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Ist christlich gleich neoliberal?
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Gerhard Pfister ist einer der konservativsten CVP-Politiker der Schweiz. Das führte auch schon parteiintern zu Kritik. (Bild: zvg)

Zuger Nationalrat Gerhard Pfister im Interview Ist christlich gleich neoliberal?

6 min Lesezeit 20.06.2014, 05:55 Uhr

Er politisiert für Zug im Nationalrat und leitet den Wahlkampf der CVP für die kantonalen Wahlen im Oktober – Gerhard Pfister, Privatschulbesitzer aus Oberägeri. Mit seinen provokativen Aussagen eckt er immer wieder an: Er verärgert FDP-Politiker, wenn er die CVP zur Zuger Wirtschaftspartei ausruft, und er wirft den linken Parteien Selbstgerechtigkeit vor. zentral+ traf den Nationalrat in Bern und sprach mit ihm über seine Partei, die Rolle des Kantons Zug in Bern, «sein» Christentum, und die Wahlen.

zentral+: Herr Pfister, Sie behaupten, dass die CVP die Zuger Wirtschaftspartei par excellence sei. Wie kommen Sie dazu?

Gerhard Pfister: Das hat ursprünglich ein Journalist der NZZ einmal geschrieben und dafür bin ich ihm ewig dankbar.

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zentral+: Sie sprechen also der FDP die Wirtschaftsnähe ab?

Pfister: Ich spreche sie der CVP zu. Schauen Sie sich den Leistungsausweis der CVP im Kanton Zug an und werfen Sie einen Blick auf die Geschichte. Die CVP stellt seit Jahren den Präsidenten des Gewerbeverbandes, wir sind sehr gut in der Wirtschaft verankert und werden von ihr auch stark unterstützt. Das ist eine Besonderheit im Kanton Zug. 

zentral+: Was sagen denn die FDP-Politiker dazu? 

Pfister: Die sind nicht erfreut. Aber im Wahlkampf geht es auch nicht darum, sich gegenseitig eine Freude zu machen. Sondern darum, die eigene Partei zu profilieren, und das müssen wir auch in der Mitte verstärkt machen. Ich wusste, dass diese Aussage eine Provokation ist. 

zentral+: Auch die Linke in Zug kommt bei Ihnen unter die Räder. Sie sagen, dass deren Selbstgerechtigkeit den Leistungsausweis ersetzt. Können Sie das erklären?

Pfister: Nur weil Zug der stärkste Standort der Schweiz ist, konnten sich die Linken überhaupt profilieren. Sie verdanken ihren Erfolg den starken Bürgerlichen. Ich werfe ihnen vor, dass sie einerseits vom Wirtschaftsstandort profitieren, ihn aber gleichzeitig immer mit Selbstgerechtigkeit kaputt machen wollen, indem sie sagen, «wir sind das andere Zug, das moralische bessere». Grundsätzlich finde ich intelligente Kritik anregend und nötig, bequemliche und angepasste Opposition hingegen nicht. Bezüglich Ethik in der Wirtschaft bin ich übrigens der Meinung, dass sozialistisches Wirtschaften nicht ethisch ist. 

zentral+: Gut, aber man hat schon den Eindruck, dass das christliche «C» in Zug besonders klein geschrieben wird, die Wirtschaftsnähe dafür umso grösser.

Zur Person

Der 52-jährige Gerhard Pfister sitzt seit 2003 für den Kanton Zug im Nationalrat. Der CVP-Politiker aus Oberägeri war bis 2008 Präsident der CVP des Kantons Zug, ist Mitglied des Präsidiums der CVP Schweiz und leitet in Zug den Wahlkampf seiner Partei für die Wahlen am 5. Oktober.

Bis 2012 war Pfister Direktor und Präsident des Verwaltungsrats des Instituts Dr. Pfister AG in Oberägeri, eine Privatschule mit Internatsbetrieb, die er von seinem Vater übernommen hatte. Dort arbeitete er als Lehrer bis 2012, als der Betrieb eingestellt wurde.

Pfister gründete die Tagesschule Elementa in Menzingen, ausserdem wechselte er in den Verwaltungsrat der Privatschule Institut Montana auf dem Zugerberg. Dort ist er noch bis Ende 2014 akademischer Leiter, danach wird er weiterhin als Delegierter im Verwaltungsrat tätig sein. Pfister studierte Germanistik und Philosophie.

Pfister: Was bedeutet denn das «C»? Ich stelle in Frage, dass das «C» ausschliesslich als «sozial» definiert wird. Das «C» als Betonung der Freiheit des Menschen ist mir wichtiger. Ich stehe auch nicht für die gesamte CVP und habe eine dezidiert andere Auffassung vom Christentum, als das vielleicht andere haben.

zentral+: Und wie ist Ihre Auffassung?

Pfister: Sie geht davon aus, dass das grösste göttliche Geschenk an den Menschen die Freiheit ist. Einerseits geht daraus die Aufgabe der Politik hervor, die Macht gewisser Menschen über andere Menschen zu minimieren, damit diese frei sein können. Andererseits muss man den Menschen zumuten, dass sie ihre Selbstverantwortung wahrnehmen können. Das schliesst Solidarität nicht aus, aber sie ist für mich erst dann nötig, wenn jemand mit seiner Freiheit nicht zurechtkommt. Sozial kann man erst sein, wenn man das zu Verteilende erwirtschaftet hat.

zentral+: Nochmals zur Wirtschaft: Sie sagen, der Kanton Zug orientiere sich nicht an anderen Kantonen, sondern an attraktiven Standorten weltweit. Ist das nicht etwas überheblich für den kleinen Kanton?

