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In Luzern droht jetzt die Anti-Airbnb-Initiative
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SP-Politiker Cyrill Studer (links) und David Roth kämpfen gegen Vermietungsplattformen. Nun wird die Stadt aktiv. (Bild: jwy)

«Exorbitante Gewinne» auf Kosten der Mieter? In Luzern droht jetzt die Anti-Airbnb-Initiative

5 min Lesezeit 06.08.2019, 12:23 Uhr

Die Luzerner SP will gegen kommerzielle Anbieter von Airbnb-Wohnungen vorgehen. Diese würden Wohnraum zerstören und zu Steuerausfällen führen, zeigt ein neuer Bericht. Falls die Stadt nicht aktiv wird, kommt es zu einer Volksinitiative.

Die 4,5-Zimmer-Wohnung im vierten Stock heisst «Matterhorn» und liegt an der Waldstätterstrasse mitten im beliebten Neustadt-Quartier. Es handelt sich um eine begehrte Wohnlage in nächster Nähe zum Helvetia-Gärtli, guten Restaurants und netten Boutiquen.

Doch in diesem Gebäude hausen seit einer Komplett-Renovation weder Familien noch WGs, sondern Touristen. Über 20 Wohnungen mit Namen wie «Vivaldi», «Weisshorn» oder eben «Matterhorn» werden in diesem Haus von professionellen Anbietern auf Sharing-Plattformen wie Airbnb dauervermietet.

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Hierhin haben am Dienstag SP-Kantonsrat David Roth und sein Parteikollege im Stadtparlament, Cyrill Studer, geladen. Am Balkon prangt das Transparent «Kinderwagen statt Rollkoffer – Stopp Airbnb». Sie haben einen neuen Bericht vorgestellt, der die Problematik von professionellen Airbnb-Anbietern aufzeigt. Die wichtigsten Resultate:

  • Kommerzielle Airbnb-Anbieter zerstören in Luzern Wohnraum für 630 Personen
  • Die Steuerausfälle für Stadt und Kanton schätzen sie auf über 3 Millionen Franken jährlich
  • Die Gewinnmargen der Anbieter betragen bis zum Fünffachen des Mietpreises
Cyrill Studer (links) und David Roth haben für die Präsentation eine Wohnung über Airbnb gemietet. (Bild: jwy)

Ersichtlich wird das anhand der «Matterhorn»-Wohnung: Sie kostet aktuell 630 Franken pro Nacht und fasst bis zu acht Gäste. Abzüglich Service- und Reinigungsgebühren bleiben noch Einnahmen von 469 Franken. «Die Wohnung war bis vor Kurzem auf dem Markt, bisher bezahlte man rund 1800 Franken Miete», sagt Ständeratskandidat David Roth.

«Die kommerziellen Anbieter setzen mit ihren exorbitanten Gewinnen das Mietrecht ausser Kraft.»

Cyrill Studer, Mieterverband

Mit der angenommenen Auslastung von 80 Prozent könne mit monatlichen Mieteinnahmen von 11‘250 Franken gerechnet werden, so Roth. Das entspricht einem Ertrag von fast 9000 Franken – pro Monat. Bereits etliche Häuser in der Stadt Luzern seien auf diese Weise geleert worden und werden auf Onlineplattformen angeboten – auch in der Altstadt (zentralplus berichtete).

Mietrecht ausser Kraft

Cyrill Studer, der auch Geschäftsführer des Luzerner Mieterverbands ist, sagt: «Die kommerziellen Anbieter setzen mit ihren exorbitanten Gewinnen das Mietrecht ausser Kraft.»

Das habe Einfluss auf die Quartiere, es treibe die Mietzinsen in die Höhe und entreisse Wohnungen dem Markt. Dadurch gingen finanzkräftige Steuerzahler verloren, in ihrem Bericht schätzen sie den Steuerausfall für Stadt und Kanton auf über drei Millionen jährlich. «Es ist eine Modellrechnung, aber sie zeigt, dass die Bevölkerung mehrfach für die Airbnb-Nutzung zahlt», sagt David Roth.

Hier wohnen keine Mozarts und Beethovens: Hauseingang an der Luzerner Waldstätterstrasse. (Bild: jwy)

Die Behörden warten noch ab. Der Luzerner Stadtrat sah in einer Stellungnahme «keine direkten negativen Auswirkungen von professionellen Airbnb-Anbietern».

Es handelte sich um die Antwort auf einen Vorstoss zu diesem Thema, mit dem Cyrill Studer die Stadtregierung aufforderte, Einschränkungen nach dem Vorbild Bern zu prüfen. Ohne Erfolg: Der Stadtrat will die Situation beobachten, aber noch nicht aktiv werden (zentralplus berichtete).

