«Ich sah solche Geschäftsmodelle kommen und gehen»
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Die Kleidersortierstelle von Texaid. (Bild: zvg)

Private Altkleidersammler in Luzern «Ich sah solche Geschäftsmodelle kommen und gehen»

5 min Lesezeit 31.01.2014, 06:01 Uhr

Diese Woche konnte man im Briefkasten eine Werbung einer privaten Altkleidersammelstelle finden, welche Anfang Februar in Horw eine Annahme-Filiale eröffnet. Bereits Mitte Januar sorgte die Deutsche Firma «Texkon» für Aufsehen: Sie verteilte Kleidersammelsäcke mit der Aufschrift «mit Bewilligung», obwohl eine solche nicht vorlag. zentral+ ging der Sache auf die Spur und fand einen hart umkämpften Altkleidermarkt vor.

Mit 50 Rappen pro Kilo Altkleider für den Verkäufer lockt die «Bag2cash GmbH», Altkleider nicht mehr länger an den Abgabestellen der Caritas und Texaid zu entsorgen, sondern bei ihren Filialen in Horw oder Stansstad. Dabei gehe laut den Betreibern der karitative Charakter des Kleidersammelns nicht verloren, wie Jonas Segmüller von Bag2cash erklärt: «Durch das Bezahlen einer Prämie für das Vorbeibringen von Altkleidern, geben wir jedermann die Möglichkeit selber zu entscheiden, ob und welche karitative Institution unterstützt werden soll.» Bei der herkömmlichen Kleidersammlung, kritisieren die Betreiber von Bag2cash, würden nur gerade 5-6 Rappen pro Kilo Altkleider an die Hilswerke ausbezahlt werden. 

Dass die sammelnden Hilfswerke die Kleider nicht verschenken sondern sortiert oder unsortiert weiterverkaufen, ist längst kein Geheimnis mehr (siehe Box). So macht die Aussage von Bag2cash also durchaus Sinn: Die pro Kilo erhaltenen 50 Rappen können frei gewählt gespendet werden, sofern sie denn nicht im eigenen Sack des Verkäufers verschwinden. Ganz nach seinem Gusto. Doch bei genauerer Betrachtung muss die Frage gestellt werden, ob der Anreiz von 50 Rappen genug ist, damit eine Privatperson auch wirklich einen Gewinn – ob schliesslich gespendet oder nicht – erzielen kann. Berechnet man für den Weg von Ebikon nach Horw 16 Kilometer, belaufen sich die Kosten der Autofahrt für den Hin- und Rückweg des Verkäufers auf knapp 24 Franken (74 Rappen pro Kilometer, Quelle: TCS). Das heisst, man müsste also 48 Kilogramm Kleider abliefern, um überhaupt kostenneutral den Transport zu decken.

100 Prozent Gewinnmarge

Laut Lilly Sulzbacher, zuständig für die Kommunikation bei Texaid, erhalte man im Moment beim Weiterverkauf von Altkleidern rund einen Franken pro Kilo. Und auch Hugo Fuchs, Leiter der Kleidersammelstelle der Caritas in Waldibrücke bestätigt, dass der Altkleiderpreis im Moment gut sei. Der neuen Konkurrenz sieht er gelassen entgegen: «Was sollen wir dagegen tun? Es ist sein Recht, das so zu machen, wenn es legal ist. Mühe habe ich dann, wenn Firmen wie die Deutsche Texkon illegal sammeln, inklusive dem Vermerk ‹mit Bewilligung› auf dem Sack.» Das Verfahren gegen Texkon ist laut Mediensprecher der Luzerner Polizei, Urs Wigger, bei der Staatsanwaltschaft am laufen.

Kleider einfach so einzusammeln, ist in der Schweiz tatsächlich nicht erlaubt, wie Lilly Sulzbacher erklärt: «Eigentlich braucht es für das Sammeln von Kleidern eine Bewilligung. Alte Kleider werden von Gesetzes wegen als Abfall behandelt und da müssen die Gemeinden sicherstellen, dass sie korrekt entsorgt werden.» Dass nun private Anbieter vermehrt in den Markt eindringen, kann Sulzbacher durchaus nachvollziehen: «Wenn Texaid jährlich Millionen an die Hilfswerke überweist, merken andere natürlich, dass man damit ein Geschäft machen kann.»

«Er soll das probieren»

Ein Geschäft, welches aber allem Anschein nach nicht so einfach aufzubauen ist, wie Hugo Fuchs wissen lässt: «Ich sah solche Geschäftsmodelle kommen und gehen. Ich sehe der neuen Konkurrenz sehr gelassen entgegen. Ich kann auch keine Ansage machen, ob das Geschäftsmodell funktioniert. Ich werde dann mal vorbeigehen und fragen, wie es läuft. Er soll das probieren.»

Hinter der Gelassenheit von Hugo Fuchs steckt eine langjährige Berufserfahrung. Fuchs weiss, dass das Sammeln von Kleidern vor allem eine logistische Herausforderung bedeutet. Die Kleider müssen gesammelt, sortiert und aufbereitet werden. Diesem Aufwand geht die Firma Bag2cash aus dem Weg, indem sie die Kleider unsortiert weiterverkauft, wie Segmüller gegenüber von zentral+ sagt: «Unsere Abnehmer sind – wie üblich in der Branche – Sortierwerke in Europa, welche die Kleider nach Kategorie und Qualität sortieren und diese nachgehend an Second-Hand-Geschäfte weiterverkaufen.»

«Die Kleider statt weiter zu verkaufen zu verschenken, würde nicht funktionieren.»

