In der Villa Krämerstein werden 500 Jahre Geschichte sichtbar
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Die Villa Krämerstein blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. (Bild: Verkehrshaus Luzern, VA-58307)

Ehrwürdige Villa in Horw wird saniert In der Villa Krämerstein werden 500 Jahre Geschichte sichtbar

11 min Lesezeit 1 Kommentar 19.09.2020, 08:00 Uhr

Die historische Villa Krämerstein in Horw wird derzeit saniert. Angestrebt ist ein Rückbau, der den Glanz vergangener Tage zurückholen soll. Dafür hat die Luzerner Denkmalpflege tief in den Archiven gegraben – bis zurück ins Mittelalter.

Die Villa Krämerstein gehört zur Geschichte Horws wie kaum ein anderes Gebäude der Region. Kein Wunder – das Gelände ist seit dem Mittelalter bewohnt. Nun soll das altehrwürdige Jugendstilanwesen aus dem Jahr 1907 in seinen Ursprungszustand zurückversetzt werden.

Die letzte grosse Sanierung aus dem Jahr 1984 geschah ohne den Einbezug der Denkmalpflege des Kantons Luzern. Dementsprechend wurden auch einige «Bausünden» begangen, wie etwa blau gefärbte Fensterläden, frei stehende Wendeltreppen oder zugemauerte Balkonzugänge.

Eine Grabung in den Archiven

Damit dem Gebäude der Look von 1920 zurückgegeben werden kann, hat die Denkmalpflege des Kantons Luzern mit Fachpersonal in den Archiven gestöbert, um möglichst viele Informationen aus der Geschichte zusammenzutragen. Diese sollen beim Rückbau helfen.

Alte Pläne wurden studiert, Farbschichten und Holzböden analysiert. Seit Ende 2019 sind die umfassenden Sanierungsarbeiten der Villa und des dazugehörigen Pförtnerhauses im Gange. Auch zentralplus hat sich vor Ort umgesehen und ist tief in die bewegte Geschichte des Gemäuers eingetaucht.

Das Pförtnerhaus

Der Eingang zum Anwesen führt durch ein schmiedeeisernes Tor an der St. Niklausenstrasse in Kastanienbaum. Eine Allee führt zum Anwesen hinab, welches hinter den dichten Baumkronen zu erspähen ist. Zuerst springt einem rechts das Pförtnerhaus ins Auge. Obwohl es zurzeit eine umtriebige Baustelle ist, kann man den Jugendstil durchaus noch erkennen. Hier treffen wir uns mit Rebecca Bauch, Projektleiterin Hochbau der Gemeinde Horw. Sie führt uns durch das Areal und die beiden Häuser.

Im Pförtnerhaus haben Handwerker gerade den neuen Boden eingesetzt, der im klassischen Terrazzo-Stil daherkommt – wie 1922, als das Haus gebaut wurde. Ein kurzer Blick durch die Fensterfront zeigt einen offenen, hellen Raum. Noch vor wenigen Jahren assen hier die Kinder der als Schule genutzten Villa ihr Mittagessen. Künftig sollen die Räume des Pförtnerhauses für Büros genutzt werden. Einziehen soll im kommenden Frühjahr eine international tätige Beteiligungsgesellschaft.

Das Haupthaus

Wir gehen die leicht abschüssige Allee zur Villa hinab. Die Linden, so erklärt uns Rebecca Bauch, sind historisch und unter Schutz. Weil das Wurzelwerk im Laufe der Zeit die rund 60 Jahre alte Versorgungsleitung zerstört hat, musste diese neu in das Areal eingelegt werden – ohne die Bäume zu tangieren.

Die Villa selbst wurde in grossen Teilen ausgehöhlt. In der Eingangshalle wurde ein Metallgerüst mitsamt einer Treppe hochgezogen, damit man in die oberen Etagen kommt. Das «offizielle» Treppenhaus im Nordflügel wurde bereits herausgerissen. Geplant ist wieder eine geschwungene Treppe in der Eingangshalle und nicht wie seit 1984 im Seitentrakt.

