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«Ich will nicht nur über meine Waschmaschine singen»
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Nick Furrer weiss noch nicht, wo die Reise hingeht – aber Veränderungen wird's geben. (Bild: zvg)

«Haubi Songs»: Musik nach dem Wegwerfprinzip «Ich will nicht nur über meine Waschmaschine singen»

8 min Lesezeit 13.04.2017, 17:30 Uhr

Als es mit der gefeierten Luzerner Band Alvin Zealot zu Ende ging, suchte Bassist Nick Furrer etwas Neues. «Haubi Songs» war seine persönliche Gegenreaktion: minimalistische, skizzenhafte Mundartsongs. Nun tauft er bereits das zweite Album. Im Interview prophezeit er eine weitere radikale Wendung.

«Haubi Songs» ist Nick Furrer, benannt nach dem 2008er-Album von Züri West. «Haubi Songs» ist ironisches Understatement, ist urbane Melancholie und der Mut zum Unfertigen. Seine skizzenhaften Songs fangen das unstete Lebensgefühl eines jungen Zweiflers zwischen Luzerner Kleinstadt und den Herausforderungen der Generation Easyjet ein. Über Elektrobeats und Basslinien spricht Furrer seine Mundart-Texte, von Singen kann nicht die Rede sein.

Man lernte Nick Furrer einst als Bassisten der Luzerner Hoffnungsträger Alvin Zealot kennen. Inzwischen ist die Band nicht mehr aktiv, auch wenn sie sich nie offiziell aufgelöst hat (Fans hoffen immer noch auf ein Comeback).

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Nick Furrer schliesst im Sommer am Schlagzeug die Jazzschule ab und mit Yser hat er eine vielversprechende neue Band am Start. Doch jetzt tauft er am Karfreitag sein zweites «Haubi Songs»-Album «Ergendwie Zäme».

zentralplus: Was gefällt Ihnen daran, halbe Sachen zu machen?

Nick Furrer: Ich hatte damit angefangen, weil ich eine Freiheit suchte, einen Space für meinen Output. Ich hatte Ideen, die bei Alvin Zealot nicht hingehörten. Wir hatten in der Band hohe Ansprüche an uns und bewerteten unsere Songs immer sehr kritisch. «Haubi Songs» war dann meine persönliche Gegenreaktion darauf. Ich wollte das volle Gegenteil ausprobieren und hatte nicht den Anspruch, einen Song «fertig» zu nennen.

zentralplus: Was stört Sie denn daran, etwas fertig zu machen?

Furrer: Ich wollte die Freshness, die ich beim Schreiben empfinde, direkt an die Leute bringen. Das ist der Ursprungsgedanke. Interessanterweise wird es immer schwieriger, das beizubehalten. Je länger ich das mache, desto mehr kriege ich eine Vorstellung davon und entwickle eine Erwartungshaltung. Am Anfang schrieb ich die Texte nicht mal auf. Ich hatte Loops, ein paar Zeilen und habe drauflosgeredet.

zentralplus: Ist das jetzt mit dem zweiten Album anders?

Furrer: Mittlerweile schreibe ich die Texte auf, es wurde mir wichtiger, dass mir die Texte gefallen. Auch die musikalische Qualität wird wichtiger. Es war lustig mit den trashigen Loops – doch künftig ist alles möglich.

Er ist «Haubi Songs»: Bassist und Schlagzeuger Nick Furrer.

Er ist «Haubi Songs»: Bassist und Schlagzeuger Nick Furrer.

(Bild: zvg)

zentralplus: Aber das Grundgefühl ist geblieben: das Unfertige, Skizzenhafte und Reduzierte?

Furrer: Ja, der Workflow ist der gleiche. Ich mache irgendeinen Loop, schreibe Texte und probiere dann aus, was zusammen passt. Wenn in den ersten zwei Anläufen nichts passt, dann lösche ich denn Loop wieder und fange von vorne an. Dieses Wegwerfprinzip gefällt mir. Es soll immer etwas Momentbezogenes haben.

«Haubi Songs» und Yser

Nick Furrer alias «Haubi Songs» hat sein zweites Album «Ergendwie Zäme» (Red Brick Chapel) Ende März veröffentlicht. Nun steht seine Plattentaufe an: Karfreitag, 14. April, 21 Uhr, Neubad Luzern. Sein erstes Album «Orange» erschient 2015.

