In den Zuger S-Bahnen gilt die Maskenpflicht – aber niemand kontrolliert
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Die Stadtbahn Zug fährt entlang des Rotsees durch die Winterlandschaft. (Bild: SBB CFF FFS)

Ess- und Trinkverbot gefordert In den Zuger S-Bahnen gilt die Maskenpflicht – aber niemand kontrolliert

8 min Lesezeit 6 Kommentare 09.04.2021, 16:32 Uhr

Auf dem Netz der Stadtbahn Zug halten sich nicht alle an die Corona-Regeln. Die fehlende Präsenz von Begleitpersonal macht sich bemerkbar. Das wirft Fragen auf – über Corona hinaus.

Die S2 aus dem Raum Zug in Richtung Schwyz und Uri fahrend. Im Zug ist es ganz ruhig. Ausser dieser eine Mann. Er lärmt in sein iPhone. Von «Strafanzeige machen» ist die Rede. Da hat jemand offenkundig ein Problem. Hat nun auch die junge Frau, die hinter dem Lärmer sitzt. Sie steht auf und wechselt ihren Platz. Hat der Mann noch nie etwas von Aerosolen gehört?

Das Beispiel steht für viele andere: Einmal ist es eine kleine Gruppe, die in der S2 gerade ein bisschen Party macht – ohne Maske, klar. Ein andermal der Passagier, der irgendwo auf der Höhe von Walchwil eine so riesige Pizza vor sich liegen hat, dass er wohl bis nach Zug-Lindenpark einen Vorwand hat, maskenfrei pendeln zu können. Und da ist noch jene Person – ebenfalls irgendwo zwischen Schwyz und Zug –, die sich die Maske herunterzieht, weil sie gerade etwas an ihren Gesichtshaaren oder Bibeli herumdoktern muss.

«Wenn die Masken im Zug nicht mehr abgenommen werden, reduziert das deutlich das Ansteckungsrisiko der anderen Passagiere.»

Aerosolexperte Michael Riediker

Im Bereich der S-Bahnen scheinen die Corona-Botschaften nicht bei allen angekommen zu sein. Dies lässt sich auch auf dem Netz der Zuger Stadtbahnen gut beobachten. Die grosse Mehrheit der Reisenden hält sich zwar an die vorgeschriebenen Massnahmen. Ein bestimmter Teil aber überhaupt nicht.

Masken werden gar nicht oder bloss pseudomässig getragen, es wird gerufen und gelärmt. Und da ist auch immer wieder – der bereits geschilderte – Evergreen: Verpflegung während der Fahrt. Wer isst und trinkt hat das Freibillet, um keine Maske anziehen zu müssen.

Mehr Aufklärung wäre wichtig

Angesichts der noch immer angespannten Lage fordert der Aerosolexperte Michael Riediker ein Ess- und Trinkverbot im öffentlichen Verkehr. «Leider kann ich auf den meisten meiner Zugfahrten Leute beobachten, die mit einer Dose oder einem offenen Sandwich in den Zug steigen – mit heruntergezogener Maske. Und die Maske bleibt dann auch bis am Ende der Fahrt unten», so Riediker. «Diese Konsummöglichkeit abzuschaffen, könnte helfen.» Im Falle eines Superspreaders könne es nämlich rasch zu kritischen Konzentrationen in der Nähe der betreffenden Person kommen.

 «Wenn die Masken im Zug nicht mehr abgenommen werden, reduziert das deutlich das Ansteckungsrisiko der anderen Passagiere.» Riediker sagt, es wäre interessant zu wissen, ob es eine Korrelation zwischen dieser Art von Verhalten und der Häufigkeit der Ansteckungen gibt.

«Zusätzliche Kontrollen besonders zu Randstunden könnten helfen.»

Aerosolexperte Michael Riediker

Das Nichttragen der Maske stelle jedenfalls ganz klar ein Problem dar. «So entsteht ein ernsthaftes Risiko, andere Leute mit dem Virus anzustecken, falls man selber ansteckend ist. Diese Leute haben auch ein erhöhtes Risiko, sich selber anzustecken.» Riediker plädiert für mehr Aufklärung. So sei etwa die Aussage «Masken schützen vor allem die anderen» nur bedingt gültig. «Masken schützt auch die Trägerin und den Träger selber.»

