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In Luzern gibt’s den wohl günstigsten Musikschulunterricht der Schweiz
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Das Orchester der «Babel-Strings» trifft sich im obersten Stockwerk des St.-Karli-Schulhauses. (Bild: pze)

Das Multikulti-Orchester des Babel-Quartiers In Luzern gibt’s den wohl günstigsten Musikschulunterricht der Schweiz

8 min Lesezeit 23.04.2017, 17:54 Uhr

Für nur drei Franken pro Semester: Die «Babel-Strings» bieten Schülern des St.-Karli-Schulhauses Instrumentalunterricht. Davon profitieren vor allem Kinder aus ärmeren Verhältnissen – aber nicht nur. zentralplus wirft einen Blick in die Proberäume des bunten Orchesters.

Wenn man im obersten Stock des St.-Karli-Schulhauses ankommt, braucht man erst einmal eine Verschnaufpause. Erstaunlich, wie viele Treppen die Kinder der «Babel-Strings» erklimmen müssen, um zu ihren Proberäumen zu kommen. Doch die Schüler lassen sich nichts anmerken. Locker springen sie mit ihren Instrumenten am Rücken die Stufen hoch.

Was sich hier trifft, ist ein Orchester, bestehend aus den Kindern aus dem Quartier Basel-/Bernstrasse (Babel). Die bunte Schar ist aus verschiedensten Nationalitäten und Kulturen zusammengewürfelt: Die Kinder kommen unter anderem aus Sri Lanka, Kurdistan, Italien, Serbien und der Schweiz. Zusammen verfolgt man ein Ziel: gemeinsam klassische Musik spielen.

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Die Kinder sprechen Hochdeutsch – auch untereinander

Die Kinder der «Babel-Strings» proben zwei Mal in der Woche – Orchesterprobe ist jeweils am Mittwoch. Zu Beginn verteilen sich die Kinder selbstständig in Grüppchen – je nach Instrument und Niveau. Die Kinder wissen, wo sie hin müssen – und alles verteilt sich selbstständig auf die verschiedenen Räume. In Zweier- bis Dreiergruppen werden die Stücke geübt, die sie später im Orchester spielen werden.

Schon bald sind die Kinderaugen auf die Hälse ihrer Geigen und Celli gerichtet. Um auch ja die richtigen Töne zu treffen, kleben die Jungmusiker runde, farbige Aufkleber auf den Hals ihrer Instrumente. Wer schon länger spielt, spielt bereits ohne die aufgeklebten Hilfsmittel. Und wer zu sehr auf den Hals seines Instruments äugt, wird von den Lehrerinnen ermutigt: «Nach vorne auf die Noten schauen, nicht auf die Finger!»

«Gerade im Babel-Quartier hätten die Kinder sonst oft keine Möglichkeit für musikalische Ausbildung.»

Nicole Bucher, Leiterin Bratsche und Geige

Die Kinder sind äusserst motiviert, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie während ihrer Freizeit hier sind. Der Unterricht macht ihnen offensichtlich Spass. Sie setzen die Anmerkungen der Lehrpersonen ohne Widerworte um – oder geben zumindest ihr Bestes, dies zu tun. Auch wenn noch nicht alle Töne stimmen – die Jungmusiker sind auf gutem Weg. Die Kinder wissen: Nachher im Orchester muss alles sitzen.

Verein ist auf Spenden angewiesen

Die «Babel-Strings» funktionieren als Verein. Sie bestehen seit 2011 und momentan nutzen über 25 Kinder das Angebot. Der Verein ist angegliedert an den Quartierverein Basel-/Bernstrasse (Babel), daher auch der Orchestername. Das Team aus Musikpädagoginnen und Musikern bietet Kindern bis zwölf Jahren eine Form des Instrumentalunterrichts – für einen symbolischen Beitrag von drei Franken pro Semester. Unterstützt werden die Leiterinnen von Studierenden der Hochschule Luzern für Musik.

Zu den «Babel-Strings» gehört eine umfassende musikalische Bildung: Neben den Orchesterproben geht’s für die Kinder am Montag oder Donnerstag in den Rhythmikunterricht. Verantwortlich dafür ist die dritte Co-Leiterin Daniela Künzli. «Das ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Konzepts», sagt Graziella Carlen. «Die Rhythmik schult die allgemeine Musikalität unserer Schüler.»

Harnishia lässt sich von Graziella Carlen die Noten erklären.

Harnishia lässt sich von Graziella Carlen die Noten erklären.

