In Luzern boomt das Velo laut und deutlich
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Der Veloverkehr auf dem Luzerner Freigleis dürfte in Zukunft noch zunehmen. (Bild: Kilian Bannwart)

Preise steigen an In Luzern boomt das Velo laut und deutlich

5 min Lesezeit 28.03.2021, 14:35 Uhr

Wird das Wetter wieder wärmer, nimmt auch der Veloverkehr in der Stadt deutlich zu. 2021 dürften wohl noch mehr Menschen auf den Drahtesel steigen als im Vorjahr. In Luzern beschäftigt der Megatrend alle – vom Velohändler über die Polizei bis zur Politik.

Keine Gnade für die Wade. Bereits im Frühling 2020 zeichnete sich der Velo-Boom ab, nahm im Verlaufe des ersten Corona-Jahres zusehends Fahrt auf und hebt diesen Frühling förmlich ab.

Das Velo bewegt nicht nur die Massen, sondern auch Wirtschaft und Politik. Das lässt sich in Luzern gleich an mehreren Ecken feststellen, beispielsweise in Ebikon.

Velos auf 100 Quadratmeter

Vergangene Woche wurde im MParc in Ebikon eine 1’000 Quadratmeter grosse Bike-World-Filiale eröffnet. Rund 450 Velos von 16 Herstellern werden dort feilgeboten.

«Velofahren ist seit Langem eine der Lieblings-Freizeitaktivitäten der Schweizer Bevölkerung», sagt Migros-Mediensprecherin Cristina Maurer Frank auf Anfrage. «Dass die Nachfrage nach Bikes aufgrund von Corona nochmals gestiegen ist, freut uns natürlich.»

Vom Elektro-Mountainbike zum Rennvelo bis hin zum Kinderrad wird in Ebikon nun alles an Zweirädern angeboten. Nebst der Auswahl an Bikes findet man auch ein komplettes Sortiment an Textilien, Helmen, Schuhen, Zubehör- und Anbauteilen, Ersatzteile, Taschen, Rucksäcke und vieles mehr.

Die Preise für neue Velos steigen an

Wer derzeit mit dem Kauf eines Velos liebäugelt, muss sich allerdings bewusst sein, dass dafür tiefer ins Portemonnaie gegriffen werden muss. Wie der «Ktipp» kürzlich berichtete, gibt es zwar genug Velos auf dem Markt, Hersteller und Verkäufer würden die Gunst der Stunde jedoch nutzen, um die Preise nach oben zu drücken.

So sind manche Modelle 2021 um 100 bis 300 Franken teurer als die praktisch identischen Vorjahres-Modelle.

«Die Veloindustrie erlebt gerade etwas, das sie so noch nie gesehen hat.»

Marius Graber, Velociped Kriens

Marius Graber leitet den Verkauf beim bekannten Krienser Fachhändler Velociped. Er bestätigt, dass die Velopreise teils gestiegen sind. Bei den von Velociped geführten Modellen bewege sich der Anstieg jedoch bei moderaten 50 bis 100 Franken. Für Graber gibt es mehrere Gründe für die Preiserhöhung – reine Profitgier der Hersteller könne er nicht unterschreiben.

«Die Veloindustrie erlebt gerade etwas, das sie so noch nie gesehen hat», sagt Graber. «Lokal gab es schon in vergangenen Jahren kleinere Velo-Booms, nun ist es aber ein weltweites Phänomen. Das ist absolut einzigartig und mit Konsequenzen verbunden.»

Die Nachfrage sei massiv gestiegen, während der Output der Fabriken aufgrund der Pandemie weiterhin reduziert ist. Das macht sich aktuell besonders bemerkbar, erklärt Graber.

«Vergangenen Frühling konnte noch viel aus den Lagerbeständen verkauft werden. Im Herbst war die Situation immer noch relativ entspannt, da die Bestände an Einzelteilen noch genügten, um weiter zu produzieren.»

