Im «bundeshaus», wo die Luzerner Gastronomen gross geworden sind
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Das Parterre zu Beginn seiner Zeit. Viel hat sich scheinbar nicht verändert. (Bild: Archiv Hans Eggermann/Fotodok im Staatsarchiv Luzern)

Das Luzerner Parterre – 1990 bis heute Im «bundeshaus», wo die Luzerner Gastronomen gross geworden sind

4 min Lesezeit 04.01.2018, 15:57 Uhr

Fast alle Luzerner Gastronomen hätten irgendwann mal im «Parterre» hinter dem Tresen gestanden, heisst es. Das erste öffentliche Internet und das erste Sushi Luzerns seien hier konsumiert worden. Und die Form des grossen Tisches stelle eine Vagina dar. Was stimmt und was nicht?

«Waterworld» mit Kevin Costner lief gerade im Kino und in den USA entwickelte sich das «Internetsurfen zum Volkssport». Mitte der Neunziger wurde deshalb auch das Luzerner «Parterre» berühmt. Als einziges Cybercafé entwickelte es sich zum hippen Treffpunkt der «Internet-Exzentriker», wie die Zeitungen sie noch nannten.

Das dritte Lokal, das der innovative Luzerner Gastronom Sascha Welz in Luzern zum Erfolg führte, eröffnete am 29. September 1995 mit Latex-Bodypainting des Berliners Michael Schermons, einer Techno-Modeschau und diversen Konzerten.

Als das Internet nach Luzern kam

Das Parterre bot schon in den 90er-Jahren ein breites Angebot an kulturellen Anlässen wie Ausstellungen, Flohmärkten, Lesungen, Discos, Konzerten und auch Specialevents wie eine Spacebar, Alien-Filme und vor allem: Das Internet!

Im Oktober 1995 schrieb die «Luzerner Zeitung»: «Auffallend sind die zwei Computer, die gleich beim Eingang stehen. Sie sind ans Internet angeschlossen.» Eine «absolute Novität in der Innerschweiz». Hier sassen die unverstandenen Nerds und «chatten im ultra coolen World Wide Web» für 20 Franken in der Stunde. Und das in einer Zeit, als man vier bis fünf Stunden brauchte, um einen Dreissig-Sekunden-Videoclip zu laden.

«Die Wintersportart wird auch in Luzern immer intensiver betrieben», schrieb das «Apero» 1996. Doch selbst über die Landesgrenzen hinaus wurde das Parterre wegen des innovativen Konzepts, der Computer und der Events mit internationalen Künstlern bekannt. Immer wieder seien Touristen aus aller Welt mit der Adresse des Internetcafés in die Mythenstrasse gepilgert, erinnert sich Ueli Sidler, Initiant des vielseitig genutzten Hauses an der Mythenstrasse 7.

Doch nicht nur das WWW, auch die ersten Sushis in Luzern gab es ab 1996 jeweils Sonntagabends im Parterre, erinnert sich Sascha Welz.

Sascha Welz, der «Internet-Wirt», titelten 1995 die Zeitungen.

Sascha Welz, der «Internet-Wirt», titelten 1995 die Zeitungen.

(Bild: Privatarchiv Sascha Welz)

Die Anfänge: ohne Männer und ohne Alkohol

Bevor das Lokal jedoch zum Parterre wurde, war das traditionsreiche Möbelgeschäft Überschlag-Biser dort ansässig, dessen Erben das Haus noch immer gehört. Im Jahr 1990 wurde das Gebäude an eine Aktien-Gesellschaft verpachtet, welche die Räumlichkeiten im Gebäude bis heute vermietet.

Die Idee aufgezogen und die AG gegründet haben Vanja Palmers, der noch immer als Aktionär beteiligt ist und Ueli Sidler, heute Verwaltungsratspräsident.

Das Rundherum: Film, Gold, Kulturvereine

Ziel war es, Räume in der Stadt für Leute und Gruppen nutzbar zu machen, die sich einen solchen Standort sonst nicht leisten konnten. Ein alternativer Treffpunkt, ein Haus fürs Kulturgewerbe, am Bundesplatz gelegen und deshalb früher auch «bundeshaus» genannt. Eine Kunstschule, ein Frauenzentrum, oder die Werkstatt für Theater des Luzerner Regisseurs Livio Andreina waren hier zuhause.

Zu Beginn sei es schwierig gewesen, eine Balance zwischen starken Mietern und kulturellen Nutzungen zu finden, erinnert sich Sidler. Doch die vielseitige Nutzung ist bis heute geblieben. Unterschiedlichste Mieter finden sich in der Mythenstrasse 7: Künstler, Filmschaffende, ein Goldschmied, ein Kurdenverein, Grafiker, ein Bosnischer Kulturverein, der Secondhand-Laden «Ziitlos», ein Coiffeur oder eine Museumsberatung.

In das Lokal im Parterre des «bundeshauses» zog als Erstes ein Frauenkollektiv ein. Ohne Alkoholpatent und ohne Männer. Das funktionierte nicht wirklich und auch die nächsten zwei Betreiber hatten kein langfristiges Glück. Erst mit Sascha Welz begann 1995 die Erfolgsgeschichte des Parterre.

Die coolen Kids 1999 beim Chatten und Biertrinken im Parterre.

Die coolen Kids 1999 beim Chatten und Biertrinken im Parterre.

(Bild: Privatarchiv Sascha Welz)

Ein zweideutiger Tisch?

Der lange, massive Betontisch, der inmitten des Lokals steht und an welchem über 20 Leute Platz finden, gehört zum Parterre wie das Internet heute zum alltäglichen Leben.

Die Form des Tisches aber gibt oft Anlass für Spekulationen. In der Stadt wird sogar gemunkelt, da der Tisch aus Zeiten des Frauenkollektivs stamme, habe er die Form einer Vagina. Ein Gerücht, das Ueli Sidler ein Lachen entlockt. Da müsse er uns enttäuschen – so wild sei die Geschichte des Tisches nicht. Die Form ist einem Fisch nachempfunden, wurde vom Architekten Beat Mattich entworfen und im Rotzloch in Stansstad aus Beton gegossen.

Kultur und Gastronomie – one love

Das Parterre war und ist das Aushängeschild des Hauses und ein Treffpunkt für die Neustadt. Was das Lokal und seinen Geist dabei über die Jahre stark geprägt haben, waren Hunderte von Mitarbeitern, die Studenten und Kulturschaffenden, die hier nicht nur als Gäste einkehrten, sondern auch hinter dem Tresen gestanden haben.

«Andere nennen sich Kulturlokal und hängen sich die Bilder von Künstlern an die Wände, doch im Parterre waren all diese Künstler Stammgäste, viele haben gar hier gearbeitet», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter des Lokals. Auch zahlreiche Gastronomen der Stadt Luzern, die heute ihre eigenen Lokale führen, begannen ihre Gastro-Karriere im «bundeshaus». Rund 300 Mitarbeiter seien nur schon unter der letzten Betriebsleitung angestellt gewesen.

Und es scheint, als würde die Geschichte des Parterre noch eine Weile weitergehen. Anfang November 2017 wurde das Lokal mit einem Facelifting und neuer Leitung in das nächste Jahrtausend entlassen.

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