Michael Riediker meint, dass in den Zügen die vermehrte Anwesenheit von Kontrollpersonal nützlich wäre: «Zusätzliche Kontrollen besonders zu Randstunden könnten helfen, doch ich denke, es ist noch besser, wenn die Leute von sich aus Masken tragen würden.»

SBB und Postauto setzen auf freiwilligen Essensverzicht

«Hygienemasken reduzieren bei korrekter Tragweise die Virenlast um etwa einen Faktor vier», erklärt Aerosolexperte Riediker. «Das ist zwar nicht so gut wie bei den FFP2-Masken – welche um den Faktor 20 besser schützen – aber doch klar besser als nichts.»

Würde man es – um einen Vergleich zu machen – als gute Bilanz bezeichnen, wenn sich in einer S-Bahn einzelne Fahrgäste nicht an das Rauchverbot halten würden?

Könnte ein Ess- und Trinkverbot, so wie es der Aerosolexperte Michael Riediker fordert, für die Bahnen ein Thema werden? Als Bahnunternehmen könne man die Frage eines Verbots nicht aus medizinischer Sicht beurteilen, antwortet ein SBB-Sprecher auf Anfrage. Vor Kurzem haben SBB und Postauto nun unter dem Titel «Rücksichtsvoll zusammen unterwegs» eine kleine Kampagne lanciert. «Maske muss, Kaffee kann», heisst es in einem der Inserate.

Dass ein Essverbot – zumal auf kürzeren Strecken – gut funktionieren kann, zeigen die Zuger Verkehrsbetriebe. Auf Anfrage erklärt Sprecherin Karin Fröhlich: «Ein gutes Klima und saubere Fahrzeuge sind uns ein Anliegen. Daher ist in allen ZVB-Fahrzeugen Rauchen, Essen und Trinken verboten. Diese Regelung gilt seit vielen Jahren und wir machen sehr gute Erfahrungen damit.»

Die SBB beschwichtigen

Wie beurteilen die verantwortlichen Bahnen die Einhaltung der Corona-Massnahmen? Auf Anfrage teilt ein SBB-Sprecher mit, die Maskenpflicht werde im ÖV «nach wie vor gut befolgt, sowohl in den Zügen als auch in den Bahnhöfen».

Das Personal wende sich an die «kleine Minderheit» und mache auf die Maskenpflicht aufmerksam. In Einzelfällen komme es vor, dass das Zugspersonal die Sicherheitsdienste beiziehen müsse, weil sich jemand ohne Maske weigere, den Zug zu verlassen. Dabei könne es Verzeigungen wegen Ungehorsam beziehungsweise «Verletzung der Hausordnung» geben.

«Ein gutes Klima und saubere Fahrzeuge sind uns ein Anliegen. Daher ist in allen ZVB-Fahrzeugen Rauchen, Essen und Trinken verboten.»

VBZ-Sprecherin Karin Fröhlich

Wie oft es in den vergangenen Monaten zu solchen Verzeigungen kam, bleibt offen. «Die Zuger Polizei veröffentlicht seit Beginn der Pandemie keine Zahlen zu Ordnungsbussen sowie Verzeigungen in Bezug zu COVID-19», teilt Frank Kleiner, Sprecher der Zuger Polizei, mit.

In der S-Bahn gibts kein Personal

Die Frage ist, was man unter «guter Befolgung der Maskenpflicht» verstehen will. Würde man es – um einen Vergleich zu machen – als gute Bilanz bezeichnen, wenn sich in einer S-Bahn einzelne Fahrgäste nicht an das Rauchverbot halten würden?

Das Personal, das sich gemäss SBB an die «kleine Minderheit wendet», gibt es in den S-Bahnen zumeist gar nicht. S-Bahnen sind in der Regel ohne Kontrollleurinnen unterwegs. Zwar lassen die SBB auf Anfrage verlauten, dass die Transportpolizei und andere Sicherheitsdienste «seit jeher» in den Abendstunden vermehrt Präsenz zeigen. Allerdings handelt es sich dabei um punktuelle Einsätze.

