Ins Kloster statt ins Gefängnis? Davon will das Kantonsgericht Luzern nichts wissen
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Kann ein Kloster Drogenabhängige von ihrer Sucht befreien? Das Kantonsgericht Luzern bezweifelt es. (Symbolbild Pixabay)

Beten ersetzt keine Therapie Ins Kloster statt ins Gefängnis? Davon will das Kantonsgericht Luzern nichts wissen

4 min Lesezeit 28.09.2020, 05:00 Uhr

Als seine Freundin sich 2016 von ihm trennen wollte, rastete ein heute 37-Jähriger aus. Er sperrte sie ein, stahl ihr Auto und machte sich aus dem Staub. Das Kriminalgericht hat ihn wegen Freiheitsberaubung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Vor Kantonsgericht beantragte er nun, diese Zeit in einem serbischen Kloster «absitzen» zu dürfen.

Dass sie Schluss machte, verkraftete der Mann ganz schlecht. Als seine Freundin ihn bat auszuziehen, kam es zu einem totalen Eklat. Ohne sie wolle er nicht leben, brüllte er. Er nahm Heroin und Kokain und warf zahlreiche Pillen ein. Als seine Ex-Freundin ihn davon abhalten wollte, ging er auf sie los, sperrte sie ins Badezimmer und haute ab.

Obwohl ihm das Strassenverkehrsamt den Fahrausweis schon längst entzogen hatte, setzte er sich ins Auto seiner Ex-Freundin und brauste davon.

Erst nach einiger Zeit gelang es der Eingesperrten, durch das Badezimmerfenster einen Velofahrer auf sich aufmerksam zu machen. Über ein offenes Fenster gelangen daraufhin Polizisten in die Wohnung, um sie zu befreien.

Er kommt von der Strasse ab und flüchtet – drei Mal

Der frischgebackene Ex-Freund war zu dem Zeitpunkt längst über alle Berge. Er hatte allerdings so viele Drogen und Medikamente intus, dass er in einer Rechtskurve auf die linke Strassenseite geriet. Eine Frau, die ihm mit dem Auto entgegenkam, versuchte noch, ihm mit Lichthupen ein Zeichen zu geben. Aber da war es schon zu spät.  

Die Autos prallten frontal ineinander. Die Frau erlitt dabei unter anderem ein Schädelhirntrauma. Als ihr Wagen auf dem Trottoir zum Stehen kam, redete der Mann bereits auf sie ein, dass er keine Polizei wolle. Als sie darauf bestand, ergriff er sogleich die Flucht – ohne sich um das Unfallopfer zu kümmern oder seine Angaben zu hinterlassen.

Weit kam er allerdings nicht. Wenige Kilometer weiter kam er erneut von der Strasse ab und landete in der Wiese. Obwohl das Auto dabei einen Pneu verlor, fuhr er in Schlangenlinien laut quietschend weiter.

Erst als er zum dritten Mal von der Strasse abkam und nach einer Rechtskurve in einen Zaun prallte, liess er es mit dem Autofahren. Er montierte die Kontrollschilder ab und versuchte zu Fuss zu flüchten. Weit kam er allerdings nicht. Eine Blutuntersuchung kurze Zeit nach der Festnahme bestätigte den Mischkonsum aus Schlaftabletten, Beruhigungsmitteln und Drogen.

Die letzte Chance hat er nicht genutzt

Die Irrfahrt des Mannes war kein Ausrutscher. Er ist vorbestraft und hatte in den Wochen vor und nach dem Unfall einen Roller gestohlen und versucht, ein E-Bike zu klauen. Das Kriminalgericht Luzern verurteilte den Mann unter anderem wegen Freiheitsberaubung, Diebstahl und Unfallflucht zu einer Freiheitsstrafe von 13,5 Monaten.

Da er seine letzte Chance nicht nutzte, wird zudem eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 130 Franken vollzogen. Sprich: Er muss 19’500 Franken an die Staatskasse bezahlen. Hinzu kommen Verfahrenskosten in der Höhe von fast 27’000 Franken und eine Busse von weiteren 450 Franken.

Daneben ordnete das Kriminalgericht eine Suchttherapie an, die während der Zeit im Gefängnis gemacht werden soll. Ein psychiatrisches Gutachten kommt nämlich zum Schluss, dass der Mann an einer Persönlichkeitsstörung sowie einer Abhängigkeit nach diversen Betäubungsmitteln leidet. Die Rückfallgefahr schätzt der Experte daher als «sehr hoch» ein.

Uneinigkeit über die Form der Therapie

Die Verurteilung und die Strafe akzeptierte der heute 37-jährige Mann. Trotzdem ging er in Berufung. Vor Kantonsgericht forderte er, dass eine stationäre Therapie in einem serbischen Kloster angeordnet wird. Diese sollte dem Gefängnisaufenthalt vorgezogen werden. Heisst: Wenn er «geheilt» wird, würde sie nicht mehr vollzogen.

«Heilen» ist dabei das richtige Wort. Um ihren Antrag zu begründen, stützte sich die Verteidigung auf die Aussagen eines Erzpriesters, wonach der Mann «die Problematik seines früheren abträglichen Lebenswandels» erkannt habe. Er sei nun abstinent.

Das Kantonsgericht liess sich von der stark religiös geprägten Institution nicht überzeugen. Es zweifelt daran, dass die im Kloster durchgeführte Therapie tatsächlich den wissenschaftlichen Standards entspricht.

Abstinenz im Kloster – aber wie steht’s im «echten Leben»?

Eine solche fordere mehr als eine «blosse Abstinenz in klösterlicher Umgebung», hält das Gericht in seinem Urteil fest. Zumal der Mann nicht «nur» drogenabhängig ist, sondern bei ihm noch eine tieferliegende psychiatrische Problematik besteht.

Ob die Klosterleitung überhaupt weiss, was sich der Mann alles zu Schulden kommen hat lassen, ist unklar. Allein schon deswegen sei fraglich, dass die Therapie die Rückfallgefahr wirklich reduzieren könne.

Das Kantonsgericht bestätigt daher den Entscheid des Kriminalgerichts vollumfänglich. Es bleibt dabei, dass der 37-Jährige Strafe und Therapie in einem Schweizer Gefängnis vollziehen muss.

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