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Integrationsprojekt für 15 Familien irritiert
  • Politik
Der Kanton soll künftig Kinder sozial benachteiligter Familien gezielt fördern. (Bild: fotolia.com)

Zuger Projekt wegen Bundesgesetz Integrationsprojekt für 15 Familien irritiert

5 min Lesezeit 29.04.2015, 13:00 Uhr

«schritt:weise» heisst ein Programm, das der Kanton Zug zur Integration der ausländischen Wohnbevölkerung aufgegleist hat. Damit will die Regierung den Bund beschwichtigen, nachdem verschiedene Massnahmen zur Integration in Zug abgeschafft wurden. Die FDP zeigt sich jedoch irritiert über das Projekt.

Der Kanton Zug muss sich aktiv für die Integration der ausländischen Wohnbevölkerung einsetzen. Im September hat das Stimmvolk Nein gesagt zum Integrationsgesetz, im Januar dieses Jahres beschloss der Kantonsrat im Rahmen der Debatte um das revidierte Schulgesetz, den vorgeschlagenen Artikel zur sprachlichen Frühförderung zu streichen. Das Bundesgesetz besagt jedoch, dass die Kantone verpflichtet sind, aktiv für die Integration der ausländischen Wohnbevölkerung zu sorgen.

Das weiss die Zuger Regierung. Und hat daraufhin das Programm «schritt:weise» angekündigt, welches sich für die Frühförderung sozial benachteiligter Familien mit Kindern im Alter von eineinhalb bis drei Jahren einsetzt.

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Nicht nur Kinder, sondern ganze Familien sollen integriert werden

Der Verein a:primo hat das präventive Frühförderprogramm schritt:weise 2007 lanciert. Mittlerweile kommt das Projekt in 22 Orten der Schweiz zum Einsatz. Laut Verein sollen Familien erreicht werden, die sonst oftmals sehr isoliert leben würden. Die Eltern könnten durch das Programm mit anderen Eltern vernetzt werden, erhielten Einblicke in familienbezogene Angebote ihrer Gemeinde und Informationen zum Schulsystem.

Die Geschäftsleiterin von a:primo, Gabriela Frei, präzisiert: «Die Familien lernen, welche Werte in der Erziehung in der Schweiz gelten und reflektieren gemeinsam mit anderen Familien ihre eigenen Werte und Haltungen. Zudem wächst die Motivation Deutsch zu lernen deutlich durch die Teilnahme am Programm schritt:weise.»

«Für uns ist es unverständlich, wieso das gemacht wird.»

Daniel Burch, Fraktionschef FDP

In einer Interpellation kritisiert die FDP nun dieses Programm. Fraktionschef Daniel Burch sagt dazu: «Wir sind irritiert. Zuerst sagt das Stimmvolk Nein zum Integrationsgesetz, später sagt der Kantonsrat Nein zur sprachlichen Frühförderung. Fast zum gleichen Zeitpunkt, also Ende Januar 2015, kommt eine Medienmitteilung der Direktion des Innern, dass das Projekt schritt:weise eingeführt worden sei.» Deshalb wolle die FDP nun wissen, was denn genau die bundesrechtlichen Vorschriften seien und was das Projekt genau bedeute. «Für uns ist es unverständlich, wieso das gemacht wird», so Burch weiter.

Bereits Ende 2013 habe der Regierungsrat das kantonale Integrationsprogramm (KIP) unterzeichnet und anfangs 2014 in einer Medienmitteilung darüber berichtet, erklärt Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard. Weil das Programm jedoch rund 30 Massnahmen beinhalte, sei nicht jede Massnahme einzeln erwähnt worden. Diese seien jedoch auf der Webseite des kantonalen Sozialamtes ersichtlich.

Weichelt begründet die Massnahme schritt:weise damit, dass man im Gespräch mit Akteuren aus der Praxis festgestellt habe, dass eine Lücke in der aufsuchenden Familienarbeit im Frühbereich bestanden habe. «Mit dem Programm schritt:weise konnte diese Lücke im Rahmen des KIP geschlossen werden.»

