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«In Stock vierundzwanzig … riecht es schon fast ranzig»
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Lotet im Parlament gerne Grenzen aus: Der grünliberale Gemeinderat David Meyer posiert neben einem Olivenbaum. (Bild: mbe.)

Zuger Grünliberaler macht mit Poesie Politik «In Stock vierundzwanzig … riecht es schon fast ranzig»

6 min Lesezeit 21.09.2016, 05:00 Uhr

Die zwei isolierten Grünliberalen können im Stadtparlament wenig ausrichten. Darum greift GLP-Gemeinderat David Meyer öfters zu ungewöhnlichen Stilmitteln, um seine Botschaft rüberzubringen. In der hitzigen Parktower-Debatte ging er gar unter die Dichter.

David Meyer politisiert seit einem Jahr im Grossen Gemeinderat (GGR). In dieser Zeit ist der neue Parlamentarier vor allem aufgefallen, weil er seine politischen Ansichten manchmal auf spezielle Weise vortrug. Kürzlich übte sich Meyer gar in der hohen Dichtkunst. Und das kam so. An der ersten Sitzung nach den Sommerferien stritt das Stadtparlament einmal mehr über das «Turmzimmer» im Parktower. Der unendlichen Geschichte um den leer stehenden öffentlichen Raum im obersten Stock des Hochhauses wurde ein weiteres Kapitel zugefügt (zentralplus berichtete).

Der grünliberale Politiker trug zur Überraschung des Parlaments ein Gedicht vor, das an die Reime Wilhelm Buschs erinnerte. Der Grosse Gemeinderat und der Stadtrat hörten geduldig und ohne Murren zu, und schienen die kurze Abwechslung zu geniessen, so der Eindruck des Autors.

Wohlwollende Reaktionen und sarkastische Frage

Die Reaktionen? «Ich habe freundliche und herzliche Voten aus dem Rat erhalten für mein Gedicht», sagt David Meyer zu zentralplus. Ein Lokalradio-Reporter fand es schade, dass er nicht vorher davon gewusst habe, er wollte das Votum für seine Hörer aufnehmen. Meyer: «Stadtrat Urs Raschle sagte mir, er habe noch nie ein so poetisches Votum gehört.» Von linker Seite bekam Meyer eine hämische Frage, ob die Grünliberalen jetzt unter die Chefunterhalter gegangen sind.

Von den Dichtkünsten Meyers kann sich jeder ein eigenes Bild machen. Sein Parktower-Gedicht finden Sie ganz unten abgedruckt.

«Es war immer die gleiche Leier. Deshalb wollte ich sie wie ein mittelalterlicher Marktschreier vortragen.»
David Meyer, GLP-Gemeinderat

Form passte zum Inhalt

Was ist erlaubt im Stadtparlament?

Gibt es rote Linien in der parlamentarischen Debatte, die man nicht überschreiten darf, wollten wir von Ratspräsidentin Karin Hägi wissen. «In der Debatte ist eigentlich alles erlaubt, was sachlich und zur Sache ist», sagt die SP-Politikerin auf Anfrage. «Auch in Gedichtform! Wenn jemand vom Thema abschweift oder der Zusammenhang nicht mehr klar gegeben ist, mache ich mit einer Mahnung darauf aufmerksam.» In der Regel würden sich die GGR-Mitglieder von alleine an diese Gepflogenheiten halten, fügt sie hinzu. Karin Hägi: «Eine Redezeitbeschränkung kennt der Grosse Gemeinderat nicht, obwohl dies manchmal wünschenswert wäre ...»

Der Hünenberger winkt ab, als wir ihn fragen, ob er in Zukunft an jeder GGR-Sitzung ein Gedicht vortragen wird. «Ich fand aber, in dieser Situation passte die gewählte Form zum Inhalt.» Die Grünliberalen hätten, damals im Alleingang, vor fünf Jahren den Wieder-Verkauf des Nutzungsrechts im Parktower gefordert, vor drei Jahren stellten sie die Forderung erneut im GGR, und nun 2016 wieder. «Es war immer die gleiche Leier, die wir vortrugen. Statt sie nochmals zu wiederholen, habe ich unsere Ansicht wie ein mittelalterlicher Marktschreier vorgetragen.» Marktschreier gibt es seit dem Mittelalter, und sie handeln in guter Tradition, wenn sie ihre Waren lautstark anpreisen. Und Marktschreier dürfen, wie auch Hofnarren, laut und lustig sein.

Gedichte können aber rasch plump wirken. Wenn sie nicht gut gemacht sind, klingen die Reime holprig. Meyer hat Erfahrung, verrät er zentralplus im Gespräch. «Ich verfasse seit 15 Jahren mit einem Kollegen Schnitzelbänke für die Hünenberger Fasnacht.»

Kreative Ideen

Das ist nicht das einzige Mal, dass David Meyer im Rat mit dem «Wie» seiner Voten auffällt. Seine Befürchtung, dass sich das geplante Quartier Unterfeld zu einer toten Trabanten-Siedlung entwickeln könnte, untermalte er zum Beispiel mit einer Bilderreigen im Powerpoint. Hier überraschte die Methode und die Aussage: Er zählte an einem Sonntagsspaziergang die Leute in den Zuger Quartieren St. Johannes und Eichwald, fotografierte und verpixelte sie. Für jeden Menschen setzte er einen roten Punkt in ein Foto aus dem Quartier. Fazit: Im nach Meinung Meyers baulich gelungenen Eichwaldquartier hat es viele rote Punkte, im veralteten «Retorten-Quartier» St. Johannes ganz wenige Punkte. Es «tötelet», wie in den Pariser Banlieue-Siedlungen, von denen er auch ein abschreckendes Foto präsentierte.

