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«Ich lasse manchmal die Hand meines Freundes los»
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«Ich frage mich nun mehr, wie viel ich als Homosexueller von mir zeigen darf. Und ob ich in der Öffentlichkeit zeigen darf, dass ich meinen Partner liebe», sagt René Wagner. (Symbolbild: Massimo Rinaldi/Unsplash)

Attacken verunsichern Homosexuelle in Luzern und Zug «Ich lasse manchmal die Hand meines Freundes los»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 13.01.2020, 05:02 Uhr

Verprügelt – weil man homosexuell ist. Die Medienberichte über brutale Übergriffe auf Schwule haben sich in letzter Zeit gehäuft. Obwohl diese in Zürich geschahen, werden auch Homosexuelle in Luzern und Zug unsicherer.

 «Sie fragten uns, ob wir schwul seien.» Kurz darauf sei ihm das Getränk ins Gesicht geschüttet worden und er und sein Freund wurden von einer Gruppe «spitalreif geschlagen».

Das berichtete «20 Minuten», nachdem ein schwules Pärchen in der Silvesternacht im Zürcher Schwulenclub Heaven verprügelt wurde. Die Pendlerzeitung berichtete im letzten halben Jahr von drei brutalen Übergriffen auf Homosexuelle in Zürich. Die Vorfälle scheinen sich zu häufen.

Die «Zielscheibe» anderer Männer

Der Luzerner Claudio* bewegt sich seit Jahren in der Szene. Auch er wurde wegen seiner sexuellen Orientierung schon angepöbelt. Zum Beispiel, als er nachts durch Luzern lief und ihm jemand «Schwuchtel» hinterherrief. Ein anderes Mal sei es im Ausgang gar zu einem Schlagabtausch gekommen. «Es passiert viel, dass man als Mann, der eine eher feminine Ausstrahlung hat, zur Zielscheibe für andere Männer wird.»

«Wir sind nicht mehr verängstigt als vorher. Denn die Angst vor Übergriffen ist immer da.»

Claudio

Wini* vom Verein Queer Zug, der monatlich zu einem Treff für queere Menschen in Zug lädt, war erst einmal in besagtem Club Heaven. Direkt nach einem solchen Vorfall wäre er viel vorsichtiger, den Club zu besuchen. «Ich weiss nicht, wie ich mich verteidigen müsste. Und das für etwas, für das ich mich gar nicht wehren müsste: meine sexuelle Orientierung.» Mit der Zeit wachse aber das Vertrauen und man gehe wieder hin.

Wie oft es passiert, weiss man nicht

Wie oft jemand wegen seiner sexuellen Orientierung angegriffen wird, lässt sich nicht beziffern. Homophobe Übergriffe werden statistisch nicht erfasst. Der Schweizer Schwulenverband Pink Cross erhält durchschnittlich jede Woche zwei Meldungen, dass LGBT-Menschen diskriminiert wurden. Nur jeder fünfte Betroffene meldete sich bei der Polizei, wie aus dem Hate-Crime-Bericht vom Mai 2018 hervorgeht. Fast ein Drittel aller gemeldeten Fälle betrifft körperliche Gewalt. Pink Cross sind keine aktuellen Vorfälle aus Luzern und Zug bekannt.

Safe Space für die LGBT-Community

Manchmal tut es gut, sich in einem sicheren Raum unter Gleichgesinnten zu treffen. Einen Safe Space zu schaffen ist gerade dann wichtig, wenn über solche brutalen Übergriffe berichtet wird, sagt Claudio. So zum Beispiel in der Milchbar. Treffpunkt ist das Treibhaus in Luzern. Das nächste Mal am 22. Januar. «Die Milchbar ist ein Ort, an dem LGBT-Jugendliche vor Angriffen und Diskriminierung geschützt sind und sich wohlfühlen.»

Queer Zug lädt jeweils am zweiten Donnerstag im Monat zu einem Treffen im «Paettern Light up» -Atelier beim Bahnhof Zug. Treffpunkt ab 18:30 Uhr. Für Jugendliche bietet die Jugendgruppe Prisma Möglichkeiten, sich auszutauschen.

Claudio sagt jedoch: «Es ist leider eine Lebensrealität von Queers, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung angegriffen zu werden – ob verbal oder handgreiflich.» Gemeinsam mit anderen hat er letztes Jahr in Luzern die «Milchbar» eröffnet. Das ist ein Treffpunkt für homo- und bisexuelle sowie Trans-Jugendliche und «alle dazwischen und ausserhalb». Damit hat Claudio einen Safe Space schaffen wollen, «einen Ort frei von Diskriminierung» (siehe Box).

In der Szene geht die Angst um

Die Vorfälle hat die Szene erschüttert. «Ich frage mich nun mehr, wie viel ich als Homosexueller von mir zeigen darf», sagt etwa René Wagner, der derzeit um den Titel «Mister Right» kämpft (zentralplus berichtete). «Und ob ich in der Öffentlichkeit zeigen darf, dass ich meinen Partner liebe.» Die Unsicherheit nehme zu, meint Roman Heggli vom Schwulenverband Pink Cross. Wohl jeder in der Community sei schon einmal angepöbelt oder bedrängt worden.

Claudio meint: «Wir sind nicht mehr verängstigt als vorher. Denn die Angst vor Übergriffen ist immer da.» Und auch wenn es nur bei einem «dummen Spruch» bleibt, frage man sich in der Situation: «Wie viel mehr braucht’s, dass er das nächste Mal zuschlägt?»

In der «Milchbar» sei es noch nie zu einer gefährlichen Situation gekommen. Auch bei den «Akt 1»-Parties im Neubad – der neuen Party-Reihe für Queers und Friends im Neubad – habe es noch nie Probleme gegeben.