(Bild: pze)

«Gerade im Babel-Quartier hätten die Kinder sonst oft keine Möglichkeit für musikalische Ausbildung», sagt Nicole Bucher, Leiterin Bratsche und Geige. Viele Eltern könnten sich die Musikschule nicht leisten. Finanziert wird der Verein durch Beiträge von Stiftungen, Privatpersonen und der Stadt. Doch die Geldfrage zu klären, ist nicht immer ganz einfach: Beispielsweise hat der Kanton seine Beiträge auf dieses Jahr hin gestrichen. «Es war ohnehin ein sehr kleiner Betrag. Trotzdem: Jedes Loch in der Kasse tut weh», so Bucher.

Die Instrumente gehören dem «Babel-Strings»-Verein. Die meisten waren Spenden von verschiedenen Geigenbauern der Stadt Luzern, gewisse erhielt der Verein von Privatpersonen. «Diese Grosszügigkeit hat uns wahnsinnig gefreut», sagt Graziella Carlen, welche die Cello- und Kontrabasssektion des Kinder- und Jugendorchesters leitet. Die Kinder des Orchesters dürfen die Instrumente für die Proben ausleihen – eigene Instrumente anschaffen müssen sie nicht.

«Babel-Strings» haben integrative Funktion

«Wir decken ein Bedürfnis im Quartier ab», sagt Nicole Bucher. Dass die Kinder der Gegend aus unterschiedlichen Kulturen kommen, führe dabei kaum zu Konflikten. «Multi-Kulti ist der Alltag der Kinder. Sie sind so aufgewachsen und kommen sehr gut miteinander aus.»

So klingt das «Babel-Strings»-Orchester:

Die vielen Kulturen sind dennoch Thema im Orchester: «Die ‹Babel-Strings› haben einen integrativen Auftrag», sagt Graziella Carlen. Dass das Angebot ausschliesslich Kinder aus tieferen Schichten anspreche, sei aber falsch, sagt Carlen: «Es soll ein Angebot für alle Kinder aus dem Quartier sein. Es spielt keine Rolle, ob man sich die Musikschule leisten kann oder nicht.»

«Babel-Strings» auf der Leinwand

Die Filmemacherin Lena Mäder begleitete die «Babel-Strings» während längerer Zeit. Die Erfahrungen zeigt sie in ihrem Film «Die Kinder von Babel», der in diesem Jahr an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde (hier geht’s zum Bericht).

Am 6. und 13. Mai (jeweils 16 Uhr) läuft der Film im Stattkino Luzern. Am 6. Mai gibt's anschliessend ein Gespräch mit der Regisseurin und den Kindern.

Teilweise habe es einfache geografische Gründe, wieso ein Kind zum Orchester stosse. «Die Musikschule ist im Südpol, also am anderen Ende der Stadt. Viele Eltern würden ohne unser Angebot ganz auf den Instrumentalunterricht für ihre Kinder verzichten, auch wenn sie es sich leisten könnten», sagt Carlen.

Pause genauso wichtig wie Probe selbst

Die Integrationsarbeit geschieht vor allem in der Pause – denn zwischen Einzelunterricht und Orchesterprobe treffen sich alle Kinder im grössten Klassenzimmer, wo später die Orchesterprobe stattfindet. Dort gibt es ein Zvieri und man singt gemeinsame Lieder, am liebsten Eigenkompositionen über die «Babel-Strings». So schafft sich der Verein Identität und es entwickeln sich Freundschaften.

Eines von vielen Beispielen sind Andersen und Ivan: Die beiden setzen sich schnell zueinander. Beide sprechen Hochdeutsch, wie alle im Orchester, damit die sprachliche Barriere sinkt – sie beide haben Migrationshintergrund. Man spricht über die bevorstehende Probe oder das bevorstehende Orchesterlager. Auch wenn Andersen einige Jahre älter ist als Ivan, scheinen sich da zwei Freunde gefunden zu haben.

Nicole Bucher, Leiterin Bratsche und Geige, übt mit den Kindern in der Kleingruppe.

Nicole Bucher, Leiterin Bratsche und Geige, übt mit den Kindern in der Kleingruppe.

Und nicht nur für den gegenseitigen Austausch ist die Pause wichtig: Die Leiterinnen des Orchesters nutzen das Beisammensein, um wichtige Mitteilungen durchzugeben. Für das Orchesterlager fehlen noch Rückmeldungen der Eltern vereinzelter Kinder. Es wird nochmal nachgehakt: Haben alle Kinder zu Hause den Anmeldetalon abgegeben? Die Kinder machen sich gegenseitig darauf aufmerksam: Ja nicht vergessen, es sollen alle mitkommen.

