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Ist der Luzerner Kulturkompromiss in Gefahr?
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Die Diskussion um eine Salle Modulable regt auch weitere Fragen an. (Bild: Visualisierung)

Salle Modulable entfacht Kampf um Kulturgelder neu Ist der Luzerner Kulturkompromiss in Gefahr?

5 min Lesezeit 21.06.2016, 18:01 Uhr

Zahlreiche Luzerner Kulturschaffende fordern einen neuen Kulturkompromiss. Denn die «nicht-etablierte Kultur» fürchtet sich davor, finanziell unter die Räder zu kommen, falls die Salle Modulable Realität wird. Bei Stadt und Kanton stossen die Initianten nicht nur auf Verständnis.

Die Diskussion um eine Salle Modulable drehte sich in den vergangenen Wochen vor allem um das Standort-Thema. Nun rückt aber auch der Kulturkompromiss wieder stärker in den Fokus.

Auf Initiative des Neubad-Vorstands und der ILM Sedel haben sich Kulturschaffende und Institutionen zusammengeschlossen und ein Online-Manifest verfasst: Es fordert eine Neuverhandlung des Kulturkompromisses (zentralplus berichtete). Eine Forderung, welche in den letzten Wochen von verschiedensten Seiten immer mal wieder hör- und lesbar war.

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Gleichgewicht erhalten

Auch eine redimensionierte Salle Modulable drohe mit den geplanten Betriebskosten ein Klumpenrisiko für die übrige Kulturszene zu werden, heisst es in der Mitteilung der IG Kultur, welche die Forderungen der Initianten vertritt. Damit die Salle Modulable eine Chance für Luzern sei, müsse das Verhältnis zwischen «etablierter und nicht-etablierter Kultur» im Gleichgewicht bleiben.

Das Manifest fordert von Stadt und Kanton bis Ende September ein Bekenntnis zu einer ausgewogenen Kulturförderung. Bis Ende Jahr fordern die Initianten von Kanton und Stadt «einen Vorschlag, mit welchem Fahrplan und in welcher Zusammensetzung die Verhandlungen zum neuen Kulturkompromiss aufgenommen werden.»

Angst vor teurer Salle Modulable

Die Geschäftsleiterin der IG Kultur Luzern, Eva Laniado, nimmt als Sprecherin des Zusammenschlusses Stellung:

zentralplus: Welche Befürchtungen haben die Kulturschaffenden dazu veranlasst, das Manifest zu verfassen und sich zusammenzuschliessen?

Eva Laniado: Es geht darum, dass viele Kulturschaffende und Institutionen Angst davor haben, dass bei den Kleinen gespart wird, wenn eine Salle Modulable doch teurer ausfallen sollte, als gedacht.

zentralplus: Was heisst für euch «ausgewogen» in den konkreten Forderungen? Habt ihr eine bestimmte Vorstellung davon, wohin es sich entwickeln soll?

Laniado: Fixe Zahlen zu nennen, macht hier keinen Sinn. Das muss in Kompromissen bei gemeinsamen Gesprächen geklärt werden. Wichtig ist aber, dass das Verhältnis beim Gesamtbetrag nicht wieder mehr zu Gunsten der grossen, etablierten Institutionen ausfällt.

«Der Kulturbegriff ist ein viel weiterer als nur die freie Szene.»
Eva Laniado, Geschäftleiterin der IG Kultur Luzern

zentralplus: Ihr sprecht für die nicht-etablierte Kultur. Die freie Szene jedoch ist in den Prozess um ein Neues Theater Luzern ja durch ACT vertreten und eingebunden. Ist euch das zu wenig? Oder wird eurer Meinung nach jemand nicht berücksichtigt?

Laniado: Es geht natürlich einmal darum, wie direkt betroffene Sparten integriert und unterstützt werden. Aber es geht darüber hinaus um eine gesamte Szene in Luzern und der Region, die involviert werden muss. Der Kulturbegriff ist ein viel weiterer als nur die freie Szene. Es geht um die Festivals, die Musikhäuser, Literaturveranstaltungen, bildende Künstler und so weiter. Genau dieser Fehler, die Kultur in Luzern auf einen Zweckverband und ACT zu beschränken, darf nicht passieren.

zentralplus: Stefan Sägesser sprach im Interview mit zentralplus davon, dass sich der Kulturkompromiss in den letzten Jahren verbessert hat und das ein dynamischer Prozess sei. Zugunsten der Freien Szene und des Südpols haben die Grossen verzichtet. In Gefahr sei der Kulturkompromiss auf keinen Fall. Seht ihr das anders?

Laniado: Wir dürfen uns nicht auf einen stetigen Prozess verlassen, der keine konkreten Zugeständnisse macht. Die Zahlen der letzten Jahre haben sich nicht deutlich verändert, das reicht nicht aus. Die Kulturszene besteht zudem nicht nur aus einem Südpol und der Freien Szene, sondern aus wesentlich mehr Häusern und Veranstaltern mit verschiedensten Kulturangeboten. Auch diese müssen unterstützt werden und dürfen nicht vergessen gehen.

