In der neuen Frauenakademie in Luzern werden Frauen stark gemacht
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Petra Sewing-Mestre ist Expertin für mentales Wachstum und Kommunikationstrainerin.

Während des Lockdowns «brannte die Hütte» In der neuen Frauenakademie in Luzern werden Frauen stark gemacht

6 min Lesezeit 06.04.2021, 17:32 Uhr

Yoga, Ayurveda, Schamanismus – oder ein Gespräch bei einer Expertin für mentales Wachstum: In der neuen Frauenakademie in Luzern ist alles möglich. Gründerin Petra Sewing-Mestre erzählt, weshalb das nötig ist und warum gerade während Corona und Lockdown bei ihnen die Hütte brannte.

«Eine Frau ist wie ein Teebeutel – du kannst erst beurteilen, wie stark sie ist, wenn du sie ins Wasser wirfst.»

Das sagte Eleanor Roosevelt, Menschenrechtsaktivistin und ehemalige First Lady.

Die ganze Welt befindet sich wegen der Coronapandemie in einer Krise. Doch wir können auch dadurch gestärkt werden, wenn wir denn gemeinsam aus ihr wachsen. Das findet auch Petra Sewing-Mestre. Sie sagt: «Ich glaube, dass Wachstum und Entwicklung nur aus der Überwindung von Krisen entstehen.»

Die Luzernerin steht Frauen zur Seite, wenn diese sich in einer akuten Krisenzeit befinden. Im letzten Oktober hat Sewing-Mestre die Frauenakademie Luzern am Hirschengraben gegründet. Sie hat sich mit 24 Frauen zusammengetan, die in den Räumen künftig Yoga und Ayurveda und Traditionelle Chinesische Medizin, aber auch Reiki und Schamanismus anbieten. Zudem können Termine bei Mentalexpertinnen, Laufbahnberaterinnen oder bei einer Kinesiologin gebucht werden.

Sie ist selbst an Krisen gewachsen

Auch wenn sich Sewing-Mestres Lebenslauf sehen lässt – mit einem Master in Kommunikationswissenschaften, Psycholinguistik, Englisch und Spanisch und mit über 30 Jahren redaktioneller Tätigkeit als Redakteurin beim Bayerischen Fernsehen sowie beim Westdeutschen Rundfunk und anderen Medien –, ganz so rosig war ihr Leben nicht immer.

Sewing-Mestre hat selbst Krisen durchlebt, aus denen sie gewachsen ist. Die grösste: der Umzug von Deutschland in die Schweiz. Sewing-Mestres Mann ist Hausarzt. Die deutsche Gesundheitspolitik ist für viele Ärzte ein Grund, das Land zu verlassen. Davon war schliesslich auch die Familie Sewing-Mestre betroffen. Sie verliess mit den beiden Kindern Deutschland, um in Rothenburg ein neues Leben zu beginnen.

«Das Haus, meine geliebten Eltern und Grosseltern zurückzulassen, war für mich die grösste Katastrophe.»

Das war 2008, just nachdem Sewing-Mestre und ihr Mann ein Haus gebaut und zwei Kinder bekommen hatten. «Das Haus, meine geliebten Eltern und Grosseltern zurückzulassen, war für mich die grösste Katastrophe», sagt Sewing-Mestre, als wir uns zum Gespräch in ihrem Büro auf die roten Lederstühle gesetzt haben. «Wir wussten nicht, was uns in der Schweiz erwartet.»

Heute sagt Sewing-Mestre: «Der Umzug in die Schweiz ist das grösste Glück, das uns passieren konnte.» Sewing-Mestre weiss, wie sich eine Katastrophe wandeln, wie Unglück zu Glück werden kann. Sie hat die Schweiz lieben gelernt, die Mentalität. Das Zusammenleben hier sei von grosser Rücksicht geprägt. Einer Rücksicht, die sie in Deutschland nicht kannte.

Krisen bringen Veränderungen

All das, was sie im Coaching ihren Klientinnen erzähle, habe sie selber durchlebt, sagt Sewing-Mestre. «Wachsen ist für mich ein absolut wichtiger Wert im Leben.» In jeder Krise habe sie sich vor Augen geführt: «Das Leben schickt dir nur die Aufgaben, die du auch bewältigen kannst.» Dieser Gedanke habe sie stets oberhalb des Wassers gehalten.

«Man ist nicht das Opfer seiner Umstände», sagt die 58-Jährige. «Man hat die Möglichkeit, zu reagieren. Man wird nicht zum Aushalten gezwungen.» Gerade in Krisenzeiten werde man wachgerüttelt, es ergebe sich die Chance, etwas in seinem Leben ändern zu können. «Ansonsten hat man ja keine Veranlassung, sich zu verändern, wenn alles rund läuft.»

Mütter waren überfordert – und suchten die Frauenakademie auf

Im letzten Oktober hat Sewing-Mestre die Frauenakademie eröffnet. Ausgerechnet mitten in der Coronakrise hat sie diesen Schritt gewagt, während andere Unternehmerinnen um ihre Existenz bangen.

