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«Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sich ein blinder Mensch verlieben kann»
  • Gesellschaft
Rasim Camoglu (Moderator der Ausstellung, links) und Andreas Heinecke, Gründer des «Dialog im Dunkeln» (rechts). (Bild: ida)

Neues Museum in Zug bekämpft Vorurteile «Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sich ein blinder Mensch verlieben kann»

8 min Lesezeit 1 Kommentar 22.02.2020, 05:00 Uhr

Eine Stunde in kompletter Dunkelheit: Im neuen Pop-Up-Museum in Zug, dem Modi Lab, erleben Besucher den «Dialog im Dunkeln». Blinde führen dabei durch ein interaktives Programm. Was das bringen soll, erklärt uns der Gründer Andreas Heinecke.

Dunkel. Absolute Dunkelheit. Nur das Tappen des Blindenstocks ist zu hören, der Duft nach frischem Holz zu riechen. Aber dieses Schwarz. An keiner Ecke im Raum erkenne ich auch nur den kleinsten Lichtschimmer. Angst überkommt mich.

Das Modi Lab – «das Museum of Diversity and Inclusion» – in Zug, ist alles andere als ein normales Museum. Im komplett verdunkelten Ausstellungsraum «Dialog im Dunkeln» werden Sehende zu Blinden. Begründer Andreas Heinecke bezeichnet es als eine «Dialogplattform und ein Ort sozialer Innovation». Sehbehinderte Moderatoren führen die Besucher durch ein interaktives Programm.

zentralplus: Andreas Heinecke, schön, dass es nun mit der Eröffnung Ihres Museums geklappt hat. Ursprünglich wollten sie im Sommer 2019 eröffnen.

Andreas Heinecke: Es ist ein schönes Gefühl, eine vage Idee doch realisieren zu können. Von der Ursprungsidee, etwas in Zug zu machen bis jetzt hat es drei Jahre gedauert. Aber es gab auch viel Widerstand.

zentralplus: Es haperte an den Finanzen (zentralplus berichtete). Weshalb?

Heinecke: Ein Museum im ganzen Gebäude auf den 5’000 Quadratmetern zu realisieren, wäre ein grosser Wurf geworden. Es gab von einigen grossen Stiftungen Interesse, uns finanziell zu unterstützen. Zweifel kamen aber auf. Es hiess, Zug wäre zu klein und dass wir hier nicht ein genügend grosses Publikum erreichen. Wir wollen das Gegenteil beweisen.

Über «Dialog im Dunkeln»

Die Ausstellungen des gebürtigen Hamburgers «Dialog im Dunkeln» und «Dialog im Stillen» bringen das Leben von blinden und tauben Menschen näher und wollen einen Perspektivenwechsel ermöglichen.

In Zug stellt das Museum of Diversity and Inclusion die Ausstellung «Dialog im Dunkeln» vor. Eröffnung ist an diesem Wochenende. Das Museum ist offen bis Mai. Mehr Infos gibt’s hier.

zentralplus: Die Ausstellungen vom Modi Lab – unter anderem die Ausstellung «Dialog im Dunkeln» – gibt es in über 30 Ländern. Weshalb braucht es ausgerechnet in Zug das Modi Lab?

Heinecke: Jede Stadt braucht so etwas. Wir alle reden von Teilhabe, Diversity und Vielfalt. Aber an der Umsetzung hapert’s. In den USA alleine werden jedes Jahr acht Milliarden Dollar für Diversity-Trainings ausgegeben. Doch wenn man sich die Frauenquote oder die Anzahl Menschen mit «anderen» Hautfarben auf Führungsebenen anschaut, hat sich nur wenig verändert. In der Schweiz ist das genauso. Wir müssen offener werden. Wir glauben daran, dass wir das durch Erfahrung ändern können. Durch eine Plattform, auf der sich Menschen begegnen können.

zentralplus: Sie erzählten im Vorgespräch, dass Sie selbst als Journalist in den 80er Jahren einen erblindeten Zeitungsjournalisten interviewten. Was hat diese Begegnung in Ihnen ausgelöst?

Heinecke: Sie hat mich geprägt. Der Mensch war überwältigend in seinem Optimismus. Ich wäre kaum so positiv damit umgegangen, wenn ich von heute auf morgen durch einen Autounfall blind geworden wäre.

zentralplus: Hatten Sie selbst Vorurteile gegenüber Blinden?

Heinecke: Ja. Wie alle anderen auch. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein blinder Mensch Lebensqualität hat. Oder wie ein blinder Mensch sich verlieben kann, wenn er die Frau nie sieht.

