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«Ich will Schachgrossmeister werden»
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Fabian Bänziger gilt als grosses Schachtalent – trotzdem wagten wir es, gegen ihn anzutreten. (Bild: les)

Auf eine Partie mit Luzerns grösstem Schachtalent «Ich will Schachgrossmeister werden»

6 min Lesezeit 05.12.2016, 17:02 Uhr

Der 14-jährige Fabian Bänziger ist die Schweizer Nummer 1 und die weltweite Nummer 26 seiner Alterskategorie im Schach. Falls möglich, möchte er später sein Geld mit Bauern und Springern verdienen. Bei einer Partie Schach gegen zentralplus musste er sich allerdings erst aus einer kniffligen Situation befreien.

Ich treffe den 14-jährigen Fabian Bänziger zu einer Partie Schach. Er ist U-16-Schweizermeister und damit der bester Schachspieler seiner Altersklasse. Der in Pfäffikon SZ wohnhafte Sportler spielt aktiv im Schachklub Luzern und wird für seine Leistungen nun von der Stadt Luzern geehrt (siehe Box).

Bevor unser Kampf zwischen Bauern, Springern und Türmen beginnt, wollen wir von Bänziger wissen, wie er denn zum Schach gekommen sei. In seinen Antworten wirkt der 14-Jährige reif und beginnt locker zu erzählen: «Damals als Kind habe ich im Sommer beim Ferienpass mitgemacht.» Und weil es ihm im Schachkurs so gut gefallen habe, besuchte er im Jahr darauf denselben gleich nochmals. «Brettspiele faszinierten mich schon immer.»

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Trainiert wird via Skype

Heute besucht Bänziger als Sporttalent die normale Sekundarschule. «Der Unterricht ist völlig normal, aber wir sind zwei Schüler in der Klasse, die für Trainings oder Sporteinsätze dispensiert sind», hält er fest. In dieser Zeit sei Training angesagt. «Ich habe zwei Schach-Coaches, mit denen ich drei Sessions pro Woche trainiere.» Weil der eine aus Ungarn komme, laufe das Training via Skype ab, erzählt er in einer Selbstverständlichkeit. «Und dann investiere ich auch sehr viel meiner Freizeit.»

Wir beginnen mit der Partie. Mir ist völlig klar, dass ich wohl kaum Chancen haben werde. Ich will einfach nicht ins offene Messer laufen. Nach fünf Zügen frage ich nach, wie ich mich schlage. «Ganz ok», kommentiert der «Profi» trocken. Meine Eröffnung trage einen Namen, erklärt er mir, das Fremdwort konnte ich mir allerdings nicht merken. Diese Zugfolge war auch mehr Zufall als pure Absicht. Er beschäftige sich sehr viel mit Taktik, erzählt Bänziger. «Ich lese viel in Büchern oder im Internet und lerne so, wie man in verschiedenen Spielsituationen reagieren muss.»

Bisher hat Fabian Bänziger mit den schwarzen Figuren meine Verteidigung noch nicht geknackt.

Bisher hat Fabian Bänziger mit den schwarzen Figuren meine Verteidigung noch nicht geknackt.

(Bild: les)

Ist Schach überhaupt ein Sport?

Eine Frage muss ich loswerden. Und dass die Antwort bloss ein müdes Lächeln sein würde, habe ich mir bereits im Vorfeld gedacht. Dennoch: Ist Schach überhaupt ein Sport? «Klar», antwortet Bänziger. Und in seiner Antwort rechtfertigt er sich nicht, sondern begründet ganz ruhig. «Nur weil es keine Muskelkraft braucht, heisst es ja nicht, dass wir keine Höchstleistungen erbringen.» Eine Studie habe sogar herausgefunden, dass im Schach ähnlich viele Kalorien wie im Fussball verbraucht würden. Es seien einfach andere Qualitäten gefragt. «Es geht um Ausdauer und Konzentration.» Und wie bei jeder Sportart genüge Talent nicht, sondern es brauche Fleiss und Ehrgeiz.

«Das Wichtigste ist, dass Fabian Freude am Schach hat.»

Marcel Bänziger, Vater von Schachtalent Fabian

Mittlerweile haben wir 20 Züge gespielt. Bänziger hat auf Nachfrage nochmals kurz die ganze Partie in seinem Kopf ablaufen lassen. Ich schlage mich – ohne Bluff – gut. Ich habe zwei Bauern mehr auf dem Feld und sehe keine unmittelbaren Gefahren auf meinen König zukommen. Etwas nervös macht mich die Gelassenheit meines Gegenübers. Doch der finale Zug, der mich arg in Bedrängnis bringen würde, kommt nicht – noch nicht. Im Gegenteil, für mich eröffnet sich eine Matt-Chance. Zu offensichtlich, logisch, wenn sogar ich es gemerkt habe. Doch nun scheint der Zeitpunkt für Bänziger gekommen, in die Offensive zu gehen.

