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«Ich kenne nur einen Witz, und der ist politisch völlig unkorrekt»
  • Gesellschaft
Ungeschminkte Persönlichkeit, die nicht nur zuhören, sondern auch reden kann: Karin Frei in ihrer guten Stube. (Bild: hae)

50 Fragen an ... Karin Frei, Ex-«Club»-Leiterin «Ich kenne nur einen Witz, und der ist politisch völlig unkorrekt»

9 min Lesezeit 25.02.2018, 16:00 Uhr

Die Luzernerin Karin Frei leitete sechs Jahre den «Club» beim Schweizer Fernsehen. Sie hatte tolle Quoten für ihre Dienstags-Runden über Sex, Tattoos und Demenz. Und jetzt, wo wird sie ihre Talente weiterhin einsetzen? Hinter den Kulissen beim SRF. Darüber gibt Karin Frei Auskunft. Und erzählt von der perfekten Welle.

Karin Frei hatte als TV-Moderatorin und «Club»-Redaktionsleiterin nach anfänglicher Kritik grossen Erfolg, weil sie sich zurückhielt und ihren Gästen keine Löcher in den Bauch fragte. zentralplus drehte den Spiess um und setzte die 48-jährige Journalistin auf die Fragebank.

Wir sitzen in Karin Freis Wohnung in Zürich-Oerlikon. Bier trinkt sie aus der Flasche, unkompliziert sitzt die Luzerner Journalistin und Ex-Moderatorin in Jeans und T-Shirt da. Ungeschminkt ihr Gesicht, ungeschminkt ihre Sprache, klar und redlich die Antworten.

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Karin Frei kann nicht nur zuhören, sondern auch reden. Mal knapp, mal voller Leidenschaft, oder in Anekdoten. Für zentralplus macht sie eine Ausnahme in ihrer Interview-Verweigerung, denn «ich habe mich aus der Öffentlichkeit verabschiedet». Umso schöner.

1. Karin Frei, seit Anfang Jahr moderiert Ihre Nachfolgerin Barbara Lüthi, die langjährige TV-Auslandkorrespondentin von SRF, den «Club». Mit was für Gefühlen sassen Sie da vor dem TV?

Ich war nervös für sie, weil ich genau wusste, wie sie sich fühlen muss.

2. Die Verantwortung ist gross, denn die ganze Nation schaut zu: Der «Club» ist trotz später Sendezeit immer noch eine äusserst gern gesehene Sendung. Welches waren Ihre Quotenknüller?

Die Runden über verschwundene Menschen, Sex, Demenz, sowie das Schicksal eines Schädel-Hirn-Traumas, als Autorennfahrer Michael Schumacher ins Koma fiel. Und über Tattoos. Ausserdem die Sendung über den Stadtammann aus Baden, Geri Müller, nach dessen Nackt-Selfie-Affäre. Sport hingegen ist ein Quotenkiller: wenn zeitgleich zum «Club» auf SRF zwei Fussball, WM oder Olympia laufen.

3. Schon schnell unterwegs ist auch Barbara Lüthi: Hat sie ihre bisherigen «Club»-Moderationen gut gemacht?

Ich finde: sehr gut.

«Hart ist, wenn jemand mit einer Demenzdiagnose in der Sendung sitzt und den Mut hat, der Öffentlichkeit zu erzählen, wie sich das anfühlt.»

4. Ich finde, sie verbreitet noch etwas viel Hektik. Barbara Lüthi erinnert mich an die Umtriebigkeit von Roger Schawinski. Da gefiel mir Ihre Ruhe, die Sie ausstrahlten, besser. Sie waren diplomatisch und menschlich. Man hielt Ihnen zwar vor, Ihre Themen seien zu weich. Was meinte Ihre Mutter?

Was mich angeht, dasselbe wie Sie. Aber Mütter sind da vielleicht nicht immer ganz objektiv, und das ist schön so. Was die Härte der Themen angeht: Wenn sich zwei Politprofis einen verbalen Schlagabtausch liefern, mag das zwar vielleicht laut und spektakulär sein, hart ist das aber nicht. Hart ist, wenn jemand mit einer Demenzdiagnose in der Sendung sitzt und den Mut hat, der Öffentlichkeit zu erzählen, wie sich das anfühlt. Und das fand bei mir im «Club» statt.