Pfister: Der Kanton Zug ist in der Schweiz das, was die Schweiz in der Welt ist. Natürlich sind wir von der Grösse her klein, aber von der wirtschaftlichen Bedeutung her sind wir viel grösser. Das soll nicht überheblich klingen. Ich will ein Verständnis dafür schaffen, dass die zugerische Position innerhalb der Schweiz nicht darin besteht, dass man sich im Wettbewerb mit anderen Kantonen befindet. Der Kanton Zug muss sich vor allem im Wettbewerb mit London, Singapur oder Schanghai durchsetzen. Zug muss die weltweite Position, auch zusammen mit Zürich und Genf, behalten können. Und nicht jeder Beschluss, der in Bern gemacht wird, hilft der Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes.

zentral+: Welchen Ruf hat Zug denn in Bern?

Pfister: Es ist manchmal sehr herausfordernd, dass man den Zugern immer wieder sagen muss, dass ihr Kanton innerhalb der Schweiz unvorstellbar reich ist. Wenn ich beispielsweise nach Oberägeri fahre, zähle ich manchmal die Autos, die über 200’000 Franken wert sind, und ich komme immer auf zwei. In Bern nicht.

zentral+: Was wollen Sie damit sagen?

Pfister: Wenn wir Zuger immer das Gefühl haben, wir brächten in Bern nichts zustande, dann liegt es auch daran, dass wir eine einzigartige Position in der Schweiz haben. Viele Probleme, die wir haben, gibt es nur im Kanton Zug. Das macht es hier doppelt schwierig, etwas zu erreichen. 

«Man muss den Zugern immer wieder sagen, dass ihr Kanton innerhalb der Schweiz unvorstellbar reich ist.»

Gerhard Pfister, Nationalrat

zentral+: Also sagt man in Bern: «Was jammert ihr Zuger denn, ihr habt ja gar keine Probleme?» 

Pfister: Natürlich! «Was jammert ihr? Schaut, wie viele Eigenmittel ihr habt!» Das macht die Kompromissbereitschaft nicht grösser.

zentral+: Und welche Probleme hat Zug denn überhaupt? 

Pfister: Man muss in Bern klar machen, dass eine progressiv steigende Belastung für den Kanton Zug einmal dazu führen wird, dass man irgendwann weniger Geld erhalten wird. Der Wohlstand sinkt und dann spüren alle die Nachteile. Das beziehe ich auch auf die internationalen Unternehmen. Wenn Zug für diese nicht mehr attraktiv ist, dann gehen sie nicht in den Kanton Waadt, sondern ins Ausland. Wir müssen attraktiv bleiben.

zentral+: Kommen wir zu den Zuger Wahlen im Oktober. Ihre Partei konnte bei den letzten Wahlen die 23 Sitze im Kantonsrat halten, bei den Wahlen zuvor verlor sie aber drei Sitze. Waren die Zeiten schon rosiger?

Pfister: Die Lage war schon besser für die CVP. Es wird jetzt zudem mit dem doppelten Pukelsheim sehr anspruchsvoll für uns werden, die Sitzzahl zu halten. Wir müssten meines Erachtens unseren Wähleranteil massiv steigern. Auf der anderen Seite konnten wir unsere stärkste Position im Kantonsrat gegenüber anderen, stärker werdenden Parteien immer behaupten.

zentral+: Weshalb gehen Sie bei den Regierungsratswahlen neben den Bisherigen Peter Hegglin und Beat Villiger auch noch mit Martin Pfister ins Rennen? Schwächt diese Kandidatur nicht die Bisherigen?

Pfister: Nein, es würde die Chancen mindern, wenn wir mit vier kommen würden. Die bisherigen Kandidaten haben sehr gute Chancen, Beat Villiger ist Landammann, Peter Hegglin machte immer die besten Wahlresultate im Kanton. Der entscheidende Punkt ist dieser: Wenn die CVP niemanden bringen würde, hätte der bürgerliche Wähler, der mit einem bisherigen Regierungsratsmitglied nicht zufrieden ist, keine bürgerliche Alternative. Wir wollen eine echte Wahl anbieten und auch den Wettbewerb reinbringen. Und es geht auch darum, Leute aufzubauen. 

zentral+: Guter letzter Punkt. Da kommt die Frage nach den Plänen von Peter Hegglin auf. Will man Martin Pfister aufbauen, weil Hegglin 2015 in den Ständerat will?

Pfister: Grundsätzlich muss man hier aufpassen. Wer für die Nachfolge von Peter Bieri in den Ständerat antritt, wird erst im Frühling 2015 entschieden. Ich persönlich habe mich zudem noch nicht entschieden, ob ich allenfalls für den Ständerat kandidieren werde. Der Fokus liegt jetzt auf den Regierungsratswahlen. Aber ja, unser oberstes Ziel für die nationalen Wahlen von 2015 ist es, dass wir in beiden nationalen Parlamenten vertreten bleiben. Für Hegglin ist das eine schwierige Situation, er wird ständig gefragt, ob er nur für ein Jahr kandidiere oder für vier Jahre. Aber entschieden wird erst 2015.

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