«Ich mag Menschen, die ausgegrenzt werden»
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«Vermenschlichung der Ausweglosigkeit»: Sepp Riedener vor der Gassenchuchi. (Bild: David von Moos)

Mister Gassenarbeit «Ich mag Menschen, die ausgegrenzt werden»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 19.01.2015, 14:34 Uhr

Sepp Riedener ist Seelsorger aus Leidenschaft. Sein Leben hat er den Menschen auf der Gasse gewidmet. Diesen Sommer tritt er altershalber zurück. zentral+ hat mit dem Urgestein der Stadtluzerner Sozialarbeit über Gott, Drogen und sein Lebenswerk gesprochen.

«Lasst uns duzen. Ich bin Sepp.» Persönlich, offenherzig und unkompliziert ist die Begrüssung im Esssaal der Gassenchuchi. Hier ist Sepp Riedener im Element. Vor dreissig Jahren hat der heute 72-Jährige den «Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern» gegründet, zu dem unter anderem auch die Gassenchuchi gehört.

An der unscheinbaren Adresse am Geissensteinring mit dem modernen, aber einfachen und praktisch ausgerichteten Bau treffen sich Süchtige, Obdachlose und Randständige nicht nur zum Essen. Die Gassenchuchi ist für sie mehr. Treffpunkt, Wohlfühl-Oase, Aufenthaltsraum, Freizeitbeschäftigung. Der Ort hat eine spezielle Ausstrahlung. Es wird gejasst, geplaudert, am Töggelikasten ist ein Match im Gange. Man kennt sich. In der Regel sehr gut und schon sehr lange.

Verlegenheit im Fixerstübli

27 Jahre lang präsidierte Sepp Riedener als Geschäftsführer den Verein, der schon bald zu einer der wichtigsten Sozialinstitutionen Luzerns wurde. Vor allem aber war er immer für die Seelsorge der kirchlichen Gassenarbeit zuständig. Und das ist er bis heute. «Es geht mir immer um die Menschen. Ich mag Menschen. Besonders jene, die ausgegrenzt werden.» Menschlichkeit stand bei Sepp schon immer im Zentrum. Man mag von Empathie sprechen, Riedener nennt es «Nähe, Wärme und Zärtlichkeit».

Sepp bietet eine Hausführung an. Keine verrauchte Höhle. Tabak und Alkohol sind drinnen verboten. Dafür gibt’s draussen auf dem Gartensitzplatz eine schöne Loggia. In der Feuerschale brennt ein Lagerfeuer, drum herum wird mal gemütlich, mal angeregt diskutiert. Vom Leben gezeichnete Gesichter.

Vor dem aufgeräumten Fixerraum wird Riedener herzlich spontan von einer langjährigen Klientin begrüsst. «Hei, alles verändert sich! Nichts bleibt! Das ist so schade. Sepp, du bist einfach unersetzlich!», sagt sie. Ein aufrichtiges, ehrliches Lob.

«Vertrauen ist wichtig und braucht Zeit.»

Sepp Riedener, Seelsorger

Er befinde sich «im Unruhestand», erklärt Riedener, der sein Leben den Bedürftigen gewidmet hat, lächelnd. Komplimente bringen ihn etwas in Verlegenheit. Im Treppenhaus erzählt Riedener von langjährigen Bekanntschaften, die hier entstanden sind und häufig zu Freundschaften wurden. «Vertrauen ist wichtig. Vertrauen braucht Zeit.»

Kiffen für die Toten

Essenszeit. An grossen Tischen sitzen Klienten, Betreuer und Helfer beisammen. Die Stimmung ist locker, ähnlich wie in einem Ferienlager. Alles darf, nichts muss. Es gibt Pastetli und Pommes Frites, zubereitet von der Gassechuchi. Für viele ist es die einzige warme Mahlzeit. Ob er selbst auch schon Drogen konsumiert habe? «Nein», antwortet er lachend, «bis auf eine Ausnahme.» Ein langjähriger Klient habe vor seinem Tod verfügt, dass an seinem Grab unter den Trauernden ein Joint herumgereicht werde.

Ein Herz für die Armen und Abgeschriebenen

Einer wie Riedener lebt Menschlichkeit. Dazu brauche es ein waches Auge, offene Ohren und viel soziales Engagement. Bei der Gassenarbeit geht es im Kern um die «Vermenschlichung der Ausweglosigkeit». Es sei wichtig, bei den Leuten zu sein, ihnen zuzuhören. «Jesus hat alle, die er heilte, berührt.»

Diese Nähe zu den Menschen, vor allem zu den Armen und Abgeschriebenen, vermisst der ehemalige Priester in der Kirche: «Es fehlt vielfach an Offenheit und an Zuwendung. Die Kirche muss zu den Menschen. Nicht umgekehrt.» Distanz verschleiere den Blick. «Jesus hat immer zuerst das Leiden und die Not der Menschen gesehen und nicht die Sünde. In unseren Kirchen ist dies leider oft umgekehrt.»

