Im Luzerner Asyl- und Flüchtlingswesen kommt es zum Exodus
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SP-Kantonsrätin Pia Engler ist überzeugt, dass das Luzerner Asylwesen ein strukturelles Problem hat.

18 Prozent der Mitarbeitenden kündigten Im Luzerner Asyl- und Flüchtlingswesen kommt es zum Exodus

4 min Lesezeit 12 Kommentare 01.06.2021, 03:00 Uhr

Im Luzerner Asylwesen hält es ein grosser Teil des Personals nicht länger aus. Allein in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres haben 18 Prozent der Mitarbeitenden die zuständige Dienststelle (DAF) freiwillig verlassen. Im Jahr 2020 lag die Kündigungsquote bei 11,4 Prozent.

Ist die Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF) ein attraktiver Arbeitgeber? Die hohe Nettofluktuationsrate von 18,0 Prozent in den Monaten Januar bis März 2021 spricht dagegen. Gemeint ist mit diesem Kennwert der Anteil der Mitarbeitenden, die gekündigt haben – Pensionierungen nicht eingerechnet. Zum Vergleich: In der Bundesverwaltung beispielsweise lag diese Quote letztes Jahr bei gerade mal 2,7 Prozent.

Was ist los im Luzerner Flüchtlingswesen? Das wollte SP-Kantonsrätin Pia Engler von der Luzerner Regierung mithilfe eines Vorstosses in Erfahrung bringen. In ihrer Antwort nennt die Regierung jetzt zwar eine ganze Reihe von «verschiedenen nachvollziehbaren Gründen» für die vielen Abgänge. Zwischen den Zeilen wird denn auch immer wieder betont, man habe die nötigen Massnahmen ergriffen und die Situation unter Kontrolle. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Der Kanton wollte es besser machen – und scheitert

Generell sei die Fluktuationsrate in sozialen Bereichen höher als in der Kernverwaltung, ist da zu lesen. Ein weiterer Faktor für die höhere Fluktuationsrate bei der DAF seien die überproportional vielen jungen Mitarbeiterinnen und auch Berufseinsteiger, welche häufiger die Arbeitsstelle wechseln als ältere Mitarbeitende. Und als dritten Grund nennt die Regierung eine laufende «Umbruchphase».

«Es hat sich herumgesprochen, dass die Organisation strukturelle Probleme hat und die Dossierbelastung zu hoch ist.»

SP-Kantonsrätin Pia Engler

Dazu muss man wissen: Bis Ende 2016 war die Caritas Luzern mit ihrem etablierten Sozialdienst für die wirtschaftliche und persönliche Sozialhilfe für Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen zuständig. Am 1. Januar 2017 riss der Kanton diese Aufgabe an sich, weil er sich davon mehr Effizienz versprach (zentralplus berichtete). «2019 hat die Organisationsentwicklung aufgezeigt, dass die bisherige Arbeitspraxis diverse Qualitätsaspekte nicht genügend erfüllt», so die Regierung. Man entschied sich für eine Reorganisation. Solche Veränderungsprozesse würden immer das «Risiko von Personalabgängen» bergen.

Schlechte Arbeitsbedingungen sind ein offenes Geheimnis

Pia Engler, Vizefraktionspräsidentin der SP im Kantonsrat, überzeugen diese Erklärungen nicht: «Für mich sind das Ausflüchte. Es ist kein Zufall, dass die DAF nur junge Berufsleute findet. Es hat sich herumgesprochen, dass die Organisation strukturelle Probleme hat und die Dossierbelastung zu hoch ist. Und wer Berufserfahrung hat, weiss, was das heisst», sagt Engler, die selber ausgebildete Sozialarbeiterin ist.

«Der Kanton will um jeden Preis beweisen, dass er das Asylwesen günstiger führen kann.»