Den Mietvertrag hatte sie aber bereits letzten Februar unterschrieben, als Corona der Schweiz noch fern war. Vielleicht war es aber gerade der richtige Zeitpunkt für die Frauenakademie. «Während des Lockdowns brannte bei uns die Hütte», sagt Sewing-Mestre. «Frauen – gerade auch viele Mütter – waren mit der Situation komplett überfordert und suchten bei uns Unterstützung.»

Denn der Lockdown machte den Müttern zu schaffen. Die Frauen mussten Kinderbetreuung, Homeoffice und Freizeit sowie Homeschooling meistern (zentralplus berichtete). Viele Frauen krebsten dafür im Job zurück (zentralplus berichtete). «Es hat wieder einmal in erster Linie die Frauen getroffen», sagt auch Sewing-Mestre. Teilweise suchten ganze Familien die Frauenakademie auf. Erst kamen die Mütter, die dann die Kinder schickten und schliesslich auch noch ihre Männer.

Frauen können voneinander lernen

Der Ursprung der Idee einer Frauenakademie hatte Sewing-Mestre wohl durch ihre Tätigkeit beim Frauenbund Rothenburg, bei dem sie seit zehn Jahren aktiv ist, viele Jahre davon fürs Kurswesen. Sie erzählt von einer Bäuerin, die man gefragt habe, ob sie nicht auch Kurse geben möchte. Sie meinte, sie könne ja nichts. Dabei bewirtschaftete die Frau einen grossen Hof. Das stimmte Sewing-Mestre nachdenklich, weil eine Frau, die so etwas schultert doch nicht «nichts könne».

«Viele Frauen müssen sich ihren Mut erst wieder neu antrainieren.»

Ihr seien damals die Augen geöffnet worden. «Ich realisierte, dass man vielen Frauen zeigen muss, was sie können und wo ihre Potenziale sind, dass man sie auf diesem Weg ermutigen muss.» Schliesslich habe jede Frau etwas, was besonders sei, das man weitergeben könne. Voneinander könne man lernen und profitieren und letztendlich gemeinsam wachsen.

Auch in der Hausarztpraxis ihres Mannes, in der Sewing-Mestre aushalf, sei sie immer öfters von Patientinnen um Rat gefragt worden, was Familienthemen oder auch Fragen über die Wechseljahre anbelangte. «Plötzlich wusste ich: Diesen Frauen zu helfen, ist genau das, was ich machen möchte.»

Antennen, wenn jemand ungerecht behandelt wird

Sewing-Mestre findet: «Viele Frauen müssen sich ihren Mut erst wieder neu antrainieren.» Sie vermutet, dass Frauen ihren Mut oft in ihrer weiblichen Entwicklung und Sozialisation verloren haben. Oder Mädchen teilweise der Mut in ihrer Kindheit abtrainiert wird, damit sie sich anpassen und «pflegeleicht» werden.

Sewing-Mestre lernte schon als kleines Mädchen, dass es Ungleichbehandlungen zwischen den Geschlechtern gab. Bereits als Sechsjährige verstand sie nicht, weswegen Jungen ins Werken und Mädchen in die Handarbeit geschickt wurden. «Ich war in der Schule eine ganz ‹linke Emanze› und Feministin und hatte Antennen, wenn Frauen ungerecht behandelt wurden», sagt sie rückblickend.

Heute ist Sewing-Mestre glücklich

Doch schon seit ihrer Kindheit habe sie sich immer wieder gefragt, ob sie mit ihrem Leben wirklich glücklich sei und nach wessen Regeln sie lebe.

Von ihrem Elternhaus hat Sewing-Mestre das aber nicht gelernt, wenn sie denn auch eine glückliche Kindheit hatte und ein enges Verhältnis zu ihren Eltern. Ihre Eltern waren Kriegskinder. Ihre Mutter war zwei Jahre alt, der Vater sieben Jahre, als der Krieg begonnen hat. Die Familie hätte alles miterlebt, von Flucht und Vertreibung, Verharren in einem Bombenkeller und viele Verluste innerhalb der Verwandtschaft. «Meine Eltern wurden als Kinder oder junge Erwachsene nicht gefragt, ob sie glücklich sind in dem, was sie tun. Damals ging es ums Überleben, dass man genügend zu essen hatte und irgendwie funktionierte. Ob man dabei glücklich war, das interessierte erst mal keinen.»

So hörte auch Sewing-Mestre oft, dass man Entscheidungen treffen und Dinge durchziehen müsse. Ob sie das, was sie damals tat, auch wirklich glücklich machte, das wurde sie nicht gefragt.

Ist sie heute glücklich? «Ja», sagt Sewing-Mestre prompt. «Die Frauenakademie ist eine Herzensangelegenheit für mich.» Denn hier kann sie mit anderen Frauen gemeinsam wachsen und die Solidarität unter Frauen wirklich leben.

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