In allen Räumlichkeiten wurde die Wandbekleidung entfernt. Dabei kamen altes Mauerwerk und feuerschutztechnisch unzulässige Materialien zum Vorschein. «Teils wurden Lücken mit Zeitungspapier ausgestopft», erklärt Bauch. Auch die Böden wurden herausgenommen. Gewisse Eigenheiten wie Stuckaturen oder Glasfenster dürfen nicht verändert werden, da sie historisch von Bedeutung sind. Deswegen wurden sie teilweise abgedeckt.

Obwohl momentan nur wenig vom früheren Glanz sichtbar ist, so kann man doch erahnen, was hier früher einmal war – und ab April 2021 wieder sein soll. Doch was war denn hier früher einmal?

1505: Erste Nennung des «kremerstein»

Die erste historische Erwähnung des Krämersteins geht ins Jahr 1505 zurück. Wie die Historikerin Waltraud Hörsch in einem von der Gemeinde in Auftrag gegebenen historischen Bericht herausfand, war in einem Ratsprotokoll vom 13. Januar 1505 von drei Fischereigebieten «mitt namen kremenstein» die Rede. Wie alt der Name wirklich ist und woher er stammt, ist allerdings unbekannt. Hörsch vermutet die Herkunft des Namens bei den Händlern – Krämern –, die im Mittelalter mit Booten bei der Horwer Halbinsel anlegten, um danach weiter nach Luzern zu reisen.

Der Hof wird zum Haus

1702 wird der Krämerstein in einem so genannten Gültbrief als Hof beschrieben. «Gut Krämerstein» heisst er und soll neben dem Haupthaus noch eine Scheune erhalten haben. Der Hof geht im Verlauf der kommenden Jahrzehnte durch mehrere Hände. 1781 kauft der Kaufmann und Florettseidenhersteller Balthasar Falcini den Krämerstein für 8500 Gulden vom finanziell angeschlagenen Jakob von Sonnenberg. Im Kaufpreis inbegriffen ist «Nammlich sein säßhoof und guoth Kremmerstein genambt mit zwey hüser dreü schürren, weid, und wald, sambt aller zuogehör recht und gerechtigkeit, wie solches in zihl und marchen begriffen», wie dem damaligen Kaufprotokoll zu entnehmen ist.

Einen ersten Schritt zu seiner heutigen Form macht das Anwesen 1786, als Falcini den Hof in ein Landhaus im klassizistischen Stil umbaut. Ein Jahr später folgt das heute als «Haus am See» bekannte Gebäude direkt am Seeufer. Zu dieser Zeit wird es vor allem dazu genutzt, Lebensmittel zu dörren, zu waschen, zu käsen und Schnaps zu brennen.

Das «Haus am See» entstand um 1786 und wird heute vor allem an Künstler und Hochzeitsgesellschaften vermietet. (Bild: cbu)

1906: Die Keller-Ära beginnt

Der 1852 in Bahia (Brasilien) geborene Carlo F. Keller kaufte 1906 den Krämerstein. Keller entstammte einer alten Winterthurer Familie und war von 1881 bis 1883 schweizerischer Honorarkonsul in Bahia. Nach Stationen in Paris zog es Keller schliesslich zu Beginn des neuen Jahrhunderts zurück in die Heimat. Wie Keller auf das Horwer Anwesen aufmerksam wurde, konnte die Autorin Hörsch nicht ausfindig machen. Fest steht aber, dass er 1906 die gesamte Anlage, zu der nebst dem Herrenhaus auch das «Bauernhaus», die «Waschhütte» und die «Schiffhütte» gehörten, erwarb.