SP-Kantonsrätin Pia Engler

Nach der Ausbildung seien die jungen Berufsleute auf ihre Arbeit bestens vorbereitet. «Sie sind hochmotiviert, brauchen aber die nötigen Ressourcen und eine gute Einführung, um ihren Job zu machen. Und genau da hapert es», meint Engler. «Der Kanton hat das Flüchtlingswesen aus Spargründen von der Caritas übernommen – und will jetzt um jeden Preis beweisen, dass er es günstiger führen kann. Nur funktioniert das offensichtlich nicht. Die Leidtragenden sind die Mitarbeitenden, die Flüchtlinge und letztlich die ganze Gesellschaft, wenn die berufliche und soziale Integration der Menschen nicht gelingt.»

Auf eine Vollzeitstelle kommen 200 Dossiers

Die Personalabgänge bei der DAF seien zwar ausgeglichen worden. «Die Einführung neuer Mitarbeitender bringt aber vorübergehend eine noch erhöhte Belastung der verbleibenden Mitarbeitenden mit sich. Die Situation bleibt deshalb auch in den kommenden Monaten weiter herausfordernd», räumt die Regierung ein.

Da nicht alle Personalabgänge nahtlos ersetzt werden konnten, wurde vorübergehend ein Springer-Team von drei Mitarbeitenden mit insgesamt 100 Stellenprozenten eingesetzt. Die austretenden Mitarbeitenden haben diesem Team insgesamt rund 200 Dossiers übergeben.

200 Dossiers auf eine Vollzeitstelle? Wie gut kann die Betreuung da sein? Die Regierung beschwichtigt: «Bei den übergebenen Dossiers handelt es sich um Fälle, bei denen nach Einschätzung der austretenden Mitarbeitenden während den nächsten drei Monaten keine Beratungstätigkeit anstand», schreibt sie in ihrer Antwort.

SP-Kantonsrätin Pia Engler setzt bei der Betreuungsqualität dennoch ein Fragezeichen. Erst letzte Woche wurde bekannt, dass Luzerner Gemeinden per 2025 voraussichtlich für zusätzlich 940 Flüchtlinge Sozialhilfe zahlen müssen. Dies, weil es der Kanton bis dann innert zehn Jahren nicht geschafft hat, diese Menschen beruflich zu integrieren (zentralplus berichtete).

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12 Kommentare
  1. Marc Mingard, 02.06.2021, 21:08 Uhr

    Eine „laufende Umbruchphase“? Ist das sowas wie ein Providurium?
    Bei der Führungsinkompetenz kann ich nur Kopfschütteln….

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  2. Annaliese, 02.06.2021, 09:48 Uhr

    Sachlich bleiben und die Fakten einbringen ist in der Asylpolitik zielführend.
    Das hat der Beitrag von Kantonsrätin Engler gezeigt.

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    1. Asyl-Experte, 02.06.2021, 10:47 Uhr

      Fakt ist in der Asyl-Problematik, dass es die Asyl suchenden dort hin zieht wo das Bruttosozialprodukt am höchsten ist. Und nicht in die Nachbarländer von den geflüchteten.
      Es geht SP-Kantonsrätin Pia Engler um die Arbeiter im Soz. System (ihre Wähler), und leider nicht um die Geflüchteten.

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  3. Alter Hase, 01.06.2021, 07:41 Uhr

    Ich stelle fest das die Soz. Arbeiter/innen frisch von der Schule, gut sind in auswendig lernen. Und im unüberlegten romantisch nachplappern. Wenn sie dann im Arbeitstag ankommen, merken sie das tägliches arbeiten sehr anspruchsvoll ist. Von Tag zu Tag, merken sie das leider Betrüger/innen und Lügner*, am meisten geholfen wird. Die meisten sind Sozialarbeiterinnen, und die sind mit ihrer Hilfe auf Frauen fixiert. Danach lässt dann schnell die Motivation nach wenn es nicht mehr so romantisch ist, dann wäre etwas Durchhaltevermögen gefragt.

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  4. Rudolf 1, 01.06.2021, 06:50 Uhr

    Seit Jahren haben die Kantone die Betreuung der Asylbewerber Flüchtlingshilfswerken übergeben, weil diese Leute mit Fachwissen und Erfahrung hatten – und natürlich – entscheidend – viel günstiger arbeiteten als staatliche Stellen. Die Caritas und das Arbeiterhilfswerk waren da führend. Es rächt sich nun bitter, dass man der Caritas diese Aufgabe entzogen hat. Zurück auf Start.

