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«In jedem Nachtclub wird mehr geprügelt als hier»
  • Gesellschaft
Im «Podium 41»: die Gäste sind verunsichert wegen der Debatte um die Beiz. (Bild: zvg )

Unverständnis im «Podium 41» «In jedem Nachtclub wird mehr geprügelt als hier»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 19.07.2015, 11:30 Uhr

Ist alles wahr, was man übers «Podium 41» hört? Nicht im Geringsten, sagen dessen Leiter. Weder gibt’s Schlägereien noch werden Linien gezogen – aber dafür diskutiert. Denn die Stammgäste haben Angst, dass man sie vertreiben will.

Im «Podium» herrscht Aufräumstimmung – der Morgen ist noch jung, die Fenster weit offen, drinnen stehen auf den Tischen noch die Stühle, draussen die leeren Bierflaschen vom letzten Abend, als die «Podium»-Crew schon lange dichtgemacht hat. «Das dürfen sie», sagt die Leiterin des «Podium 41», Judith Meyer, und macht Kaffee. Sie meint damit die Stammgäste, die am Abend noch lange im Garten sitzen bleiben. «Sonst müssen wir einen Draht rundherum spannen, und dann würden sie einfach auf die Schützenmattwiese weiterziehen.»

Während der Rest der Stadt schon wieder glänzt, nachdem am Morgen früh die städtischen Putzequipen alle Reste der Nacht eingesammelt haben, fängt hier das Putzen um neun an – Angestellte der GGZ, die in einem Wiedereingliederungsprogramm eingetreten sind, machen sauber, zusammen mit der «Podium»-Crew. Und aus den Boxen kommt waschechter Ländler, Klarinette von Hans Aregger, wer könnte den Schottisch besser spielen als er, sagt der Moderator. Und zwei Jungs, die viel zu früh hier sind, schnappen sich ihre Bierdosen und entscheiden, dass es Zeit ist, zu gehen.

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«Schreiben Sie bloss dieses Wort nicht»

Der Ländler gefällt vor allem dem Koch, der gerade in der Küche loslegt. In zwei Stunden geht das «Podium» auf, dann werden hier wieder Leute aller Couleur an den Mittagstischen sitzen, «Geschäftsleute, die schnell essen wollen, junge Leute aus dem Quartier, Familien und Alleinerziehende, die die Kinder spielen lassen», sagt Meyer, «bei uns müssen die Kinder nicht still sitzen, sie dürfen auch mal rumrennen und laut sein.»

Und natürlich die Stammgäste. Sie stehen im Moment unter Beobachtung und Generalverdacht, seit es ein Komitee gibt, dass dem «Podium 41» mittels Volksabstimmung die städtischen Beiträge streichen will. Menschen mit «verschiedenen Problemfeldern», wie das Carl Utiger, Geschäftsführer von GGZ@Work, formuliert. Es sind Individualisten, Originale, «Randständige, sagt die Politik», sagt Judith Meyer, «aber schreiben Sie bloss dieses Wort nicht, das findet niemand schön, wenn er so genannt wird. Da müsste man zuerst ‹am Rand stehend› definieren.»

Ein sensibler Ort

Die Debatte ums «Podium» kommt nicht gut an bei den Stammgästen. «Sie sind verunsichert», sagt Carl Utiger, «haben auch Angst, dass man sie von hier vertreiben will. Das sind Menschen mit Gefühlen, das ‹Podium› ist ein sensibler Ort.» Und sie sind beleidigt, sagt er, da man in den Medien Unwahrheiten über sie habe lesen können. «Das mit dem Heroin zum Beispiel, mit den Spritzen, das stimmt überhaupt nicht», sagt Utiger. «Das ist im ‹Podium› kein Thema.»

«Dass das Komitee versucht, ein Wachstum an Gewalttaten herbeizureden, das ist reine Taktik – sogar die Polizei sagt ja, das stimmt gar nicht.»

Carl Utiger, Leiter GGZ@Work

SVP-Gemeinderat Bruno Zimmermann hat in einem Interview mit Tele 1 gesagt, er habe einen Mann gesehen, der sich «auf dem Spielplatz beim Podium» einen Schuss gesetzt hat. In den Protokollen des Grossen Gemeinderat stehe etwas differenzierter: Auf dem Spielplatz beim Siehbach, sagt Utiger. Das sind zweihundert Meter Unterschied, dazwischen liegt das Bürgerasyl und eine Brücke. «Drogen sind überall», sagt Meyer, «das kann man nicht einfach am ‹Podium› festmachen.»

Schwarz-Weiss-Denken funktioniert hier nicht

Und wie ist das jetzt mit dem Koks? «Manchmal merken wir zwar, dass es Anzeichen auf einen Dealer gibt», sagt Meyer. «Aber das ist so versteckt und passiert eigentlich fast immer ausserhalb unseres Verantwortungsbereichs. Es ist hier keine grosse Sache, und es passt auch nicht zu unseren Stammgästen.» Kiffen und Koksen, das beisst sich, sagt Utiger: «Die Stammgäste im ‹Podium› sind nicht die, die den grossen Hirsch im Ausgang spielen wollen und etwas Nachhilfe fürs Selbstbewusstsein brauchen.» Im Gegenteil: «Unsere Gäste sind gemütlich», sagt Meyer, «und werden im Lauf des Nachmittags immer gemütlicher.»

