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In Oberwil tobt ein Kampf
  • Politik
Luca Bächler (15) und Bastian Steiger (14) stammen zwar aus verschiedenen Quartieren, kämpfen aber trotzdem zusammen für ihre Halle. (Bild: fam )

Oberwil Rebells In Oberwil tobt ein Kampf

8 min Lesezeit 03.05.2014, 12:32 Uhr

Die Oberwil Rebells kämpfen für ihre Streethockey Halle, aber ihre Gegner kämpfen genauso. Zwei Wochen vor der Abstimmung werden in Oberwil die Argumente immer spitzer: Kein Tag ohne Leserbrief, keine Quartierstrasse ohne Abstimmungsplakat. Ein einziger Verein hält die ganze Stadt Zug in Atem. Wie geht das? «Wir Oberwiler streiten gerne», das sagt Stefan Hodel, der Chef des Gegner-Kommitees.

Im Zuger Stadtteil Oberwil tobt ein Kampf, ein stiller. Er tobt auf Plakaten und in den Leserbriefseiten, im Internet und auf den anziehbaren Postern, die sich der Oberwiler Streethockey-Nachwuchs am Samstag überhängt und in der ganzen Stadt herumzeigt.

Am intensivsten aber wird er in den Oberwiler Quartierstrassen ausgetragen: Keinen Meter geht man ohne ihn. Die Plakate starren sich feindselig an, von den Balkonen, von den Rasenflächen, von Schaufenstern und Hauswänden. Im Zuger Vorort Oberwil gibt es keinen Gripen, keine Pädophilen-Initiative, keinen Mindestlohn. Hier gibt es nur die Rebells-Halle.

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Und in dieser Halle steckt viel Herzblut, von beiden Seiten, sie ist so gross geworden im Dorfgespräch wie die Profile zwischen den Obstbäumen, die das Gegenkomitee aufgestellt hat: Dass die Stadt eine Halle bauen soll, für einen einzelnen Randsportverein, für 6,7 Millionen Franken, und das obwohl der Verein Oberwil Rebells im Herti schon eine Trainingsfläche zur Verfügung hat — das klingt für die Gegner absurd. Dass ein Ur-Oberwiler Verein, der zu den erfolgreichsten Streethockey-Mannschaften Europas gehört, der konstant Schweizermeister wird, dass der nicht in Oberwil trainieren soll, das ist für die Befürworter unbegreiflich. Und jetzt kämpfen die Oberwiler mit aller Heftigkeit um ein Stück Quartierkultur und um ein Stück unverbaute Landschaft. Je nach Sichtweise.

Spielgelegenheit ist nicht gleich Platz

Wie es überhaupt so weit kommen kann, dass ein Randsport-Verein sein Anliegen zur Hauptsache einer ganzen Stadt machen kann, erklärt Rudolf Balsiger: «Dahinter steckt die Ungerechtigkeit, die Rebells sind aus Oberwil vertrieben worden, das hat die Leute empört.» Er ist der Präsident des Pro-Komitees «Sport vor Ort», sitzt in seinem Garten, keine 200 Meter weit vom alten Trainings-Platz der Oberwil Rebells. Hier hatten sie seit der Gründung ihre Trainings und Spiele austragen können, auf dem Schulhausplatz.

Dann wurde in der Nachbarschaft gebaut, ohne Auflagen, neue Nachbarn zogen zu, machten Einsprache, die Rebells mussten per Gerichtsbeschluss gehen. Und gingen vors Volk: «Damals hat die Bevölkerung mit 75 Prozent Ja-Stimmen der Stadt den Auftrag gegeben, für die Rebells in Oberwil eine Spielgelegenheit herzustellen. Spielgelegenheit!» Das betont Balsiger, denn daran scheiden sich heute die Geister. Spielgelegenheit ist nicht gleich Platz. Und einen Platz, da sind sich alle einig, einen Platz wird es nicht geben in Oberwil. Dafür ist der Sport zu laut, das Dorf zu klein und der Boden zu schief. Die Halle ist die einzige Möglichkeit, wie die Rebells nach Oberwil zurück kommen können.

Volksfest Hockeyspiel: «Das fehlt heute.»

