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«Ich würde gerne mal richtig unter die Gürtellinie gehen»
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Endlich Freiheit: Nach 13 Jahren auf Tour ist es Zeit für eine Pause. Der Zuger Komiker Jonny Fischer (links) und Manu Burkard widmen sich anderen Projekten. (Bild: Rene Tanner)

Jonny Fischer von «Divertimento» «Ich würde gerne mal richtig unter die Gürtellinie gehen»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 28.02.2015, 10:30 Uhr

Scheinwerfer aus, Kostüme in die Waschmaschine, ausspannen. Das erfolgreichste Komikerduo der Schweiz macht Schluss. Zumindest für eine Weile. Der Zuger Komiker Jonny Fischer hat eine ganze Reihe von Plänen, mit was er sich beschäftigen will, jetzt wo «Divertimento» auf Eis gelegt ist. Derbe Witze reissen zum Beispiel. Oder a capella singen.

Der Boden in Jonny Fischers Wohnung liegt hoch über der Zuger Innenstadt, der See strahlt Gelassenheit ins Zimmer. Die hat der Mann momentan tonnenweise: Nach dreizehn Jahren auf Tour ist jetzt die erste Pause angesagt. Der Zuger ist Teil des erfolgreichsten Schweizer Komikerduos aller Zeiten: Das Cabaret «Divertimento» räumte alle Preise ab, die es gibt. Wenn das Duo ein kurzes Video auf Facebook stellt, dann schauen das 800’000 Menschen.

Und dann dieser Abschluss: Fischer zückt sein Telefon und sagt, das muss ich dir schnell zeigen. Ein Foto aus dem Hallenstadion, jeder Platz besetzt, alle warten auf Divertimento. Das Foto hat sein Partner ihm geschickt, dieses «verdammte Foto, und ich sitze in der Garderobe und sterbe vor Nervosität». Es ist das Ende eines langen Weges. «Das ist einfach unglaublich», sagt Fischer. «Dass wir nach drei Jahren mit demselben Programm das Hallenstadion zweimal füllen konnten. Ich sage es gerne, auch wenn es Blöfferei ist, das ist wirklich unglaublich.»

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Midlife Crisis, zehn Jahre zu früh

Und jetzt das: Divertimento macht Schluss. Zumindest für ein Jahr. Kein einziger Gig mehr – das erste Mal seit dreizehn Jahren. Die Kostüme der Show drehen gerade in Fischers Waschmaschine ihre letzten Runden und er sagt: «Unser Team war schon wehmütig, dass es fertig ist. Aber wenn du mich jetzt fragst, dann sage ich dir: Ich bin gottenfroh. Wehmut habe ich keine. Und ich hoffe sie kommt auch nicht noch allzu stark.»

«Ich stelle mir das phantastisch vor. Da sind andere, die das alles auf die Beine stellen müssen, und ich kann einfach nur mitmachen.»

Jonny Fischer, Divertimento

Fischer sieht nach Ferien aus. Was macht man nach dreizehn Jahren, wenn endlich mal Pause ist? «Naja, eigentlich kommt unsere Midlife-Crisis zehn Jahre zu früh», sagt er und lacht. Er ist 35 Jahre alt, und hat jetzt erst mal nichts zu tun. «Ins Loch bin ich aber noch nicht geflogen», sagt er. «Dafür liegen die beiden Gigs im Hallenstadion noch zu nahe.»

Die Vorbereitungen dafür waren noch anstrengender als sonst, 250 Leute waren an der Show beteiligt, sechs Wochen lang wurde für diese beiden Auftritte gearbeitet, parallel liefen die Zusatz-Shows. «Normalerweise sammeln wir während einer Tour die Ideen fürs nächste Programm. Aber für die Shows im Hallenstadion haben wir fast alle diese Ideen verbraucht. Wir sind ausgepowert.»

Neuer Job: Tixi-Taxi

Zeit für was anderes. Und dafür hat Fischer offenbar doch einige Ideen aufgespart: «Ich habe mich für Sprachkurse angemeldet, Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch.» Alles zusammen? «Alles zusammen.» Und sich einen Job gesucht: «Beim Tixi-Taxi. Das ist gut, etwas zu tun zu haben.» Ob er da nicht die ganze Zeit erkannt wird? «Das ist eine Altersgruppe von Leuten, die uns nicht so kennt. Und auch wenn, eins zu eins ist es immer relativ schnell so, dass man entspannt miteinander schwatzt.»

Und natürlich geht es auch auf die Bühne im Sabbatical: «Einfach nicht zu zweit. Wir machen beide bei anderen Sachen mit, das ist aber alles noch nicht so spruchreif.» Fischer macht bei den Screaming Potatoes mit, und vielleicht in einem Musical. «Ich stelle mir das phantastisch vor. Da sind andere, die das alles auf die Beine stellen müssen, und ich kann einfach mitmachen.» Fischer hat im Sommer eine A-capella-Band gegründet, keine Schnippen-und-Mr. Sandmann-Band, anspruchsvolle Literatur. «Die Sachen, die ich musikalisch richtig gut finde», sagt Fischer, «auch wenn das dann vielleicht niemand hören will».

