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Ihr Ziel: Ein Multikulti-Quartier ohne Ghetto-Charakter
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Nadine Häller (l.) und Petra Wobmann setzen sich für ihr Quartier ein. (Bild: wia)

Damit die Fluhmühle nicht verkümmert Ihr Ziel: Ein Multikulti-Quartier ohne Ghetto-Charakter

6 min Lesezeit 9 Kommentare 04.05.2020, 05:00 Uhr

Zwei Luzernerinnen machen Nägel mit Köpfen. Wollen nicht, dass das Fluhmühle-Quartier als «Ghetto» abgestempelt wird und engagieren sich deshalb, dass eine grössere Durchmischung stattfindet. Dies etwa, indem sie den Stadtrat heraus- und Eltern zum Tanz auffordern.

Bereits bei der Suche nach einem Ort, an dem das Interview zum Quartier Fluhmühle stattfinden soll, hapert es. «Bei uns im Quartier gibt es kein Café», beantwortet Nadine Häller die Frage der Journalistin. Zwar folgt darauf ein Zwinkersmiley, doch zeigt ein späterer Augenschein vor Ort: Sehr viel zu bieten hat das Luzerner Quartier tatsächlich nicht.

Wir treffen uns stattdessen vor dem Primarschulhaus. Dieses liegt ziemlich schattig in einer Talsenke, das Gebäude aus den – geschätzten – 70er-Jahren wirkt trist. Gerade an diesem regnerischen Tag. Einzig der Spielplatz, der sieht brandneu aus. Holzelemente, die mit Tauen verbunden sind und zum Klettern verleiten, zwei grosse künstliche Felsen, die von Kies umgeben sind.

Es ist kein Zufall, dass wir Nadine Häller und ihre Freundin Petra Wobmann hier treffen. «Bis letztes Jahr war der Spielplatz vor dem Schulhaus fast unbrauchbar, bestehend aus bunten Betonröhren und einem Gerüst, das kaum Suva-konform gewesen sein dürfte», sagt Häller.

Beim «Chindsgi»-Schnuppertag kennengelernt

Häller und Wobmann kennen sich, weil ihre Kinder hier zur Schule gehen. «Wir haben uns am Kindergartenschnuppertag kennengelernt», sagt Wobmann lachend. Als Schweizerinnen sind sie hier deutlich in der Minderheit. Das Quartier, das etwas eingequetscht ist zwischen Zimmeregg- und Gütschwald, zwischen der Stadt Luzern und Reussbühl, liegt nicht besonders attraktiv.

Nicht zuletzt deshalb sind die Mietpreise vergleichsweise tief, weshalb insbesondere Ausländer hierher kommen. Sind es im städtischen Durchschnitt etwa ein Viertel, so ist er in der Fluhmühle deutlich höher (zentralplus berichtete).

«Viele Schweizer Familien werden durch die hohe Ausländerquote abgeschreckt und ziehen eher in andere Quartiere.»

Petra Wobmann, Quartierbewohnerin

Im Prinzip sei das kein Problem, finden Häller und Wobmann. Die Schule setzt sich für die Integration ein, man komme miteinander aus. Dennoch finde zu wenig Durchmischung statt. So leben im Quartier zwar viele Nationen, häufig würden diese jedoch unter sich bleiben. «Die Schule macht einen super Job, trotzdem werden viele Schweizer Familien durch die hohe Ausländerquote abgeschreckt und ziehen eher in andere Quartiere.»

Als sie vor einigen Jahren hörten, dass andere städtische Quartiere gleich mehrere neue Spielplätze erhalten hätten, während sich in der Fluhmühle nichts regte, platzte ihnen der Kragen.

Unterschriftensammlung für einen Spielplatz

Die beiden Frauen begannen, Unterschriften bei den Eltern zu sammeln. Ende 2018 schrieben sie der Stadt Luzern einen Brief. Danach ging es eigentlich sehr schnell. «Vergangenen Herbst wurde der neue Spielplatz fertig», so Wobmann. «Die Pläne für einen neuen Spielplatz existierten seit Jahren. Nur wurden sie nie umgesetzt.»