Dass allein schon die Anwesenheit von Personal Wirkung haben kann, lässt sich beim Einkaufen beobachten. Dort trifft man jedenfalls eher selten Personen an, die sich maskenfrei bewegen.

Personal beobachtet den «Essens-Trick» häufiger

Jürg Hurni, Sekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) sagt, vom Kundenbegleitpersonal gebe es Rückmeldungen, dass sich Passagiere während der Reise vermehrt mit Essen und Getränken beschäftigen und keine Maske tragen. «Hier sprechen wir vor allem vom Fernverkehr. Im Regional/S-Bahn-Verkehr ist die Situation eine andere, da auf diesen Zügen – ausser der Stichkontrolle – kein Personal mitfährt.»

Weil sich die Stichkontrolle nur sporadisch in diesen Zügen befinde, gebe es aus dem S-Bahn-Bereich weniger Rückmeldungen. Der SEV würde es grundsätzlich begrüssen, wenn in den Zügen mehr Personal eingesetzt würde, so Hurni.

Das Risiko wird unterschätzt

Suzanne Suggs ist Kommunikationswissenschaftlerin und Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes. Sie ortet mehrere Gründe, warum es Personen gibt, die sich der Maskenpflicht entziehen. «Dies kann unter anderem an einer geringen Risikowahrnehmung, krank zu werden oder andere anzustecken, einer geringen Wahrnehmung der Schwere der Krankheit, einem geringen Gefühl der sozialen Verantwortung oder auch an sozialem Druck liegen.»

«Für mich ist es offensichtlich, dass das Fehlen von Kontrolle einer bestimmten Gruppe von Leuten den Glauben gibt, dass sie die Regeln nicht befolgen müssen.»

Suzanne Suggs, Mitglied der Corona-Taskforce

Gute Kommunikation und eine kluge Politik könnten helfen, das Problem zu lösen. Eine Schwierigkeit sei aber, dass man bestimmte Gruppen von Personen informationsmässig kaum mehr erreiche. Nach Ansicht von Suzanne Suggs wäre es deshalb gut, wenn die Behörden der Bevölkerung ein paar Basisinformationen zukommen lassen würde – dies zum Beispiel mittels Zusendung eines entsprechenden Flyers.

Was die spezielle Situation in den S-Bahnen betrifft, sagt Suzanne Suggs: «Für mich ist es offensichtlich, dass das Fehlen irgendeiner Form von Kontrolle einer bestimmten Gruppe von Leuten den Glauben gibt, dass sie die Regeln nicht befolgen müssen. Aus menschlicher Verhaltensperspektive ist es ähnlich, wie wenn man auf der Strasse an Orten zu schnell fährt, von denen man weiss, dass dort keine Radargeräte installiert sind.»

Kritik am «kollektiven Versagen einer ganzen Branche»

Für die Kundinnen wäre es angenehmer, wenn jeder Zug begleitet wäre, sagt Silas Hobi vom Verein Umverkehr.  Grundsätzliche Kritik kommt von Heinz Vögeli von der Denkfabrik Mobilität. Es falle auf, dass sich die ÖV-Unternehmungen mehr mit den ihnen entgangenen Einnahmen befassen, als sich um das Wohl ihrer Fahrgäste zu kümmern. «Penibel war letztes Jahr die Phase, als die versammelten ÖV-Betriebe die Situation schleifen liessen und passiv auf den Bundesrat warteten, bis dieser dann endlich die Maskenpflicht im ÖV verordnete. Dies obwohl für alle sichtbar war, dass die geforderte Distanz im ÖV nicht eingehalten werden konnte.»

«Penibel war letztes Jahr die Phase, als die versammelten ÖV-Betriebe die Situation schleifen liessen und passiv auf den Bundesrat warteten.»

