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«Imageprobleme? – Die reden sich die Luzerner doch nur ein»
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Empfiehlt einen sorgsamen Umgang mit den Ressourcen Luzerns: Urs Thaler. (Bild: hae)

PR-Profi Urs Thaler kennt das positive Sparen «Imageprobleme? – Die reden sich die Luzerner doch nur ein»

7 min Lesezeit 2 Kommentare 30.11.2017, 10:30 Uhr

Tourismus-Überdosis, Sparpolitik und Polizeikrise: Man klagt allerorts in Luzern. Stellt sich die Frage: Hat man auch nach aussen ein Imageproblem? Der Wahlluzerner und PR-Profi Urs Thaler sieht den Ruf im Ausland zwar intakt – nicht aber bei der Bevölkerung. Und hat als Möchtegernberater von Regierungsrat Paul Winiker einen Tipp für ihn.

Der Mann ist die Ruhe selbst, er sitzt bequem, trinkt seine Schale, schaut neugierig durch die Brillengläser und redet aus langer Erfahrung: Urs Thaler ist weltgewandt. Nicht nur, weil er weit gereist ist. Er hat als Journalist hart recherchiert und in Krisenjahren für das Private Banking der Credit Suisse deren Probleme besänftigt (siehe Box). «Mich erschüttert so schnell nichts mehr», sagt der 64-jährige Jurist und Journalist.

Wenn er redet, fängt er gerne bei Adam und Eva an, er geht den Dingen auf den Grund. Das Ding: Imageprobleme in Luzern, die schon lange untergründig schwelen (zentralplus berichtete). Weil der Wahlluzerner aus St. Gallen stammt, hat er sicherlich auch einen ungeschminkten Blick auf seine Stadt. Hat er aber auch Lösungen für Luzerns Imageproblem?

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Luzern ist äusserst starke Marke

«Ich bin gerne und viel im Ausland», sagt Urs Thaler, und da staune er immer wieder, wie gut der Ruf Luzerns ist: «Ich höre immer wieder: lovely, wonderful, schöne Berge, sauberer See.»

Laut Urs Thaler eine ganz starke Marke nach aussen: die Stadt Luzern.

Laut Urs Thaler eine ganz starke Marke nach aussen: die Stadt Luzern.

(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Beispielsweise bei einer Kreuzfahrt in Kroatien, auf der er fast nur englischsprachige Leute kennenlernte: Amerikaner, Engländer, Neuseeländer, Australier, Südafrikaner. Alle kannten sie Luzern, egal ob sie nun schon in der Schweiz zu Besuch waren oder nicht. Urs Thaler weiss: «Luzern ist eine äusserst starke Marke – zumindest im Ausland.»

«Man war in Luzern schon früh bereit, für den Tourismus Opfer zu bringen.»

Urs Thaler, Kommunikationsprofi

Journalist und Berater

Der 64-jährige St. Galler Urs Thaler ist gelernter Stationsbeamter und lebt seit 1973 in Luzern. Der studierte Jurist arbeitete von 1982 bis 1993 bei den Luzerner Neusten Nachrichten. Urs Thaler publizierte 1998 das Buch «Unerledigte Geschäfte» (Verlag Orell Füssli) über die Geschichte der Schweizer Zigarrenfabriken in Hitler-Deutschland. Auch sein Polarstern-Magazin über die NS-Vergangenheit der Erbauer des Zürcher Hafenkrans sorgte 2015 für Aufsehen. Acht Jahre leitete er Kommunikationsabteilungen der Credit Suisse.

2001 gründete er mit Kilian Borter in Zürich die Kommunikationsagentur Open up, die im Ranking 2017 des Magazins «Schweizer Journalist» zur besten PR-Agentur gewählt wurde. Mit Frau und Tochter lebt er im Wesemlinquartier, sein Sohn arbeitet als Jurist in Zürich.

Die gezielte touristische Vermarktung habe in Luzern bereits 1792 begonnen, als sich am Hirschenplatz das Gasthaus «Goldener Adler» für den Tourismus öffnete. 1804 folgte dann das Hotel «Schwanen». Für den Bau dieses Hauses musste die Hofbrücke abgebrochen werden, die damals vom Zurgilgen-Haus bis zur Stiftskirche St. Leodegar reichte. «Man war in Luzern schon früh bereit, für den Tourismus Opfer zu bringen», sagt Thaler.

Dann zieht der Kommunikationsprofi den Horizont etwas enger und erklärt die Situation aus der Schweizer Perspektive: «Hier ist Luzern solides, gutes Mittelfeld. Landschaftlich wie touristisch sind Stadt und Kanton sehr attraktiv. Viele Menschen aus der Ost-, Nord- und Westschweiz besuchen Luzern sehr gerne, weil sie die Stadt, den See, die Berge und das tolle KKL bewundern.»

Also nichts mit schlechtem Image? Doch, doch, aber das bestehe vor allem bei einem Teil der eigenen Bevölkerung. Thaler: «Die Touristen verbringen nur ein paar Stunden oder Tage bei uns und sehen nur die idyllischen Seiten Luzerns. Die Einwohner dagegen leben immer hier und sind auch mit den Schattenseiten der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen konfrontiert.»