An der U-16-Schweizermeisterschaften holte Bänziger den ersten Platz.

An der U-16-Schweizermeisterschaften holte Bänziger den ersten Platz.

Profikarriere könnte ein Thema werden

Inzwischen hat sich auch sein Vater Marcel Bänziger zu uns an den Tisch gesetzt. Er betreut seinen Sohn bei der Ausübung seines Hobbys, fährt oft zu Trainings und Wettkämpfen und steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Fabian Bänziger absolviert das neunte Schuljahr. Ich will wissen, was danach kommt. Setzt er auf die Karte Schach? Ja, könnte er eines Tages sogar davon leben?

Sowohl Vater als auch Sohn geben keine konkrete Antwort. «Ich könnte mir schon vorstellen, nach Schulabschluss ein Jahr voll auf Schach zu setzen und zu schauen, wie weit ich es schaffe», sagt Fabian Bänziger. «Die besten 100 der Welt können vom Schach leben», ergänzt Vater Marcel. Forcieren will er die Sache allerdings nicht: «Das Wichtigste ist, dass Fabian Freude am Schach hat.»

Allein schon die Tatsache, dass Planspiele über eine «Profikarriere» existieren, verdeutlicht allerdings das enorme Talent des Fabian Bänziger. Er ist ein sogenannter Fide-Meister (FM). Diesen erreicht man ab einer Elo-Zahl von 2300 Punkten. Diese Zahl stuft die Stärke eines Schachspielers ein. Mit 2343 Punkten ist Bänziger derzeit die Nummer 5668 der Welt und die Nummer 46 der Schweiz – bei den Erwachsenen.

Im U-14-Ranking ist Bänziger die Schweizer Nummer 1, europaweit die 15 und weltweit die 26. Der nächste Schritt wäre nun der IM-Titel (Internationaler Meister). Dazu muss Bänziger seine Elo-Zahl auf 2400 steigern und zudem drei grosse Turniere gegen Schachmeister aus verschiedenen Ländern spielen. Steigert er seine Qualitäten weiter, würde auf höchster Stufe der Grossmeistertitel warten.

So sieht der Weg zum Schach-Grossmeister aus.

So sieht der Weg zum Schachgrossmeister aus.

Der entscheidende Fehler

«Der Grossmeister-Titel ist mein Ziel», sagt Bänziger. Und seinem Vater spürt man an, wie viel ihm das bedeuten würde: «Es wäre der verdiente Lohn für die x Stunden Training.» Dieser Titel würde natürlich auch die Türe zur Profikarriere öffnen. «Im Schach läuft vieles über Einladungsturniere. Und je besser man ist, umso grösser stehen die Chancen, eingeladen zu werden.» In diesem Jahr durfte Bänziger an einem solchen Turnier in Hamburg teilnehmen.

«Man versetzt sich beim Zuschauen in die Köpfe dieser Spieler und überlegt, was man an ihrer Stelle tun würde.»

Fabian Bänziger

Da macht es mich etwas stolz, dass unsere Schachpartie noch immer am Laufen ist. Die Oberhand habe ich zwar mittlerweile verloren, dennoch halte ich mit. Bis zu diesem einen verhängnisvollen Zug mit einem Läufer. Fabian Bänziger schaut mich an, ich schaue aufs Brett und dann wissen beide: Das war’s wohl. Mein Läufer wird geschlagen. Und mit dem Verlust dieser Figur bin ich ständig unter Druck. Schon bald bin ich ein erstes Mal «schach» gestellt, verliere später noch einen Turm und sehe mein Ende kommen.

Eine Frage ist noch offen. Während der letzten beiden Wochen lief die Schachweltmeisterschaft. Der Norweger Magnus Carlsen und der Russe Sergei Karjakin duellierten sich in New York. Die Randsportart geriet für kurze Zeit ins Rampenlicht. «Auch wenn die Parteien jeweils spätabends waren, habe ich sie natürlich verfolgt», erzählt Bänziger. «Man versetzt sich beim Zuschauen in die Köpfe dieser Spieler und überlegt, was man an ihrer Stelle tun würde.» Favoriten hatte Bänziger übrigens keinen. «Ehrlich gesagt bin ich Fan des indischen Spielers Anand Viswanathan», sagt er.

Mittlerweile bin ich übrigens «schachmatt». Bänziger gratuliert mir fair zu meiner Leistung. Es ist ihm zu wünschen, dass er mal an einem WM-Final vor Tausenden Zuschauern seinem Gegenüber ebenso die Hand reichen kann.

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