«Ich mache das, weil ich es tun muss»
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In seinem Element: Urs Leierer – Kopf, Herz und Seele des Blue Balls Festivals. (Bild: zvg)

Blue Balls Festival «Ich mache das, weil ich es tun muss»

6 min Lesezeit 17.07.2014, 11:30 Uhr

Seit über 20 Jahren ist Urs Leierer die führende Persönlichkeit des Blue Balls Festivals. Manche würden sogar sagen, er ist das Blue Balls in Person. zentral+ hat den Festival-Direktor, kurz bevor es rund ums Luzerner Seebecken losgeht, getroffen.

Zürich, ein nettes Restaurant, die Sonne scheint. Urs Leierer hat sich gewünscht, das Interview während eines Mittagessens führen zu können. Sein Terminkalender lässt so kurz vor dem Festival nicht mehr allzu viel zu. Die erste Frage lässt Leierer aufhorchen und schweigen. Ob er nach 22 Jahren überhaupt noch motiviert sei, den neuntägigen Event auf die Beine zu stellen. «Die Antwort ist eigentlich einfach: Ja, sonst würde es ja nicht stattfinden. Ich wollte, dass Luzern ein populäres Sommerfestival hat, das national und international wahrgenommen wird. Das aufrecht zu erhalten, motiviert mich.» Aber die Zeiten als Festivalveranstalter seien schon einfacher gewesen, sagt Leierer. Die finanzielle Situation habe sich verschärft, nachdem bisherige Sponsoren nicht ersetzt werden konnten. Auch treibe die immer grösser werdende Anzahl von Veranstaltungen die Gagen in die Höhe: «Es gibt zu viele Festivals und Open Airs. Die Nachfrage ist mittlerweile so gross, dass es bald zu wenige Acts gibt.»

1992 hat Leierer das Blue Balls ins Leben gerufen. Nach den ersten Ausgaben habe er gemerkt, dass es zwar einen hohen Arbeitsaufwand forderte, andererseits aber von nationaler und internationaler Aufmerksamkeit weit entfernt war. Da wurde ihm bewusst, dass es nur gehen kann, wenn er sich 365 Tage im Jahr darum kümmert. Er gründete Blue Balls Music, die Betreibergesellschaft des Vereins Luzerner Blues Session, der Veranstalter des Festivals. Heute gehöre das Blue Balls Festival laut Leierer zu den herausragenden Schweizer Festivals: «Die Fasnacht und das Blue Balls Festival sind gemäss einer Umfrage die beliebtesten und populärsten Luzerner Veranstaltungen. Stadt und Region Luzern erhalten durch das Blue Balls Festival jährlich eine Kommunikationsleistung und Wertschöpfung im Wert von Millionen.»

«Wir sind kein kommerzieller Veranstalter»

Dieser Ausstrahlung wird laut Leierer aber zu wenig Rechnung getragen.  «Wir sind dankbar, dass Stadt und Kanton an das Festival einen finanziellen Beitrag leisten, aber dieser müsste gemessen an den Leistungen, die das Festival Stadt und Kanton einbringt, höher sein. Leider werden wir von gewissen Stellen als 100 Prozent kommerzielle Veranstaltung eingestuft. Das ist falsch.» Wer das sage, ignoriere die Organisation des Festivals und wisse nicht, was es braucht, um internationale Stars im KKL Luzern auftreten zu lassen. «Die Stars sind Luzerns internationale Botschafter», stellt Leierer klar. Der Veranstalter des Festivals, der Verein Luzerner Blues Session, besteht aus 22 aktiven Mitgliedern, die alle in leitenden oder assistierenden Funktionen tätig sind und gemeinsam mit 400 Helfern 15’000 ehrenamtliche Stunden leisten. Was, wenn aber in Zukunft die nötigen Mittel fehlen? «Im Mai habe ich eine Stiftung gegründet und hoffe, damit ein finanzielles Fundament schaffen zu können, das die Durchführung im bestehenden Rahmen auch in schlechteren Zeiten sicherstellt. Wenn das nicht gelingt, verliert die Stadt Luzern ein herausragendes Festival und alles was das mit sich bringt», blickt Leierer nicht sorglos in die Zukunft.

«Den Fame machen die Stars aus»

Das Blue Balls Festival macht optisch einen sehr gepflegten Eindruck und das KKL Luzern bietet die perfekte Infrastruktur, findet Leierer. Auch das Programm lässt sich jedes Jahr sehen und hat schon einige Top-Stars nach Luzern geholt: Iggy Pop, Mike Patton, James Blunt oder dieses Jahr die Independent-Götter Archive oder den Shooting-Star Ed Sheeran. Schlussendlich sind es laut Leierer die Stars, die über Luzern hinausstrahlen. Die wichtigsten Botschafter des Festivals eben. Diesewürden die nationale und internationale Ausstrahlung generieren. Leierer nimmt dafür auch mal in Kauf, eine Band zu buchen, bei der er im vorhinein schon weiss, dass das Konzert nicht ausverkauft sein wird. Als Beispiel nennt er den Auftritt der Schwedischen Band «The Hives» in diesem Jahr. «Eine sensationelle Live-Band, die auf Open-Airs regelmässig abräumt, aber als einzelnes Konzert auch in Zürich keine 2000 Ticktes verkauft. Wäre Kommerz unsere Triebfeder, würden wir das nicht machen.»

