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«Ich werde oft gefragt, ob es nicht ein Armutszeugnis sei, dass es Profikuschler gibt»
  • Gesellschaft
Das ist Markus. Er kuschelt mit dir für 80 Franken die Stunde. (Bild: ida)

Markus Mühlbacher, Luzerns erster Profikuschler «Ich werde oft gefragt, ob es nicht ein Armutszeugnis sei, dass es Profikuschler gibt»

9 min Lesezeit 03.11.2019, 16:30 Uhr

«Vom Banker zum Kuschler»: Das sagt Markus Mühlbacher über sich selbst. Er kuschelt mit anderen – und bekommt dafür 80 Franken die Stunde. Wir haben nachgefragt, weshalb er das tut.

Mit seinen Kundinnen unterschreibt er einen zweiseitigen Kuschelvertrag – und liegt nach einem zehnminütigen Einführungsgespräch mit ihnen auf der Matratze – oder auf der «Kuschelwiese», wie Markus Mühlbacher sagt. Mühlbacher ist Luzerns erster Profikuschler.

Beim 54-Jährigen kann man sich Termine fürs Kuscheln buchen. Auch zentralplus hat den Selbstversuch gewagt (zentralplus berichtete). Weshalb er das tut und wie er zum Profikuschler wurde, erzählt er im Gespräch.

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zentralplus: Markus, auch wir haben gemeinsam gekuschelt – schliesslich nennst du dich Profikuschler. Das ist kein Beruf, der einem bei einer Berufsberatung vorgeschlagen wird. Wie kams dazu?

Markus Mühlbacher: Er lacht. Das hat mit meiner Geschichte zu tun. Heute kann ich sagen: Ich bin dankbar, dass ich vor vier Jahren ein Burnout gehabt habe. Es hat mir die Augen geöffnet. Ohne diesen Prozess wäre ich noch immer im Hamsterrad gefangen: Ich war verheiratet, hatte einen normalen Job, Stress und Druck. Das alles hat sich für mich mit der Zeit wie ein goldener Käfig angefühlt.

zentralplus: Weshalb denn?

Mühlbacher: Ich war fremdgesteuert. Ich habe zehn Jahre als Kundenberater bei einer Bank gearbeitet. Ich litt an körperlichen Beschwerden, die teilweise mit dem Stress zu tun hatten. Irgendwann überlief das Fass. Zwei Jahre später gings mir psychisch zwar gut. Aber irgendwas fehlte. Ich konnte nur nicht sagen, was.

zentralplus: Und wie kamst du dann zum Kuscheln?

Mühlbacher: In den Ferien traf ich eine Deutsche, die mir riet: «Geh doch mal kuscheln.» Im ersten Augenblick war ich verdutzt, bis ich schliesslich nach Kuschelpartys googelte. Ich brauchte zwar auch einen Tritt in meinen Allerwertesten, aber – zurück in Luzern – besuchte ich dann schliesslich doch einen Kuschelabend.

«Als ich das erste Mal an einen Kuschelabend ging, dachte ich: Läck, in was für einer schrägen Sekte bin ich hier gelandet?!»

zentralplus: Also fandest du es selbst schräg, mit Fremden zu kuscheln?

Mühlbacher: Total! Als ich das erste Mal einen Kuschelabend besuchte, dachte ich: «Läck, in was für einer schrägen Sekte bin ich hier gelandet?!» Da waren etwa 15 Leute, alle kannten und umarmten einander. Im Hintergrund lief diese meditative Musik, Räucherstäbchen … «So bin ich doch eigentlich überhaupt nicht drauf», dachte ich damals. Bis dato hatte ich mit Dingen mit esoterischem Touch gar nichts am Hut.

zentralplus: Und wie wars, als du das erste Mal im Arm einer wildfremden Person lagst?

Mühlbacher: Das Berühren selbst hat sich für mich vollkommen natürlich angefühlt. Ich fand es schön. Es tat mir gut, ich merkte, dass es mir gefehlt hatte.

Über das Kuschelhormon – weshalb kuscheln gut tut

Berührungen können Stress reduzieren und gegen Depressionen helfen: Werden wir berührt, schüttet der Körper Oxytocin aus. Das drosselt die Produktion von Stresshormonen wie Cortisol. Der Blutdruck sinkt, Ängste und Schmerzen verblassen, wie verschiedene Studien zeigen. Das Sozialverhalten soll durch Oxytocin verbessert werden, ein Mangel an Körperkontakt macht krank, sagen Haptik-Forscher.

zentralplus: Es hat dir gefehlt?

Mühlbacher: Ich hatte eine Scheidung hinter mir. Drei Jahre lang habe ich Körperkontakt mit anderen gemieden. Ausser Händeschütteln, jemanden umarmen. Dabei hat mir das Berühren und Berührtwerden gefehlt. Nicht nur im Alltag, sondern auch in der Therapie.

zentralplus: Bist du der Meinung, dass eine Berührung mehr nützen kann als ein bestimmtes Medikament?