«Ich merkte, wie vorurteilsbehaftet ich in der Realität war.»

zentralplus: Schämten Sie sich dafür, solche Vorurteile zu haben?

Heinecke: Ja, denn ich habe mich immer als sehr einfühlsamer Mensch betrachtet, der andere Lebenssituationen einschätzen und damit gut umgehen kann. Ich merkte, wie vorurteilsbehaftet ich in der Realität war. Dass ich ein geordnetes Mass an Oberflächlichkeit habe und ich mir nicht vorstellen konnte, anders zu leben. Erst durch diese Begegnung habe ich gemerkt, dass alles ganz anders ist. Und dass es sehr problematisch ist, Menschen mit einer Behinderung zu bemitleiden.

zentralplus: Weshalb?

Heinecke: Ich sass einmal mit einem blinden Kollegen am Tisch eines Restaurants. Die Bedienung kam und fragte mich: Was möchte er haben? Das war für meinen Kollegen sehr kränkend. Er wurde persönlich nicht gefragt, als Mensch entpersonalisiert. Dabei kann er ja selbst für sich sprechen. Ich selbst habe es auch erlebt, wie es sich anfühlt, ausgeschlossen zu werden.

«Ich spürte, wie weh es tut, wenn man nicht Teil der grossen Gruppe ist.»

zentralplus: Warum?

Heinecke: Ich hatte als Kind eine Hörbehinderung, kam mit einem Innenohrschaden auf die Welt. Bis ich zehn Jahre alt war, hatte ich starke Ohrenschmerzen. Meine Sprachentwicklung war anders, so auch mein Körpergefühl. Beim Turnen war das schrecklich. Andere lachten mich aus, weil ich beispielsweise auf dem Reck Angst hatte, das Gleichgewicht zu verlieren. Das war sehr schmerzhaft. Ich spürte, wie weh es tut, wenn man nicht Teil der grossen Gruppe ist. Kinder können extrem grausam sein. Aber es hat mich geprägt und gestärkt.

zentralplus: Inwiefern?

Heinecke: Ich wollte gerade trotz meiner Hörbehinderung beweisen, dass ich sprechen und schwimmen kann. Es war quasi eine Trotzreaktion.

zentralplus: Im Namen Ihres Museums steht das Wort «Inclusion». Können Sie anhand eines Beispiels erklären, was Inklusion für Sie bedeutet?

Heinecke: Ich habe einen Freund, der ohne Arme und Beine auf die Welt gekommen ist. Übrigens ein unheimlich humorvoller Typ, der auch schon den Machu Picchu in den Anden bestieg. Auf meine Frage, wie er das tat, sagte er mir, dass er ein Backpacker sei. Seine Freunde trugen ihn auf dem Rücken bepackt auf den Machu Picchu. Jedenfalls: Er arbeitet nun als Fahrer bei einer Firma, die für autonomes Fahren bekannt ist. Wenn er ohne Arme und Beine von Zug nach Baar fahren kann, kann’s jeder machen. Das ist für mich ein tolles Beispiel für Inklusion. Er bringt seine Kompetenzen aufgrund seiner Behinderung ein, mit dem Effekt, dass auch die Allgemeinheit einen Mehrwert davon hat.

zentralplus: Wie entstand die Idee des Modi Lab?

Heinecke: Die Begegnung mit einem Blinden ermöglichte mir selbst, Vorurteile abzubauen. Mein Blick wurde dadurch viel differenzierter. Das wollte ich auch anderen ermöglichen. Also habe ich in eine Garage einen Kassettenrekorder gestellt und aus Bierkästen eine Theke gebaut. Ich lud Freunde ein, während mein blinder Kollege Bier ausschenkte. Die Garage habe ich abgedunkelt, Fenster mit Teichfolien abgedeckt. Das war vor 32 Jahren.

Der «Dialog im Dunkeln» ist ein Erlebnisraum in völliger Dunkelheit.

zentralplus: Ich selbst hatte im abgedunkelten Raum im ersten Moment Angst. Sie sagten selbst, dass es manchmal dazu gehöre, Menschen zu schocken. Weshalb ist das nötig?

Heinecke: Es lässt sich nicht vermeiden und steuern. Dunkelheit hat eine enorme Kraft an sich. Nicht umsonst wird sie gar als Folterinstrument eingesetzt. Aber Angst kann auch etwas Positives sein. Es ist ein natürlicher Impuls, Angst und Verunsicherung zu spüren. Und völlig normal. Doch in kurzer Zeit kann unser Gehirn wieder umschalten.

zentralplus: Weswegen?