Auch von seiner Band Yser gibt’s News: Dort spielt Nick Furrer Schlagzeug, an der Gitarre ist Jeremy Sigrist, ebenfalls ein Ex-Alvin-Zealot. Yser ist als Folge der Alvin-Krisenzeit entstanden. Nächstens erscheint die erste EP und im Mai ist die Band vier Tage als Residenz-Band im Südpol zu Gast und spielt anschliessend ein Konzert: Donnerstag, 11. Mai, 21 Uhr, Südpol Club.

Daneben spielt Nick Furrer bei der Zürcher Band Josh und ab und zu in der Band des Senkrechtstarters Faber.

zentralplus: Sie hätten nach dem Debüt sagen können: «Haubi Songs» ist aus den Kinderschuhen raus. Es ist jetzt fertiger und ich versuch’s mit Band.

Furrer: Es ist schon etwas fertiger geworden. Auf der neuen CD habe ich mich weniger auf die Loop-Station bezogen als auf der ersten. Ich habe mehr eingespielt und habe songdienlicher gedacht. Live wird mir das zum Verhängnis, weil ich zu wenige Hände und Füsse habe, um das alles alleine zu spielen. Das neue Set-up ist ein völliger «Grätli-Porno» (lacht). Jetzt gerade habe ich mega Lust, mehr Schlagzeug zu spielen. Es könnte sein, dass es zukünftig diese Richtung geht.

zentralplus: Aber «Haubi Songs» bleiben Sie alleine?

Furrer: Ich bin haarscharf an einem Duo vorbeigeschrammt. Ich habe mir von Anfang gesagt, dass es nicht ewig ein Soloprogramm bleiben muss. Letztlich ist es vor allem aus Zeitgründen nicht zum Duo gekommen, ich bin wegen des Studiums schlicht nicht dazu gekommen. Ich weiss, wie ich alleine funktioniere, aber ich schliesse für die Zukunft nichts aus. «Haubi Songs» kann irgendwann auch eine Popband sein.

zentralplus: «S Läbe fühlt sich scheisse guet a», singen Sie im Opener «12:30». Was fühlt sich jetzt gerade gut an?

Furrer: Es kann bei mir schnell umschlagen: Ich kann mit Lebensfreude aufwachen, doch es braucht nicht viel, und alles sieht nicht mehr so rosig aus. Es steckt ja beides in diesem Satz. Nun, was fühlt sich «scheisse guet» an? Tage etwa, an denen ich Zeit habe, Musik zu machen. Gleichzeitig sind es aber Stresstage und die Chance ist gross, dass ich frustriert wieder aus dem Proberaum komme. Weil vieles auf der Strecke bleibt, das auch wichtig wäre.

zentralplus: Ein Zwiespalt?

Furrer: Das ist es als Musiker generell. Ich denke, man tut gut daran, mehrgleisig zu fahren. Es ist einerseits ein Luxus, gleichzeitig aber auch eine Dauerbelastung.

«Es ist eine komische, künstliche Welt.»

zentralplus: «Easyjet, ich wett es wär easy hüt», singen Sie im Song «Easyjet», Ihrer ersten Single. Es wirkt für mich wie der Gegenpol zur Generation Easyjet, bei der alles jederzeit machbar und erreichbar ist. Gehören Sie auch zu dieser Generation?

Furrer: Ja, es ist ein recht persönlicher Song und ein gutes Aushängeschild für das ganze Album. Ich habe die Angst abgeschüttelt, persönlichere Texte zu schreiben. Man hat jederzeit das Gefühl, dass man für 30 Euro nach Berlin fliegen kann, aber was bringt’s? Es ist eine komische, künstliche Welt – das beobachte ich nicht nur bei mir, es ist ein aktuelles Thema.

zentralplus: Auf dem Debüt «Orange» (2015) haderten Sie noch mit der Heimatstadt Luzern – etwa in der Zeile: «Im richschte Land fendsch die ärmschte Tüfle». Jetzt besingen Sie wie in «Easyjet» das Fernweh, die Flugangst, die globalen Zustände. Warum?

Furrer: Das habe ich mir beim Schreiben nicht überlegt, es ist mir erst im Nachhinein aufgefallen. Die Musik ist von den Themen her einfach aus Luzern herausgewachsen, obwohl immer noch ich das bin und Schweizerdeutsch singe. In meinem Austauschsemester in Belgien hatte ich die Idee mit den Untertiteln im Video zu «Easyjet». Den Song kann man nun mit zwölf Untertiteln schauen – von Russisch bis Türkisch. Ich machte eine englische Version des Songs und fragte Leute an, ob sie es übersetzen – und dann ist das etwas ausgeartet.