Mit Verzögerung werde nun aber bemerkbar, dass Rohstoffe – wie etwa Aluminium – nicht mehr so einfach erhältlich sind. «Man hat jetzt plötzlich Situationen, wo Velohersteller mit Gartenmöbel-Herstellern um das Aluminium kämpfen müssen. Dieser Wettkampf drückt die Preise konsequenterweise nach oben.»

Neue Situationen in Fabriken in Fernost

Ein weiterer Aspekt ist sehr Velo-spezifisch: Viele Velos werden in Taiwan produziert. Dort herrscht derzeit ein sehr striktes Corona-Regime.

Die philippinischen Gastarbeiter, die normalerweise in den Velofabriken arbeiten, fallen grösstenteils weg. Die teureren Löhne der Taiwanesen, die die Arbeit nun übernehmen, schlügen sich künftig ebenfalls auf die Velopreise nieder, ist Graber überzeugt.

«Die Umsätze steigen sicher an, die Gewinne halten sich aus den genannten Gründen jedoch in Grenzen.»

«Sowohl die Hersteller wie auch die Importeure müssen derzeit einen erheblichen Mehraufwand leisten. Was früher in sieben Monaten geliefert werden konnte, dauert heute bis zu 30 Monate», weiss Graber.

«Das sind legitime Gründe für die gestiegenen Preise, reinen kaufmännischen Opportunismus sehe ich – gerade mit Blick auf den harten Konkurrenzkampf zwischen den Herstellern – weniger.

2022 wird es wohl noch teurer

Es sei zwar eine gute Zeit für den Velohandel, jedoch nicht unbedingt eine goldene, relativiert Graber den Boom: «Die Umsätze steigen sicher an, die Gewinne halten sich aus den genannten Gründen jedoch in Grenzen.»

Für Graber ist klar, dass die Preise für Velos vorerst weiter ansteigen werden. «Ich gehe davon aus, dass im Frühling 2022 nochmals ein Anstieg kommen wird, die heutigen Engpässe bei der Produktion werden sich mit Verzögerung dann bei uns spürbar machen.»

Graber ist optimistisch, dass sich diese Situation auf die Saison 2023 wieder beruhigen dürfte – und dass der Velo-Boom nachhaltig ist: «Sowas habe ich in 33 Jahren nicht gesehen. Wer heute aufs Velo steigt, wird dieses morgen nicht mehr zurückgeben wollen.»

Velo-Unfälle haben deutlich zugenommen

Dass mehr mit dem Velo gefahren wird, lässt sich auch an den Unfallzahlen ablesen. So haben insbesondere die Velo-Unfälle im vergangenen Jahr merklich zugenommen. Dabei wurden über 900 Velofahrer schwer verletzt (zentralplus berichtete).

Im Kanton Luzern registrierte die Polizei zudem über 70 Prozent mehr Unfälle mit E-Bikes. Rund 40 Prozent der Personen, die zu Schaden kamen, waren über 65 Jahre alt (zentralplus berichtete). Um diesem Trend entgegenzuwirken, bieten Verbände und Vereine wie der TCS oder Pro Velo Luzern spezielle Kurse für neue E-Bike-Fahrer an.

Velo ist politisch auf dem Vormarsch

Pro Velo Luzern gelang kürzlich auch ein politischer Wurf. So wurde eine vom Verein lancierte Initiative mit über 1’600 Unterschriften eingereicht. Die Initiative fordert, dass zehn Jahre nach der Abstimmung in der Stadt Luzern mindestens 20 Kilometer an Velobahnen zur Verfügung stehen müssen (zentralplus berichtete).

Der Luzerner Stadtrat hat zur Initiative noch keine Stellung bezogen. Dem Veloverkehr ist er jedoch bekanntlich nicht abgeneigt. So plant er, unter der Bahnhofstrasse eine Velostation für über 1’000 Velos entstehen zu lassen (zentralplus berichtete).

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