Aber auch hier ist klar: Kiffen ist illegal. «Und wenn die Polizei kommt, verteilt sie Bussen.» Das macht die Schwierigkeit in der Diskussion ums ‹Podium› aus, sagt Utiger. «Das wird jetzt am Kiffen aufgehängt. Aber wir haben den Auftrag, einen Ort für diese Leute zu bieten. Und wenn man mit ihnen zu tun hat, dann kann man nicht nur in Schwarz und Weiss denken. Der Auftrag, den wir haben, bringt gewisse Dinge mit sich.»

Nämlich dass man sich Gedanken darüber machen muss, wie man mit Gästen mit Suchtverhalten umgehen kann. «Wenn wir sie hier vertreiben, wenn sie kiffen, dann gehen sie halt woanders hin. Hier gibt es soziale Kontrolle, die Gassenarbeit vor Ort bietet ihre Unterstützung und Beratung an und es ist wenigstens öffentlich einsehbar. Ich will mir nicht vorstellen, was passiert, wenn sich die Leute in einem versteckten Hinterhof treffen statt hier.»

«Komitee versucht Gewalttaten herbeizureden»

Und die Gewalt? Wird hier mehr geprügelt als anderswo? «In jedem Nachtclub gibt es wohl mehr Schlägereien als hier», sagt Utiger. Klar würden auch hier die Emotionen manchmal hochgehen, wenn Alkohol im Spiel ist. «Aber hier gibt es die anderen Gäste, die dann beruhigend wirken, und im Notfall haben wir die Polizei im Rücken und sprechen Hausverbote aus», sagt Meyer. Es könne keine Rede davon sein, dass im «Podium» die Fetzen flögen.

«Dass das Komitee versucht, ein Wachstum an Gewalttaten herbeizureden, das ist reine Taktik – sogar die Polizei sagt ja, das stimmt gar nicht.» Im Jahr 2015 gab es bisher erst eine Anzeige wegen Tätlichkeit im «Podium 41» (zentral+ berichtete). Das «Podium» ist die letzte Beiz der Stadt, die letzte Knelle, die ihren Stammgästen eine Stube bietet. «Die Stadt ist schick geworden, und die Beizen, die vielen Menschen eine Heimat geboten haben, sind allesamt zugegangen. Das ‹Podium› ist der letzte Mohikaner», sagt Utiger und lacht.

Ein schöner Rand

Für ihn ist klar, was gerade los ist. So sind die Jahreszeiten des «Podiums»: «Alle vier Jahre kommt die Diskussion wieder auf», sagt er und meint damit nicht nur die Wahlen, sondern vor allem die städtischen Beiträge fürs «Podium». «Man muss sich einfach klarmachen: Es würde nichts ändern, wenn wir das ‹Podium› abschaffen würden. Die Leute hier gibt es trotzdem. Und die gehören ja auch zusammen und auch zur Stadt Zug. Die würden dann irgendwo anders in der Stadt sein und echte Probleme verursachen.» Im «Podium» könne man sie besser erreichen als auf einem städtischen Amt, hier könne man besser dafür sorgen, dass sie sich in die Gesellschaft integrieren. «Das hat die Stadt elegant eingerichtet, dass diese Leute hier am Rand der Stadt doch auch einen Ort haben. Und es ist ja auch ein schöner Rand, nicht direkt am See, aber doch fast.»

Und die Familien, trauen die sich noch ins «Podium»? «Natürlich», sagt Meyer. «Es kommen viele Familien.» Und Utiger sagt: «Klar gibt es wohl solche, die sich jetzt Angst vor dem ‹Podium› einreden lassen oder Berührungsängste mit den Leuten hier haben.» Aber das sei nicht nötig. Und es gibt auch das Gegenteil, sagt Meyer: «Familien, die jetzt extra kommen, um ein Zeichen zu setzen. Und sagen: Wir stehen hinter dem ‹Podium›.»

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1 Kommentare
  1. Richard Schranz, 20.07.2015, 15:20 Uhr

    Ob national/überregional oder lokal/kommunal, die SVP ist und bleibt Meister im Anzetteln von Konflikten, wo es schlicht und einfach nicht notwendig wäre. Selbstverständlich hat sie für daraus resultierende Probleme keinerlei Konzept und schon gar keine Lösungen zur Hand. Wie bei Anti-Minarett-Initiative zieht sie es vor, alles in den Untergrund zu treiben, was nicht in ihr Weltbild passt. Dass Ausgrenzung erst recht einen Nährboden für unkontrollierte Fehlentwicklungen schafft, übersteigt den geistigen Horizont ihrer Parteistrategen und die Kurzsicht ihrer Anhänger gleichermassen.