«Auf der Rigi plant man, die jährliche Besucherzahl von 750’000 auf über eine Million zu steigern – das ist masslos.»

Urs Thaler, Publizist

Am meisten nerve man sich in Luzern über den Tourismus, der an seine Grenzen komme, stellt Thaler fest. Zu viele Chinesen, zu viele Inder, die touristische Sättigung sei für viele erreicht (zentralplus berichtete). «Aber diese Vorwürfe höre ich schon seit 1973 – und damals waren es doch einige Millionen Touristen weniger als heute!»

Thaler räumt ein, dass es in der Region durchaus Gegenden gebe, in denen die touristischen Planungen komplett entgleisen könnten. Beispiel Rigi: «Dort ist angedacht, mit begehbaren Riesentannenzapfen und mit neuen Erlebnisparks die jährliche Besucherzahl von 750’000 auf über eine Million Menschen zu steigern – das ist masslos.»

Rigi: Getriebe und Geschiebe wie in Zürich

Schon heute herrsche auf dem einst beschaulichen Weg von Rigi Kulm hinab zur Staffelhöhe ein Getriebe und Geschiebe fast wie auf der Zürcher Bahnhofstrasse.

Urs Thaler verdreht die Augen. Dennoch ist er keiner, der mit dem Zweihänder austeilt. Nein, der Kommunikationsberater recherchiert und denkt lieber viele Tage – dann zieht er Bilanz. Und schreibt allenfalls ein Buch. Thaler warnt zur Vorsicht in seiner Stadt: «Es ist wie in der Medizin bei Paracelsus: alles mit Mass. Unsere touristischen Ressourcen – See, Land, Berge – sind begrenzt.»

«Der Tourismus kann eine gute Sache sein, wenn er die Grundlagen, von denen er lebt, respektiert und nicht zerstört.»

Gleichwohl gelte es nicht zu vergessen, dass der Tourismus der grösste Wirtschaftszweig unserer industriearmen Region sei, und diesen gelte es durchaus auch zu pflegen. «Der Tourismus kann eine gute Sache sein, wenn er die Grundlagen, von denen er lebt, respektiert und nicht zerstört.»

Tourismus konstruktiv begleiten

Die Tourismusindustrie, meint Thaler, müsse von der Politik konstruktiv begleitet werden. Und da sei eines der grössten Probleme fast immer der Verkehr: Wie kommen die Touristen zu uns und wie gehen sie wieder weg?

Thaler sagt dazu leicht resigniert: «Ich vermisse strategisch durchdachte Vorschläge der Stadtregierung. Die Idee mit dem Musegg-Parkhaus war doch gut, auch die Metro-Idee von Ibach an den Schwanenplatz als solche ist nicht schlecht.»

Mit solchen Lösungen wäre der Bevölkerung langfristig mehr gedient als mit der allzu ideologisch geführten Vogel-Strauss-Politik von links-grüner Seite. Diese Politik bewirke das Gegenteil von dem, was sie anstrebt. «Sie lässt die Altstadt weiter veröden und nimmt in Kauf, dass der Geschäftemix noch einseitiger auf den Tourismus ausgerichtet wird.»

Sparpolitik und Polizeikrise machen Missstimmung

Von der Stadt zum Kanton: Hier sind zwei weitere Posten entscheidend für die Missstimmung im Kanton – Sparpolitik und Polizeikrise. Beide sind laut Urs Thaler selbst gemacht. Im Fall Malters habe der zuständige Regierungsrat Paul Winiker schwach reagiert mit der Teilsuspendierung zweier Offiziere. «Das war eine klare Vorverurteilung, sie verschärfte die Krise, da hätte man vom politischen Chef mehr Führungsstärke erwarten dürfen.»

Die Polizei sei unter Spardruck, und Kleinigkeiten sorgten schnell für grosse Missstimmung. Beispielsweise das traditionelle Pensioniertengeschenk: «Bislang erhielten die Polizisten beim Wechsel in den Ruhestand eine Uhr geschenkt im Wert von geschätzten 300 Franken. Als vor einigen Monaten temporär ein budgetloser Zustand herrschte, wurde das Geschenk ersatzlos gestrichen.»

Kleinigkeit sorgt für maximalen Ärger

Ein Fehler, so Thaler. Denn sobald das Budget genehmigt war, war auch das Geld für die Uhren wieder vorhanden. Anders gesagt: Weil die Sparmassnahme temporär befristet war, brachte sie wenig ein, sorgte aber gleichwohl für maximalen Ärger. Vor allem bei den Betroffenen, die das Pech hatten, in den budgetlosen Monaten pensioniert zu werden.

Wäre Thaler der Berater von Regierungsrat Winiker gewesen, hätte er ihm gesagt: «Zahlen Sie die paar Uhren aus dem eigenen Sack und überreichen Sie sie allen Neupensionierten persönlich. Dann haben Sie das Korps hinter sich und auch die Öffentlichkeit.» Ähnlich unsensibel sei der Entscheid der Regierung gewesen, von den Versicherten die verbilligten Krankenkassenprämien rückerstatten zu lassen (zentralplus berichtete).