«Die Salle Modulable kann eine Chance für Luzern sein.»
Eva Laniado

zentralplus: Einige Institutionen, welche bei der IG Kultur auch durch Vorstandsmitglieder vertreten sind, sind nicht aufgeführt. Gab es da Unstimmigkeiten?

Laniado: Jede Institution ist selbst frei zu entscheiden, ob sie sich am Manifest beteiligen möchte. Eine solche Entscheidung ist unabhängig von der IG-Vertretung. Es sind bei jeder Institution verschiedene Personen in den Entscheidungsgremien, und die IG Kultur lässt jedem seine freie Meinung. Unstimmigkeiten gibt es keine, der Vorstand der IG Kultur steht hinter diesem Schritt.

zentralplus: Wenn es ein Zugeständnis gibt, würden die zusammengeschlossenen Kulturinstitutionen dann für eine Salle Modulable einstehen?

Laniado: Die Salle Modulable kann eine Chance für Luzern sein. Wenn die zusammengeschlossenen Kulturinstitutionen mit Stadt und Kanton einen gemeinsamen Weg finden und die Vielfalt der Szene gewährleistet und gefördert wird, werden wir das Projekt unterstützen.

Verständliche Forderung

Die Stadtluzerner Kultur- und Sportchefin Rosie Bitterli findet die Forderung verständlich, «weil wir kulturpolitisch einen weiteren Entwicklungsschritt für das Theater in Luzern auslösen möchten». Diese Forderung sei ja schon 2010 erhoben worden, als das erste Salle-Modulable-Projekt diskutiert wurde.

Gelder-Verteilung in der Kultur

Aktuell fliesst der Grossteil der jährlichen Kulturausgaben der Stadt Luzern in den «Zweckverband Grosse Kulturbetriebe». Dieser beinhaltet das Kunstmuseum, Luzerner Sinfonieorchester, Luzerner Theater, Lucerne Festival, Verkehrshaus und das KKL Luzern.

Für das Jahr 2016 handelt es sich um 14,5 Millionen, die insgesamt verteilt werden. Davon gingen 12,7 Millionen an den «Zweckverband Grosse Kulturbetriebe» und das KKL.

Auf der Seite des Kantons stellen sich die Zahlen wie folgt dar: 2016 gibt der Kanton knapp 24 Millionen für die Kulturförderung aus (inklusive interkantonalem Lastenausgleich). Davon gehen 20,6 Millionen an den «Zweckverband Grosse Kulturbetriebe», das KKL Luzern und die Filmförderung.

Persönlich gehe sie davon aus, dass die Realisierung des Neuen Theaters Luzern oder der Salle Modulable in Luzern in verschiedener Hinsicht Entwicklungen auslösen werde, die der ganzen Kulturszene zugute kommen. «So wie dies beim KKL Luzern auch der Fall war.»

Der Stadtrat und der Regierungsrat haben deshalb kulturpolitische Standortbestimmungen vorgenommen – in der Stadt hiess das Projekt Kultur Agenda 2020. Letzte Massnahmen daraus wurden mit dem Budget 2016 umgesetzt, wie auch die Erhöhung des Beitrages an den Südpol. Auch der Beitrag an das Neubad sei in diesem Lichte zu sehen. «Letzteres ist ein Beispiel für die Dynamik, die ja typisch ist für die Kulturszene.»

Empfindungen und Vermutungen

Darauf weist auch der Luzerner Kulturchef des Kantons, Stefan Sägesser, hin. «Der Kulturkompromiss ist nicht in Stein gemeisselt. Er wird dort angepasst, wo der Schuh drückt. Dafür braucht es einen ständigen Dialog, welcher geführt wird.»

Den Kanton betreffe die Diskussion um den Kulturkompromiss aber auch nur indirekt. Der Kanton habe mit dem Zweckverband die Stadt entlastet, letztmals ab 2015. Diese Mittel – rund 1 Million Franken – hat die Stadt im Rahmen des Kulturkompromisses nicht gespart, sondern re-investiert. Das in jüngere, nicht-institutionelle Kultur-Produktionen, Festivals sowie in den Südpol.

«Die Medienmitteilung basiert meines Erachtens auf Annahmen, Empfindungen und Vermutungen.»
Stefan Sägesser, Leiter Kulturförderung des Kantons Luzern

Etwas Ärger über die Mitteilung der IG Kultur schwingt bei Sägesser aber mit. Nicht nur, weil er erst durch zentralplus von den «Forderungen» an Kanton und Stadt erfahren hat. «Die Medienmitteilung der IG Kultur basiert meines Erachtens inhaltlich auf Annahmen, Empfindungen und Vermutungen», so Sägesser. Natürlich verstehe er die Ängste. «Wenn man aber behauptet, der Kulturkompromiss sei in Gefahr, dann sind das von mir aus reisserische Geschichten. Der Kulturkompromiss ist nicht und war nie einfach so gegeben, sondern ein dynamischer Prozess, der sich mit den Kulturschaffenden verändert. Und finanziell gesehen hat sich dieser zu Gunsten der Freien Szene verbessert. Gespart hat der Zweckverband Grosse Kulturbetriebe, während die Mittel etwa für die Freie Szene oder den Südpol erhöht wurden», sagte er schon im grossen Interview mit zentralplus.

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