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«In den Stadtquartieren stirbt das Leben aus»
  • Politik
Luzern will herausfinden, wohin die Reise geht: Die Gesamtplanung wird überarbeitet. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Stadtentwicklung Luzern «In den Stadtquartieren stirbt das Leben aus»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 24.01.2013, 17:04 Uhr

Die Stadt Luzern überprüft gegenwärtig die Stadtentwicklung für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre. Für die Bevölkerung eines der brennendsten Probleme ist der Mangel an zahlbarem Wohnraum. Vor allem die Nachfrage nach günstigen Familienwohnungen ist viel grösser als das Angebot. Die Folge: junge Familien ziehen weg. Das Resultat ist eine soziale Umschichtung in der Stadt. «Diesen Trend müssen wir umkehren», sagt der Luzerner Philipp Ambühl. Er ist Detailhandelsberater und Sprecher der IG Industriestrasse.

Die Stadtenwicklung steht im Brennpunkt: Bis im  Frühjahr will der Stadtrat von Luzern die Gesamtplanung für die nächsten Jahre überarbeiten. Diese Planung ist ein strategisches Steuerinstrument. Es soll die Herausforderungen, Visionen und die Stossrichtungen für die nächsten Jahre aufzeigen. zentral+ wird in loser Folge über interessante Ideen zur Stadtentwicklung berichten. Heute im Gespräch ist Philipp Ambühl. Der Sprecher der IG Industriestrasse sorgt sich um den Bevölkerungsmix in der Stadt Luzern.

zentral+: Herr Ambühl, wie geht es der Stadt Luzern?

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Ambühl: Ich bin Luzerner, ich liebe diese Stadt, für mich ist sie wirklich der schönste Ort der Welt. Aber wir haben ein Problem. Wir haben eine starke soziale Umschichtung. Dabei spielt der Mangel an zahlbarem Wohnraum eine zentrale Rolle.

zentral+: Wo ist der Zusammenhang?

Ambühl: Die Stadt hat die Wohnraumpolitik weitgehend den privaten Investoren überlassen, das ist bekannt. Sie hat, lange vor der Fusion mit Littau, auch keine Eingemeindungen gewünscht, weil sie nicht die Unterschichten von Vorortsgemeinden ins Boot holen wollte. Die Resultate sind knapper Boden und hohe Mieten. Schon lange und bis heute ziehen junge Paare in die Agglomeration oder aufs Land, wenn sie eine Familie gründen.

zentral+: Sind deshalb auch Sie von Luzern nach Emmen «ausgewandert»?

Ambühl: Ja, als die Kinder zur Welt kamen, konnten auch wir uns das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten. Die Folge des Exodus der Familien ist, dass wir in Luzern den zweithöchsten Altersdurchschnitt aller grösseren Schweizer Städte haben. Und wir haben auf hundert Einwohner noch 15 Kinder von 0 bis 19 Jahren. In den siebziger Jahren war es noch 28. Das ist fatal, in den Quartieren stirbt das Leben aus.

«Es kommen Paare ohne Kinder und ohne Hund: Zwei Einkommen, kein Lärm, kein Dreck.»

zentral+: Ist es so dramatisch?

Ambühl: Ja, zumindest ist es der Trend. Im Bruchquartier zum Beispiel ist eine Gentrifizierung (Austausch einer statusniedrigen durch eine statushöhere Bevölkerung) in vollem Gang. Wenn dort alte Leute ins Altersheim gehen, wird die Wohnung von den Immobiliengesellschaften renoviert und verkauft oder teuer vermietet. Es kommen Paare ohne Kinder und ohne Hund: Zwei Einkommen, kein Lärm, kein Dreck.

Philipp Ambühl in der Industriestrasse: Er beschäftigt sich intensiv mit der Stadtentwicklung.

Philipp Ambühl in der Industriestrasse: Er beschäftigt sich intensiv mit der Stadtentwicklung.