Mangel an Heilpädagogen macht FDP stutzig

Die FDP kritisiert, dass Zug bereits ohne dieses Programm zu wenig Heilpädagogen habe (zentral+ berichtete) und fragt, ob es nicht sinnvoller wäre, die heilpädagogischen Ressourcen der «primären Aufgabe des Staatswesens, also der breiten Bildung» zu widmen, statt einem Projekt wie schritt:weise.

Dass es an Heilpädagogen mangelt, bestätigt man beim Heilpädagogischen Dienst Zug. Dessen Leiterin Kathrin Omlin erklärt: «Zwar haben wir im Bereich der Heilpädagogischen Früherziehung alle Stellen besetzt, doch in den nächsten Jahren kommen einige Mitarbeiterinnen ins Pensionsalter. Schweizweit könnte es zu einem Engpass kommen.» Dennoch relativiert Omlin: «Unser Leistungsangebot der Heilpädagogischen Früherziehung ist durch schritt:weise zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Das Personal ist vorhanden.» 

Laien machen Hausbesuche

Einzig für die Koordination des Projekts sei eine heilpädagogische Früherzieherin im Teilpensum zuständig. Dazu kämen zwei Hausbesucherinnen, welche die Familien wöchentlich besuchen. Es handle sich dabei um berufliche Laien, welche selber einen Migrationshintergrund hätten.

«Diese Personen werden nach und nach von der Koordinatorin für diese Aufgabe ausgebildet. Dabei geht es um Erziehungsthemen und darum, wie man gemeinsam mit den Familien arbeiten werde. Grundvoraussetzung für diese Hausbesucherinnen ist es, dass sie gut Deutsch sprechen, einen Bezug zu Kindern haben und bereit sind, die Eltern miteinzubeziehen in die Frühförderung.» Bei Gruppentreffen würde je nach Bedarf auch eine weitere Laiin für die Kinderbetreuung hinzugezogen.

In ihrer Interpellation hinterfragt die FDP, ob für die Direktion des Innern der Aufwand für die Frühförderung von Kindern zwischen eineinhalb und drei Jahren gerechtfertigt sei.

«Frühe Entwicklungsrückstände können während der Schulzeit nicht mehr aufgeholt werden.»

Gabriela Frei, Geschäftsleiterin von a:primo

Aus Sicht des Gründervereins a:primo ist der Fall klar: Geschäftsleiterin Gabriela Frei betont, dass eine Frühförderung ab einem Alter von eineinhalb Jahren durchaus sinnvoll sei. «Es ist für ein Kind von grosser Bedeutung, dass sein Entwicklungsstand beim Eintritt in den Kindergarten altersentsprechend ist. Wenn es beim Eintritt in den Kindergarten bereits Entwicklungsrückstände aufweist, können diese während der Schulzeit nicht mehr aufgeholt werden.» Und dies wiederum könne Folgen für das ganze Leben haben.

Derzeit werden laut Kathrin Omlin 15 Familien betreut. Damit sind alle verfügbaren Plätze ausgelastet. 15 Plätze im ganzen Kanton? Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, wie viele Kinder in sozial benachteiligten, ausländischen Familien aufwachsen. Ist das Ganze eine Alibiübung, um den Bund zufrieden zu stellen?

«Ein Merkmal von bildungsfernen Familien ist ja eben genau, dass sie schwer erreichbar sind.»

Manuela Weichelt, Direktorin des Innern

Regierungsrätin Manuela Weichelt entgegnet dem: «Bei Auswertungen an anderen Standorten konnte bereits festgestellt werden, dass das Programm ein adäquates Angebot für die entsprechenden Zielgruppen darstellt.» Es sei zudem geplant, im Rahmen des KIP einen zweiten Durchlauf im März 2016 zu starten. Dort würden weitere 15 Familien gefördert. «Es läuft alles nach Plan und wir sind äusserst zufrieden, dass innerhalb von drei Monaten die angepeilte Anzahl Familien gefunden werden konnte, denn ein Merkmal von bildungsfernen Familien ist ja eben genau, dass sie schwer erreichbar sind», so Weichelt weiter.

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