Und die Rebells sollen zurückkommen können, das sei der Auftrag der Bevölkerung von 2007 gewesen: «Bei der Abstimmung damals waren die Einwohner empört, man hat sich enorm für die Rebells eingesetzt», sagt Balsiger. Aber weshalb wollen sie überhaupt noch zurück? Die Ungerechtigkeit der Vertreibung ist lange her, der neue Platz im Herti ist scheinbar gut geeignet, der Verein floriert. «Die Rebells sind ein Oberwiler Verein», entgegnet Balsiger, «sie setzen sich immer noch zu mindestens sechzig Prozent aus Oberwiler Kindern und Jugendlichen zusammen. Und sie betreiben sehr wirkungsvolle Jugendarbeit.»

Dass ein Quartier Anspruch auf seinen eigenen Verein geltend macht, erstaunt vielleicht. Oberwil ist zwar ein Quartier wie andere Zuger Quartiere auch, es ist aber durch einen Grüngürtel vom Rest der Stadt getrennt und pflegt die eigene Dörflichkeit. Und es soll auch dörflich bleiben, das ist im Richtplan so festgelegt.

Und zum Dorf, das eigentlich ein Quartier ist, gehöre auch der Verein, so Balsiger. «Als die Rebells noch hier gespielt haben, da gab es bei den Spielen einen Bratwurst-Stand, man hat sich dazugesetzt, ein Bier getrunken. Das fehlt Oberwil heute», sagt er. Ihm persönlich gehe es aber um die Sportmöglichkeiten an sich: «Ich unterstütze die Rebells vor allem deshalb, weil es in Oberwil einfach zu wenige Sportplätze gibt.» Seit sechzig Jahren seien die verfügbaren Sportplätze gleich gross, das Quartier allerdings habe seine Bewohnerzahlen vervierfacht. «Das geht einfach nicht auf.»

Die Halle sei eine Quartier-Halle, für viele Vereine gedacht. Das Betriebskonzept der Rebells zeigt: Im Winter wäre die Halle stark ausgelastet, im Sommer gäbe es mehr Platz für andere Vereine. Die Rebells haben aber laut dem Konzept klar Priorität. Wenn es Balsiger um mehr Platz für Vereine geht, weshalb hat man nicht von Beginn weg die Diskussion um eine Mehrzweck-Halle in Oberwil geführt? «Das wäre sicher sinnvoll gewesen. Aber wie gesagt, die Rebells sind der Auslöser. Man hat jetzt innerhalb des städtischen Vorschlags geschaut, wie man die Halle nutzen könnte, damit auch andere Vereine Platz finden. Jetzt können wir über diese Halle abstimmen.»

Platz gehört der Korporation

Dass es zu dieser Abstimmung kommt, ist nicht selbstverständlich. Die Halle hatte von Beginn weg einen schweren Stand: Schon im Grossen Gemeinderat ist sie fast gescheitert – zu teuer, unpassend, kein geeigneter Ort. Der Vorschlag der Stadt wurde abgelehnt. Nur dank einer Einzelinitiative des SVP-Gemeinderats Jürg Messmer kommt die Halle am 18. Mai überhaupt vors Volk. «Vor dasselbe Volk, das schon über den Rebells-Platz gestimmt hat. Das macht Sinn, finde ich», das sagt einer, der die Halle auf keinen Fall in Oberwil will stehen sehen: Stefan Hodel ist der Präsident des Komitees «Rebells-Halle – Nein Danke!».

Eine Halle für die Jugend, für einen starken Oberwiler Verein, wie kann man da überhaupt dagegen sein? «Klar, auch die Befürworter haben gute Argumente. Aber unsere sind stärker: Die Rebells brauchen keinen neuen Platz, sie haben einen im Herti.» Der Platz im Herti, der gehört der Korporation, der Vertrag zwischen ihr und der Stadt ist dieses Jahr verlängert worden bis 2019. Was dann passiert, das weiss man nicht. Balsiger sagt, die Korporation werde wohl den Platz überbauen, Hodel sagt, der Mietvertrag werde fix ausgehandelt. Fakt ist: Der Platz gehört nicht der Stadt, falls die Rebells 2019 gehen müssten, müsste eine neue Lösung her. Ob sie tatsächlich 2019 gehen müssen, darüber lässt sich nur spekulieren.

