Im Schmerz versinken – und es geniessen
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  • Rezension
Bernt Ola Volungholen zeigte sein Können nicht nur auf gesanglicher Ebene. (Bild: Ingo Höhn)

«Flow My Tears» im Luzerner Theater Im Schmerz versinken – und es geniessen

4 min Lesezeit 03.03.2018, 14:07 Uhr

Am Freitag wurde im wiederaufgebauten «Globe» im Luzerner Theater «Flow My Tears – Das letzte Fest» uraufgeführt. Ein Abend, der das Publikum deprimierte, hilflos und verloren stimmte. Und es war toll.

Wie schön sich Schwermut anfühlen kann, wie gerne man sich ihr doch hingibt. «Flow My Tears – Das letzte Fest» im Luzerner Theater ist ein recht kurzes und genauso berührendes Erlebnis. Nach nur 70 Minuten ist der «szenisch-musikalische Abend» mit melancholischen Liedern von John Dowland bereits vorbei und das Publikum wird verloren wieder ausgespuckt.

Mit sphärischen, schwer pulsierenden Klängen und Eisfiguren beginnt der Abend. Mit Kälte und Finsternis und tröstenden Klängen. Es gibt kein Libretto, es gibt keine Partitur, nicht einmal eine Geschichte. Es gibt nur das Eintauchen in die Melancholie, in die Bilder und die Musik.

Schmelzende Figuren

Eine Reihe von Eisfiguren wird rund um die massive, hölzerne Weltkarte von 1504 aufgestellt. Die Bühne von Natascha von Steiger fügt sich perfekt in das Globe ein und öffnet immer wieder neue assoziative Bilder. Genau wie die Musik des zu Shakespeares Zeiten berühmten englischen Komponisten und Lautenspielers Dowland.

Regisseur Wouter Van Looy hat im vielschichtigen Bühnenbild starke Bilder geschaffen und die Mitglieder des Opernensembles begeistern neben dem Gesang auch schauspielerisch auf ganzer Linie. Besonders Jason Cox lässt den Betrachter auch in seinen kurzen stummen Szenen sprachlos und schmerzlich berührt zurück.

Ein toter Schwan wird hereingetragen. Ein Junge baut mit Holzklötzen Städte auf, verloren und versunken spielt er Zivilisation. Ein Mann sucht die Erlösung im Tod, ein schwarzer Engel verwüstet die Welt. Aus dem Rollstuhl schleift sich jemand schmerzverzerrt auf die Welt, traktiert sie, windet sich. Bald beginnen die Eisfiguren zu tauen und immer wieder zieht das tropfende Wasser die Aufmerksamkeit auf sich.

Der Bariton Jason Cox zeigt in «Flow My Tears» sein schauspielerisches Können und wie schön Trauer und Schmerz sein können.

Der Bariton Jason Cox zeigt in «Flow My Tears» sein schauspielerisches Können und wie schön Trauer und Schmerz sein können.

(Bild: Ingo Höhn)

Verschwimmende Momente

Die Musik, die Texte von Paul Verrept, die auf der Welt verlorenen Figuren und die zerspringenden Eisfiguren: Immer mehr überlagern sich die Elemente, man verliert sich in wenigen Worten, einem Klang oder einem Bild. Der Fokus verschwimmt, es ist nicht wichtig, wo man hängenbleibt, die Melancholie legt sich über alles. Vergänglichkeit, Trauer, Hilflosigkeit und Schmerz vermischen sich mit Momenten der Ruhe und der Geborgenheit.

Und inmitten dieser schweren performativen Szenen brilliert Marina Viotti. Sie spielt mit ihrer Stimme, wechselt in rockigere und poppigere Gefilde, atmet, strauchelt.

Unspürbare Jahrhunderte

Der musikalische Leiter Vincent Flücker bringt John Dowland, den Bob Dylan des elisabethanischen Zeitalters, ins 21. Jahrhundert. Er selbst wechselt auf der Bühne zwischen Laute und verzerrter E-Gitarre, wandelt, wie auch Jean-Valdo Galland – am Saxophon und der armenischen Flöte «Duduk» – um und über die Weltkarte. Die Kombination mit den sphärischen Tönen, den Geräuschen und Aufnahmen aus der Welt von Live-Elektroniker Frédéric Chappuis ist überraschend stimmig.

Kurzes Vergnügen

«Flow My Tears» wird nur noch sechs Mal im Globe gezeigt. Am 10. März findet bereits die letzte Aufführung statt.

Lediglich bei den Kostümen fällt ein Bild aus dem Rahmen. Eine rote Spitzenmaske, Federn auf dem Kopf, Schleier und futuristische Armkostümierungen – schade, hat man Marina Viotti nicht ohne Divenoutfit wirken lassen. Denn die sonst so unprätentiösen Kleider auf der Bühne zeigen: Es hätte es nicht gebraucht. Doch vielleicht sollte noch etwas «alte Oper» mit rein.

Marina Viotti gab John Dowland ihre Stimme in all ihren Varianten.

Marina Viotti gab John Dowland ihre Stimme in all ihren Varianten.

(Bild: Ingo Höhn)

Kein Entrinnen

Ein toter Schwan, ein Berg von Blumen, russisch Roulette und ein schwer depressiver Geschäftsmann, ein einsames Kind, ein Todesengel. Es sind Bilder aus den Texten Dowlands und aus der ganzen bekannten Motivpalette der Trauer, über deren Plakativität sich bestimmt streiten lässt. Doch die Reduziertheit der Aktionen, die fast inexistenten Interaktionen, das Tempo aus einer anderen Zeit und die zarte Musik verhindern, dass die Bilder platt werden.

Die Melancholie ist komplett. Es gibt kein Entrinnen und man suhlt sich geradezu in diesen Gefühlen.

Lasst mich einsam sein

Zum Schluss ist die Welt zu einem Schlachtfeld geworden. Einem Grab – einer Müllhalde der Menschheit. Und mit den letzten Töne von «Flow My Tears» verlassen die Sänger und Musiker das Globe und lassen einen schlafenden Jungen im Kerzenlicht zurück.

Flow, my tears, fall from your springs!
Exiled for ever, let me mourn;
Where night’s black bird her sad infamy sings,
There let me live forlorn.

Fliesst, meine Tränen, strömt aus euren Quellen,
Für immer verbannt: lasst mich trauern.
Wo der schwarze Vogel der Nacht sein düsteres Lied singt,
dort lasst mich einsam sein.

Es herrscht vollkommene Stille und dann das Gefühl eines tiefen kollektiven Atemzugs, bevor das Publikum am Premierenabend in Applaus ausbricht. Die angekündigte «Ehrenrettung der melancholischen Untergangsstimmung» ist gelungen.

(Bild: Ingo Höhn)

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