 

Aus dem Powerpoint-Bilderreigen zum Thema Unterfeld. Meyer zählte die Menschen im Quartier St. Johannes (oben) und im Quartier Eichwald (oben) und zog seine Schlüsse fürs Unterfeld.

Aus dem Powerpoint-Bilderreigen zum Thema Unterfeld. Meyer zählte die Menschen im Quartier St. Johannes (oben) und im Quartier Eichwald (oben) und zog seine Schlüsse fürs Unterfeld.

(Bild: mbe.)

Das mit dem «Kack»

Bei der Sprungturm-Diskussion in diesem Jahr schilderte Meyer im GGR seine eigenen Erfahrungen als Kind. Poetisch beginnend, mit einem Überrraschungseffekt endend. «Das erst Mal auf einem 5-Meter-Sprungturm zu stehen, in der Badi, den Blick über den glitzernden Seespiegel gleiten zu lassen, dunkel der Wald am Ende des Sees, die majestätischen Berge im Hintergrund – und den Kack in den Hosen …»

Aufmerksamkeit um jeden Preis?

Wollen die Grünliberalen mit allen Mitteln Aufmerksamkeit erringen, weil sie mit zwei Sitzen im GGR und ohne Fraktion wenig erreichen können? Meyer winkt ab. Er und Stefan Huber, der für die zurückgetretene Michèle Kottelat nachrutschte, hätten einfach einen anderen Politstil als ihre Vorgänger im GGR. Zudem müssten sie keiner Parteiparole folgen und seien unabhängig.

«Der Zeitungsleser erhält den Eindruck, dass Politik nur eine bitterernste Sache ist, wo mit harten Bandagen und bitterbösen Kommentaren gekämpft wird.»
David Meyer

Und die GLP wolle nicht auf der «Empörungswelle» mitreiten und «Fundamentalpolitik» betreiben wie die Pole-Parteien links und rechts. Dort würden knallharte Voten gehalten, weil die Gemeinderäte wüssten, dass die Medien diese gerne aufnehmen. «Der Leser erhält so den Eindruck, dass Politik nur eine bitterernste Sache ist, wo mit harten Bandagen und bitterbösen Kommentaren gekämpft wird.» Die Realität nimmt Meyer aber anders wahr. Der GLP-Parlamentarier beobachtet, dass dieselben Politiker in den Ratspausen diskussions- und kompromissbereiter sind als bei den Debatten im Saal. Also alles nur Show? Wer weiss …

«Die Verwendung falscher Sprach-Bilder nervt»

Die Sprache in der Politik scheint David Meyer, abgesehen von seinen eigenen Voten, auch sonst wichtig zu sein. «Mich stört vor allem, wenn mit falschen Bildern operiert wird», sagt er. Besonders viele davon findet er in der «Stadtidee»; dieses Papier mit einer Vision für die «Stadt Zug der Zukunft» hat der Stadtrat ausarbeiten lassen, Inputs der Bevölkerung und weiterer Kreise flossen mit ein.
Meyer kritisiert, dass im Papier die Rede ist von der «DNA der Stadt Zug». Die Stadtidee solle sich, wie die DNA, in kleinen Schritten weiterentwickeln. «Du wirst geboren mit deiner DNA und sie kann nicht geändert werden. Sobald sich eine DNA in einem Organismus weiterentwickelt, lautet die Diagnose Krebs», sagt Meyer dazu. Die Stadt Zug wolle ja schwerlich zu einem «Krebsgeschwür» mutieren. – Mit einem mal ist der GLP-Parlamentarier irgendwie genauso wenig lustig wie die verbissenen «Partei-Soldaten», die er kritisiert.

Links, rechts oder in der Mitte?

Ob die GLP vom neuen Polit-Stil ihrer beiden Ratsmitglieder profitiert, wird sich weisen. Einordnen lassen sich die Grünliberalen nach dem Muster «bei grünen Themen links, bei anderen liberal» auch weiterhin schwer. Grüne Themen seien auch die Themen der GLP, bestätigt Meyer, da stimmten sie eher links ab.

Bei den Finanzen politisierten sie meistens bürgerlich. «Die Umverteilung ist nicht unbedingt unser Kind», erklärt der Parlamentarier. «Wir möchten wissen, wofür wir das Geld genau ausgeben, und sind gegen Subventionen nach dem Giesskannenprinzip.» Einbringen wolle sich die GLP weiterhin bei Verkehrs- und Städtebau-Themen. Dort bringt der 46-jährige Meyer als Ingenieur ETH entsprechend viel Fachwissen mit.

Das Gedicht von David Meyer

«Hoch oben im Stock 24
Riecht es komisch, fast schon ranzig
Es weilt ein Raum so ohne Sinn
Beherbergt er doch gar nichts drin

Auszubauen diese Hülle
Bedürfte einer Geldesfülle
Leer zu lassen die Etage
Wäre auch eine Blamage

Das geht so nun schon seit Jahren
Verkrampft versucht den Schein zu wahren
Oh je minee, es ist ein Graus
Der Raum zuoberst in dem Haus

So dreh ich die alte Leier
Wiederhol mich als Marktschreier:
So ein zweckbefreiter Raum
Möge ruhen als ein Traum

Verlasse man die entfleuchte Höhe
Komme wieder in Bodennähe
Sehe mit etwas Vernunft
Diesem Raum fehlt die Zukunft

Veräussere man ihn einfach schlicht
Beende die leide Geschicht.»

Um die oberste Etage des Parktowers (in der Bildmitte) wird im politischen Leiterlispiel gespielt.

Um die oberste Etage des Parktowers (in der Bildmitte) wird im politischen Leiterlispiel gespielt.

(Bild: zvg)

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