In Menzingen geht die Angst um
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Ein von den Asylsuchenden gern besuchter Aufenthaltsort: Der Bernarda-Platz vor der Coop-Filiale im Dorfzentrum von Menzingen. (Bild: pbu)

Bundesasylzentrum Gubel In Menzingen geht die Angst um

6 min Lesezeit 1 Kommentar 03.08.2015, 05:17 Uhr

Seit rund drei Monaten leben Asylsuchende in einer Militärunterkunft nahe Menzingen – und sind regelmässig im Dorf anzutreffen. Während die Behörden sich mit der Situation zufrieden zeigen, brodelt es in der Menzinger Bevölkerung.

Menzingen ist ein verschlafenes Dorf. Es ist nicht viel los an diesem gewöhnlichen Mittwochmorgen. Einzig in der Konditorei «Zum Schlüssel» herrscht reges Treiben. Das Geschäft liegt mitten im Dorfzentrum, in unmittelbarer Nähe zur Gubelstrasse – jener Strasse, welche den Dorfkern mit dem Bundesasylzenrum verbindet.

Während die Einwohner ihre Brotlaibe und anderes Gebäck kaufen, will der Autor wissen, in welcher Form sich das kürzlich eröffnete Asylzentrum auf die Stimmung im Dorf auswirkt. «Dazu kann ich nichts sagen», meint die Verkäuferin. Man habe selber keine Erfahrungen mit den Asylbewerbern gemacht. «Sie kommen auch nicht wirklich hierher», meint sie und widmet sich der Kaffeemaschine.

«Die waren total blauäugig und haben uns falsch informiert», mischt sich eine Kundin ein. Mit «die» meint sie den Kanton Zug und die Gemeinde Menzingen. «Es sind überhaupt keine Familien gekommen, sondern junge Männer, die ständig vor dem Coop rumlungern, Schnaps trinken und rauchen», echauffiert sich die Anwohnerin. Sie würden in den Läden eine unangenehme Stimmung verbreiten und die hiesigen Frauen anmachen, sagt sie weiter.

«Ich fühle mich verarscht.»

Andrea Christen, Bewohnerin von Menzingen

Sprachliche Barrieren

Andrea Christen, wie die Anwohnerin heisst, ist sichtlich aufgebracht: «Ich fühle mich verarscht. Denen wird alles geschenkt, jetzt haben sie auch noch Busbillette bekommen, mit denen fahren sie nach Unterägeri und sorgen auch dort für Probleme.» Schon mehrmals sei deswegen die Polizei gerufen worden, doch wäre diese jeweils zu spät vor Ort, meint Christen weiter. «Die Asylanten sind täglich im Dorf unterwegs und verbreiten Angst. Viele trauen sich nicht mehr in die Läden.»

Ganz anders tönt es von behördlicher Seite. Gemeinderätin Barbara Beck bestätigt zwar, dass die Asylsuchenden im Dorf sichtbar seien, aber: «Bis jetzt hat es nur kleine Irritationen gegeben, keine richtigen Zwischenfälle.» Diese «kleinen Irritationen» seien dabei insbesondere kulturell bedingt, so zum Beispiel das adäquate Verhalten in Supermärkten. «Viel öfter höre ich persönlich Bedauern und Mitgefühl, wenn die Asylsuchenden beispielsweise in glühender Hitze den einstündigen Weg unter die Flip Flops nehmen», sagt Beck.

Angela Gisler, die Leiterin der Coop-Filiale im Dorf, sagt: «Es ist richtig, dass sich regelmässig Gruppen junger Männer draussen auf dem Platz aufhalten. Es ist auch richtig, dass sie immer wieder Frauen angesprochen haben, aber seit wir diesen Umstand den Behörden gemeldet haben, hat sich das Problem gelegt.» In der Filiale würde man merken, dass die Leute Angst hätten. Das liege laut Gisler aber daran, dass die Asylbewerber in Gruppen kämen und man mit ihnen schlicht nicht kommunizieren könne. «Wir haben grosse Verständigungsprobleme», sagt sie.

Die anwesende Kassenmitarbeiterin bestätigt: «Das ist alles neu für sie. Sie wissen nicht, dass man an der Kasse anstehen muss, weil ihnen das niemand gesagt hat.» Diebstähle hätten sie keine zu verzeichnen. Und den Vorwurf eines übermässigen Tabak- und Alkoholkonsums schwächt die Mitarbeiterin ab: «Die wenigsten können sich die teuren Zigarettenschachteln leisten und wollen daher lediglich einzelne Glimmstängel kaufen. Weil das aber nicht möglich ist, verlassen sie das Geschäft ohne Zigaretten.»

«Keine der Befürchtungen hat sich bewahrheitet.»

Barbara Beck, Gemeinderätin Menzingen

Anständige Leute

«Ich wurde nie angesprochen, geschweige denn belästigt», erzählt eine Kundin, die gerade dabei ist, den Discounter zu verlassen. Die Asylsuchenden würden sich vielmehr mit sich selber beschäftigen, gerade weil sie nicht einmal englisch sprächen. In diesem Moment überquert eine ältere Dame den Bernarda-Platz, auf dem sich der Coop befindet. «Die Asylanten machen überhaupt keine Probleme», betont die Rentnerin. Im Allgemeinen seien es anständige und zuvorkommende Leute, gerade die Jungen: «Im Bus stehen sie auf und machen Platz, wenn sich ältere Menschen setzen wollen.»

