Die Jungen wollen konsumieren, aber nicht mit anpacken, wir haben Mühe, neue Leute für den Vorstand zu gewinnen.» Eine kleine Erneuerung gab’s vor vier Jahren mit dem Vizepräsidenten Werthmüller, für Schmidli «ein grosser Gewinn».

Hoffnung liegt auf Schulen

Und wieso keine verstärkte Zusammenarbeit mit der Jazzabteilung der Hochschule Luzern? Schmidli gibt den Ball zurück: «Jazzschüler sieht man an unseren Konzerten höchst selten», so Schmidli. In den Anfangszeiten der Jazzschule, als diese noch privat geführt war, habe es die Zusammenarbeit noch gegeben.

Gut läuft immerhin die Zusammenarbeit mit öffentlichen Schulen. «Das motiviert», sagt Schmidli. Dank engagierten Lehrpersonen kämen viele Schüler an Jazz-Club-Konzerte. «Wir begrüssen das und schreiben gezielt Schulen an. Wir haben gute Rückmeldungen, da kann man für die Zukunft hoffen», sagt Schmidli.

Nachtrag: In einer früheren Version des Artikels stand, dass der Jazzclub keine Studentenrabatte gewähre. Richtig ist: An der Abendkasse gibt es Studentenrabatte, aber diese waren nirgends ersichtlich. Dies wurde inzwischen auf der Website des Jazzclub so vermerkt.

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