Blue Balls 2014

Das 22. Blue Balls Festival findet vom 18. bis zum 26. Juli rund um das Luzerner Seebecken statt. Während den neun Tagen finden insgesamt rund 120 Veranstaltungen statt. Im KKL Luzern, dem Pavillon und im Hotel Schweizerhof treten unter anderem folgende internationale Stars auf: Caro Emerald, Sophie Zelmani, The Hives, Archive, James Blunt, Rita Ora, Paloma Faith, die Söhne Mannheims und viele mehr.

Nebst Konzerten gibt es täglich Talkshows mit den auftretenden Musikern, eine Fotoaustellung oder bildenen Künstler, welche ihre Werke während dem Blue Balls erstellen. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Festivals. Dort findet sich auch eine Übersicht über das gesamte Programm.

Von ungefähr kommt der Glanz des Blue Balls Festivals nicht. «Der Teufel steckt im Detail», sagt Leierer schon fast entschuldigend. Er weiss, dass seine Art fordernd und perfektionistisch ist, weil er jede Entscheidung und Kleinigkeit hinterfragt. Man veranstalte im KKL Luzern in einem sauberen Haus. Also wolle er auch einen sauberen Auftritt. Ein Kontrollfreak sei er deshalb aber nicht. Er fordere zwar viel, lasse seine Leute aber frei arbeiten. «Doch am Schluss trage ich die Verantwortung und muss für alles gerade stehen», rechtfertigt sich Leierer. «Schlussendlich ist es mir aber egal, ob ich als Kontrollfreak wahrgenommen werde oder nicht. Ich mache mein Ding, so wie ich es für richtig halte.»

«Ich kann so oder so nicht einschlafen»

So ist Leierer auch während dem Festival auf Trab. Auch die An- und Abmoderationen der Acts im KKL macht er selber und rennt von Konzert zu Konzert, begrüsst Künstler, Sponsoren und Donatoren. «Während den neun Tagen schlafe ich so gut wie gar nicht. Das ist grausam hart. Ich komme jeweils um 5 Uhr ins Bett, aber dann kann das Hirn nicht abschalten», so Leierer. «Aber wen interessiert das?», fragt Leierer, «es ist so, wie es ist. Wenn ich das nicht mehr ertrage, kann ich ja aufhören». Es gäbe ja auch andere Berufe, in denen die Leute viel aushalten müssen. Wie lange sich Leierer das noch antut, kann er nicht sagen, er möchte das Festival aber unbedingt in Luzern behalten. «Mein Wunsch ist, dass mich das Blue Balls Festival überlebt», sagt Leierer und man spürt die Leidenschaft, wenn er über sein Lebenswerk spricht.

«Ich denke oft an Claude Nobs»

Um die Zukunft des Festivals zu sichern, soll Leierer nun die im Mai gegründete Stiftung dienen, welche nach dem Vorbild des Jazzfestival Montreux fuktionieren soll. Dort sichert die «Montreux Jazz Foundation» das Festival ab, gibt ihm ein finanzielles Fundament. Eine solche Absicherung fehle dem Blue Balls noch. «Ich hoffe, dass ich für unsere Stiftung weitere Donatoren finde und dieses Manko schliessen kann», blickt Leierer schon in die Zukunft, bevor die diesjährige Ausgabe vom Blue Balls begonnen hat. Doch auch abgesehen von diesen Stiftungs-Plänen finden sich einige Parallelen zum Festival in Montreux.

Denn in seiner Art erinnert Urs Leierer an Claude Nobs, den 2013 verstorbenen Intendanten des Jazzfestivals in Montreux. Dieser war Gründer des weltweit bekannten Festivals und leitete es im Stile eines Patrons. Er wolle sich nicht mit Nobs vergleichen, stellt Leierer klar. Das wäre vermessen. Richtig kennengelernt habe er Nobs erst 2011, als er für ihn eine Laudatio hielt. Nobs wurde mit dem «Xaver of the Year Award» für sein Lebenswerk ausgezeichnet. «Als ich mich drei Monate später nach Luzern ans Festival aufmachte und gerade die Koffer ins Auto packte, klingelte das Telefon. Ich dachte, wer muss mich denn ausgerechnet jetzt anrufen», erinnert sich Leierer. Es war Claude Nobs der meinte, er wolle dieses Jahr unbedingt ans Blue Balls Festival kommen. «Das war für mich eine besondere Festival-Eröffnung. Am nächsten Tag kam er zu mir ins Büro und wir haben uns noch lange ausgetauscht», erinnert sich Leierer an den charismatischen Nobs.

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