(Bild: Robert Müller)


zentral+: Aber die Stadt gibt doch Gegensteuer, etwa mit dem neuen Quartier Tribschenstadt. Da will die Stadt hohe Wohnqualität für gute Steuerzahler ermöglichen. Ist das nicht ein Anfang?

Ambühl: Da ist die Situation ähnlich, da gibt es nur wenige Kinder. Da leben hoch mobile, gut verdienende Paare, die sich kaum verwurzeln. Die bringen der Stadt zwar Steuersubstrat, aber kein Leben ins Quartier. 

zentral+: Was ist falsch daran?

Ambühl: Der Warenkorb einer Familie in der Tribschenstadt enthält wenige, aber teure Güter. Der Warenkorb einer Familie in Littau ist prall gefüllt mit Alltagsgütern. Deshalb ziehen auch Läden und KMUs in die Agglomeration, zumal auch sie die hohen Mieten in der Stadt nicht mehr zahlen können.

zentral+: Den Exodus der Familien bedauern Sie auch als Kleingewerbler?

Ambühl: Familien sind an einer Nahversorgung interessiert. In ihrer Umgebung wird‘s für Läden und kleine KMUs interessant. Diese Unternehmen sind tendenziell krisenresistenter und ziehen nicht gleich weg wie Holdinggesellschaften. Sie stellen 70 Prozent der Arbeitsplätze und bieten hohe Innovationen. Aber eben, viele sind abgewandert, die Stadt hat viel Wertschöpfung verloren.

zentral+: Wie wollen sie eine bessere soziale Durchmischung zurückbringen?

Ambühl: Die Stadt darf nicht nicht nur auf sehr gut verdienende 1- bis 2-Personen-Haushalte setzen. Wir brauchen im Wohnbereich eine Einstiegsmöglichkeit für den unteren sozialen Mittelstand. 

zentral+: Und wer soll diese Angebote bereitstellen?

Ambühl: Die Stadt darf ihre wenigen verfügbaren Grundstücke nur noch an gemeinnützige Wohnbauträger abgeben, und auch nur noch im Baurecht. Das ist etwas weniger rentabel für die Stadt, aber es ist verkraftbar.

zentral+: Das hört sich sozialistisch an, aber Sie sind doch ein Bürgerlicher?

Ambühl: Ich habe nichts gegen renditeorientierte Immobilienfirmen. Aber wenn die Stadt nicht veröden will, muss sie eingreifen und handeln. Ich mache mir keine Illusionen, wir können nur punktuell den Trend umkehren, wir erreichen nur einen Tropfen auf den heissen Stein.

zentral+: Wieviel soll denn eine 4-Zimmer-Wohnung für eine Familie kosten?

Ambühl: Eine gemeinnützig erstellte Wohnung mit 100 Quadratmetern sollte etwa 1600 Franken kosten. Aber Achtung: In einem solchen Wohnhaus braucht es zuoberst eine Attikawohnung für 3600 Franken. Es gibt Leute, die das bezahlen, und mit diesem Preis werden die günstigeren Wohnungen in den unteren Stockwerken quersubventioniert. Wir müssen die Gutverdienenden einbinden und nicht ausgrenzen.

zentral+: Sie vergessen dabei aber die Jungen. Wo sollen die wohnen?

Ambühl: Junge gehören dazu. Für sie gibt es das sogenannte Cluster-Prinzip. Das heisst, es gibt flexible Angebote innerhalb einer Wohnung. Eigentlich eine Wohngemeinschaft. Das ist nichts für mich, aber Junge wünschen sich das. Auch ältere Menschen müssen in dieser Planung ihren Platz bekommen. Eine soziale, generationenübergreifende Durchmischung ist wichtig.

zentral+: Wo sollen gemeinnützig erstellte Wohnungen entstehen?

Ambühl: Wir haben das Gebiet an der Industriestrasse gesichert. Hier können jetzt Gewerbe, Familien und die Kultur heimisch werden. Hier könnte der Grundstein für eine neue Entwicklung gelegt werden. Denn das Gebiet ist erweiterbar bis zum alten Hallenbad.

zentral+: Da stehen aber die  Städtischen Werke EWL im Weg. Was soll mit ihnen passieren?