Heinz Vögeli von der Denkfabrik Mobilität

Vögeli spricht von einem «kollektiven Versagen einer ganzen Branche». Mit diesem Verhalten sei viel Vertrauen zerstört worden. Eine klare Haltung der ÖV-Unternehmungen zum Schutz ihrer Fahrgäste wäre notwendig gewesen. Stattdessen seien sie ausgewichen und hätten sich davor gedrückt, sich klar zu positionieren. «Heute muss man leider feststellen, dass die ÖV-Unternehmen keine der skizzierten Ansätze im Umgang mit dem Virus umsetzen, geschweige denn eigene Strategien oder Konzepte entwickeln.»

Ordnungsbussen: In den Zügen ändert sich wenig

Seit dem 1. Februar sind für Verstösse gegen die Corona-Massnahmen neu explizit Ordnungsbussen im Covid-19-Gesetz aufgeführt. Wer im öffentlichen Verkehr keine Masken trägt, kann also grundsätzlich gebüsst werden.

Das Problem: Die Polizistin, die eine solche Busse ausspricht, muss gemäss Artikel 3 Absatz 1 des Ordnungsbussengesetzes die entsprechende Widerhandlung selber festgestellt haben. Das dürfte in den Zügen aber kaum je der Fall sein.

Im öffentlichen Verkehr ist nämlich primär die Transportpolizei für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung zuständig. Gemäss Daniel Dauwalder vom BAG kann die Transportpolizei keine Ordnungsbussen erheben. Transportpolizei und Bahnpersonal können einen Vorfall wie bisher der zuständigen Polizei melden. Die Polizei wiederum muss dann in einem solchen Falle an die Untersuchungsbehörde rapportieren.

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6 Kommentare
  1. Carlo Schuler, 26.04.2021, 17:18 Uhr

    @Martin Anderegg
    Der Text ist überhaupt nicht «tendenziell». Er schildert einfach das, was sich auf der S2 über Wochen und Monate hinweg feststellen liess.

    @amgbenz
    Ihre Wortwahl ist im vorliegenden Kontext völlig deplatziert. Selbstverständlich wären die von Ihnen gewählten Worte auch dann komplett unangemessen, wenn in einem Medienbericht – einfach um einen Vergleich zu machen – festgestellt würde, dass im Quartier X zu viele Leute die Verkehrsregeln nicht beachten und so andere Personen gefährden.

    Carlo Schuler, Textverfasser

  2. Urs gander, 15.04.2021, 08:07 Uhr

    Gut dass das endlich mal thematisiert wird. Viele Übertragungen wären vermeidbar

  3. Markus G, 11.04.2021, 08:50 Uhr

    Es ist schon längere Zeit lächerlich was im Kanton Zug abgeht. An sämtlichen Bahnhöfen tragen mindestens 30-40% keine Maske, entweder weil Sie am Essen oder Trinken sind, weil Sie auf den Perons mit Rauchverbot rauchen! Oder weil Sie es gerade passend finden! Security am Bahnhof Zug läuft vorbei ohne etwas zu sagen, weder zum rauchen noch zur Maske! Seit einem Jahr! im Migros in Baar sowie in Cham kaufen regelmässig Maskenverweigerer ohne konsequenzen ein, obwohl diese andere gefährden! Am Bahnhof Baar sowie Cham trägt kein Mensch eine Maske, es wird jeweils vor dem Kiso rumgehangen, gesoffen geraucht usw. ohne Maske ohne Abstand ohne Konsequenz! Willkommen im rechtsfreien Kanton Zug!

  4. Roli Greter, 10.04.2021, 02:15 Uhr

    Die grösste Gefahr geht wohl von den Behörden und Medien aus…

  5. Martin Anderegg, 10.04.2021, 00:14 Uhr

    Ein sehr tendenzieller Artikel, liebes zentralplus. Daueresser in der Zügen sind eine absolute Randerscheinung. Als Oftzugfahrer darf ich dies festhalten. Ich bin zusätzlich auch ein Aerosolexperte und stelle fest, dass Viren keine Flügeli haben. Habe fertig.

  6. amgbenz, 09.04.2021, 18:44 Uhr

    Denunziantentum und Blockwartmentalität vom feinsten, weiter so, entlarvt euch nur selber ihr Totalitaristen.

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