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In der Luzerner Industriestrasse entsteht ein Mini-Bauernhof
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Antonia Meile (links) und Mirjam Hiller von der Hühner-Genossenschaft. (Bild: pze)

Brache wird mit Barwagen belebt – und Hühnern In der Luzerner Industriestrasse entsteht ein Mini-Bauernhof

6 min Lesezeit 07.06.2018, 04:19 Uhr

In der Industriestrasse wird fleissig an einer neuen Zwischennutzung gearbeitet. Der «Eisenplatz» soll künftig mit Barwagen, einem grossen Zelt und Urban Gardening zum Verweilen einladen. Für die Macher ist es eine Herzensangelegenheit – die sie bis jetzt aus dem eigenen Sack bezahlen.

In der Industriestrasse fahren die Bagger auf. Beziehungsweise: der Bagger. Damit wird auch nichts eingerissen und auch keine neuen Wohnblöcke gebaut, sondern an einer kleinen Oase gebastelt: Die Zwischennutzung auf der «Brache» in der Industriestrasse nimmt Formen an (zentralplus berichtete). Neu hat der Platz einen Namen: «Eisenplatz». Er verweist auf die Vorgeschichte des Eisenhandels, der früher auf dem Platz stattfand. 

Seit der ersten Sitzung hat sich einiges getan, man sieht dem Ort die Arbeitsstunden, die investiert wurden, an. Trotzdem: Noch ist es «work in progress»: Das Ziel der Verantwortlichen ist es, den Platz bis am 20. Juni grösstenteils einzurichten. Das heisst: Der Gastronomie-Wagen ist in Betrieb, das grosse Zelt, das die Platzmitte ausfüllt, ist fertig aufgebaut und bestuhlt. Das Ambiente, jetzt noch das einer Baustelle, soll das eines gemütlichen Orts zum Verweilen werden.

Im Zeichen der Nachhaltigkeit

Das Schlagwort auf dem «Eisenplatz» heisst Nachhaltigkeit. So soll eine Naturtoilette, ein sogenanntes «Ökotoi», zum Einsatz kommen. Weiter wird Regenwasser in Containern gesammelt, mit dem der Garten bewässert wird. Die Hühner werden mit Rüstabfällen von verschiedenen Gastronomiebetrieben gefüttert und deren Ausscheidungen sollen wiederum als Dünger für die Pflanzen auf dem Platz eingesetzt werden, so die Idee der Verantwortlichen. 

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Die Natur kehrt ein 

Über den Platz führt Hasan Candan. Der Luzerner Kantonsrat und Biologe gestaltet die Brache selber mit. Als Anwohner sieht er in der Fläche «eine Chance, etwas Einzigartiges zu kreieren».

Candan ist einer von rund zehn grösstenteils Anwohnern, die verantwortlich für die Gartengestaltung auf dem Platz sind. Drei bis vier Tage die Woche habe er während der intensivsten Bauphase investiert, sagt Candan. Das heisst: Schneisen freibaggern, Regenwasser-Sammelbehälter aufbauen, Bäume, Salat und Kartoffeln pflanzen. Daneben wurden Sitzgelegenheiten und ein Tomatenhaus geschaffen.

«Wenn die Stadt öffentliche Plätze plant und verwaltet, kostet das oft viel Geld, aber genutzt wird der Raum kaum.»

Hasan Candan, Kantonsrat und Vereinsmitglied

«Es ist faszinierend», sagt der 33-Jährige, «dank den Pflanzen entdeckt man hier Tiere, die man sonst in der Stadt nicht findet.» Der Biologe identifiziert verschiedene Vogel- oder Insektenarten, die sonst die urbanen Räume meiden. Dabei brauche es nur wenig, um die Tiere anzulocken. «Die Natur kommt von selber, man muss ihr nur die nötigen Lebensräume bieten.»

Doch auch Menschen werden den Eisenplatz bald geniessen, ist sich Candan sicher. Viele der Aktivisten seien aus der Industriestrasse oder der Umgebung. «Die Leute gestalten hier ihren eigenen Lebensraum», sagt Candan und führt aus: «Wenn die Stadt öffentliche Plätze plant und verwaltet, kostet das oft viel Geld, aber genutzt wird der Raum kaum.» Der Grundsatz in der Industriestrasse sei ein anderer. «Das eigene Engagement führt zu einer hohen Identifikation mit der Brache und es gibt einen lebendigen, öffentlichen Ort.»

Ein gemeinsamer Hühnerstall

In der einen Ecke des ausladenden Platzes entsteht der gemeinschaftliche Hühnerstall. Die Idee: Die Unterhaltsarbeit und die -kosten werden unter mehreren Leuten aufgeteilt, als Gegenleistung gibt es für jeden frisch gelegte Industriestrassen-Eier.

Insgesamt seien sie eine Gruppe von 20 Leuten, erklären Antonia Meile und Mirjam Hiller. Sie sind am Aufbau und der Organisation der «Hühner-Genossenschaft» dabei. Das Interesse sei riesig, bei der Hühnerfarm mitzumachen, sagen sie. «Trotzdem können wir keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen», erklärt Meile. Sie rechnet vor: Bei 20 Mit-Farmern kümmert man sich gerade noch zwei Wochen im Jahr um die Hühner. «Man will ja schlussendlich auch einen Bezug zu den Tieren haben, wenn man hier alles aufbaut», sagt sie.

