Im Lockdown Bier ausgeschenkt? Rothenburger Beizerin wehrt sich gegen saftige Geldstrafe
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Sarina Conti, Geschäftsführerin der Rothenburger «Fläckebar» in der Braui Hochdorf, wo der Prozess gegen sie stattfand. (Bild: ber)

Vorwurf: Ausbreitung des Coronavirus begünstigt Im Lockdown Bier ausgeschenkt? Rothenburger Beizerin wehrt sich gegen saftige Geldstrafe

4 min Lesezeit 9 Kommentare 26.10.2020, 12:30 Uhr

Sarina Conti versteht die Welt nicht mehr. Die Staatsanwaltschaft Luzern wirft ihr vor, während des Lockdowns auf der Terrasse der «Fläckebar» in Rothenburg Gäste bedient zu haben. Sie bestreitet die Vorwürfe – und zieht vor Gericht.

Der sechste April diesen Jahres war ein strahlend-schöner Sonnentag. Perfekt um bei den milden Temperaturen den Feierabend mit einem Apéro an der frischen Luft einzuläuten. Doch der Lockdown machte den Gastronomen in dieser Zeit einen fetten Strich durch die Rechnung.

Die «Fläckebar» machte – wie viele andere Beizen – aus der Not eine Tugend. Geschäftsführerin Sarina Conti (26) bot ihren Gästen verschiedene Getränke und Hot Dogs zum Mitnehmen an. Durch ein Fenster konnte man seine Bestellung aufgeben. Die Terrasse der Bar war gesperrt. Die meisten Gäste nahmen das Getränk deshalb mit und gingen damit über die Strasse. Dort hat es ein lauschiges Plätzchen mit einem Brunnen, wo es sich auch mit Plastikbechern gut anstossen lässt.

Wo stammte das Bier her?

Die Meinungen gehen auseinander darüber, was kurz nach 17 Uhr an jenem Tag passiert ist. Die Polizei sagt, Conti habe auf der Terrasse zwei Gäste bedient und ihnen Bier in einem Plastikbecher ausgegeben. Damit habe sie gegen die Covid-Verordnung verstossen, die den Restaurants den Betrieb zu der Zeit verbot.

Die Staatsanwaltschaft will die junge Frau deswegen zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 50 Franken verurteilen. Und – im Sinne eines Denkzettels – zu einer Busse von 1’000 Franken, die sofort gezahlt werden soll.

«Ich kann mir eine Verurteilung gar nicht leisten. Ich weiss nicht, wie ich die Busse bezahlen sollte.»

Sarina Conti, Geschäftsführerin der «Fläckebar»

Sarina Conti bestreitet die Vorwürfe vehement. Sie wehrt sich an diesem Montagmorgen vor dem Bezirksgericht Hochdorf gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft. «Es waren zwar zwei Leute auf der Terrasse», sagt sie dem zuständigen Einzelrichter. «Aber das waren keine Gäste und sie hatten auch nicht das Bier von uns», versichert sie.

In der Slideshow erzählt die junge Frau in eigenen Worten ihre Version der Geschichte.

Für die Slideshow wurden Symbol- und Archivbilder verwendet.

Plötzlich steht die Polizei vor der Tür – und alle schauen zu

Sie habe den beiden ausdrücklich gesagt, dass sie verschwinden müssten. Einen dritten Mann – ein betagter Gast, der das Regime nicht ganz verstanden hatte – habe sie grade von der Terrasse heruntergeführt, als die Polizei kam und sie fotografierte.

«Es war mir ziemlich unangenehm, denn es hatte Gäste von uns, welche die Szene beobachtet haben.»

Sarina Conti, Geschäftsführerin der «Fläckebar»

«Ich bin nicht bereit, eine so hohe Busse zu bezahlen. Wir haben alles getan, um die Massnahmen einzuhalten. Wir haben die Gäste extra nur durchs Fenster bedient und haben niemanden in die Räumlichkeiten gelassen», so Conti. Es sei ein «blöder Zufall» gewesen, das grade einige Leute vor dem Lokal standen, als die Polizisten kamen.

Sarina Conti hat keinerlei Vorstrafen. «Lupenrein» sei ihr Vorstrafenregister, sagte der Einzelrichter gar in der Verhandlung. Entsprechend perplex reagierte die junge Frau auf die Forderung der Polizisten, umgehend mit auf «den Posten» zu kommen.

«Sie haben ins Protokoll einfach aufgeschrieben, was sie gesehen haben und ermittelten nicht weiter.»