Als eine der ersten Amtshandlungen liess Keller das Anwesen zu einer herrschaftlichen Villa umbauen, die im Erscheinungsbild in etwa dem entspricht, wie das Gebäude heute aussieht. Ebenfalls erweiterte er das Anwesen um eine weitläufige Gartenanlage mit Springbrunnen.

1980: Die Villa geht ans Verkehrshaus Luzern

Der Sohn des ehemaligen Honorarkonsuls, Philipp Keller, vermachte das Gebäude im Jahr 1980 dem Verkehrshaus Luzern. In der Schenkung inbegriffen waren auch mehrere Schiffsmodelle und ein grosser Bestand an Büchern, welche die Kellers – emsige Sammler und Nautik-Freunde – über die Jahrzehnte gesammelt hatten. Das Verkehrshaus Luzern schien aber weniger Interesse an dem Gebäude und den Ländereien zu haben als an dem Geld, das sich aus einem Verkauf herausholen liess.

Das Verkehrshaus verkaufte den Krämerstein 1982 jedenfalls für rund 2,35 Millionen Franken an die Gemeinde Horw. Mit dem Erlös konnte das Museum die Hälfte der Kosten für die neu geplante Halle «Schifffahrt–Seilbahnen–Tourismus» berappen. Zwei Jahre später, 1984, wurde die Halle eröffnet. Ausgestellt wurden dabei auch einige der Schiffsmodelle aus dem Nachlass Kellers.

Eines der Schiffsmodelle aus Kellers Besitz. Im Hintergrund ist der Kachelofen mit den drei Löwenfiguren zu sehen (diese gelten heute als verschollen). (Bild: Denkmalpflege Archiv Fotosammlung)

1984: Das MAZ zieht ein

Zeitgleich zur Eröffnung der neuen Halle fand auch der Krämerstein einen neuen Besitzer. Mit Gründungsdirektor Peter Schulz und seinem geplanten Medienausbildungszentrum (MAZ) fand man einen neuen Partner, der das ehemalige Wohnhaus in eine Schule umwandeln wollte. Doch bevor die künftigen Journalisten ihre Ausbildung antreten konnten, musste das Gebäude auf Vordermann gebracht werden. Was nun in den nächsten hektischen Monaten folgte, war eine penibel dokumentierte Sanierung der Villa.

Der Umbau von 1984 wurde aber teurer als gedacht. Aus verschiedenen Gründen reichte der von der Gemeinde angesetzte Kredit von rund 800’000 Franken nicht. Gründe dafür waren zu optimistische Einschätzungen, eine zu kurz bemessene Bauzeit und ein schlechterer Bauzustand der Villa als ursprünglich angenommen. Wie Hörsch im Bericht schreibt, kostete die Sanierung am Ende 1’262’500 Franken – rund 460’000 Franken mehr als zu Beginn geplant.

Der Krämerstein wird modernisiert

Was alles zu welchem Zeitpunkt gebaut wurde, lässt sich aus dem Baujournal des zuständigen Architekten Adolf Pabst entnehmen – wenn man es denn lesen kann. Gemäss Historikerin Hörsch sei seine Handschrift «ziemlich eigen». Trotzdem konnte sie viele Details transkribieren. Im Bau- und Vermietungskonzept vom 25.1.1984 ist der Baubeschrieb enthalten. Diesem ist zu entnehmen, dass das Gebäude in vielerlei Hinsicht auf die modernen Anforderungen angepasst werden sollte.

Das betraf unter anderem die Wärmeisolierung der Räume, die Raumaufteilung, die Licht- und Elektroanlagen sowie die Heizleitungen. Auch das während der gegenwärtigen Sanierung herausgerissene Treppenhaus ist Teil des Umbaus: «Die Treppenanlage ist aus Gründen der Benutzung (eng und raumbeanspruchend) sowie aus feuerpolizeilichen Gründen neu zu erstellen. Wir schlagen deshalb eine durchgehende Spindeltreppe aus Beton im nördlichen Seitentrakt vor», heisst es im Beschrieb. Auch wurden die Villa und die Nebenbauten an die öffentlichen Kanalisationen angeschlossen. Das war bis dahin nämlich noch nicht der Fall.

