In Luzerner Quartieren boomen die Guerilla-Bibliotheken
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Die Studentin Lara-Luna hat diesen Quartier-Bücherschrank selbst gebaut. (Bild: cbu)

Bring ein Buch, nimm ein Buch In Luzerner Quartieren boomen die Guerilla-Bibliotheken

4 min Lesezeit 30.06.2020, 17:30 Uhr

Luzern liest. In den Quartieren der Leuchtenstadt entstehen zunehmend öffentliche Bücherschränke. Nicht alle sind legal, aber das Angebot kommt an.

Im Zusammenhang mit der stetigen Schliessung von öffentlichen Telefonkabinen entstanden in den letzten Jahren vermehrt Mini-Bibliotheken (zentralplus berichtete). Gestartet wurde die Idee von der Zentralschweizer Kampagne «e chline Schritt» und wird mittlerweile auch in anderen Kantonen weitergeführt.

Das Prinzip dieser Mini-Bibliotheken – oder offenen Bücherschränke, wie sie auch genannt werden – ist denkbar einfach: Wer ein Buch mitnimmt, stellt ein anderes hinein. Das Angebot ist gratis und kann unkompliziert und ohne Anmeldung genutzt werden.

Im Grundsatz bewilligungspflichtig

Aber es braucht nicht immer eine Telefonkabine. Auch Privatpersonen stellen hin und wieder kleine Bücherkästen auf, manchmal mit Bewilligung, manchmal ohne. Gemäss Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen, ist die Gesetzeslage klar: «Falls öffentlicher Grund genutzt würde, müsste ein Gesuch gestellt beziehungsweise eine Bewilligung eingeholt werden.»

Trotzdem seien bisher weder Beschwerden eingegangen, noch habe man unerlaubt errichtete Bibliotheken wieder entfernt. Wer also die Augen offen hält, findet zu Guerilla-Bibliotheken umfunktionierte Kühlschränke oder selbstgebaute Kästen an Quartierstrassen oder Bushaltestellen.

Engagement von Jung …

Die 19-jährige Lara-Luna hat eine solche Guerilla-Bibliothek in ihrem Quartier aufgestellt. Die Idee dazu hatte sie im Ausland: «Ich war in San Diego in den Ferien und da gab es diese Bücherkästen an jeder Ecke», sagt sie. Eine Bewilligung für ihren kleinen Kasten hat sie nicht eingeholt. «Ich hab meine Handy-Nummer im Schränkchen angegeben, falls sich jemand daran stören sollte.» Das sei bisher aber nicht passiert.

Im Gegenteil: «Ich bekam schon mehrere Nachrichten mit Lob.» Jemand habe ihr sogar angeboten, die verzogene Schranktüre zu reparieren. Gebaut hat sie den Kasten alleine in den Ferien – mit Schulwissen aus dem Werkunterricht. Und der Plan geht auf: Das Angebot wechselt laufend, wie zentralplus bei mehrfachen Besuchen feststellte.

… bis zur Pensionierung

Offizieller ging es Marlis Notter an: Sie wohnt bei der Eisenbahngenossenschaft Geissenstein in Luzern und ist selbst Bücherfreundin. «Ich habe einige dieser öffentlichen Bücherschränke gesehen und fand die Idee toll», sagt sie. Sie sei vor vier Jahren pensioniert worden und habe Zeit und Lust, sich in ihrem Umfeld zu engagieren. Die Idee mit dem Bücherschrank fand Anklang. «Nach dem Okay der Genossenschaft habe ich mich umgehört, wer diese Bücherschränke herstellt.» Das sei gar nicht so einfach gewesen.

«Eine kleine deutsche Firma hat schon einige dieser Schränke gebaut, auch für die Schweiz», erklärt Notter. Schliesslich habe man sich für ein Modell entschieden. Rund 800 Kilogramm wiegt er und ist von drei Seiten zugänglich. Er ist robust, aber nicht unzerstörbar. «Bei einem heftigen Strum wurde auch schon mal die Frontscheibe eingedrückt.»

Der «deutsche» Bücherschrank im Eisenbahnerquartier Geissenstein. (Bild: Marlis Notter)

Mit Engagement gegen Missbrauch

Die Kosten für den Bücherschrank betrugen rund 10’000 Franken. Getragen wurden sie zu grossen Teilen von der Stadt. Den Rest hat die Genossenschaft beigesteuert. Seit rund einem Jahr ist der Schrank nun in Betrieb. Und er ist beliebt: «Die Leute benutzen ihn täglich. Besonders Kinder- und Jugendbücher sind beliebt», sagt Notter.

Um die nötige Ordnung zu halten, wird der Schrank von einem elfköpfigen Team aus Freiwilligen täglich betreut. «Wir sortieren die Bücher und werfen weg, was da nicht hingehört, schmutzige oder kaputte Bücher etwa.» Leider seien bei nächtlichen Besuchen auch schon ganze Regale leergeräumt worden. Für Marlis Notter ist dies zwar ein unverständliches, aber nicht unerwartetes Übel. Rund 450 Bücher finden im Schrank bei der EBG Geissenstein Platz.

Die rote Telefonkabine vom Wesemlin

Ein optisch ausgefallener Bücherschrank steht im Wesemlinquartier. Direkt hinter der Baustelle zum ehemaligen Wäsmeli-Träff an der Landschaustrasse steht eine ausrangierte, feuerrote Telefonkabine aus Deutschland. Sie fasst etwa 200 Bücher. Aufgestellt wurde sie 2015 im Rahmen des Projekts «Altern in Luzern». Mitglieder des Forums Luzern60plus hätten sich einen solchen Bücherschrank gewünscht, heisst es auf der Website.

Der offene Bücherschrank im Wesemlinquartier soll zum Lesen anregen, aber auch den Kontakt unter der Quartierbevölkerung fördern. So würden auch immer wieder Lesungen für Jung und Alt abgehalten, auch mit lokalen Autoren.

Trotz einer Baustelle ist der Bücherschrank für Lesefreunde geöffnet. (Bild: cbu)
Weitere Bücherschränke findest du hier (Stand Juni 2020):
  • Gegenüber dem Neubad wurde ein ehemaliges Wärterhaus der Zentralbahn zur «Bücherhalle» umfunktioniert.
  • Neben der Gütschbahn-Talstation an der Baselstrasse findet sich ein vom Sentihof betriebener Bücherschrank.
  • Lernende der Firma Monosuisse haben an der Gerliswilerstrasse in Emmen eine Telefonkabine zum Bücherbrocki umfunktioniert
  • Das «Offene Bücherfenster» steht auf dem Helvetiaplatz mitten in der Stadt Luzern.

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