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«Ich wollte niemanden verletzen»
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Pius Blättler war römisch-katholischer Pfarrer – bis er sich verliebte und eine Familie gründete. (Bild: azi)

Was macht eigentlich … Pius Blättler? «Ich wollte niemanden verletzen»

5 min Lesezeit 10.11.2015, 14:39 Uhr

Pius Blättler war Pfarrer – heute ist er Ehemann und Vater und wohnt mit seiner Familie in Luzern. Nach dem Skandal vor vier Jahren ist es ruhig um den 47-Jährigen geworden. Dennoch ist in der Zwischenzeit viel passiert – auch hofft er noch immer auf eine Rückkehr in den Dienst der Kirche.

Mit einem strahlenden Lächeln empfängt uns Pius Blättler in Luzern. Ob wir etwas trinken wollen, fragt er zuvorkommend. «Es geht mir gut», sagt der 47-Jährige. Er habe seinen Weg gefunden und sei glücklich – als Ehemann und Vater. Doch das war nicht immer so.

«Dass in den Medien erzählt wurde, ich hätte über Jahre ein Doppelleben geführt, hatte mich sehr gekränkt», sagt Pius Blättler, vier Jahre nachdem er von der katholischen Kirche von seinem Amt als Pfarrer in Affoltern am Albis ZH suspendiert wurde, wo er bis dahin als Pfarrer tätig war. Ein Doppelleben habe er nie gehabt, «man hat einfach den Skandal gesucht», meint der Hergiswiler, der mittlerweile in der Stadt Luzern lebt. Es sei ein innerer Kampf gewesen, den er mit sich auszutragen hatte, um schliesslich die wohl härteste Entscheidung seines Lebens zu treffen.

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«Ich konnte es nicht länger verheimlichen.»
Pius Blättler 

Eine Entscheidung, für die er viel riskierte: den Bruch seines Gelübdes, einen Skandal, seinen Job. «Ich habe mehr als nur meine Stelle verloren», sagt Blättler. «Es war meine Identität, schliesslich hatte ich mein Leben der Kirche verschrieben.» Doch den Konsequenzen sei er sich von Anfang an bewusst gewesen. «Ich wollte niemanden verletzen», meint er, «aber ich konnte es auch nicht mehr länger verheimlichen.»

Enttäuscht von Bischof Huonder

Und so bekannte sich Pius Blättler 2011 öffentlich dazu, dass er eine Beziehung zu einer gleichaltrigen Frau führte – und daraus ein Kind entstanden ist, das zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre alt war – und er bisher geheim gehalten hatte. Kurz darauf feierte er seinen Abschiedsgottesdienst. Vorangegangen war das Demissionsschreiben an Bischof Vitus Huonder, denn sein Amt konnte er fortan nicht mehr ausüben, so will es das Kirchenrecht.

«Ich hege deshalb auch keinen Groll auf die Kirche», so Blättler. Und doch sei er enttäuscht, dass Huonder nicht das Gespräch mit ihm gesucht hatte. Obwohl auch das nichts an seiner Situation hätte ändern können.

«Statt in einer Sackgasse zu verenden, ist es besser, einen anderen Weg zu gehen.»

Aufs Vaterglück folgte die Hochzeit

Mittlerweile ist sein Sohn sieben Jahre alt. Und mit der Mutter seines Kindes, einer Kinderärztin aus Armenien, die er Ende vor 15 Jahren hinter Klostermauern in Steinhausen ZG kennen und lieben lernte, ist er seit zwei Jahren verheiratet. Sein Umfeld hat sich an die neue Situation gewöhnt, auch seine Eltern hätten es akzeptiert, obwohl es insbesondere für seine Mutter eine grosse Enttäuschung gewesen sei. «Ich komme aus einer alteingesessenen Hergiswiler Bauernfamilie», erzählt Blättler, der 1968 als zweitjüngstes von sieben Kindern geboren wurde.

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und nach Gott hat Pius Blättler einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen – und sein Leben der Kirche verschrieben. Einen Weg, von welchem er eigentlich nicht abkommen wollte. Aber: «Ich bereue nichts», sagt er. «Man entwickelt sich und macht seine Erfahrungen. Und statt in einer Sackgasse zu verenden, ist es besser, einen anderen Weg zu gehen.»

«Mittelalterliche Sexualmoral ist reformbedürftig.»

Dennoch ist vieles gleich geblieben: «Ich bin noch immer ein sehr gläubiger Mensch, der Kirche habe ich nie den Rücken zugewandt, obwohl ich viele Gründe gehabt hätte», sagt der 47-Jährige. Die Institution der Kirche sei zwar reformbedürftig und müsse ihre mittelalterliche Sexualmoral wie auch den Umgang mit Homosexuellen und Geschiedenen überdenken, doch sie sei auf gutem Wege dazu, auch wenn es nur sehr langsam vorwärtsgehe, meint er. Gerade mit Papst Franziskus gewinne die Kirche allmählich ihre Glaubwürdigkeit zurück.

«Ich habe den Katholizismus quasi mit der Muttermilch aufgesogen.»

Er habe nicht zur reformierten Kirche konvertieren wollen, um so das Amt des Pfarrers weiterhin ausüben zu können, «obwohl es da theologisch keine Bedenken gegeben hätte», wie er meint. Doch die emotionalen Hindernisse seien zu gross gewesen. «Ich habe den Katholizismus quasi mit der Muttermilch aufgesogen», lacht Blättler. «Er ist noch immer ein Teil meiner Identität, das kann man nicht einfach auswechseln wie ein Hemd.»

Allrounder im Namen Gottes

Deshalb sei er auch sehr dankbar, dass er von der Kirchgemeinde in Buochs NW eine Teilzeitanstellung erhalten habe. Er gibt Religionsunterricht, übernimmt seelsorgerische Tätigkeiten und begleitet Firmanden. Um sich als freischaffender Theologe über Wasser halten zu können, übernimmt er auch regelmässig Pikettdienst als Bestatter. «Das sind alles Aufgaben, die ich mit grosser Hingabe erfülle», so Blättler.

Im April des kommenden Jahres bietet er auch erstmals eine geführte Reise nach Armenien an. «Das älteste christliche Land der Welt hat viel zu bieten, historisch wie auch theologisch», so Blättler, der sich aufgrund seiner persönlichen Beziehung zum Land ein gutes Netzwerk vor Ort aufbauen konnte. «Zehn Plätze sind bereits gebucht», freut er sich. Maximal 20 Personen gross soll die Reisegruppe werden.

Hoffnung auf Felix Gmür

Als freischaffender Theologe begleitet Blättler unter anderem Hochzeitspaare, Sterbende und Trauernde. Er gestaltet persönliche Abdankungen und Beisetzungen, führt Kindersegnungen und spielt dabei auf Wunsch auch mit seinem Sopran-Saxophon. Er leitet Riten, die ihm bestens bekannt sind, er jetzt aber nicht mehr für die Kirche, «sondern nur noch im Namen Gottes» ausüben darf.

Er sehe seine Tätigkeit nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Kirche. «Es gibt viele Menschen, die wohl gläubig sind, aber mit der Kirche als Institution nichts anzufangen wissen», erklärt er.

Er hingegen wüsste sehr viel mit der Institution Kirche anzufangen, lacht er. «Mein grösster Wunsch wäre es, in Luzern als Pastoralassistent tätig zu sein.» Doch das blieb bisher unerfüllt. «Bischof Felix Gmür hätte es in der Hand», so Blättler. «Und ich setze grosse Hoffnungen in ihn.»

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