«Sparen ist gut, aber Sparen ohne Augenmass trifft meist die Falschen.»

Urs Thaler

Und Geld bleibt Thema, natürlich: Die Senkung der Unternehmenssteuern sei langfristig richtig, nur so könne der Kanton attraktiv bleiben und neue Firmen anziehen. Hat der PR-Profi eine Lösung? Nicht direkt, aber: «Sparen ist gut, aber Sparen ohne Augenmass trifft meist die Falschen. Viel wirksamer sind Ausgabenbremsen bei neuen Verpflichtungen, denn Geld, das der Staat gar nicht ausgibt, braucht er später auch nicht einzusparen.»

Absurde Kreiselkunst

Gibt es in den öffentlichen Ausgaben sinn- und zwecklose Ausgaben? «Aber sicher», sagt Thaler und nennt als Beispiel die absurde Kreiselkunst. In der Schweiz gibt es rund 3’000 Kreisel, davon etwa 130 im Kanton Luzern. Wenn Urs Thaler in den Kantonen Jura oder Neuenburg unterwegs ist, sieht er häufig schlichte, einfache Kreisel ohne jede Kunst, vielleicht mit sechs oder sieben kleinwüchsigen Tannenbäumchen bepflanzt. Das reiche doch vollkommen, findet er, und passe erst noch besser in die Landschaft.

Urs Thaler hat einen Sinn fürs Schöne, dreht aber bei der läppischen Kreiselkunst im roten Bereich.

Urs Thaler hat einen Sinn fürs Schöne, dreht aber bei der läppischen Kreiselkunst im roten Bereich.

(Bild: hae)

Urs Thaler ist ein Mann der starken Worte: «In unserer Region entdecke ich auf jedem zweiten Kreisel aufgeblasene, wichtigtuerische Kunst. Das ist läppisch und erst noch teuer. Die Gemeinden und Kantone buttern pro Kreisel bis zu  100’000 Franken in diese merkwürdige Kunst. Das bedeutet, dass allein im Kanton Luzern an die 6,5 Millionen Franken oder mehr in die Kreiselkunst investiert worden sind.» Thaler, durchaus ein Mann der Kultur und mit Sinn fürs Schöne, lächelt süffisant: «Es leidet niemand, wenn wir diese Restflächenkunst nicht hätten. Niemand würde sie vermissen.»

Wolhusens Kreisel sorgt für mehr Verkehr

Zudem: Zu viel Kunst lenkt die Autofahrer ab. In Wolhusen beispielsweise gibt es den sogenannten Rössli-Kreisel, der wie eine löchrige Kuchenform aussieht. In das oval geformte Stahlblech sind viele Namen eingestanzt: Stampfeli. Chatzegrabe. Laette. Hackerueti. Alles in Versalschrift. Und weil Versalschrift bekanntlich schlecht lesbar ist, fahren viele ortsfremde Leute zwei- oder dreimal um den Kreisel herum, bis sie alles gelesen haben. Aber verstehen tun sie es trotzdem nicht. Denn niemand sagt ihnen, dass dies Flurnamen aus der Wolhuser Gegend sind.

«Die Zürcher mögen Luzern. Beim Lucerne Festival füllen sie schon jetzt das halbe KKL.»

Zum Schluss: Hätte Urs Thaler eine Idee, wie man in Zürich eine gute PR-Kampagne für Stadt und Kanton Luzern machen könnte? «Ach was», winkt er ab, «Luzern braucht das gar nicht. Die Zürcher mögen Luzern. Beim Lucerne Festival füllen sie schon jetzt das halbe KKL.» Das Imageproblem, sagt der Kommunikationsberater, rede man sich ein. «Die Luzerner Politik hat ganz normale Probleme. Dagegen hilft nur eines: ausdiskutieren, entscheiden und umsetzen.»

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2 Kommentare
  1. Marc Unternährer, 04.12.2017, 13:53 Uhr

    Man staunt über diese unqualifizierten und wirren EInschätzungen. Die Verödung der Altstadt als Resultat “allzu ideologisch geführten Vogel-Strauss-Politik von links-grüner Seite”? Spätestens da wird die Agenda des PR-Mannes klar. Und die Kreiselkunst ist bestimmt das grösste Problem in Luzern. Eine Umfrage auf einer Kreuzfahrt ist sicher kein Richtwert für die Ausstrahlung von Luzern. Relevanter sind die Artikel unter anderem in der “Zeit”, in denen die Finanzpolitik des bürgerlichen Regierungsrats auseinander genommen wird.

    Es braucht die inhaltliche und politische Debatte in Luzern, keine Spin-Doctors, wie den Herrn Thaler.

  2. Roman Häberli, 30.11.2017, 17:37 Uhr

    Die Suspendierung der Polizei-Chefs war bitternötig. Klar, das Gericht hat entschieden, sie hätten nichts falsch gemacht. Aber zuvor wusste man es schlicht weg nicht. Beim Einsatz kam das Mami des Hanfdealers ums Leben. Winiker musste etwas tun…