«Und dann, pamm, voll draufhauen»

Das ist die Erleichterung. Mal nicht das tun, was funktioniert. «Ich sehe, was die Leute wollen, und ich gebe es ihnen. Das ist mein Job. Viele denken dann, wir finden es selber gar nicht so lustig. Das stimmt überhaupt nicht. Wir finden alles lustig, was wir machen. Aber da gäbe es auch noch viel mehr Sachen, die haben keinen Platz bei Divertimento.» Und zwar weil sie entweder zu derb oder zu fein sind.

«Ich bin auch ein Stammtischmensch, voll draufhauen, das liegt mir.»

Jonny Fischer

«Ich würde manchmal gerne so richtig unter die Gürtellinie gehen, Witze machen, die sich um Randgruppen handeln, oder die sonst unangebracht sind. Das würde ich wirklich gerne mal machen.» Sagt er und hat dabei leuchtende Augen. «Und gleichzeitig liebe ich feine Wortspiele. Ich habe bei der letzten Show etwas eingebaut, ein so schönes kleines Ding. So schön. Und dann war es totenstill im Saal. Manu hat nach der Show gesagt: Jonny, das funktioniert nicht. Verdammt.» Er lacht.

Und dann kommen die Online-Kommentare, zehntausende. «Und es gibt immer hundert, die finden uns nicht gut. Die schreiben dann: Schenkelklopfer. Und ich sage: Ja das stimmt. Das ist auch ein Teil von mir», sagt er und wird lauter, «und ich bin auch ein Stammtischmensch, voll draufhauen, das liegt mir. Aber es wäre schön, auch mal etwas fein herbeizuführen», sagt er und macht eine elegante Handbewegung, «und dann erst, pamm, voll draufzuhauen.»

Können Komiker erwachsen werden?

Wie ist das, so auf der Spitze aufzuhören? Ist das nicht gefährlich? «Naja, dass man den Zeitgeist so trifft, wie wir das gemacht haben, das ist Glückssache», sagt Fischer, «und das hält auch nicht zehn Jahre lang an. Was wir wirklich gut können», sagt er, «ist nicht das Handwerk. Da gibt es andere, die können das viel besser. Was unser Ding ist, und ich glaube, da sind wir wirklich speziell, das ist unsere Spielfreude. Die ist frappant: Auch zum 280sten Mal freue ich mich, das Programm zu spielen.»

Aber die Freude war gefährdet: «Wir haben gemerkt, dass sie langsam verschwindet. Und deshalb ist es jetzt Zeit, eine Pause einzulegen. Wenn wir jetzt nicht aufgehört hätten, dann wäre die nächste Tour ganz bestimmt die letzte gewesen.» Auch so ist nicht klar, wie lange es Divertimento noch geben wird. Oder wohin sich das Duo entwickelt. «Unsere Themen sind erwachsener geworden, und es ist noch offen, wie unser Publikum darauf reagiert. Wir haben es mit ein paar Testnummern im letzten Programm ausprobiert, und es klappt, aber nicht so breit.» Das Publikum werde wohl unweigerlich kleiner werden. «Das wird auf jeden Fall passieren», sagt Fischer, «die Frage ist aber, ob wir als Duo auch erwachsenere Komik machen können.»

Plan B

Und wenn nicht? «Wenn du mich hier und heute fragst: Dann kaufe ich ein Haus im Tessin und einen Rebberg, und biete da Time-Outs für Jugendliche an», sagt Fischer ohne Zögern. Der Plan steht schon länger. «Ich habe auch schon beim Kanton angefragt, wie so etwas machbar wäre. Zuger Schulen machen solche Time-Outs, aber da müssen die Jugendlichen einfach zuhause rumhocken. Das ist doch Blödsinn.»

Warum er sich mit schwierigen Jugendlichen abgeben will? «Ich habe ein Talent, die Fähigkeiten in den Menschen zu sehen. Was sie wirklich gut können. Das spüren die, und das tut ihnen gut. Und ich habe viel Geduld.» In seiner Vor-Komiker-Zeit als Lehrer habe eine Klasse mal über Mittag im Schulzimmer ein Feuer angezündet und Würste gebraten. «Ich habe da natürlich streng reagiert. Aber kann sogar sowas auch verstehen. Schlussendlich haben sie das einfach gemacht, weil das Essen in der Mensa so mies war.»

 

Divertimento in Taubenform. «Schenkelklopfer», schreiben einige negative Kommentatoren. «Stimmt», sagt Jonny Fischer. «Das ist auch ein Teil von mir.»

Divertimento in Taubenform. «Schenkelklopfer», schreiben einige negative Kommentatoren. «Stimmt», sagt Jonny Fischer. «Das ist auch ein Teil von mir.»

(Bild: [f]rene tanner)

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1 Kommentare
  1. Daniel Wehner, 28.02.2015, 12:55 Uhr

    Was ist daran lustig, sich über randgruppen lustig zu machen? Humor auf kosten derjenigen, die sich nicht wehren, ist billig. Witze über die mächtigen gefallen mir persönlich besser

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