Ambühl: Die Städtischen Werke könnten nach Littau umziehen. Damit würde Littau aufgewertet, was dringend nötig ist. Und auf dem freien Areal der EWL könnte das Quartier weiter entwickelt werden.

«Dazu muss ich den Bürgerlichen sagen: Wenn ihr das Produkt Luzern verkaufen wollt, muss es attraktiv bleiben.»

zentral+: Soll die Stadt auf dem freien Markt Bauland sichern?

Ambühl: Das ist gar nicht so abwegig. Es gibt zum Beispiel Grundstücke aus Erbteilungen, die die Stadt kaufen könnte.

zentral+: Machen Sie sich da nicht Illusionen? Die Stadt muss sparen?

Ambühl: Gewiss müsste man für solche Käufe punktuell die Steuern erhöhen. Und ich gebe zu, das ist der Bevölkerung schwer zu vermitteln, weil erst die nächste Generation davon profitiert. Aber die Stadt braucht Handlungsspielraum für die nächsten 20 bis 25 Jahre. 

zentral+: Da werden die bürgerlichen Vertreter des freien Marktes aber wohl kaum mitspielen…

Ambühl: Dazu muss ich den Bürgerlichen sagen: Wenn ihr das Produkt Luzern verkaufen wollt, muss es attraktiv bleiben. Und attraktiv bleiben wir nur, wenn wir die Handlungsfähigkeit zurückgewinnen und eine lebendige Stadt bleiben.

zentral+: Wie präsentiert sich Luzern in 25 Jahren?

Ambühl: Kaffeesatzlesen ist nicht mein Metier. Ich schätze, Luzern ist in 25 Jahren eine kulturell vielseitige und sich dynamisch entwickelnde Stadt.

 

Die Bevölkerung kann bei der Stadtentwicklung mitreden. Am Freitag 25. Januar und Samstag 26. Januar findet dazu im Verkehrshaus in Luzern ein öffentliches Forum statt.


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1 Kommentare
  1. Othmar Buchs, 29.01.2013, 11:04 Uhr

    Ich kenne nicht die genaue Situation der Stadt Luzern und will mich auch Aussenstehender auch nicht in Luzern’s Fragen einmischen.
    Ein Problem wächst überall in der Schweiz, nämlich die Verknüpfung von Stadt-, Orts-, Regionlentwicklung und Mobilitätsentwicklung. Von diesen Zusammenhängen lese ich nach meinem Gusto zuwenig aus Verlautbarungen von Stadtentwicklern. Einfach der Nebensatz, dass man das Velofahrnetz ausbauen will ist da wohl nicht die grosse Lösung.
    Auf einzelne Orte oder Kleinstregionen zu schauen und dabei die entstehenden oder im besten Fall abnehmenden Mobilitätsbedürfnisse auszublenden genügt nicht. Und dafür die Menschen mit immer höheren Mobilitätsstrafen zu belegen, Billete und Autofahren zu verteuern, Staus zuzulassen oder gar zu fördern ist wohl zuwenig zielführend.
    Vernetzt denken und handeln ist sehr viel weitschichtiger und anspruchsvoller, als manch einer, leider oft noch in ideologischer Verblendung oder lediglich in Kapitalsteuerung Verbissener denkt, die Probleme bewertet und nur nach seinem Gusto “richtig” lösen will.
    Da kommen gewaltige Anforderungen auf ALLE zu und ALLE (Privatpersonen, Behörden, Firmen) sind dazu aufgefordert, mitzudenken, sich zu engagieren und Hand für zukunftsorientierte Lösungen aus der Gegenwart, aus dem Ist heraus zu erarbeiten und mitzutragen. Auch wenn es kurzfristig wider die eigene Ideologie oder den eigenen Geldbeutel ausschaut. Für Firmen ist dies wohl im Konkurrenzkampf besonders schwer.