Auch das gehört dazu bei den «Babel-Strings»: Der Verein organisiert regelmässig Ausflüge und gemeinsame Projekte. So geht es jährlich in ein Probewochenende und man besucht Konzerte. Kürzlich ging’s ins KKL, wo die Kinder beim Konzert der «Rising Stars» mit dem Luzerner Sinfonieorchester einer 15-jährigen Geigerin zuschauen durften. Graziella Carlen sagt mit einem Lächeln: «Da sehen die Kinder, was möglich wäre auf diesen Instrumenten – bereits in ihrem Alter. Sie realisieren dann, dass es noch viel zu üben gibt.»

Orchester gibt verschiedene Konzerte

Üben, das müssen die Kinder nach der Pause noch einmal intensiv: Dann wird im Orchester gespielt. Alle dürfen (und müssen) mitmachen, unabhängig von Alter und Können. Die Anfänger spielen die einfachen Grundtöne, die Fortgeschrittenen übernehmen die anspruchsvolleren Melodien.

«Die Instrumente dürfen nur gewisse Kinder unter ganz bestimmten Voraussetzungen nach Hause nehmen.»

Nicole Bucher, Leiterin Bratsche und Geige

Es geht um den Feinschliff, denn bald muss alles sitzen: Bereits am 3. Juni spielen die Kinder in der Box des Luzerner Theaters ein kleineres Konzert, bevor am 21. Juni das grosse Jahresabschlusskonzert im Pfarreisaal St. Karli stattfindet. «Die Konzerte sind natürlich zusätzliche Motivation für unsere Kinder», sagt Nicole Bucher. Das Abschlusskonzert sei denn auch das «Jahreshighlight».

Abivarsi (links) und Methila während der Probe.

Abivarsi (links) und Methila während der Probe.

(Bild: pze)

Trotz dem grossen Angebot: Konkurrenz zur Musikschule will man nicht sein. Die Arbeitsweise sei ganz anders: Bei der Musikschule hat ein Kind oft eine Lektion wöchentlich, dafür im Einzelunterricht. Das Üben geschieht selbstständig zu Hause. Dagegen ist bei den «Babel-Strings» das Kollektiv sehr wichtig – und es wird nicht verlangt, dass zu Hause geübt wird. «Die Instrumente dürfen die Kinder aber dennoch unter bestimmten Voraussetzungen nach Hause nehmen. Im Normalfall ist das nach zwei Monaten Unterricht möglich», sagt Graziella Carlen.

Aufbauprojekt ist angelaufen

Die Kinder dürfen bis zum 13. Lebensjahr bei den «Babel-Strings» mitmachen. Doch wenn es nach den Verantwortlichen des Vereins geht, soll dann nicht Schluss sein mit der Musik: «Wir bauen gerade ein ähnliches Projekt mit Jugendlichen auf», erklärt Graziella Carlen. Da sei man seit eineinhalb Jahren daran, bisher mit vier Teilnehmern. «Bis jetzt ist es mehr eine Kammermusik, Ziel wäre aber auch da ein Orchester», sagt Graziella Carlen.

Von links: Rozelin, Ivan und ihr Lehrer Matous Mikolasek.

Von links: Rozelin, Ivan und ihr Lehrer Matous Mikolasek.

(Bild: pze)

Nächstes Jahr sollen es mehr sein. Geprobt wird jeden Freitag in der Sentimatt. Nicole Bucher ergänzt: «Dort ist der Sozialaspekt sehr wichtig. Wir möchten, dass der Umgang mit Musik im Jugendalter nicht einfach abbricht.» Schliesslich habe man viel Zeit und Kraft in die Ausbildung der Kinder investiert. «Es wäre schade, dies einfach aufzugeben. Die guten Erfahrungen der ‹Babel-Strings› machen uns auch für das Aufbauprojekt Mut.»

Die Idee kommt aus Venezuela

Das Prinzip des Orchesters für ärmere Kinder stammt aus Venezuela und heisst «El Sistema». José Antonio Abreu, ein venezolanischer Komponist und politischer Aktivist, gründete 1975 in seiner Garage ein Kinder- und Jugendorchester. Er überredete das Gesundheitsministerium des Landes, sein Unternehmen zu subventionieren. So etablierte er das System von Kinder- und Jugendorchestern in der ganzen Nation.

Den Kindern werden kostenlos Musikinstrumente und Musikstunden zur Verfügung gestellt. Zuerst übt man in Gruppen, danach wird man in Ensembles eingeteilt. Man muss mitmachen, nur dabei sein reicht nicht. Auch bei Abreus Orchestern wird eine ganzheitliche Ausbildung angeboten: Singen, Tanzen, Bewegen und das Lernen des Instruments gehört alles mit dazu.

Ziel der Orchester ist, den Kindern eine sichere Umgebung und Strukturen zu schaffen – und sie so vor dem Fall in die Kriminalität zu schützen. Die Orchester arbeiten mit Waisenhäusern und Sozialdiensten zusammen.

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