Heinecke: Weil man merkt, dass man in der Gruppe alles gemeinsam bewältigen kann. Und man selbst bereit ist, sich auf andere Dinge einzulassen, sich nicht mehr nur auf seine Augen zu verlassen und seine Selbstwahrnehmung zu ändern.

zentralplus: Ist dass das Ziel Ihrer Ausstellung?

Heinecke: Wir wollen zeigen: Jeder Mensch ist wertvoll. Wenn man sich vorstellen kann, nicht zu sehen, bedeutet das zugleich, anders zu sehen. Jeder Verlust hat das Potenzial, sich zu entwickeln.

zentralplus: Wie meinen Sie das konkret?

Heinecke: Eine Besucherin sagte vorhin: Man kann nicht mehr sehen, aber man verlässt sich auf andere Sinne wie Hören und Tasten. Sie dachte, sie könne sich die Namen der Gruppenteilnehmer nie merken. Im dunklen Raum ging das plötzlich, weil alle miteinander sprachen und sich beim Namen nennen mussten, um die Aufgaben gemeinsam zu lösen. Unser Ziel ist es, starre Vorstellungen über Behinderungen aufzulösen und Vorurteile zu brechen. Wenn jemand blind ist, ist das kein Anlass, ihn bemitleiden zu müssen.

zentralplus: Ist es denn realistisch, in nur 90 Minuten eigene Vorurteile brechen zu können?

Heinecke: Ja. Wir machen langjährige Wirkungsforschung, was davon wirklich hängen bleibt. Klar: Wenn jemand völlig ignorant ist, besucht er erst gar nicht unsere Ausstellung. Die meisten haben eine positive Voreinstellung. Ich habe gerade letztens wieder eine Frau getroffen, die vor 15 Jahren die Ausstellung «Dialog im Dunkeln» besuchte. Sie sagte, dass es ihr Verständnis völlig verändert hatte.

«Ich mache kein Museum für oder über Blinde, sondern ich mache eines mit Blinden.»

zentralplus: Wird durch eine solche Ausstellung nicht der Voyeurismus der Besuchenden befriedigt?

Heinecke: Ich mache kein Museum für oder über Blinde, sondern ich mache eines mit Blinden. Sie sind ein Teil davon. Partizipation ist enorm wichtig. Durch unsere Ausstellungen haben zwischen 10’000 bis 15’000 Blinde und Taube weltweit eine Beschäftigung erhalten. Vielleicht kam es mal vor, dass ein pubertierender Junge einem blinden Moderator sagte, dass es schrecklich sein muss, blind zu sein. Unsere Mitarbeiter sind aber auf solche Situationen geschult.

zentralplus: Schlussendlich sind Sie Unternehmer, am Ende des Tages muss es Ihnen trotz allen guten Absichten darum gehen, dass Geld in die Kasse fliesst.

Heinecke: Natürlich, Angestellte müssen bezahlt werden und auch ich muss davon leben können. Aber es gibt keine Gewinnausschüttung. Das Geld fliesst wieder ins Geschäft ein. Für mich ist Geld nur ein Mittel zum Zweck. Geld allein hat mich noch nie interessiert.

zentralplus: Geld ist Ihnen komplett unwichtig?

Heinecke: Für mich bedeutet Reichtum Selbsterfüllung. Ich fühle mich reich, indem ich anderen Menschen helfen kann. Wie Rasim zu helfen, als blinder Albino-Türke, seine Rolle positiv wahrzunehmen. Für mich ist Geld eine Notwendigkeit, aber es hat keinen Reiz, keine Erotik an sich. Ich habe mich in den letzten 30 Jahren psychologisch stabilisiert, sodass ich keine Verarmungsphantasien und -ängste habe. Und auch wenn morgen alles zusammenbrechen würde: Ich habe die Gewissheit, dass ich die letzten 30 Jahren etwas machen konnte, was mich erfüllt. Und damit etwas erreichen konnte.

«Jeder kann die Welt zu einem besseren Ort machen»: Im Modi Lab sollen Besuchende zum Handeln angeregt werden.

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1 Kommentare
  1. Kurt, 01.03.2020, 21:34 Uhr

    na gut. man wüsste natürlich gern, wie es beim so persönlich begeisterten Veranstalter mit Blinden in Leitungsfunktionen aussieht.

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