Wird Zug die Ausnahme? In Schweizer Städten wollen Gondeln einfach nicht abheben
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Bei uns kaum vorstellbar, in La Paz längst Alltag: Luftseilbahngondeln schweben durch die Stadt. (Bild: Javier Collarte/Unsplash)

Stadt Zug prüft «Urban Seilbahning» Wird Zug die Ausnahme? In Schweizer Städten wollen Gondeln einfach nicht abheben

4 min Lesezeit 3 Kommentare 18.04.2020, 05:00 Uhr

Die Zuger Stadtregierung will den Bau einer Luftseilbahn für den Pendlerverkehr prüfen. Völlig überzeugt ist die Stadt von ihrer eigenen Idee allerdings nicht. Der Blick in andere Städte zeigt aber, dass es funktionieren kann.

Ein Luftseilbahnsystem auf den wichtigsten Pendlerstrecken von und in die Stadt Zug. Im Rahmen der nächsten Ortsplanungsrevision will die Stadtregierung diesen Ansatz zumindest prüfen (zentralplus berichtete). Noch im gleichen Atemzug wird die Idee aber als «Out of the box»-Ansatz gewertet. Mit anderen Worten: «Schon eine verrückte Idee, aber wir nehmen’s mal auf.»

Damit geht die Stadtregierung immerhin schon weiter, als vielerorts in der Schweiz. In fast allen Fällen kommen solche Projekte nicht weiter, als die meist privaten Initianten sie tragen können. An Ideen fehlt es jedoch nicht.

Kriens: 10 Jahre, viele Pläne, kein Resultat

Vor rund 10 Jahren brachte ein über­parteiliches Krienser Komitee die Vision einer Seilbahn zwischen Kriens-Obernau und der Stadt Luzern aufs Tapet. In der Folge kamen eine ganze Reihe ähnlicher Pläne zum Vorschein. Darunter etwa auch die einer U-Bahn, eines Strassentunnels oder einer Monorail.

Zu teuer, zu nahe an den Häusern, zu harter Eingriff ins Ortsbild: Aus den Plänen für Verkehrsalternativen ist in der letzten Dekade nichts geworden. Die Diskussionen um den Krienser Verkehr haben sich zuletzt zu den möglichen Wirkungen und Nebenwirkungen des Bypass-Projekts verschoben.

Zürich: Die unendliche Zoo-Geschichte

In Zürich bestehen seit geraumer Zeit mehrere Pläne für Seilbahnen. Die prominenteste würde zwischen dem Bahnhof Stettbach und dem Zoo Zürich verkehren. Die Projektauflage erfolgte 2009. Seither schleppt sich das Projekt von einer Instanz zur nächsten.

Vergangenes Jahr wurde der Gestaltungsplan durch den Kanton Zürich festgesetzt. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 26 Millionen Franken. Wann der Betrieb aufgenommen werden könnte, ist noch völlig offen.

Ein weiteres Seilbahn-Projekt plant die Zürcher Kantonalbank. Zu ihrem 150-Jahre-Jubiläum will sie eine temporäre Seilbahn – die Züribahn – zwischen den beiden Seeufern schweben lassen. Die Feierlichkeiten mussten wegen der Corona-Krise auf das nächste Jahr verschoben werden. Das Seilbahnprojekt wird wohl sowieso erst später zum fliegen kommen.

So soll die Seilbahn der Zürcher Kantonalbank aussehen.

Basel: Pläne gingen rasch den Rhein bachab

2018 versenkte das Basler Stadtparlament die Pläne für eine Seilbahn über den Rhein. In einer Machbarkeitsstudie hätten verschiedene Streckenverläufe geprüft werden sollen, forderte eine Petition. Eine solche Seilbahn lasse sich aber nicht auf sinnvolle Weise mit dem Ziel einer Entlastung der Verkehrssituation vereinbaren, hiess es damals.

Inspiriert wurde das Anliegen übrigens von einer Seilbahn, die 1992 während der 600-Jahr-Feier «Gross- und Kleinbasel zusammen» von der Pfalz über den Rhein führte.