Sie seien sich bewusst gewesen, dass die Stadt dringlichere Themen habe, als Kinderspielplätze zu bauen, so die beiden Fluhmühlerinnen. «Wir hoffen jedoch, dass mehr Schweizer Familien ins Quartier ziehen, wenn dieses schöner daherkommt», sagt Petra Wobmann.

«Letztlich ist ein Spielplatz ausserdem auch ein Ort, an dem sich die Kinder in ihrer Freizeit treffen können und wo die gewünschte Durchmischung entstehen kann», sagt Häller.

Beim Tanzen werden Sprachgrenzen überwunden

«Dass man im Quartier vermehrt aufeinander zugeht», ist eines der Hauptanliegen von Häller und Wobmann. Dafür engagiert sich Nadine Häller auch, indem sie einen Tanzkurs für Eltern auf die Beine gestellt hat.

«Ich wollte etwas machen für und mit Menschen im Quartier. Tanzen ist meine Leidenschaft und bietet sich super dafür an», sagt Häller, die nun seit einem Jahr einen Tanzkurs für Mütter anbietet.

«Gewisse Musliminnen nahmen erst beim Tanzkurs teil, nachdem sie erfahren hatten, dass man sich dabei nicht berühren muss.»

Nadine Häller

Auch wenn das nicht immer ganz unkompliziert sei, so Häller: «Es dauerte eine Weile, bis das Vertrauen aufgebaut war. Gewisse Musliminnen nahmen beispielsweise erst teil, nachdem sie erfahren hatten, dass nur Frauen dabei sein würden und dass man sich beim Tanzen nicht berühren muss.» Nun sind es ungefähr acht Mütter unterschiedlichster Länder, die wöchentlich zusammen tanzen.

«Beim Tanzen sind alle gleich. Es kommt nicht darauf an, ob man Deutsch kann oder nicht», sagt die Tanzlehrerin. Wobmann, die ebenfalls beim Kurs mitmacht, ergänzt: «Die Atmosphäre ist sehr gut. Ausserdem ist es schön, zu sehen, wie plötzlich Freundschaften zwischen Portugiesinnen und Pakistanerinnen entstehen.»

Das letzte Stück Grün soll verkleinert werden

Zu reden gab in der letzten Zeit der Fluhmühlepark. Die kleine Oase nahe der Haupt- und der Lindenstrasse ist beinahe der einzige Ort im Quartier, wo Kinder herumtoben können. Nun muss der bestehende Park jedoch für mehrere Jahre wegen anstehender Bauarbeiten weichen. Weil der Stadtrat auf Widerstand bei den Grundeigentümern stiess, soll der Ersatz für den Park nun deutlich kleiner werden als ursprünglich geplant. Das ärgert die beiden Frauen.

Wobmann, die sich auch aktiv gegen die Spange Nord einsetzte, sagt: «Zwar geht unser Kind nicht dorthin, um zu spielen, doch identifiziere ich mich mit diesem Quartier. Mich ärgert, dass der Park zugehen soll, ohne dass es eine gute Alternative gibt.»

«Wenn man nicht mal mehr den Park hat, wo gehen die Kinder dann hin?»

Petra Wobmann

Häller ergänzt: «Dort unten ist das Quartier sowieso schlimm. Wenn man nicht mal mehr den Park hat, wo gehen die Kinder dann hin?» Wobmann: «Genau. Man kann nicht jammern, dass die Kinder nur gamen und TV gucken, wenn es keine guten Plätze gibt, wo die Kinder spielen können.»

Trotzdem sind sich die beiden Frauen einig, dass die Stadt auch viel Gutes mache. Petra Wobmann sagt nachdenklich: «Der Spielplatz beim Schulhaus wurde letztlich sehr schnell umgesetzt. Doch warum müssen wir dermassen Lärm machen, damit etwas passiert?»

Sie führen einen Stellvertreterkampf

Viele Familien, gerade ausländische, würden sich nicht trauen, Forderungen zu stellen, so sind sich die beiden sicher. «Man will nicht auffallen. Vielleicht wissen einige auch nicht, dass man sich grundsätzlich wehren darf. Selbst wenn man nicht eingebürgert ist», sagt Häller.