Mühlbacher: Erfahrungen zeigen, dass eine Kuscheltherapie den Heilungsprozess sehr unterstützen kann. Das Problem an Psychopharmaka ist, dass sie Emotionen dämpfen. Man ist nicht mehr am Boden zerstört, fühlt sich aber auch nicht himmelhoch jauchzend. Berührungen kann man mit keinem Medikament ersetzen.

«Auch ich weinte das erste Mal, als ich mit Fremden kuschelte.»

zentralplus: Weshalb nicht?

Mühlbacher: Berührungen können einen heilenden Effekt haben. Beim Kuscheln höre ich zu, manchmal wollen die Leute reden. Es kommen Gedanken zur Sprache, die die Kundin zuvor noch nie laut gedacht hat. Wenn bestimmte Prozesse in der Vergangenheit nicht richtig verarbeitet wurden, können diese Emotionen beim Berühren hochkommen. Das kann Wut, Trauer oder Scham sein. Auch ich weinte das erste Mal, als ich mit Fremden kuschelte. Ich bin überzeugt: Würde man Berührungsarbeit in Psychotherapien integrieren, könnte man die Hälfte der Medikamente weglassen. Das ist aber wohl nicht im Sinne der Pharma-Industrie …

zentralplus: Durch das Berühren alleine?

Mühlbacher: Durch Berührungen kommt man an viele unbewusste Prozesse heran, die mit Medikamenten überdeckt werden. Dadurch kann der Heilungsprozess unterstützt und beschleunigt werden.

zentralplus: Auch wir haben gemeinsam gekuschelt: Für mich fühlte es sich völlig fremd und schräg an. Ein zweites Mal würde ich das nicht mit einem Fremden tun. Also ticken wir da wohl ein wenig anders …

Mühlbacher: Jeder lebt seine Bedürfnisse anders aus. Ob monogam, polyamor, Kuschler oder BDSM – niemand ist schräg. Unsere Gesellschaft muss von diesem Schubladen-Denken wegkommen. Aber das Bedürfnis nach Nähe und sich selbst zu spüren ist bei jedem vorhanden.

zentralplus: Also bin ich verkrampft?

Mühlbacher: Nein, überhaupt nicht. Du kamst so, wie du bist. Und das ist völlig richtig. Verkrampft wäre, wenn du etwas gemacht hättest, das du nicht willst und deine eigenen Grenzen überschritten hättest. Du hast ein sehr gutes Selbstbewusstsein, weisst, wo du stehst und was du nicht willst.

zentralplus: Wie wars denn für dich?

Mühlbacher: Für mich ist es völlig natürlich, jemand Fremden zu berühren. Mittlerweile habe ich eine Offenheit entwickelt: Ich kann mein Herz und meine Energien öffnen, die Person spüren, wo sie gerade ist.

zentralplus: Du kuschelst mit anderen und wirst dafür bezahlt, für eine Stunde gibts 80 Franken. Stillst du damit nicht schlichtweg deine eigenen Bedürfnisse nach Nähe?

Mühlbacher: Klar. Er lacht und antwortet dann bestimmt: Ein Profimusiker spielt auch gerne Gitarre und bekommt dafür Geld, wenn er auf der Bühne steht. Ich sehe darin nichts Falsches, das zu seinem Beruf zu machen, was man gerne tut.

«Ich bin durchs Kuscheln völlig vom Optischen weggekommen, beurteile Menschen nicht mehr aufgrund ihres Aussehens.»

zentralplus: Was macht einen Kuschler zu einem Profikuschler?

Mühlbacher: Zu spüren, dass jeder Mensch etwas Schönes an sich hat. Als Profikuschler nimmt man jeden Menschen so an, wie er ist – ob dick oder dünn, gross oder klein, direkt und offen, zurückhaltend und schüchtern. Zu Beginn habe ich diesen optischen Scanner gehabt. Mittlerweile habe ich den komplett abgelegt. Ich bin durchs Kuscheln völlig vom Optischen weggekommen, beurteile Menschen nicht mehr aufgrund ihres Aussehens. Zudem haben wir beim professionellen Kuscheln klare Regeln: Jede sexuelle Handlung wird von vorneherein ausgeschlossen. Das heisst, wir kuscheln in einem geschützten Rahmen.

zentralplus: Und was machst du, wenn jemand zu einer Kuschelstunde mit dir kommt, aber grausam stinkt?

Mühlbacher: Sauberkeit und hygienische Pflege ist vor jeder Kuschelstunde Pflicht. Duschen, Waschen und Zähne putzen gehören dazu. Auch bei mir steht eine Dusche bereit.

zentralplus: Ich habe gelesen, dass eine deiner Kuschelspezialitäten das 99er-Kuscheln ist. Wie genau geht das?

