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Ivo Amarilli: «Ich hatte damals keine Ahnung von gar nichts»
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Die Uniform passt noch: Baby Genius damals (2008, links) und heute. (Bild: Guido Röösli)

Luzerner «Baby Genius» reist 10 Jahre zurück Ivo Amarilli: «Ich hatte damals keine Ahnung von gar nichts»

5 min Lesezeit 30.05.2018, 09:27 Uhr

Ivo Amarilli alias Baby Genius schaut selbstkritisch auf seine Anfänge zurück: «Ich war vor zehn Jahren mit Abstand der schlechteste Musiker im Studio.» Nun hat er sein Debütalbum noch einmal Song für Song eingespielt. Er singt heute besser, dafür wünscht er sich die Naivität zurück.

Wer im Streaminguniversum nach «Baby Genius» sucht, stösst auf die 123 besten Kindersongs – «Pop! Goes the Weasel». Doch die haben nichts mit diesem Baby zu tun, das soeben zehn Jahre alt geworden ist: Baby Genius, der Luzerner Musiker Ivo Amarilli.

2008 brachte Baby Genius aus dem Nichts sein gleichnamiges Debüt heraus, konnte aber weder Gitarre spielen noch richtig singen. Aber er hatte genügend Vorbilder, eine gute Portion Unbeschwertheit und vor allem: Er wollte! Das machte dieses Debüt sympathisch unbeholfen, frisch und rotzig.

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Zehn Jahre und drei Alben später ist alles etwas komplizierter: das Baby erwachsener, Amarilli ist mit seinem Job beim SRF eingespannt, die Zukunft der Band ungewiss. Da bietet es sich an, an den Anfang zurückzuspulen: Wie wäre es, die gleichen Songs mit den gleichen Musikern von damals nochmals einzuspielen?

Ivo Amarilli, heute 31-jährig, hat für das Experiment die Musiker von damals, die er zum Teil zehn Jahre nicht mehr gesehen hat, nochmals zusammengetrommelt. «Es passiert, was passiert», sagte Ivo Amarilli im Trailer zum Album «10». Wir wollten es genauer wissen.

zentralplus: Sind Ihnen eigentlich die Ideen ausgegangen?

Ivo Amarilli: Songs für ein neues Album hätte ich, aber ich habe in den letzten paar Jahren kaum mehr Musik gemacht. Ich hatte einfach nicht mehr so das Reissen, ich müsste wohl grundsätzlich etwas ändern.

zentralplus: Also sind Sie lieber zurück zu den Anfängen?

Amarilli: Die Idee dazu hatte ich schon länger, jetzt zum Zehnjährigen macht es Sinn. Ich bin ein Archivmensch, ich habe oft wieder alte Sachen gehört und fand, dass sie damals so eine Naivität hatten, die ich mir zurückwünsche. Das war der Ursprung. Dann fragte ich mich: Würde es wieder gleich tönen, wenn ich es nochmals aufnehme?

zentralplus: Tut es nicht, wie man jetzt hört. Vor allem die Stimme hat sich über die zehn Jahre stark verändert.

Amarilli: Ja, das ist mir auch aufgefallen. Ich ging nie in den Gesangsunterricht, aber ich habe halt zehn Jahre länger geraucht, vielleicht spielt das eine Rolle. Damals habe ich im Studio das erste Mal überhaupt in meinem Leben gesungen. Die Stimme hat mich am meisten gestört auf dem alten Album, ich kann sie heute kaum mehr hören.

«Wir veröffentlichen ein Album, das null dem Zeitgeist entspricht.»

zentralplus: Wollten Sie die Songs bewusst verbessern?

Amarilli: Das Album ist keine Kopie, aber auch keine Neuinterpretation. Die Songs haben sich einfach entwickelt, aber ich singe nicht bewusst anders. Wir probierten alles nochmals unter den gleichen Bedingungen einzuspielen. Ich glaube, das hat es so noch nie gegeben.

Urteilen Sie selber: der Song «Just Wanted to Know» von 2008:

… und von 2018:

zentralplus: Sie haben das Album unter den exakt gleichen Bedingungen wieder eingespielt?

Amarilli: Ja, mit den gleichen Leuten und im gleichen Studio von Tobi Gmür. Wir haben vor zehn Jahren nur dreimal geprobt für das Album, das haben wir wieder gleich gehandhabt. Es war sehr erfrischend, wieder mit den Musikern von damals zusammenzuspielen. Den Schlagzeuger Mex Respondek habe ich, seit er vor zehn Jahren aus dem Studio gelaufen ist, nicht mehr gesehen.

