Isa, garantiert kompliziert
Kolumne

Lecktuch und Analplug sind keine Anleitung zum Porno

Was wohl Isa jetzt wieder umtreibt? (Bild: Mike Bislin)

Eine Aufklärungsbroschüre gibt in der Schweiz derzeit mächtig zu reden. Und wie so oft bei solchen Themen, gibt's rote Köpfe und den Wunsch nach Zensur. Das muss nicht sein, findet Isabelle Dahinden in ihrer neuesten Kolumne.

Sexualkundeunterricht in einem 1’000-Seelen-Kaff, fünfte Primarschule: Ich erinnere mich gut. Von Bienchen und Blümchen war da nie die Rede. Wir lernten sogar, wie man einen Tampon so einführt, dass er richtig sitzt. Unser Lehrer demonstrierte an einer anatomischen Puppe vor, wie das geht. Vermutlich wurden die Jungs zuvor aber vor die Tür geschickt.

Und ich weiss noch, wie unser Lehrer uns fragte, wie man den weiblichen und männlichen Genitalien auch noch sagen könnte. Mein Sitznachbar hielt die Hand in die Luft und rief lauthals «Schnäbi». Er lachte so laut, dass er nach Luft schnappen musste und sein Kopf knallrot anlief. Alle lachten mit ihm.

Die Klitoris, dieses Pünktli

Später, in der Kanti, lernten wir dann noch viel mehr über diesen «Kinderkriegenapparat». Wir übten uns an Bananen, über die wir Kondome stülpten. Ein bisschen Anatomie dazu et voilà: Zwei Dutzend aufgeklärte Buben und Meitschi waren bereit für diese Welt da draussen.

Hat die Biolehrerin jedenfalls gedacht. Lust und Leidenschaft, wie Sex funktioniert, was dazugehören kann, dass nicht nur Frau und Mann ihn haben können, Selbstbefriedigung und wie Vulven eigentlich genau aussehen, all das hat die Biolehrerin gekonnt umschifft.

Bestimmt war damals die Klitoris beim Sexualkundeunterricht als Pünktli dargestellt. Allerhöchstens. Dabei gilt sie als das Organ des weiblichen Körpers, die alleine für die Lust da ist und in erregtem Zustand zentimetergross werden kann.

Aber ist ja nicht so tragisch. Für etwas gab’s ja Dr. Sommer in der neuesten Bravo. Und Mainstream-Pornos. Die uns Adrian auf dem Pausenspielplatz demonstriert und erklärt hat, wie das Ganze eigentlich wirklich abgeht.

Eine Aufklärungsbroschüre sorgt für rote Köpfe

Liebe, Körper, Geschlechtsidentität, Verhütung, Krankheiten, Lust, Leidenschaft und Sextoys: All dem wird eine Aufklärungsbroschüre der Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz nun gerecht. Die Stiftung kriegt vom Bund 800’000 Franken pro Jahr. Und sie macht Aufklärung, in der es mal nicht nur ums Kinderkriegen geht. Halleluja!

Sexualaufklärung, die eben einmal ganz sexpositiv-aufklärerisch ist. Die Broschüre richtet sich an 12- bis 18-Jährige und begleitet diese durch die Teenie-Jahre. Wenn sie das erste Intimhaar entdecken, Vulva und Penis wachsen – und oh Wunder, die Lust aufflammt. Es wird beschrieben, dass vieles Sex sein kann, was Petting und was Oralsex ist, dass es Sextoys gibt. Und ja, es ist da auch ein Bildchen eines Umschnalldildos zu sehen. Und es steht da tatsächlich auch, dass man beispielsweise einen Analplug desinfizieren soll. Es geht um die Vielfalt von Beziehungen, Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierung.

Und wie immer, wenn wir in der prüden Schweiz über Sex reden, erhitzt das natürlich die Gemüter. Bloss nicht in erregender Weise. Das wollen Teenies doch nicht wissen, schreibt die NZZ. Dass da ein Umschnalldildo illustriert wird und beim Oralsex ein Lecktuch vor sexuell übertragbaren Infektionen schützt, gibt besonders zu reden. Das Ganze lese sich «wie eine Anleitung zum Porno».

«Da wird jetzt einfach völlig übertrieben», findet die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog. Just diese Woche hat die 65-Jährige eine Interpellation eingereicht. Aufklärung sei ja schon wichtig. Nur eben nicht zu viel. 12-Jährige über Sextoys wie Analplugs zu informieren, sei «die totale Überforderung». Nun wird sich also auch der Bundesrat mit Analplugs auseinandersetzen müssen.

Wo ich gerne ehrlicher aufgeklärt worden wäre

Hach. Ganz ehrlich: Ich wäre in gewissen Sachen gerne ehrlicher aufgeklärt worden.

Ich hätte mir gewünscht, dass meine Frauenärztin mir bei meinem ersten Termin nicht mehr oder weniger wortlos ein Pillenrezept in die Hand gedrückt hätte. Jedenfalls nicht, ohne mich über Nebenwirkungen aufzuklären, und gleichzeitig damit zu locken, dass die Haut schöner und der Busen grösser wird.

Ich hätte mir gewünscht, so aufgeklärt zu werden, dass «das da unten» nicht einfach nur eine «Kinderkriegenmaschinerie» ist. Ich hätte mir gewünscht, dass auch LGBTQ-Themen im Sexualkundeunterricht in der Schule viel mehr zur Sprache gekommen wären. Eben die echte, schöne Vielfalt. Dass neben Safer-Sex-Regeln auch Selbstbefriedigung, die männliche und weibliche Lust, thematisiert worden wären. Romantische und sexuelle Beziehungsarten ebenso.

Es ist keine «Anleitung zum Porno», Teenies über Safer-Sex-Regeln wie Lecktuch und hygienischen Umgang mit Sextoys aufzuklären. Die Broschüre kann Teenies über Jahre hinweg begleiten, sie können daraus ein paar Seiten lesen, auf die Seite legen und später wieder darauf zurückgreifen. Früher oder später werden sie mit allem, was in dieser Broschüre steht, konfrontiert. Die meisten sicherlich eher, als den Eltern oder Verena Herzog lieb ist. Und besser, sie werden früh genug richtig darüber aufgeklärt, als durch realitätsferne Pornos. Denn nein, in einem Mainstream-Porno wird wohl definitiv nicht gezeigt, dass man Analplugs desinfizieren sollte.

Verwendete Quellen
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.