Mühlbacher: Wie das Kamasutra gibts das Kuschelsutra …

zentralplus: Wirklich? Noch nie davon gehört.

Mühlbacher: Ja! Er kramt in seinen Unterlagen und nimmt ein Bündel Papier zur Hand, auf dem die unterschiedlichsten Kuschelpositionen illustriert sind. Beim 99er-Kuscheln liegen beide mit dem Kopf gegenseitig im Schoss. Je nach Kuschelposition werden ganz andere Energien und Hormone ausgelöst.

«Unsere Gesellschaft ist definitiv unterkuschelt.»

zentralplus: Die Deutsche Elisa Meyer, die als Pionierin auf dem Gebiet des Profi-Kuschelns gilt, schreibt in ihrem Buch: «Berührungsmangel ist eine fiese Angelegenheit. Dieser Mangel ist nämlich nicht leicht zu erkennen.» Sie spricht gar von einer Krankheit, die recht verbreitet ist. Also sind wir alle unterkuschelt?

Mühlbacher: Ja, unsere Gesellschaft ist definitiv unterkuschelt. Wir haben eine latente Tendenz, auf Distanz zu gehen. Sind darauf getrimmt, diesen einen Meter Respektabstand zum Gegenüber zu wahren. Dazu tragen die Sexualmoral der Kirche, aber auch viele negative Berichte und Erfahrungen enorm bei. Bis zu einem Drittel der Menschen leiden an einem latenten Berührungsmangel – und viele davon sind sogar in Beziehungen.

zentralplus: Wie kommts dazu?

Mühlbacher: Menschen sagten zu mir, dass sie von ihrem Partner nur berührt werden, wenn er Sex möchte. Diese absichtslosen Berührungen, die nicht sexuelle Absichten verfolgen, vermissen viele.

«Ich werde oft gefragt, ob es nicht ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft ist, dass es Profikuschler gibt. Meine Antwort ist klar: Nein.»

zentralplus: Ist man nicht total verzweifelt, wenn man sich einen Termin bei einem Profikuschler bucht, weil man sich unterkuschelt fühlt?

Mühlbacher: Er lacht. Ich werde oft gefragt, ob es nicht ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft sei, dass es Profikuschler gebe. Meine Antwort ist klar: Nein. Seit es Menschen gibt, wird für Sex bezahlt. Aber wenn’s ums Kuscheln geht und man dafür bezahlt, wird es plötzlich seltsam. Wieso? Profikuscheln ist eine normale Dienstleistung, wie wenn man ins Fitness oder ins Wellness geht.

zentralplus: Was sind das für Menschen, die mit dir kuscheln wollen?

Mühlbacher: Querbeet. Bis jetzt kamen vor allem Frauen zu mir, die in einem ähnlichen Alter wie ich sind. Viele hinterfragen ihre Lebensgewohnheiten in diesem Alter, wollen sich neu erfinden, alte Konventionen aufbrechen. Und ihren Berührungsmangel kompensieren.

zentralplus: Kommen nur Frauen zu dir – oder kuschelst du auch mit Männern?

Mühlbacher: Bis jetzt kamen nur Frauen zu mir. Während meiner Ausbildung als Kuschler bei Elisa Meyer in Leipzig hatte ich aber Testkuschelsessions – bei den Testkuschlern waren auch Männer dabei. Die Berührung an sich fühlte sich für mich ähnlich an, aber bei gleichgeschlechtlichem Kuscheln fliessen andere Energien.

«Luzern ist kein einfaches Pflaster.»

zentralplus: Du hast vor kurzem einen Kurstag zum «achtsamen Berühren», dem sogenannten «Healing Touch», durchgeführt. Als wie offen schätzt du unsere Gesellschaft ein?

Mühlbacher: Luzern ist kein einfaches Pflaster. Vom Kuscheln allein kann ich noch nicht leben. Ich bin viel in Zürich, Bern und Basel unterwegs. Da läuft viel mehr, die Leute sind insgesamt offener. In Luzern ist die Szene klein. Ich kenne eine Berufskollegin, die mit ihrem Kuschelangebot von Luzern nach Bern gezogen ist. Und sie sagt: Da geht die Post ab.

zentralplus: Vermisst du manchmal deinen früheren Alltag als Banker?

Mühlbacher: Er antwortet prompt und bestimmt: Nein, keine Sekunde. Dieses Geordnete, Geregelte und Fremdgesteuerte fehlt mir überhaupt nicht. Bei meiner Arbeit als Kundenberater bei einer Bank füllte ich 80 Prozent meiner Arbeitszeit Formulare aus. Ich war fremdgesteuert – von meinem Chef, der Finanzmarktaufsicht, Gesetzen und Vorgaben. Da sind mir die zwei Seiten Kuschelvertrag viel lieber.

Hinweis: Im ersten Beitrag liest du, wie es war, 50 Minuten in den Armen eines fremden Luzerners zu liegen.

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