So moderierte Karin Frei einen ihrer «Clubs» an:

5. Was glauben Sie: Wird sich der «Club» jetzt mit dem neuen Gesicht ändern?

Klar. In einer 75-Minuten-Sendung, bei der nichts geschnitten wird, hängt jede Minute davon ab, wie die Moderatorin den Faden weiterspinnt. Es gibt kaum ein persönlicheres Gefäss, das heisst: kaum eines, bei dem man sich so schlecht verstecken kann. Man muss schnell und spontan reagieren, hat enormen Einfluss auf die Stimmung in der Runde. Ein Talk funktioniert schlicht nicht nach Schema F. Drum wird die Sendung mit einer neuen Moderation automatisch anders.

6. Sie wollten sich nach sechs Jahren als TV-Gesicht zurückziehen. Wie geht’s weiter?

Im Hintergrund, als Redaktorin beim Wissenschaftsmagazin «Einstein». Zudem wird 2018 für mich ein Jahr der Orientierung. Mit 48 ist es für mich angebracht, etwas eingehender darüber nachzudenken, wie ich meine nächsten 20 Arbeitsjahre gestalte.

7. Sie bleiben dem Fernsehen also erhalten. Doch im Hause Leutschenbach hat man Angst vor der «No-Billag»-Abstimmung. Sie auch?

Angst ist ein schlechter Ratgeber. 

8. Und: Wie werden Sie abstimmen? 

Mit Überzeugung.

9. Was schauen Sie gerne?

Die Sendung, für die ich arbeiten werde, natürlich – und ich bin ein Serienjunkie: «Suits», «Disjointed», «Better Call Saul», «Designated Survivor», «Poldark», «Outlander», «Justified», «Black Mirror», … dann natürlich «Game of Thrones» und noch ein paar andere. Die SRF-Produktion «Wilder» war auch tiptop.

10. Hat die SRG heute noch ihre Berechtigung?

Dass die SRG ihre Berechtigung hat, steht für mich ausser Zweifel. Eine direkte Demokratie braucht eine von Politik und Kommerz unabhängige Berichterstattung, das macht die SRG möglich. Wichtig ist es erst recht in einer Zeit, in der die globalen Player wie Google und Facebook auch in der Information eine immer grössere Rolle spielen. Da geht’s um Gewinn, nicht um das, was die Menschen in Hinterkappelen und Emmenbrücke an Information brauchen. Wie genau die programmliche Ausgestaltung ist, darüber darf und muss man diskutieren. 

11. Sie waren auch schon Autorin: 2005 veröffentlichten Sie das Buch «Gute böse Stiefmutter» im Limmat-Verlag. Wieso gerade dieses Thema?

Meine Abschlussarbeit an der Uni in europäischer Ethnologie drehte sich um das Image der «bösen Stiefmutter». Ich war per Zufall auf das Thema gestossen, weil mir eine solche «Zweitmutter» ihr Leid geklagt hatte. Ich realisierte, dass viele dieser negativen Zuschreibungen wenig mit der Frau, sondern vielmehr mit der Patchworksituation zu tun hatten. Das war spannend, und Literatur dazu gab es so gut wie keine. Es lag also auf der Hand, darüber zu schreiben.

12. Was war als Kind Ihr Traumberuf?

Lehrerin oder Sängerin. Aber für Ersteres besitze ich zu wenig Geduld. Und singen tu ich zwar gerne, kann’s aber überhaupt nicht. Ich mach das im Auto, wenn niemand zuhört, GANZ laut (lacht).

«Beim Tanzen brauch ich jemanden mit ‹Führungsqualitäten›, sonst wird’s schwierig.»

13. Dann tanzen Sie aber?

Immer mal wieder – wenn zu zweit, dann brauch ich jemanden mit «Führungsqualitäten», sonst wird’s schwierig.

14. Sie leben in Oerlikon, stammen aber aus Luzern. Welche Beizen besuchen Sie in Ihrer Heimatstadt gerne?

Ui, das ist schwierig, da zwischen meinen Luzernbesuchen meist riesige Abstände liegen und ich keine Stammbeiz habe. Aber an der Fasnacht bin ich jeweils da und dann geht’s von Beiz zu Beiz und am Montagnachmittag ins «Zöpfli». Da war ich schon lange nicht mehr, weil ich für SRF jeweils den Montagsumzug moderiert habe. Letztes Jahr waren wir als Popstars Prince, David Bowie und Michael Jackson unterwegs – mit Heiligenschein natürlich. Und das Jahr davor war die Fasnacht am Valentinstag und wir als Geishas mit potenten Mitteli in der Stadt.