Jährlich sammelt Texaid 35'000 Tonnen Altkeider. Davon fallen 852 Tonnen auf den Kanton Luzern und 560 Tonnen auf den Kanton Zug. Rund ein Sechstel wird in der Schweiz sortiert und dann im Ausland abgesetzt, der Rest wird unsortiert ins Ausland verkauft.

Ein Bericht der Sendung «Kassensturz» aus dem Jahr 2011 zeigte auf, dass die gesammelten Kleider nicht direkt und nicht kostenlos an die Begünstigten gelangen. Die Kleider werden in Osteuropa und Afrika von Einheimischen zu günstigen Preisen erworben, was wiederum Einfluss auf die heimische Textilindustrie hat.

Bereits 2002 berichtete der Kassensturz erstmals über die Praxis der Kleidersammelstellen. Laut Hugo Fuchs von der Caritas habe eine Umfrage vor zehn Jahren ergeben, «dass es 75% der Befragten egal ist, was mit den Kleidern passiert. Sie wollen sie einfach loshaben und nicht in den Abfalleimer werfen.»

Dazu Lilly Sulzbacher von Texaid: «Die Kleider zu verkaufen statt zu verschenken, würde nicht funktionieren. Das funktioniert mit einem gepackten Köfferlein, das man selbst ins Ausland bringt. Bei unserer gesammelten Menge ist das aber logistisch und finanziell nicht möglich.»

Trotzdem profitieren diverse Hilfswerke vom Sammelsystem von Texaid. Namentlich jene sechs, welche an Texaid beteiligt sind. Das sind das Schweizerische Rote Kreuz, die Winterhilfe, Solidar, Caritas, Kolping Schweiz und Heks. 2012 konnten insgesamt 5,4 Millionen Franken überwiesen werden.

Eine Ausnahme macht dabei die Caritas, wie Hugo Fuchs erklärt: «Caritas Schweiz beliefert auch dieses Jahr wieder ihre Partnerorganisationen in Latinamerika und Osteuropa mit rund 270 Tonnen Kleider und Schuhen. Das sind Naturalgeschenke der Caritas und kosten die Empfänger nichts.»

Ein Wiederverkauf in der Schweiz würde laut Segmüller nicht rentieren, denn «neue Kleider und Schuhe können in der Schweiz zu einem so tiefen Preis erworben werden, dass die Marge im Verkauf zu klein wäre, um Raummiete und Löhne zu ortsüblichen Konditionen decken zu können». Der unsortierte Weiterverkauf von Altkleidern ist dann laut Sulzbacher auch «einfach verdientes Geld, wenn eine gewisse Menge erreicht werden kann.»

Zwar verkauft auch Texaid einen grossen Anteil der gesammelten Kleider weiter, betreibt aber in Schattdorf ein Sortierwerk, wo rund ein Drittel der gesammelten Kleider aufbereitet werden. «Wir betreiben in der Schweiz 150 Arbeitsplätze, tätigen Investitionen und sind im Besitz des modernsten Sortierwerkes der Welt. Wir arbeiten wirtschaftlich gut und können so 80 bis 90 Prozent unseres Reinerlöses an Hilfswerke überweisen», betont Lilly Sulzbacher. Das ein Grossteil des Reingewinnes an die Hilfswerke ausgeschüttet wird, liegt der Geschichte von Texaid zu Grunde. Denn vor ihrer Gründung waren es die Hilfswerke selber, welche Kleider gesammelt haben. Heute sind sie am Unternehmen Texaid beteiligt.

Hinter bag2cash steckt ehemaliger Direktor von Texaid

Wird diese kritische Menge erreicht, dürfte einem erfolgreichen Geschäftsgang von Bag2cash nichts mehr im Wege stehen. Denn die Hauptanteile der GmbH besitzt mit Otto Havel der ehemalige Direktor vom Texaid Sortierwerk in Schattdorf. Aus dieser Tätigkeit habe Havel hervorragende Kontakte in die ganze Welt, was den Wiederverkauf von gebrauchten Kleidern betreffe.

Der Erfolg steht und fällt also damit, ob Bag2cash an gebrauchte Kleider kommt oder nicht. Eine Frage, welche zur Zeit auch der Geschäftsführer Jonas Segmüller nicht beantworten kann: «Wir können noch nicht mal sagen, ob und zu welchem Zeitpunkt unser Geschäftsmodell rentabel sein wird. Es wird sich zeigen, wie gross das Interesse der Bevölkerung ist.»

Ein Geschäft auch für illegale Player

Wo «einfaches Geld» zu verdienen ist, sind sie nicht weit: Die Schwarzen Schafe. Sulzbacher erinnert sich an einen Fall in der Stadt Zürich, wo vor ungefähr zwölf Jahren ganze Strassen leergeräumt wurden. In einem Keller einer Familie fand die Polizei dann ein sieben Tonnen umfassendes Kleiderlager vor. Und gerade der Fall der Firma Texkon zeigt, dass illegale Player auch in der Gegenwart aktiv sind.

Und in Zukunft? Laut Sulzbacher macht die Strassensammlung bei Texaid zur Zeit nur noch gerade zehn Prozent des Gesamttotals aus. Dieser Anteil sei einerseits darauf zurückzuführen, dass die permanente Entsorgungsmöglichkeit der Container immer beliebter wird und andererseits sicher auch der eine oder andere Sammelsack ab der Strasse geklaut wird. Nicht ausschliessen kann Sulzbacher, dass nun findige oder dreiste Köpfe die bereitgestellten Kleidersäcke (beispielsweise von Texaid) in einer Nacht- und Nebelaktion einsammeln, um sie dann den privaten Abnehmern zu verkaufen.

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