Wo gibt es Stadtseilbahnen überhaupt?

Wo funktionieren Seilbahnen im urbanen Raum? Für Antworten muss man relativ weit über den Tellerrand blicken. Zum Beispiel nach La Paz in Bolivien. Die Verwaltungshauptstadt auf 3500 Metern Höhe verfügt über das dichteste Seilbahnnetz der Welt. Nicht zuletzt wurde es erstellt, um den Verkehrskollaps auf den Strassen abzuwenden:

Erstellt wurden die Seilbahnen in La Paz durch die Doppelmayr/Garaventa-Gruppe. Diese hat ihre Wurzeln auch in der Zentralschweiz und ist Marktführer in Sachen Seilbahnkonstruktion. Sie hat noch andere urbane Projekte realisiert. So etwa 2012 die «Emirates Air Line» in London:

So präsentiert die Firma Doppelmayr/Garaventa die Emirate Air Line.

Ein weiteres Beispiel findet sich in Berlin. Vor rund drei Jahren hat man im Ortsteil Marzahn-Hellersdorf eine Seilbahn realisiert, die mitten durch die Plattenbauten-Landschaft gezogen wurde. Die DDR-Bauten wurde so ganz unverhofft zu Sehenswürdigkeiten:

In zwei Jahren sollte die Monorail flitzen

Die Schweiz gilt als Land der Seilbahnen. Allerdings überwinden sie hier eher Höhenmeter, als dass sie den Strassenverkehr entlasten würden. Träumen darf man aber noch: 2008 veröffentlichte die Baudirektion der Stadt Luzern einen Bericht zur Mitwirkung. Der Titel: «Die Stadt Luzern im Jahr 2022».

Im Bericht sollten «Perspektiven für die Stadtentwicklung» aufgezeigt werden. Und siehe da: Als eines der Hauptprobleme, die im Jahr 2022 auf uns zukommen, vermutete man eine Überlastung der Strassen. Eine möglicher Lösungsansatz: eine Monorail/Hochbahn zum Bahnhof-Kriens. Zwar nicht eine Seilbahn – aber doch eine schwebende Lösung über den Dächern der Stadt.

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3 Kommentare
  1. mebinger, 18.04.2020, 14:55 Uhr

    Es idt nicht notwendig den Verkehr noch zu fördern. lasst ihn kollabieren, vielleicht werden wir dann vernünftig. So eine Bhn it eine Schnapsidee aus vergangenen Zeiten des Wachstumsdenken!

  2. Robert Schuler, 18.04.2020, 11:18 Uhr

    In einem durch den Halbstundentakt geprägten öV Land wie der Schweiz passt ein Seilbahnsystem leider nicht ganz in die Philosophie. Seilbahnen helfen dabei, viele Leute kontinuierlich zu transportieren. Kommt in Zug aber ein Interregio an und davon möchten 400 Aussteiger auf die Seilbahn, so benötigt es einige Gondeln, bis alle abtransportiert wurden.

    In Städten wie London, Berlin, etc. wo ein Grossteil der Mobilität innerhalb der Stadtgrenzen stattfindet, machen solche Systeme aber durchaus Sinn. In der Schweiz gitb es schlicht keine Stadt dir gross genug dafür ist.

  3. sandroluzern, 18.04.2020, 09:14 Uhr

    Grundsätzlich sind Seilbahnen hauptsächlich für Punkt-zu-Punkt -Verbindungen interessant. Zwischenststionen sind zwar möglich, müssen aber in jedem Fall (auch nachts) langsam durchfahren werden. Das drückt auf die durchschnittliche Beförderungsgeschwindigkeit. Zwischen den Stationen sind heute Geschwindigkeiten bis 25 km/h (7 m/s) möglich. Der Umstieg stellt auch gewisse Herausforderungen dar (lange Umsteigewege, Umgang mit Pulks zu den Taktzeiten an Knoten).

    Es stellt sich also die Frage inwiefern Seilbahnen bestehende, flächige ÖV-Angebote wie Buslinien ersetzen können.

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