Führen die beiden Schweizerinnen demnach einen Stellvertreterkampf für die gesamte Quartierbevölkerung? Sie denken nach. «Vielleicht. Wir stehen hin, doch beim Brief an die Stadt haben alle unterschrieben. Es geht uns irgendwie darum, dass unser Quartier eine Identität hat», sagt Petra Wobmann dazu.

«Ich wünsche mir, dass die Leute Sorge tragen zum Quartier.»

Petra Wobmann

Wie sähe denn ihr Quartier idealerweise aus? Was wünschen sie sich? «Ich wünsche mir mehr Plätze, wo Begegnungen möglich sind. Ein Ort, der zum Quartierkern wird. Ausserdem soll man stolz sein können, in der Fluhmühle zu leben», sagt Häller. Wobmann dazu: «Mich stört der ganze Abfall, der auf den Strassen herumliegt. Ich wünsche mir, dass die Leute Sorge tragen zum Quartier.» Sie überlegt und ergänzt dann: «Dieses Quartier darf multikulti sein, doch wäre es schön, wenn mehr Leute kämen, die Deutsch sprechen. Jetzt hat es fast ein wenig Ghetto-Charakter.»

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9 Kommentare
  1. Edith Meier, 29.06.2020, 22:39 Uhr

    Herr Bitterli, dann entschuldige ich mich für den Satz mit dem feinen Sessel. Man darf ja, egal aus welchem Sessel auch immer, schreiben.
    Die Sache ist ja die, dass man ständig Angst haben muss, sich der politischen Unkorrektheit schuldig zu machen. Man kann das überziehen und dann einen auf enfant terrible machen, doch diese Pose ist auch etwas vorbei. Wie auch immer.
    Obschon man (hier auch wieder: richtig wäre: mensch) doch einfach nur gegen Abfall auf der Strasse ist. Und mit den NachbarInnen reden können, kann je nach Nachbarin, eine feine Sache sein. Gerne auch auf tigrinya.

  2. Marco, 05.05.2020, 10:13 Uhr

    Mir gefällt das Quartier! Ghetto-Charakter finde ich übertrieben.

    Ja, es liegt immer wieder Abfall herum beim Kindergarten und die 30er Zone beim Schulhaus interessiert niemanden. Dafür jeden Monat einen 1000er weniger Miete und nicht Herr und Frau Büenzli als Nachbarn. Für mich stimmt das im Moment.

    Und hey andere Quartiere sind auch nicht perfekt. Am Montag könnte die Neustadtstrasse auch Güselsackallee heissen, Randständige im Tribschen und Bruchstrasse, Touristenüberschuss in der Altstadt, Überalterung im Schönbühl, Steinzeit Fussgängerübergänge beim Pilatusplatz…

  3. Andreas Peter, 04.05.2020, 15:39 Uhr

    Das „Ghetto“ dort ist die logische Konsequenz von zu viel Zuwanderung in zu kurzer Zeit, insbesondere von nicht direkt mit unserer Lebensart kompatiblen Leuten mit schlechter Bildung.
    Wenn weniger pro Jahr kommen, kann man diese Leute tatsächlich versuchen zu integrieren.
    So bildet sich halt ein Ghetto. Wen wundert das?
    Geliefert wie bestellt von unserer wohlmeinenden Linkspolitik.

  4. Astrid, 04.05.2020, 14:41 Uhr

    Ein wirklich vernachlässigtes (Infrastrukturdurchgangs-) Quartier, welches die Stadtentwicklung zugunsten des Bypasses schon lange aufgegeben hat. Eigentlich toll, das Engagement der Beiden, auch wenn manches zwischen den Zeilen diskutabel ist. Im Kern stimmt es, dass sich Quartiersanliegen mit einflussreichen Betroffenen leichter durchsetzen lassen. Ist ja kein Geheimnis.
    Umso mehr Unterstützung bräuchte das Quartier eigentlich von Ausserhalb.