120 Betten im Gubel

Mit der Revision des Asylgesetzes hat der Bund die Befugnis, eigene Bauten während maximal drei Jahren zur Unterbringung von Asylsuchenden zu nutzen. Für die Unterbringung in Menzingen hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) eine entsprechende Vereinbarung mit der Gemeinde, dem Kanton Zug sowie dem VBS getroffen.

Das Bundeszentrum Gubel hat eine Kapazität von 120 Betten. Für die Betreuung des Asylsuchenden und den Betrieb der Unterkunft ist die Asyl-Organisation Zürich AOZ zuständig. Die Securitas kümmert sich derweil um die Sicherheit. Wie üblich bei Bundeszentren wird dem Kanton Zug als Kompensation die Bettenkapazität an den Verteilungsschlüssel angerechnet. Die 120 Betten werden also vom Total der Asylsuchenden abgezogen, die der Kanton in seinen eigenen Unterkünften aufnehmen muss.

«Keine der Befürchtungen hat sich bewahrheitet», betont Gemeinderätin Beck. Es gebe lediglich vereinzelte Reaktionen von Leuten, die Angst haben, wenn eine grössere Gruppe Afrikaner rumsteht. Oder von jungen Frauen, die nicht wissen, was sie tun sollen, wenn ein Mann sie anspricht.

Sie habe keine Angst, sondern sei vielmehr froh, dass sie nicht in deren Haut stecken würde, ergänzt die Rentnerin auf dem Bernarda-Platz. «Manche Leute sagen, die Asylanten sollen arbeiten, anstatt den ganzen Tag rumzustehen und nichts zu tun. Aber sie müssen doch zuerst einmal die Sprache lernen», führt sie aus.

Das klingt so gar nicht nach den Vorwürfen, welche die aufgebrachte Andrea Christen erhebt. «Es ist skandalös, dass die Asylanten auch um 17 Uhr noch nicht zurück im Gubel, sondern auch dann noch im Dorf unterwegs sind. Wer kontrolliert die eigentlich? Die haben bald mehr Rechte als wir.» Die Politik habe versagt, meint sie. Hilfe sei zwar angebracht, aber vor Ort. Dort müssen man zunächst die Korruption bekämpfen.

«Halbstarke Typen» mit Kulturschock

Barbara Beck habe auch neidische Stimmen vernommen: «Es gibt Leute, die denken, dass für die Asylsuchenden zu viel gemacht werde. Es stört sie zum Beispiel, wenn Afrikaner ein Handy benutzen. Schliesslich hätten doch auch sie Bedürfnisse, die nicht erfüllt werden.» Solche Stimmen seien aber die Ausnahme. Öfters würden die Flüchtlinge bedauert, wie schlimm es für sie sei, dass sie sicher eine beschwerliche Reise hinter sich hätten. «Positiv gewertet wird zudem, dass die Asylsuchenden arbeiten, entlang der Strassen und im Wald. Das finden die meisten Mitbewohner gut», sagt die Gemeinderätin.

«Denen ist doch langweilig. Was sollen sie auch den ganzen Tag tun?»

Eine Menzinger Anwohnerin

Es ist ein emotionales Thema. Die Dorfbewohner haben ein ambivalentes Verhältnis zum Bundeszentrum. Dieser Eindruck verschwindet auch dann nicht, wenn man den Dorfkern verlässt und die unmittelbaren Nachbarn der Asylunterkunft befragt. «Denen ist doch langweilig. Was sollen sie auch den ganzen Tag tun? Man müsste sie irgendwie beschäftigen», sagt eine Bäuerin, deren Hof direkt an das eingezäunte Areal angrenzt.

Ein tierischer Weckruf

Sie habe aber durchaus Verständnis für die Ängste der Bewohner: «Für viele Kinder ist die Gubelstrasse der Schulweg. Und für die Asylanten der einzige Weg ins Dorf.» Dort käme es unweigerlich zu Begegnungen. «Wenn man mit dem Auto die Strasse auf oder ab fährt, stellen sich einem zuweilen ‹halbstarke Typen› in den Weg, die eine Mitfahrgelegenheit verlangen», sagt die Bäuerin.

Auf dem Nachbarshof versucht man die Sache konstruktiv anzugehen. «Die Flüchtlinge erleiden hier einen Kulturschock», sagt die Hofbetreiberin. Man solle sich bemühen, den Graben zwischen den Dorfbewohnern und den Asylsuchenden zuzuschütten. «Vielleicht sollte man einen Abend organisieren, an dem sie ihre einheimischen Spezialitäten kochen und diese gemeinsam mit der Dorfbevölkerung essen», schlägt sie vor.

Probleme habe sie bis anhin keine gehabt. Das könne aber auch daran liegen, dass sie auf ihrem Hof einen freilaufenden Vierbeiner hielten, denn: «Die Asylanten fürchten sich vor dem Hund.» Betrete einer von ihnen ihr Grundstück, werde mit Gebell geantwortet. Ein Gebell, dass man auch weit unten im verschlafenen Dorf vernehmen mag.

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1 Kommentare
  1. Anne Mäder Beglinger, 03.08.2015, 17:16 Uhr

    Den Bericht finde ich sehr gut. Weshalb der Titel „In Menzingen geht die Angst um“? Und einen Kurztext mit der Aussage, dass es in Mennoniten „brodle“? Beides entspricht doch nicht wirklich dem Bericht.
    Will man es hier der SVP gleich machen und zusätzliche Ängste schüren? Schade und sehr bedauerlich.

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