Flurina Egli, Teil der Hühner-Gruppe, verteilt die Grassamen.

Flurina Egli, Teil der Hühner-Gruppe, verteilt die Grassamen.

(Bild: zvg)

Noch dauert es aber: Auf der Fläche wurde kürzlich Rasen gesät, jetzt vergehen rund sechs Wochen, bis es grünt. Dann erst werden die Hühner angeschafft. Es sollen zehn Tiere werden. Ein Hahn soll noch nicht darunter sein. Antonia Meile sagt: «Wir haben noch nicht entschieden, ob wir auch Nachwuchs heranziehen möchten.»

Doch falls ja, was geschieht mit den überzähligen Tieren? Würde man sie schlachten? «Fleischproduktion ist nicht Teil unserer Überlegungen. Wir wollten noch nicht so weit planen und werden auch bei der Anschaffung der Hühnerrasse nicht darauf schauen, ob man diese Art gegebenenfalls auch essen könnte», ergänzt Mirjam Hiller. Das heisst: Eier ja, Poulet vielleicht.

Zelt sorgte für Diskussionen

Der Ort bietet noch mehr. In einer Ecke soll ein sogenannter Bauspielplatz entstehen. Das ist ein Ort, wo – unter Erfüllung gewisser Sicherheitsvorschriften – Kinder werken und basteln können. Und zwar nicht mit Papier und Schere, sondern mit Hammer, Holz, Säge und Nägeln. «Sie werden dabei von einer Aufsichtsperson begleitet», erläutert Hasan Candan.

Und dann ist da das Zelt. Das riesige Rund konnte der Verein gratis übernehmen, erklärt Candan. Ein Pferdehalter vom Sonnenberg sei weggezogen, übrig blieb das Zelt. «Er hätte es entsorgen müssen und wir wurden gefragt, ob wir Verwendung dafür hätten», sagt er.

«Bis jetzt zahlt jeder sein Material aus der eigenen Tasche.»

Hasan Candan, Biologe

Nicht alle Vereinsmitglieder seien sofort einverstanden gewesen. Zu gross sei es, zu viel Platz nehme es ein. Doch die Vorteile überwogen schlussendlich. Candan: «Es ist ein gedeckter Ort, den man im Winter sogar heizen kann. Er bietet enorm viel Platz und gewisse Projekte von Vereinsmitgliedern wie eine Buchtauschecke sind innerhalb des Zeltes realisierbar.»

Also nahm man das Geschenk an. Ganz aufgebaut ist es noch nicht, doch das passiere in den nächsten Tagen, verspricht Candan.

Fundraising für Grossprojekte möglich

Es steht also noch viel Arbeit an bis zur inoffiziellen «Eröffnung». Doch obwohl es keinen öffentlichen Startschuss für die Zwischennutzung gibt, haben die Vereinsmitglieder Zeitdruck. «Wir haben bereits Programmanfragen von Leuten, die auf dem Eisenplatz eine Veranstaltung organisieren möchten», erklärt Candan. Auch deshalb wolle man das angestrebte Ziel des 20. Juni unbedingt erreichen.

Das Zelt: gross aber praktisch.

Das Zelt: gross, aber praktisch.

(Bild: pze)

Neben der Arbeit gilt es immer, die Kosten zu decken. Candan erklärt: «Bis jetzt zahlt jeder sein Material aus der eigenen Tasche.» Alles mussten die Verantwortlichen jedoch nicht selber anschaffen, so waren beispielsweise Bagger und Regenwassertanks bereits vor Ort und die Gartenbauer durften das Material übernehmen. «Da hatten wir viel Glück», sagt Candan und lächelt.  

Künftig sollen aber Projekte möglich sein, bei denen zumindest die Materialkosten erstattet werden können. «Bei uns im Verein zahlt jeder einen Mitgliederbeitrag, dieses Geld wollen wir künftig für Projekte budgetieren», so Candan. Ausserdem soll auch der Gastronomiewagen einen kleinen Beitrag für die Finanzierung gewisser Projekte leisten. Für grössere Unternehmungen könnten sich die Verantwortlichen auch Fundraising-Aktionen vorstellen. «Das müssen wir dann sehen, wenn eine konkrete Idee ansteht», sagt Candan.

Mitgliederbeiträge als Wertschätzung 

20, 50 oder 100 Franken kann man als Eisenplatz-Vereinsmitglied jährlich zahlen – je nach Grösse des eigenen Portemonnaies. «Viele entscheiden sich, den Maximalbetrag zu bezahlen, was wir als grosse Wertschätzung für unsere Arbeit sehen», so Candan.

Insgesamt habe der Verein bisher 30 Mitglieder und noch 10 bis 20 Engagierte, die ihre Anmeldung noch einreichen werden. «Die Idee ist: Wer ein Projekt auf dem Eisenplatz verwirklichen will, soll Mitglied im Verein sein», erklärt Candan.

Er hat sich bereits wieder mit der Schaufel ausgerüstet. Die sonnigen Tage wollen für den Gartenbau genutzt werden, damit hier schon bald ein lebendiger Quartiertreffpunkt entsteht.

In der Bilderstrecke sehen Sie Impressionen vom «Eisenplatz»-Bau:

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