  5. Grüsse vom Einhorn Schlachthaus, 04.05.2020, 13:00 Uhr

    Wie soll das konkret bewerkstelligt werden? Mit welchen Massnahmen? Dafür bräuchte es mittelfristig eine signifikante und nachhaltige Steigerung der Attraktivität aller Bereiche, die für die Wahl des Standortes irgendwie von Belang sind, sodass mittelständische Familien oder Einzelpersonen längerfristig angezogen und etabliert werden könnten. Die Fluhmühle ist seit Jahrzehnten eine eine Art sozialer Brennpunkt, das durchschnittliche Einkommen ist eines der tiefsten der Stadt, die Kaufkraft klein, die Wohnungsmieten tief, der Ausländeranteil korrelierend dazu exorbitant hoch. Mir scheint, als könne man diese Forderung als illusorisch zurückweisen. Selbst die Zugezogenen, deren Wohlstand sich verbessert, verlassen die Gegend so schnell als möglich. Persönlich sehe das Ziel viel eher darin, eine weitere Abwanderung von Einheimischen zu verhindern. Wie es eben gerade nicht funktioniert, zeigt ein erhellendes Referenz-Beispiel aus dem US-Bundesstaat Missouri, Siedlung sozialer Wohnungsbau Pruitt-Igoe aus den 60er Jahren -mal dort die Voraussetzungen studieren! Kommt jetzt noch die Zubringer-Spange, kann man das Quartier zudem auch noch städtebaulich definitv abschreiben.

  6. Hugo Ball, 04.05.2020, 11:31 Uhr

    Die welche politisch am allermeisten für die Ideologie hinter Multikulti verantwortlich zeichnen, wohnen am allerwenigsten in Quartieren wie diesem, sondern in sozioökonomisch äusserst privilegierten Gegenden! Die eigenen Kinder dürfen dort natürlich mit Mutersprachlern zu Schule. Aber man ist ja politisch weltoffen und progressiv und wählt daher entsprechend. Multikulti-Quartier ohne Ghetto-Charakter wirkt für mich persönlich eh wie die Quadratur des Kreises. Der ehemalige Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, stellt gar nüchtern fest, dass man in vielen Neuköllner Stadtteilen gar nicht mehr von Multikulti sprechen kann. Aus Multikulti wurde Monokulti – der Anteil der autochthonen Deutschen liegt bei unter 10%.

  7. Peter Bitterli, 04.05.2020, 07:34 Uhr

    „Multikulti“ ist die Maske der Resignation vor der fremden Kultur.“ (Norbert Bolz)
    Und woran erkennt man „multikulti“?
    Wobmann dazu: «Mich stört der ganze Abfall, der auf den Strassen herumliegt.»
    Sie überlegt und ergänzt dann: «Dieses Quartier darf multikulti sein, doch wäre es schön, wenn mehr Leute kämen, die Deutsch sprechen. Jetzt hat es fast ein wenig Ghetto-Charakter.
    Man lasse sich diese Sätze auf der Zunge zergehen. Man schmecke den Untertönen und Assoziationen bei der Wortwahl nach. Man lausche der Logik in der Abfolge der Sätze und Satzglieder. Es ist alles gesagt.

    1. Edith Meier, 07.05.2020, 22:23 Uhr

      Frau Wobmann hätte gerne NachbarInnen die auch deutsch sprechen und weniger Abfall auf der Strasse. Was ist daran komisch? Wer hätte das nicht gerne?
      Zwischen den Zeilen unterstellen Sie Frau Wobmann irgendwiewas – aus einem netten Sessel der in einem netten (ruhigen) Quartier steht.

    2. Peter Bitterli, 11.05.2020, 15:56 Uhr

      Verstehe jetzt nicht, was Sie ausdrücken möchten, Frau Meier. Ich bin ja ganz bei Ihnen. Ich fürchte, Sie sind Unterstellungen aufgesessen. Kritisiert wird die verschwurbelte Sprache, die man heutzutage brauchen muss, um eindeutige Sachverhalte auszusprechen. Also die Perversionen der Politkorrektheit. Das war von mir vielleicht etwas kompliziert formuliert.

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