Seelsorge ist sein Leben

Zur Arbeit mit den Menschen auf der Gasse kam Riedener wie die Jungfrau zum Kind. Riedener, dessen Vater früh verstarb, ist in armen Verhältnissen aufgewachsen. Eigentlich habe er Kondukteur werden wollen, erzählt er. «Als der Pfarrer mich auf dem Beichtstuhl nach meinem Berufswunsch gefragt hatte, wollte ich etwas imponieren und habe kurzerhand geantwortet, ich wolle Priester werden.» Der Orden des beeindruckten Gottesmannes gewann Riedener für das Theologiestudium, nahm ihn in die Gemeinschaft auf und finanzierte grösstenteils seine Ausbildung.

Als Jugendseelsorger in Bern wurde der in der ländlichen Ostschweiz aufgewachsene Riedener auf die Drogenproblematik aufmerksam. Es folgte eine Weiterbildung in Sozialarbeit, im Zuge derer sich Riedener auf Resozialisierung spezialisierte. In diese Zeit fiel auch die folgenschwere Entscheidung, den Priesterumhang abzulegen.

1976 trat Sepp Riedener eine Stelle als Jugendarbeiter in der katholischen Kirchgemeinde der Stadt Luzern mit ihren 8 Pfarreien an. Als er mit der Drogenszene in der Innerschweiz in Berührung kam, gründete er noch im selben Jahr das Drogenforum Innerschweiz. Neun Jahre später folgte der «Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern».

Halt vor dem freien Fall

«Die Gesellschaft drängt Menschen, die nicht der Norm entsprechen, an den Rand.» Die Gassenarbeit kümmere sich um jene, die durch die Maschen der sozialen Netze gefallen seien, erklärt Riedener. «Arbeit, Selbstvertrauen, Familie, Freunde, das Dach über dem Kopf – die Betroffenen verlieren alles. Irgendwann kommt der freie Fall. Wir geben diesen Menschen Halt.»

«Jede Geschichte berührt.»
Sepp Riedener, Seelsorger

Manchmal braucht auch Sepp Riedener selbst Halt. Sein Job, der für ihn mehr Berufung als Arbeit ist, verlangt ihm so Einiges ab. «Jede Geschichte berührt. Manchmal mehr, manchmal weniger», erzählt er. Es sind tragische Schicksale. Menschen, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat. Oder die vom Glück verlassen worden sind. Schwierigkeiten im Leben, Drogen und schlussendlich der Tod. Ihre Geschichten enden traurig. Oft sind es aber auch unscheinbare Wendungen, die das Leben nimmt und Otto Normalbürger ins Elend stürzen.

Solche und andere Schicksale verarbeitet Sepp Riedener in seinen «Totenbüchern». Alle Verstorbenen hält Riedener fest – mit Foto und mit von Hand niedergeschriebenen persönlichen Gedanken. «So bewahre ich diesen Menschen ein ganz persönliches Andenken.»

Rückhalt gibt ihm auch seine Familie. Seine Frau und die vier mittlerweile erwachsenen Kinder hätten ihn immer unterstützt. «Sie hatten es nicht immer leicht», gibt Riedener zu bedenken. Wegen seiner Arbeit mit Leuten von der Gasse seien sie teilweise diskriminiert und angefeindet worden. «Bei der Wohnungssuche hatten wir besonders Mühe. Es ging die Angst um, mit uns käme das Drogenmilieu ins Wohnquartier.»

Lebenswerk ist in guten Händen

Vor sieben Jahren gab er im Alter von 65 Jahren die Leitung des Vereins ab und wirkte fortan als Seelsorger des Vereins weiter. Ende Juli dieses Jahres ist auch damit Schluss. Riedener wird sich dann vermehrt seinen Grossvaterpflichten widmen.

Seine Schäflein lässt Sepp nicht im Regen stehen. Ab August 2015 wird der Luzerner Theologe Franz Zemp (49) die Seelsorge übernehmen. Sepp Riedener übergibt sein Lebenswerk mit Ruhe und Gewissheit gerne in neue Hände. «Mit Franz habe ich einen engagierten Nachfolger gefunden.» Riedener selbst bleibt der Gasse selbstverständlich erhalten: «Als freiwilliger ‹Nothelfer› bleibe ich der Gassenarbeit weiterhin treu!»

 

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1 Kommentare
  1. André Bühlmann, 19.01.2015, 20:51 Uhr

    Heute wird im Namen der Religion viel zerstört. Was Herr Riedener aus seinem Glauben gemacht hat ist grossartig. Er ist ein stilles Licht, das immer hartnäckig geblieben ist und sehr viel für andere ereicht hat.
    chapeau

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