«In dieser unsicheren Zeit will die Bevölkerung kein Experiment»
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Franziska Bitzi Staub (CVP) und Manuela Jost (GLP) freuen sich über ihre Wiederwahl. Im Hintergrund applaudiert Judith Dörflinger (SP). (Bild: jal)

Luzern: Angriff der SP gescheitert «In dieser unsicheren Zeit will die Bevölkerung kein Experiment»

4 min Lesezeit 10 Kommentare 28.06.2020, 13:59 Uhr

Die Stadtluzerner wollen keine linke Mehrheit im Stadtrat: Franziska Bitzi (CVP) und Manuela Jost (GLP) halten Judith Dörflinger (SP) auf überraschend klarer Distanz. In der Krise wünsche sich die Bevölkerung Kontinuität, meinen die beiden Gewählten. Dieses Argument habe leider verfangen, sagt die enttäuschte SP-Kandidatin.

Die Stadtluzerner haben entschieden: Die zwei verbliebenen Sitze im Luzerner Stadtrat gehen an Franziska Bitzi Staub (CVP) und Manuela Jost (GLP). Die beiden amtierenden Stadträtinnen können ihre Sitze verteidigen.

Und zwar mit deutlichem Abstand: SP-Konkurrentin Judith Dörflinger landete mit rund 2’650 Stimmen – und damit überraschend klar – hinter der GLP-Baudirektorin.

Dahinter folgen abgeschlagen die Herren: Jona Studhalter (Junge Grüne), Skandar Khan (Juso), Rudolf Schweizer (parteilos) und Silvio Bonzanigo (ehemals SVP, nun parteilos). Die Stimmbeteiligung lag bei bescheidenen 32,42 Prozent.

Damit setzt sich der Luzerner Stadtrat weiterhin aus je einem Vertreter von SP, Grünen, GLP, CVP und FDP zusammen. Bereits im ersten Wahlgang bestätigt wurden Stadtpräsident Beat Züsli von der SP, Sozialdirektor Martin Merki von der FDP und der grüne Mobilitätsdirektor Adrian Borgula (zentralplus berichtete).

Enttäuschung bei der SP-Kandidatin

«Ich muss sagen: Ich war im ersten Moment sehr enttäuscht und bin es immer noch», sagte Judith Dörflinger unmittelbar nach Bekanntwerden des Resultats. Sie werde sich die Zeit nehmen, das Ergebnis zu verdauen, und gemeinsam mit der Partei zu analysieren.

«Gerade eine solche Krise wäre eine Chance gewesen, neue Kräfte einzubinden.»

Judith Dörflinger, SP-Kandidatin

«Offensichtlich hat die Parole verfangen, dass es in der jetzigen Krise Kontinuität brauche. Persönlich bedaure ich das sehr, denn gerade eine solche Krise wäre eine Chance gewesen, neue Kräfte einzubinden», so Dörflinger. Es gelte aber zu akzeptieren, dass die Mehrheit der Wähler das anders sehe.

Der 50-Jährigen ist es nicht gelungen, sich im Vergleich zum ersten Wahlgang zu steigern. Im Gegenteil: Dörflinger holte sogar weniger Stimmen als im ersten Wahlgang Ende März.

«Wir konnten nicht mehr so mobilisieren wie im ersten Wahlgang», räumt sie ein. «Oder die andere Seite vielleicht umso mehr, weil sie eine rotgrüne Stadtregierung verhindern wollte.»

Über die Rolle der Krise

Überrascht vom klaren Resultat schien auch Manuela Jost (GLP) zu sein. «Ich hatte schon ein gutes Gefühl, aber ich habe mir vorgestellt, dass es sehr knapp werden könnte.» 

Als Grund für das Resultat nennt auch Jost die aktuelle Coronakrise: «In dieser unsicheren Zeit will die Bevölkerung möglicherweise kein Experiment in der Regierung, sondern ein eingespieltes Team.» 

Der alte ist der neue Stadtrat von Luzern (von links): Martin Merki, Franziska Bitzi Staub, Beat Züsli, Manuela Jost und Adrian Borgula.

Die 56-jährige Baudirektorin konnte im Vergleich zum ersten Wahlgang nochmals an Stimmen zulegen. Entsprechend fühlt sie sich in ihrem Wirken bestätigt. «Ich mache nicht nur alle glücklich, das ist als Baudirektorin so, aber im Grossen und Ganzen überzeugt meine Arbeit.» 

«Es ist zu einfach zu sagen: Die Coronakrise erklärt alles.»

Franziska Bitzi Staub, Stadträtin

Am wenigsten gefährdet schien die Wiederwahl von Franziska Bitzi Staub (CVP), der im ersten Wahlgang nur gut 300 Stimmen fehlten. Siegessicher sei sie deswegen überhaupt nicht gewesen, sagte die Finanzdirektorin am Sonntag. «Die Karten werden jeweils neu gemischt. Ich bin sehr dankbar für jede einzelne Stimme.»