15. Oh, Prince hing bei mir über dem Bett! Welches Poster hatten Sie als Kind an der Wand?

Ich hatte eine riesige Fototapete mit einem tropischen Regenwald.

16. Was ist Ihr liebstes Kleidungsstück?

Ein knielanges, «schüli» knuddeliges Strickjäggli, das mir den Winter erträglich macht.

17. Welches ist Ihre Lieblingsstadt?

Da gibt’s viele. Luzern sowieso und für ein Wochenende im Frühling finde ich Amsterdam wunderbar. Kapstadt, wenn es weiter weg sein darf.

18. Welches ist Ihr Morgenritual?

Gut strecken im Bett, aufs Handy gucken, aufstehen, meine geliebte Kolben-Kaffeemaschine anwerfen, Radio SRF 4 News einschalten.

19. Was bereuen Sie?

Dinge zu bereuen hält einen zurück und bringt nichts, weil man’s eh nicht mehr ändern kann. Aus Dingen zu lernen, die nicht so gelungen sind, wie man sich das gewünscht hätte, hingegen lohnt sich. In dem Sinn: Nicht bereuen, sondern aus Fehlern lernen.

Karrierestart bei Radio Pilatus

Die in Luzern geborene Journalistin Karin Frei (48) begann ihre Karriere bei Radio Pilatus und der Zeitung LNN. Sie studierte Europäische Ethnologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Völkerrecht, arbeitete lange Jahre bei Radio DRS: für den «Nachtclub», in der DRS-1-Redaktion und als Moderatorin von «Doppelpunkt» und «Persönlich». 2005 veröffentlichte sie das Buch «Gute böse Stiefmutter». Den «Club» leitete sie vom November 2011 bis Ende 2017. Neu wird sie als Journalistin beim SRF hinter der Kamera arbeiten. Mit ihrer Tochter Sian (20) lebt Karin Frei in Zürich-Oerlikon.

20. Wofür geben Sie gerne Geld aus?

Für gute Qualität.

21. Und ungern?

Für Bussen.

22. Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?

Nicht vor dem Älterwerden per se. Aber den körperlichen Zerfall finde ich mässig lustig. Nicht Falten und derartiges, aber die Tatsache, dass man mehr Erholung braucht, der Rücken schneller weh tut – die Zipperlein eben.

23. Und vor dem Tod?

Nicht vor meinem eigenen.

24. Was ist Ihr liebster Alltagsgegenstand?

Mein Bett.

25. Worauf können Sie nicht verzichten?

Meine Tochter, Schokolade, mein Handy.

26. Was fehlt Ihnen aus der Schweiz, wenn Sie im Ausland sind?

Gute öffentliche Verkehrsmittel oder mein Velo.

27. Glauben Sie an Gott?

Nein. Ich würde mich bei den Agnostikern einreihen. Mich stört, wenn im Namen Gottes Machtmissbrauch betrieben wird oder Ungerechtigkeiten zementiert werden, wie etwa die Ungleichstellung von Mann und Frau. Dann lieber gar nichts glauben und dafür Kopf und Herz einschalten.

28. Wie sieht ein Sonntag bei Ihnen aus?

Frühstück, putzen und waschen, Kletterhalle, manchmal der TV-«Tatort».

29. Ihre Henkersmahlzeit?

Dekadent: Filet Rossini – das mit frischer Entenleber – , Austern und Champagner.

30. Sie heben bei Ihrem Hobby Kitesurfen förmlich ab, was haben Sie da für Gefühle?

Adrenalin, Freiheit – das Beste überhaupt – das weiss man nur, wenn man’s ausprobiert.

31. Wobei haben Sie sonst noch grosse Emotionen?

Wenn beim Film «Love Actually» (aus dem Jahre 2003 mit Keira Knigthley und Hugh Grant, Anm. d. Red.) zum 100. Mal das Telefon klingelt und die Herzensdame ihren Angebeteten nicht kriegt – zum Schreien!

32. Machen Sie auch Kampfsport?

Nicht mehr. Als Kind schaffte ich es im Judo bis zum Grüngurt. Den O Goshi und den Tomoe Nage könnt ich also noch, das ist der «Hosenlupf», den man immer in den alten Western sieht.

So sieht der O Goshi, ein Judo-«Hosenlupf», aus:

 

33. Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

In der Neujahrsnacht – vor Freude.