Der Song «Easyjet» von Haubi Songs:

 

zentralplus: Deutschland steht auch auf dem Tourneeplan, wie kommt das an mit den Dialekt-Texten?

Furrer: Ich spielte auch zwei Konzerte in Belgien, ich habe zwischen den Songs kurz erklärt, um was es geht. Es rutschte auf eine ganz andere Ebene. Die Musik ist gut angekommen, was mich erstaunt hat, weil das Musikalische immer sekundär war. Je trashiger, desto besser.

«Mir gefällt die Vorstellung, dass ich Leute vor den Kopf stosse.»

zentralplus: «Alles ghört ergendwie Zäme» ist der Titelsong des Albums. Er wirkt wie ein hilfloser Versuch, die Vorgänge zu erklären? Ist es ein politischer Song?

Furrer: Mir gefällt am Song, dass er unkonkret bleibt. Man kann eine politische Message herauslesen, aber er steht nicht offiziell für etwas ein. Ich sehe es mittlerweile als meine Verantwortung als Textmacher und Musiker, dass ich nicht nur über meine Waschmaschine singe.

Im Video dazu führe ich ein Gespräch mit einer Geiss – und am Schluss bringe ich sie um. Viele Leute sagen, Fleisch essen gehe eigentlich nicht, und dann kaufen sie in der Migros eine Cervelat. Ich gehöre auch dazu. Das sind lauter Widersprüche, die wir jeden Tag haben.

«Alles Ghört Ergendwie Zäme» von Haubi Songs:

 

zentralplus: Das Understatement, das Unfertige und Monotone ist Programm. Haben Sie nie Angst, dass sich das abnützt?

Furrer: Ich merke die Abnützung vor allem bei mir selber. Am meisten Freude habe ich an den neuen Texten, weil die noch nicht so oft über meine Lippen gingen. Aber wie das Ganze musikalisch daherkommt, da wird es in Zukunft vermutlich eine radikale Wendung nehmen.

zentralplus: Das heisst?

Furrer: Ich werde sicher nicht mit einem Dudelsack auftreten, aber mir gefällt’s, dass ich mir jede Freiheit rausnehmen kann, das ist der Witz am ganzen Projekt. Und mir gefällt auch die Vorstellung, dass ich Leute vor den Kopf stosse.

zentralplus: Apropos vor den Kopf stossen. Ich habe auch schon Leute erlebt, die Ihre Musik überhaupt nicht nachvollziehen können. Hören Sie das auch?

Furrer: Ich hatte vor ein paar Tagen in Zürich gespielt, und da ist mir genau das passiert. Ich räumte nach dem Konzert auf und hörte, wie zwei über das Konzert redeten. Einer sagte, ich sei immer so nett, die Texte gefielen ihm gar nicht. Letztlich redeten wir über eine Stunde miteinander.

Mit minimalistischen Mundartsongs geht Nick Furrer seinem Leben auf den Grund.

Mit minimalistischen Mundartsongs geht Nick Furrer seinem Leben auf den Grund.

(Bild: zvg)

zentralplus: Was sind Sie mehr: Popmusiker oder Lyriker?

Furrer: (überlegt) Ich würde eher fragen: Musiker oder Lyriker? Denn was Pop ist, bestimme nicht ich. Ich sehe mich immer mehr einfach als Musiker … obwohl, das Schreiben ist mir schon auch wichtig.

zentralplus: Mehr Ironiker oder Melanchoniker?

Furrer: Ich habe schon einen Hang zur Melancholie, das ist sicher. Aber vieles ist ist auch ironisch, es hat beides.

zentralplus: Mehr Sänger oder Sprecher?

Furrer: Sprechsänger! Obwohl ich auch da einen Wandel durchmache und immer mehr Lust auf Singen habe, unabhängig von «Haubi Songs». Aber da arbeite ich dran (lacht).

zentralplus: Wenn man «Haubi Songs» googelt, findet man immer auch das gleichnamige Album von Züri West. Wie viel Kuno Lauener steckt in Ihnen?

Furrer: Das habe ich mir selber eingebrockt. Als ich angefangen hab, hat der Songtext von «Haubi Songs» von Züri West genau das ausgesagt, was ich am ausprobieren war. Songskizzen liegen zuhause rum und man fühlt sich bedroht davon. Mir gefällt an den Texten von Kuno Lauener, dass sie etwas Offenes haben. Es sind oft Fragmente von Storys.

zentralplus: Eine Frage muss ich noch stellen: Was ist mit Alvin Zealot?

Furrer: Die muss man nicht stellen (lacht).

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