Ein weiterer Vorstoss von Cyrill Studer ist noch hängig, eine Antwort ist bis Ende August zu erwarten. Auch David Roth hat im Kantonsrat schon entsprechende Vorstösse eingereicht.

Braucht es Regulierung?

Roth und Studer ärgern sich über die passive Haltung der Stadt Luzern und erhöhen mit ihrem Bericht den Druck. «Wir sind nicht gegen Sharing Economy, das ist eine grosse Chance, aber es braucht eine Regulierung», sagt Roth. Man müsse zwischen Kleinanbietern, die ab und zu ihre Wohnung untervermieten, und professionellen Anbietern unterscheiden.

Laut David Roth gehört über die Hälfte der rund 335 Wohnungen auf Airbnb in Luzern vier grossen Anbietern. Sharing Economy habe sich zu einem neuen Geschäftsfeld mit «enormen Renditen» gewandelt.

Daran ist nichts illegal: Die Anbieter wie Keyforge oder Hitrental, zwei der Grossen in Luzern, geschäften sauber und transparent und zahlen Abgaben. Geschäftsmann Patrik Berisha wehrte sich gegenüber zentralplus vor einem Jahr gegen Vorwürfe und sprach von einer Win-win-Situation für Luzern.

Inzwischen machen sich auch Dritte den Boom zunutze: Das Zuger Start-up Airhosted etwa bietet ein Airbnb-Rundum-sorglos-Paket und nimmt dem Hausbesitzer alle Aufgaben ab (zentralplus berichtete).

Szenario von Amsterdam droht

In den letzten zweieinhalb Jahren sei die Zahl der Luzerner Wohnungen auf Airbnb und Co. um 83 Prozent gewachsen. «Das ist nicht schleichend, sondern eine exponenzielle Zunahme», so Roth.

«Nun sind alle Fakten auf dem Tisch und wir müssen handeln.»

David Roth, SP-Kantonsrat

Aktuell sind es in der Stadt Luzern 335 komplette Wohnungen auf Sharing-Plattformen – das sind rund 1 Prozent aller Objekte. Klingt nach wenig, aber die Innenstadt sei ein hart umkämpfter Markt mit kaum leeren Wohnungen. «Die Verdrängung hat bereits stattgefunden und nimmt immer bedrohlichere Ausmasse an», warnen Roth und Studer im Bericht.

Der Bericht zu Airbnb

In ihrem zehnseitigen Bericht «Kinderwagen oder Rollkoffer?» zeigen die beiden SP-Politiker die negativen Auswirkungen von Airbnb und Co. in der Stadt Luzern auf. Sie haben dazu die Gewinn-Marge von mehreren Wohnungen errechnet sowie den möglichen Steuerausfall für die Stadt Luzern.

Würde die Hotellerie im gleichen Ausmass Wohnraum in Hotelzimmer umnutzen, gäbe das einen Aufschrei, sind sie überzeugt. Bei Airnbnb sei die Entwicklung hingegen weniger sichtbar.

Cyrill Studer ist überzeugt, dass Luzern jetzt handeln muss, sonst drohten Zustände wie in Barcelona oder Amsterdam, wo ganze Strassenzüge dem Mietmarkt entzogen und dem Airbnb-Markt unterworfen wurden. «Luzern ist im Hinblick auf Overtourism an einem Wendepunkt, wir müssen heute etwas unternehmen, morgen ist es vielleicht zu spät.»

Bleibt noch die Initiative

Wenn der Luzerner Stadtrat nicht rasch eine gesetzliche Änderung einleite – sprich: ein Verbot von kommerziellen Anbietern – wollen Roth und Studer eine Initiative lancieren. Deren Inhalt ist noch nicht definiert, aber die Stossrichtung dafür schon.

Beispielsweise könne die kurzfristige Vermietung von Wohnungen beschränkt werden. Oder es sollen nur noch Personen eine Wohnung an Touristen vermieten dürfen, die in dieser Wohnung auch angemeldet sind. «So würde dem kommerziellen Wildwuchs das Handwerk gelegt», sind sich die SP-Politiker sicher. Gleichzeitig könne die positive Seite der Sharing Economy gefördert werden. «Nun sind alle Fakten auf dem Tisch und wir müssen handeln», sagt David Roth.

Die Zeit in der «Matterhorn»-Wohnung ist abgelaufen – die Putz-Equipe drängt die Medienschaffenden aus der Airbnb-Wohnung.

In diesem Haus gibt’s fast nur noch Miet-Appartments. (Bild: jwy)

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