34. In welchen Situationen lachen Sie?

In absurden Situationen, oder wenn’s politisch unkorrekt wird.

35. Also: Einen Witz erzählen, bitte! Und ich nehme Sie im Video auf.

Sorry, aber das geht nicht: Ich kenne seit Jahren nur einen und der ist politisch völlig unkorrekt.

36. Wie steht es mit dem Zeichnen? Malen Sie uns doch Ihre Lieblings-Welle! 

Ich weiss was viel Besseres, ich schenk Ihnen das aufgepeppte Foto einer Welle von letzter Woche auf den Kapverden!

Beim Surfen, hier auf den Kapverden, empfindet Karin Frei «Adrenalin und Freiheit – das Beste überhaupt».

Beim Surfen, hier auf den Kapverden, empfindet Karin Frei «Adrenalin und Freiheit – das Beste überhaupt».

(Bild: zvg)

37. Welche Apps nutzen Sie am häufigsten?

Whatsapp, Play SRF, Spotify, Evernote und die ganzen Windprognosen-Apps wie Windfinder, Windguru – die schönste ist Windyty.

38. Welche Kultur konsumieren Sie?

Kultur ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen. Aber am Samstag besuchte ich ein Improtheater. Aus dem Stegreif zu improvisieren und ein Publikum unterhalten zu können, das ist hohe Kunst. Das bewundere ich.

«Ob ich Lampenfieber habe? Klar, alles andere wäre fahrlässig.»

39. Haben Sie vor Ihren Auftritten auch noch Lampenfieber?

Klar, alles andere wäre fahrlässig.

40. Ihre drei Markenzeichen sind …

Kite-Surfen, nicht zu bändigende Haare, Inhalt vor Spektakel.

41. Was bedeutet Ihnen Familie?

Ich liebe sie über alles.

42. Wie verbinden Sie Tochter und Arbeit?

Beidem gebe ich seine Zeit und ich mache mir Zeit frei für meine Tochter: Der Mittwochabend gehört immer ihr.

43. Schreiben Sie Tagebuch?

Nein, nicht wirklich. Aber ich habe ein Notizbuch, in dem ich ab und zu meine Gedanken ordne oder To-do-Listen mache. Das hat etwas Beruhigendes – und am schönsten ist es, wenn ich dazu den Füllfederhalter hervornehme. Fühlt sich einfach anders an als die ganzen virtuellen Schreibereien.

44. Was lesen Sie gerade?

In «Who moved my cheese?» darüber, wie man mit Veränderungen brillant umgeht. Und bei Daniel Kahnemann über «Schnelles Denken, langsames Denken».

45. Sind Sie ein politischer Mensch?

Ja, aber ich sehe mich vor allem in der Rolle der Beobachterin.

46. Worauf sind Sie besonders stolz?

Auf meine Tochter.

47. Was ist Luxus für Sie?

Zeit und Gesundheit.

48. Was bedeutet Ihnen Glück?

Meine Tochter hat mir einen Spruch zu Weihnachten geschenkt, der so ähnlich heisst wie: «Das Glück liegt in den kleinen Dingen, und die sind nicht klein.»

49. Wer ist Ihr Held der Wirklichkeit?

Mein älterer Bruder – der macht irgendwie alles ziemlich richtig. Stefan liest gute Bücher, hat das Herz am richtigen Fleck und setzt sich als CEO einer kleinen Pharmabude sozial stark ein.

50. Haben Sie noch andere Vorbilder?

Meine Mutter … und ähm – Gandhi? Nein, im Ernst, sehr beeindruckt war ich von Thomas Bürgenthal, der hat im Zweiten Weltkrieg als kleiner Bub mehr als einen Todesmarsch überlebt. Er hat in einem Jahr nachgeholt, was andere Kinder in sechs Jahren lernten und wurde zu einem der besten Völkerrechtler überhaupt. Er hat unter schwierigsten Umständen den interamerikanischen Strafgerichtshof gegründet, dabei viel Elend gesehen, hat Präsidenten die Hand geschüttelt – und er blieb trotz allem unglaublich menschlich und bescheiden. Er war nicht verbittert, im Gegenteil, er schien schlicht zu schätzen und geniessen, was er hatte. Grossartig.

Karin Frei ist eine fröhliche Natur, die auch mal weint: vor Freude.

Karin Frei ist eine fröhliche Natur, die auch mal weint: vor Freude.

(Bild: hae)

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