Die MAZ-Ära hielt fast 20 Jahre. 2005 gibt die Journalistenschule den Standort in Kastanienbaum auf und zieht in die Stadt Luzern. Ein Jahr später wird jedoch bereits wieder in den altehrwürdigen Räumen unterrichtet – auf Englisch.

2006: International School of Zug and Luzern

Für die nächsten zehn Jahre werden in der Villa Krämerstein mehrheitlich ausländische Schüler in den Primarstufen 1–5 unterrichtet. Die International School of Zug and Luzern, die auch Standorte in Baar und Hünenberg hat, sah sich aber mit zunehmend sinkenden Schülerzahlen konfrontiert und zog 2016 wieder aus. Wie das «Regionaljournal» damals vermeldete, seien vor der Schliessung nur noch rund 50 Schüler vor Ort unterrichtet worden.

Nach dem Wegzug der Schule berät der Horwer Gemeinderat über die künftige Nutzung der ganzen Anlage. Fest steht aber: Bevor jemand neues einzieht, wird das Anwesen einer umfassenden Sanierung unterzogen.

«Die Liegenschaft Krämerstein ist für die Gemeinde Horw eine Herzensangelegenheit.»

Christian Volken, Mediensprecher Gemeinde Horw

Quo vadis Krämerstein?

Diese dauert nun seit Ende 2019 an und kostet die Gemeinde rund sechs Millionen Franken – vier für die Villa und knapp zwei Millionen für das Pförtnerhaus. Die Finanzierung wurde vom Einwohnerrat einstimmig beschlossen. «Die Arbeiten verlaufen derzeit nach Plan», sagt Rebecca Bauch. Ganz sicher könne man sich aber nie sein, man weiss nie, was das alte Gemäuer noch für Stolpersteine bereithält.

Die Horwer hängen an ihrer Villa. «Die Liegenschaft Krämerstein ist für die Gemeinde Horw eine Herzensangelegenheit», schreibt etwa der Horwer Mediensprecher Christian Volken auf Anfrage. Die Villa ist nämlich ein Relikt. Wie die Kantonale Denkmalpflege Luzern bereits 1982 in einem Gutachten festhält: «Heute aber haben sich nur wenige wichtige Beispiele, so Meggenhorn, Neuhabsburg oder Dietschiberg, erhalten. Darum ist es sinnvoll, die Gesamtanlage von Krämerstein in ihrem heutigen Bestand zu bewahren und vor einer Parzellierung mit anschliessender Überbauung zu schützen.»

Bezug ab April 2021

Im April 2021 soll nun die neue Mieterin, die international tätige Beteiligungsgesellschaft Apeiron Holdings AG, in die Villa Krämerstein einziehen. Wie die Gemeinde schreibt, soll sie jedoch nicht alle Räumlichkeiten belegen. Das Sockelgeschoss samt Gartensaal und Terrasse kann für Anlässe ebenso gemietet werden wie das «Haus am See».

Auch die umliegende Wiesenfläche und der Seezugang bleiben für die Öffentlichkeit weiter begehbar. Der neue Mieter sei ein Glücksfall, sagt Rebecca Bauch. «Ihm liegt sehr viel an der Geschichte des Hauses.» Umso grösser sei die Freude, dass die Villa Krämerstein bald wieder in ihrem historischen Glanz erblühen darf.

Die Villa in ihrer vollen Pracht. (Bild: Burkhart Architekturfotografie)

*Die geschichtlichen Informationen entstammen dem Bericht «Baugeschichtliche Dokumentation» von Waltraud Hörsch.

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1 Kommentare
  1. Ursi kocht..., 19.09.2020, 10:35 Uhr

    Wau. Super interessant. Viele Infos sind neu für mich!!
    Danke für diesen Bericht!

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