Auch sie mutmasst, dass sich die Bevölkerung in dieser Krisenzeit Beständigkeit wünscht. Es sei vielen Menschen offenbar wichtig, dass alle Parteien und möglichst ein breites Spektrum an politischen Absichten im Stadtrat repräsentiert sei.

Die Pandemie als einzige Erklärung greife aber zu kurz, sagt Bitzi mit Blick auf die Nachbarstadt Kriens. Dort hat die Bevölkerung einen komplett neuen Stadtrat gewählt (zentralplus berichtete). «In Kriens wünscht sich die Bevölkerung trotz Krise und grosser finanzieller Probleme einen totalen Wechsel. Es ist also zu einfach zu sagen: Die Coronakrise erklärt alles.»

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10 Kommentare
  1. Petra, 29.06.2020, 22:21 Uhr

    Peter Bitterli. Schreiben Sie weiter! Ihre Kommentare sind so etwas von geistreich . Herzlichen Dank dafür Sie sollten Geld bekommen.

    1. Martin Schleiss, 29.06.2020, 23:43 Uhr

      Aber unbedingt. Bitten Sie ihn doch um seine Kontonummer, dann können Sie ihm ja etwas überweisen. Oder ist es vielleicht das eigene Konto und macht so gar keinen Sinn?

  2. paul, 28.06.2020, 19:14 Uhr

    selber schuld die luzerner. zum glück wohne ich nicht mehr dort.
    toi toi toi und alles gute den gewählten!

  3. Peter Bitterli, 28.06.2020, 16:09 Uhr

    Kein Experiment. Kontinuität. Ok. Vielleicht besteht die Kontinuität darin, dass sechstklassige KandidatInnen in der Regel dann doch nicht gewählt werden.

    1. olga von der wolga, 28.06.2020, 17:03 Uhr

      ich finds schade….judith hätte es verdient….luzern braucht mehr sp frauen..

    2. Peter Bitterli, 28.06.2020, 17:53 Uhr

      Vielleicht braucht Luzern ja mehr SP-Frauen, nur hat Luzern sich entschieden, mehr SP-Frauen nicht in die Regierung zu setzen. Mit fast 3000 Stimmen Vorsprung wurde Frau Dörflinger als Schulleiterin am Säli bestätigt. Das hat sie möglicherweise verdient. Jetzt müssen die Säli-Lehrerinnen und -Lehrer „sich die Zeit nehmen, das Ergebnis zu verdauen und zu analysieren.“

  4. Daniela Übersax, 28.06.2020, 16:05 Uhr

    Denke nicht, dass die Luzerner eine bürgerlich- grüne Mehrheit wollten. Es lag wohl eher an der wenig profilierten Kandidatur der SP

    1. Peter Bitterli, 28.06.2020, 18:13 Uhr

      „Die Luzerner“ wollen gar nichts. Die gibt es nämlich gar nicht. Es gibt ein paar tausend Luzernerinnen und Luzerner, die abgestimmt haben. Jede und jeder will da wieder etwas Anderes. Die Parteiknüttel wollen vielleicht jeweils alle das Gleiche. Die Mehrheit wollte es so, wie es gekommen ist. Mehr lässt sich in Bezug auf „die Luzerner“ nicht herauslesen.
      Spekulieren kann man natürlich in diese und jene Richtung. Ich sehe ein Rollback, weg von den linksgrünen Siegen und Positionen der letzten Zeit. Gott sei Dank kann dieses Rollback in unserem System immer noch in eine vernünftige Mitte führen. Hätte sich der linksgrüne Mainstream, getragen von einem hypokriten juste-milieu noch triumphaler und totalitärer etabliert, hätte uns in ein paar Jahren ein Trump geblüht. Wer sich innerhalb dieses Milieus noch minimal theoretisch auskennte, dem wäre der seinerzeit zentrale Begriff „Dialektik“ bekannt, und er oder sie wüsste, was Sache ist.

    2. Daniela Übersax, 28.06.2020, 20:31 Uhr

      @Peter Bitterli: Virlen Dank für die Korrektur meiner Aussage. Die haben nicht zufällig eine Ausbildung als Lehrer genossen?

    3. Peter Bitterli, 28.06.2020, 21:35 Uhr

      Jetzt haben Sie mich erwischt, ehrlich. Ich verachte Lehrer. Sorry! Und diese Lehrerzimmer! Und die Gespräche dort drin! Traumata von Aushilfen in der Studentenzeit. Sie kennen den: Provinz ist dort, wo der Lehrer als Intellektueller gilt.
      Lehrer beiseite:
      Die Gleichsetzung einer je nachdem kleinen oder zufälligen Mehrheit mit „den“ Leuten ist glaube ich einer der Denkfehler von gewählten Politikern. Die meinen dann, sie hätten jetzt eben das Mandat und das Recht, für „die“ Bevölkerung zu handeln. Ein gefährlicher Grössenwahn. Wahrscheinlich rührt die Nanny-Mentalität der Sozen und Grünen auch genau daher.

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