«In kleineren Städten sind wir meist eher vorsichtiger, Zuneigung öffentlich zu zeigen. Man fällt mehr auf, wenn man aus der Norm fällt.»

Roman Heggli, vom Schwulenverband Pink Cross

Claudio und auch Wini sagen aber, dass gerade das Nachtleben eine Gefahrenzone für Homosexuelle sein kann. «Wenn die Rede von äusserst brutalen Übergriffen ist, von gebrochenen Nasen und Ambulanzen, dann geschieht das eher in Metropolen oder im Nachtleben», sagt Wini. «Es gab aber auch schon in Zug massive Übergriffe gegenüber Besuchern unseres Treffs, die ein paar Jahre zurückliegen. Das prägt schon.»

Als Homosexueller Händchen halten?

Dass es gerade in Zürich in letzter Zeit zu so vielen Übergriffen gekommen ist, dürfte aber kein Zufall sein, sagt Roman Heggli. In Zürich gibt es mehr Treffpunkte für Schwule als in Luzern und Zug. Schwule und Lesben sind sichtbarer, deswegen werde man eher angegriffen, so Heggli. «In kleineren Städten sind wir meist eher vorsichtiger, Zuneigung öffentlich zu zeigen. Man fällt mehr auf, wenn man aus der Norm fällt.»

Heggli: «Ich selbst lasse manchmal die Hand meines Freundes los, wenn ich nachts durch die Strassen laufe – weil ich ein mulmiges Gefühl habe.» Alle hätten ihre Strategien, wie sehr sie ihre Homosexualität zeigen wollen oder nicht. Und auch Claudio sagt, dass er «ab einer gewissen Uhrzeit schon Respekt hätte», Händchen haltend durch die Stadt zu laufen.

Anhand der Vorfälle dürfe man aber nicht voreilig Schlüsse ziehen, was die Sicherheit von Homosexuellen in den einzelnen Kantonen anbelangt. «Zürich ist nicht homophober, nur, weil da mehr Vorfälle passieren», sagt Heggli. «Und Luzern ist nicht weniger homophob.» Nur würden sich die Opfer eher nicht getrauen, einen Vorfall zu melden oder die Szene sei eben viel weniger sichtbar.

In Luzern und Zug fühlt man sich wohler

Wini, der oft in Zug unterwegs ist, sieht das ähnlich. «Es kommt eher selten vor, dass sich queere Menschen in einer Bar in Zug küssen.» Er fühlt sich aber wohl – auch um drei Uhr morgens. Die Leute kennen ihn, an seinen Lieblingsplätzen habe er sich geoutet. Bei vielen sei es kein Thema. Wenn es in einer Bar Gäste habe, die hörbar homophobe Äusserungen machen, würde er die Bar wahrscheinlich verlassen und vielleicht eine Zeit lang meiden.

René Wagner geht es ähnlich. «Hier habe ich keine Angst oder kein ungutes Gefühl.» Er überlege sich nun aber zweimal, ob er in einen Zürcher Club gehe. «Ich finde es sehr schockierend, dass Homosexuelle vor einem Club verprügelt werden und niemand eingreift.» Umso mehr hofft er, dass die erweiterte Anti-Rassismus-Strafnorm am 9. Februar an der Urne, die Homosexuelle vor Hetze schützen will, angenommen wird. Denn er hat Angst, dass die Vorfälle in Zürich andere «Schwulenhasser» animieren könnten und es eine ganze Welle mit sich reissen könnte.

Die Community bleibt nicht stumm

Auch wenn sich das schwer belegen lässt, Heggli hat den Eindruck, dass homophobe Übergriffe zugenommen haben. Aber er spürt auch eine ganz andere Entwicklung: Nämlich, dass Betroffene nicht stumm bleiben und an die Öffentlichkeit gehen. «Wir stehen als Community auf und nehmen solche brutalen Übergriffe nicht länger hin. Die Zeit ist reif, dass wir selbstbewusst Händchen haltend durch die Strassen laufen können, ohne uns dabei unsicher fühlen zu müssen.»

* Claudio und Wini wollen auf ihren eigenen Wunsch nur mit Vornamen genannt werden.

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1 Kommentare
  1. A.S., 23.02.2020, 20:35 Uhr

    Ich gratuliere zum tollen Artikel Frau Dahinden.

    Dass die Innerschweiz ein extrem hohes Potential an homophobem Gedankengut hegt, war mir immer bewusst – vor 3 Tagen habe ich diese Aggressivität & Stigmatisierung am eigenen Leib erfahren. Es ist nicht so, dass der ‚Fasnachtsschläger‘ sich mit einem Herrn aus der schwulen Szene geprügelt hat, sondern mit einer über 50 jährigen lesbischen Frau, welcher er ohne jeglichen Grund die Faust in das Gesicht geschlagen hat – am hellichten Tag.
    Dass die Luzerner Polizei schlussendlich die Frau abführte, welche mit blutender Nase sowie kaputter Brille auf dem Boden des Lokales in Luzern lag, sagt Alles über die Beamtenwillkür in der Innerschweiz; resp. in unserem Land grundsätzlich.

    Es ist nicht so, dass nur Zürich mit zunehmender Aggressivität & Stigmatisierung gegenüber der
    LBGTQ zu kämpfen hat; diese Ausgrenzung & Zuspitzung der Situation geht uns alle an – wenn diejenigen behördlich nicht belangt werden & zur Verantwortung gezogen werden, welche für diese Übergriffe zuständig sind, dann habe ich den Glauben an eine gerechte Schweiz verloren; dann müssen wir wieder beginnen zu kämpfen.

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