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    1. Peter Bitterli, 01.06.2021, 08:08 Uhr

      Caritas und Arbeiterhilfswerk haben versagt. Basta. Als typische mit Staatsgeldern gemästete Strukturen der Migrationsindustrie standen und stehen sie ihrer Klientel und Aufgabe vollkommen distanzlos gegenüber und arbeiten schon aus Selbsterhaltungstrieb an der stetigen Verbreiterung des eigenen Apparates und der möglichst langen Weiterführung ihrer Betreuungsaufgaben, sprich der Unselbständigkeit der von ihr Betreuten. Der Staat hat hier andere Aufgaben, sieht sich vom Stimmvolk betätigt und hat deswegen der Caritas damals den Stecker gezogen. Wahrscheinlich hätte man der „Hochschule für Soziale Arbeit“ den Stecker auch gleich ziehen sollen.

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    2. estermap, 01.06.2021, 09:10 Uhr

      Das Forum Luzern 60plus kritisiert, dass Angestellte Ihrer Dienststelle seit Übernahme zusätzlicher Aufgaben vom Schweizer Arbeiterhilfswerk Zentralschweiz überfordert seien. Frau Bolliger am 28.5.2021 in der LZ: «Diese Aussagen sind neu für mich und ich weiss nicht, was genau mit Überforderung gemeint sein soll.”

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    3. Dunning-Kruger, 01.06.2021, 11:09 Uhr

      Randnotiz: So richtig fängt der Spass dann an, wenn die Sozialhilfe für Migranten aka Flüchtlinge nicht mehr vom Kanton sondern von der Gemeinde übernommen werden muss. Die Stadt Luzern als migrationsförderndes Pflaster unter rot/grün wird es besonders namhaft treffen.

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    4. Peter Bitterli, 01.06.2021, 12:52 Uhr

      @ Dunning-Kruger:
      Sie haben ja Glück, dass Sie noch publiziert werden. Meine Engführung von ideologischem Blabla an der Sozschule und harten Realitäten im Beruf und daraus resultierender Überforderung wegen beständiger Tabuisierung wesentlicher Tatbestände wurde nicht mehr goutiert.

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    5. Rudolf 1, 02.06.2021, 07:41 Uhr

      Herr Bitterli, das sind unglaubliche Unterstellungen.

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    6. Andreas Pearson, 03.06.2021, 04:22 Uhr

      Ich unterstütze Peter Bitterlis Kommentar voll und ganz. Aus Gesprächen im Verwandtenkreis ist mir klar geworden was die Motivation der Caritas und des Arbeiterhilfswerks ist. Genau wie Peter Bitterli berichtet.
      Und allen uns Steuerzahlern blüht jetzt der nächste Schritt: Wenn die Asylbewerber von 2015 am Sozialschalter der Gemeinde stehen. Ich bedaure sehr unsere eigene Bevölkerung die auf Sozialhilfe angewiesen ist und jetzt ein richtiggehendes Verdrängen durch die Asylbewerber vor dem Sozialschalter erleben. Es kommt zum grossen Verdrängungswettbewerb. Und wir wissen wer gewinnt: Nicht die 60-jährige Putzhilfe, die ein Leben lang Büros geputzt hat, sondern der 20-jährige Eritreer den wir jetzt bis an sein Lebensende mit unseren Steuergeldern durchhalten müssen.

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    7. G. Leutert, 03.06.2021, 16:08 Uhr

      Die Prognose diesbezüglich ist jedenfalls glasklar: Die Kosten für Sozialhilfe werden in den nächsten Jahren förmlich und in bisher unbekanntem Ausmass explodieren. Immer mehr Bedürftige drängen zu den Töpfen den Sozialstaates und dies betrifft natürlich längst nicht nur die Sozialhilfe, sondern sämtliche sozialen Transferleistungen wie auch z.B. die, der Invalidenversicherung. Der Sozialstaat wird so bereits mittelfristig nicht aufrechterhalten werden können.

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