«Wie bei der Minarett-Initiative»

Auf den dörflichen Charakter Oberwils ist man bei Gegnern wie Befürwortern stolz. Nur, wie er erhalten bleiben soll, da streiten sich die Oberwiler, und das tun sie ausdauernd: Kaum ein Tag ohne Leserbrief, die Argumente werden immer spitzer. Weshalb ist die Halle so wichtig für das Dorf, respektive, dass sie nicht gebaut wird? «Wir Oberwiler streiten gerne», sagt Hodel «das kommt wahrscheinlich noch von früher.» Wenn es sein Komitee nicht gäbe, sagt er, «dann würde die Halle vielleicht sogar angenommen.»

Starke Worte, zwei Wochen vor der Abstimmung, auf der Rebells-Seite sieht man das natürlich ganz anders. Wenn es nach den Plakaten ginge, dann haben sie das Rennen schon gewonnen. Nur oberhalb der Bahnlinie, gleich bei der Wiese, wo die Halle hin soll, da ist die Gegnerfraktion stärker vertreten, hier hat sie das Plakate-Übergewicht. Ihr «Nein zur Monsterhalle» steht rot und leuchtend in der Landschaft, vor den 400 Niederstamm-Obstbäumen, die der Halle weichen müssten. «Monsterhalle», sagt Balsiger, «Das verstehe ich nicht. Ja klar, sie ist lang. Aber wirklich hoch ist sie nicht: Etwa halb so hoch wie das daneben geplante Rufin-Haus, das auf jeden Fall gebaut wird.»

«Monsterhalle», der Slogan ist etwas reisserisch, das gibt auch Hodel zu: «Wie bei der Minarett-Initiative», sagt er und lacht, «aber so ein Plakat muss ja blitzartig einschlagen. Unsere Argumente sind aber nicht reisserisch.» 6,7 Millionen Franken, das sei teuer, und günstiger werde es beim Bauen bestimmt nicht. «Aber das ist nicht unser Hauptargument», sagt Hodel, «das spielt uns einfach in die Hände. Unser Anliegen ist die Wiese. Mich schmerzt es, dass hier ein weiteres Stück Landschaft, die für den Dorf-Charakter so wichtig ist, verbaut werden soll.»

«Freue mich über die demokratische Diskussion»

Oberwil, das müsse man sich klar machen, liege zwischen Tabu-Zonen, weder See noch Wald seien bebaubar. Und damit der dörfliche Charakter bleiben könne, dafür müsse es noch Wiese geben. «Und eine der letzten Wiesen soll man jetzt bebauen. Und für was? Die Rebells können im Herti wunderbar trainieren: Sie stehen gerade wieder vor dem Finaleinzug bei den Schweizermeisterschaften. Sportlich haben sie im Herti keinen Nachteil.» Das Volk habe damals Ja gesagt, aber da habe man auch noch nicht über Zahlen gesprochen. «Deshalb muss sich das Volk jetzt neu entscheiden», sagt Hodel, «will man diese Halle in Oberwil, oder will man sie nicht.» Diese Diskussion sei wichtig, sagt Hodel: «Ich freue mich über die demokratische Diskussion, das ist auch für die Jugendlichen vom Verein Oberwil Rebells bestimmt ein gutes Lehrstück.»

Dass die Wiese tatsächlich grün bleiben würde bei einem Nein, das ist für Balsiger nicht gesagt: «Das ist Zone öffentliches Interesse, darauf kann die Stadt Alterswohnungen bauen. Sie hat auch schon Studien aufgegeben.» Hodel ist nicht einverstanden: «Könnte, ja, aber das ist nicht sicher. Es gibt auch andere solche Zonen, die schon seit Jahrzehnten nicht überbaut worden sind. Es ärgert uns, dass in der städtischen Broschüre die Abstimmung als Wahl zwischen Rebells-Halle und Alterswohnungen konstruiert wird. Das ist nicht der Fall.» Denn das wichtigste sei für die Gegner der Erhalt der Wiese. «Wir haben auch bei anderen Wiesen gekämpft», sagt Balsiger. Nicht immer mit Erfolg. Aber auch schon. Noch zwei Wochen, dann hat Zug ein erfolgreiches Stück Oberwiler Dorfkultur gerettet – oder ein Stück schöne Oberwiler Landschaft. Bis dahin darf gestritten werden.

 

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