Plattentaufe reloaded

Baby Genius: «10» (Little Jig). Plattentaufe: Mittwoch, 30. Mai, 20 Uhr, Konzerthaus Schüür Luzern. Baby Genius spielt mit der Besetzung von 2008. Als Support spielt die 2014er-Version von Baby Genius, mit der er sein letztes Album «Anthropology» einspielte. Der Dokfilm dazu, den er momentan dreht, erscheint Ende Jahr.

zentralplus: Ist es nicht ein grosser Widerspruch, eine Momentaufnahme nochmals zu reaktivieren?

Amarilli: Ich habe mich einfach gefragt, ob man es schafft, die Energie von damals nochmals aufzubringen. Ich habe mich das erste Mal damit auseinandergesetzt, wie das damals war und was ich gedacht habe. Und ich habe gemerkt, dass ich überhaupt nichts gedacht habe. Ich hatte keine Ahnung von gar nichts. Ich war vor zehn Jahren mit Abstand der schlechteste Musiker in diesem Studio.

zentralplus: Und ist das Experiment für Sie aufgegangen, wenn Sie das Resultat hören?

Amarilli: Ich habe mir erhofft, dass ich alle Fehler des ersten Albums ausmerzen kann und dass ich danach alles gut finde. Das ist eine völlige Illusion, denn kaum ist ein Album fertig, nerven dich gewisse Sachen. Ich finde schon, dass es gelungen ist, ich finde acht Songs besser, zwei gleich gut und zwei sind schlechter.

Ehrlich gesagt, ist es mir gar nicht um die Musik gegangen, sondern um die Idee des Experiments. Ich nenne es Kunstprojekt und nicht Album. Ich kann erstmals ernsthaft sagen, dass ich das für mich mache und nicht für jemand anders. Einfach weil ich die Idee geil finde. Mal ehrlich: Wir veröffentlichen jetzt ein Album, das null dem Zeitgeist entspricht.

Der Trailer zum Album:

 

zentralplus: Und eigentlich ist das Album Treiber für einen Dokfilm, der noch entsteht. Was hat es auf sich damit?

Amarilli: Ich möchte die gesellschaftliche Frage aufgreifen, wie man sich verändert als Künstler zwischen 20 und 30. Wenn ich auf mein Umfeld schaue, macht fast niemand mehr Musik, bei mir ist es gleich. Mich hat die Frage interessiert, wieso das so ist und was das mit der Schweiz zu tun hat.

zentralplus: Im Film beantworten Sie diese Fragen?

Amarilli: Es sind Porträts über die involvierten Leute: Was bei ihnen in den letzten zehn Jahre passiert ist und was sie heute machen. Ich bin überzeugt, dass der Film recht desillusioniert wird. Weil eigentlich fast alle frustriert sind.

«Ich bin nicht mega traurig, dass ich heute kein Rockstar bin.»

zentralplus: Vor zehn Jahren war die Rockcity Luzern in der Blütezeit. Wieso ist es heute schwieriger?

Amarilli: In den allermeisten Fällen ist es einfach eine brotlose Geschichte, man hat noch einen Job, man hat studiert und kommt an einen Punkt, an dem man sich entscheiden muss zwischen Musik, Karriere und Familie. Der Plan B ist letztlich in den allermeisten Fällen das bessere Gesamtpaket als die Musik. Zudem hat man in der Schweiz zu wenig Geduld und Mut, um ein paar Jahre durchzubeissen. Das passt nicht zu unserer Mentalität und ist gesellschaftlich nicht gestützt.

zentralplus: Wurden Sie eigentlich nostalgisch bei der Arbeit?

Amarilli: Man bezeichnete mich damals als jung und frech. Aber wenn ich heute die damaligen Interviews höre, merke ich, dass ich voll im Clinch war, ob ich eine Rolle spielen soll oder nicht. Das war nicht sehr konsequent durchdacht von meiner Seite.

zentralplus: Sie sehnen sich also nicht zurück?

Amarilli: Nein, eigentlich nicht. Ich bin nicht mega traurig, dass ich heute kein Rockstar bin. Und ich beneide nicht wahnsinnig viele Leute, die da drin sind.

zentralplus: Und wie geht’s mit Baby Genius weiter?

Amarilli: Ich weiss es nicht. Das Projekt wäre eigentlich ein schöner Abschluss.

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