Sarina Conti, Geschäftsführerin der «Fläckebar»

«Das war mir ziemlich unangenehm, denn es hatte überall Leute und auch Gäste von uns, welche die Szene beobachtet haben. Ich bin mir blöd vorgekommen in dem Moment», sagt sie nach der Verhandlung gegenüber den Medienvertretern.

Warum wurden die Gäste nicht befragt?

Die Polizisten hätten aber keine der umstehenden Personen befragt oder zumindest die Daten der Anwesenden aufgenommen, um sie später zu befragen. «Sie haben ins Protokoll einfach aufgeschrieben, was sie gesehen haben und ermittelten nicht weiter», so Conti.

Die Staatsanwaltschaft tauchte an der Verhandlung nicht auf. Sie beliess es bei der Mitteilung, dass man am Strafbefehl festhalte. Die Beschuldigte dagegen verlangt einen Freispruch. «Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Wir haben uns Mühe gegeben, alle Massnahmen einzuhalten und meiner Ansicht nach haben wir das auch.»

Busse bringt die junge Wirtin in einen finanziellen Engpass

Der zuständige Richter kündigte an, sich die ganze Sache «gut zu überlegen» und das Urteil dann schriftlich zu verschicken. Nach dem Prozess wirkte die junge Frau gelöst, weil sie ihre Version der Geschichte erzählen konnte.

«Das Strafverfahren ist für mich sehr belastend», sagte sie im Anschluss gegenüber zentralplus. Die Busse entspricht fast der Hälfte ihres monatlichen Netto-Einkommens. «Die letzte Zeit war schon schwer genug. Ich kann mir eine Verurteilung gar nicht leisten. Ich weiss nicht, wie ich die Busse bezahlen sollte.»  

Mehrere Personen befanden sich auf der Terrasse der Fläckebar – die Staatsanwaltschaft Luzern will die Wirtin deshalb verurteilen. (Archivbilder: zvg)

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9 Kommentare
  1. estermap, 29.10.2020, 14:17 Uhr

    Wer hatte denn die Polizisten gerufen? Der Posten Rothenburg war im Lockdown geschlossen. Die Polizisten waren wohl im Flecken auf Patrouille, um den Wohnort des Kommandanten Corona sicher zu halten?

    1. Redaktion Lena Berger, 29.10.2020, 14:47 Uhr

      Gerufen wurden die Polizisten wohl nicht. Die Wirtin sagte nach der Verhandlung, die Polizei habe während dieser Zeit stark patroulliert.

  2. Karl Ottiger, 27.10.2020, 10:30 Uhr

    Wenn der Bericht Wahrheitsgetreu ist würd ich im Nachhinein die Polizei anzeigen und ihnen vorwerfen das sie mit ihrer schlechten Arbeit einen vorsätzlichen Betrug an meiner Person verursacht haben und da es sich ja um eine Arbeit handelt ist man für die Ausführung persönlich Verantwortlich also die zwei Leute persönlich einklagen

    1. estermap, 29.10.2020, 14:49 Uhr

      Die Polizisten verklagen ist aussichtslos.

  3. roger, 27.10.2020, 01:50 Uhr

    Die Bilder und der Text erzeugen einen komplett falschen Eindruck !!! Diese Bilder und der Text stammen nicht zum Zeitpunkt des Lockdown !!!

    1. Redaktion Lena Berger, 27.10.2020, 08:41 Uhr

      Danke für den Hinweis. Die Bilder wurden uns von der Wirtin zur Verfügung gestellt. Ich ergänze die Bildlegende jetzt durch den Vermerk, dass es sich um Archivbilder handelt – damit es keine Missverständnisse gibt.

  4. Roli Greter, 26.10.2020, 21:01 Uhr

    Das Traurigste an dieser Geschichte ist wohl das Leben der beiden Polizisten…

  5. Mister Money, 26.10.2020, 12:59 Uhr

    Klar, 1’000 Franken Busse tun verdammt weh und es gibt x-Sachen, was man mit diesem Geld lieber anstellen möchte. Aber….. wenn man bei 1’000 Franken Busse am Rande des finanziellen Ruins steht, dann ist es vielleicht an der Zeit, die Bar definitiv zu schliessen und sich über die eigenen finanziellen Verhältnisse mal gründlich Gedanken zu machen.

    1. CB, 26.10.2020, 18:33 Uhr

      Evtl. lesen Sie es sich nochmals durch;
      Die Fr. 1000.- Busse würden ZUSÄTZLICH auferlegt werden.

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